Die Waf­fen nie­der

Kleine Zeitung Steiermark - - SONNTAG, 11. NOVEMBER 2018 - Bernd Me­lichar

Es sind Zehn­tau­sen­de Fa­ckeln im Wind, aber die­se Fa­ckeln vor dem Lon­do­ner To­wer ha­ben nichts mit dem sü­ßen Pop­song zu tun, viel­mehr er­in­nern sie an ei­ne bit­te­re Jahr­hun­dert­ka­ta­stro­phe, die heu­te ge­nau vor 100 Jah­ren – nach vier lan­gen Jah­ren un­vor­stell­ba­ren Ge­met­zels – zu En­de ging: Am 11. No­vem­ber 1918 en­de­te mit dem­waf­fen­still­stand von­com­pièg­ne (Nord­frank­reich) der Ers­te Welt­krieg, im Eng­li­schen „The Gre­at War“ge­nannt. Der Ver­trag wur­de auf ei­ner­wald­lich­tung in ei­nem Ei­sen­bahn-sa­lon­wa­gen zwi­schen dem Deut­schen Kai­ser­rei­ch­und­den­west­mäch­ten­frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en ge­schlos­sen. Demun­zäh­li­gen Leid mit Zah­len zu be­geg­nen, mu­tet fast wie sta­tis­ti­sche Per­fi­die an: Schät­zun­gen zu­fol­ge wur­den im Zu­ge des Ers­ten­welt­krie­ges 20 Mil­lio­nen­men­schen ge­tö­tet, da­von knapp zehn Mil­lio­nen Sol­da­ten und et­was mehr als zehn Mil­lio­nen Zi­vi­lis­ten. Ins­ge­samt 40 Staa­ten be­tei­lig­ten sich am bis da­hin größ­ten Krieg der Ge­schich­te, 70 Mil­lio­nen­men­schen stan­den un­ter­waf­fen. Was kei­ne Sta­tis­tik er­fasst, ist das un­sag­ba­re Leid der Über­le­ben­den, die le­bens­lan­gen Trau­ma­ta, das Zer­bers­ten von Exis­ten­zen und Län­dern und die Nach­wir­kun­gen die­ses­wel­ten­bran­des, der be­reits den Keim der nächs­ten Ka­ta­stro­phe in sich trug. Nur 21 Jah­re nach dem En­de des „Great­war“brach, wie­der in­mit­ten von Eu­ro­pa, der Zwei­te Welt­krieg aus.

In Groß­bri­tan­ni­en tra­gen in die­sen Ta­gen vie­le Men­schen ei­nen „Pop­py“-an­ste­cker, ei­ne Er­in­ne­rungs-mohn­blu­me. Die­ses Sym­bol geht auf den Sol­da­ten John Mcc­rae zu­rück, der den Tod ei­nes Ka­me­ra­den in ei­nem Ge­dicht über die Fel­der von Flan­dern ver­ar­bei­te­te, wo ihn der rot blü­hen­de­klatsch­mohn an das ver­gos­se­ne Blut der Ge­fal­le­nen er­in­ner­te: „Auf Flan­derns Fel­dern blüht der­mohn/zwi­schen den Kreu­zen, Rei­he um Rei­he/die un­se­ren Platz mar­kie­ren; un­dam­him­mel/flie­gen die Ler­chen noch im­mer tap­fer sin­gend/un­ten zwi­schen den Ka­no­nen kaum ge­hört.“Lei­der geht auch die schöns­te Ly­rik nicht mit dem Ler­nen aus der Ge­schich­te ein­her.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.