Ro­bert Jungk 100 Son­ne statt Atom

ProZukunft - - Inhalt -

Franz Alt hat das von Wal­ter Spiel­mann aus dem Nach­lass re­kon­stru­ier­te „Son­nen­buch“für uns ge­le­sen, Zu­kunfts­for­scher Karl­heinz St­ein­mül­ler re­zen­siert den Sam­mel­band „Pro­jekt Zu­kunft“und Ener­gie­ex­per­te Erich Mild wirft ei­nen Blick in das von Hans Holzin­ger ver­fass­te Buch „Son­ne statt Atom“in Er­in­ne­rung an Ro­bert Jungk.

Aus ak­tu­el­lem An­lass sind drei neue Bü­cher in der JBZ ent­stan­den. Franz Alt hat das im Nach­lass von Ro­bert Jungk ent­deck­te und von Wal­ter Spiel­mann re­kon­stru­ier­te „Son­nen­buch“für uns be­spro­chen. Der re­nom­mier­te Zu­kunfts­for­scher Karl­heinz St­ein­mül­ler re­zen­siert den Sam­mel­band „Pro­jekt Zu­kunft“, der Bei­trä­ge pro­mi­nen­ter Freun­de und Weg­ge­fähr­ten Ro­bert Jung­ks ver­sam­melt und von ver­schie­de­nen Sei­ten die Ak­tua­li­tät sei­nes Wir­kens be­leuch­tet. Schließ­lich wirft der Salz­bur­ger Ener­gie­ex­per­te Erich Mild ei­nen Blick auf das von Hans Holzin­ger ver­fass­te Buch „Son­ne statt Atom“, das Ro­bert Jungk in den Kon­text der Ener­gie­de­bat­ten seit den 1950er-jah­ren stellt.

Der Licht­samm­ler aus Salz­burg

Das ist in viel­fa­cher Hin­sicht ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Buch: Es er­scheint 19 Jah­re nach dem Tod des Au­tors. Aber es ist trotz­dem hoch­ak­tu­ell. Der Au­tor war ein be­gna­de­ter Zu­kunfts­for­scher. Sein Buch schließt ei­ne Lü­cke in der bis­he­ri­gen So­lar­for­schung. Und schließ­lich be­schreibt der Text, der zum Teil schon 40 Jah­re alt ist, die Ener­gie­wen­de ganz­heit­lich in ih­ren tech­ni­schen, kul­tu­rel­len, so­zia­len, ge­sell­schaft­li­chen und ethi­schen Di­men­sio­nen.

Ei­ni­ge Le­ser ha­ben es wohl schon ge­merkt: Es han­delt sich um ein spä­tes Buch von Ro­bert Jungk, dem gro­ßen in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten Zu­kunfts­for­scher, Atom­kraft­geg­ner, Frie­dens­ak­ti­vist, Vi­sio­när und Ener­gie­pio­nier.

Die­ses Buch ist auf fast je­der Sei­te ein Be­weis da­für, dass sich der Ein­satz für ei­ne bes­se­re Welt und ei­ne bes­se­re Zu­kunft lohnt. Die Al­ter­na­ti­ven, von de­nen der jun­ge Ro­bert Jungk träum­te und für die er be­reits in den Sech­zi­gern des letz­ten Jahr­hun­derts öf­fent­lich kämpf­te, tra­gen jetzt Früch­te und wer­den heu­te Rea­li­tät: Haupt­säch­lich die Ener­gie­wen­de und das So­lar­zeit­al­ter.

Die­sem span­nen­den Buch ging ein spek­ta­ku­lä­rer Fund vor­aus. Im Nach­lass des Zu­kunfts­for­schers fand der Lei­ter der Ro­bert-jungk-stif­tung, Wal­ter Spiel­mann, ei­ne un­schein­ba­re Map­pe mit ei­nem vi­sio­nä­ren Frag­ment, das An­fang der Acht­zi­ger Jah­re ent­stan­den war. Es han­del­te sich um un­ge­ord­ne­te Blät­ter, die sich mit „Son­nen­for­schern, Son­nen­bast­lern und Son­nen­ver­eh­rern“be­schäf­tig­ten. Spiel­mann hat den spä­ten Fund zu ei­nem sinn­haf­ten Gan­zen re­kon­stru­iert: Zum „Das Son­nen­buch – Be­richt vom An­fang ei­ner neu­en Zu­kunft“! Dar­in wird deut­lich, dass und wie lei­den­schaft­lich Ro­bert Jungk auf die Kraft der Son­ne als Sym­bol und In­stru­ment ei­ner zu­kunfts­fä­hi­gen, nach­hal­ti­gen und fried­vol­len Welt setz­te.

Zu­kunfts­wei­sen­des Zeit­do­ku­ment

Das Son­nen­zeit­al­ter, so Jung­ks gro­ße Hoff­nung, wer­de ein neu­es Ver­hält­nis zur Mit­welt, ei­ne an­de­re Form des Wirt­schaf­tens, ei­ne neue so­zia­le Ba­lan­ce zwi­schen In­dus­trie- und Drit­te-welt-län­dern und die Wie­der­ent­de­ckung ei­nes hö­he­ren Sinns in un­se­rem Le­ben und

Wirt­schaf­ten zur Fol­ge ha­ben. Ak­tu­el­ler kann ein Ver­mächt­nis nicht sein.

Jungk, 1994 in Salz­burg ge­stor­ben, hin­ter­ließ ein Do­ku­ment sei­ner Zeit, das weit in un­se­re Ge­gen­wart und dar­über hin­aus weist.

Im Pro­log er­zählt Jungk ei­ne me­xi­ka­ni­sche Sa­ge, die er als Kind in der Schu­le ge­hört hat­te, aber nie mehr ver­ges­sen konn­te: Sie be­sagt wie die Son­ne ei­nes Ta­ges nie mehr auf­ge­hen woll­te. Ei­ni­ge Ta­ge hoff­ten die In­dia­ner auf ih­re Wie­der­kehr. Ver­geb­lich. Als die Dun­kel­heit nicht mehr wei­chen woll­te, ent­sand­ten sie ei­nen der ih­ren, da­mit er am Fir­ma­ment vie­le klei­ne Fun­ken samm­le und aus ih­nen ei­ne neue Son­ne for­me. Jungk: „Als ein sol­cher Licht­samm­ler bin ich aus­ge­zo­gen.“

Wie ein star­ker Pau­ken­schlag klingt die Über­schrift des ers­ten Ka­pi­tels: „Die Son­ne ge­hört al­len.“Es gibt al­so kei­ne Rwe-son­ne und kei­nen E.on-wind. Wir al­le sind „Kin­der der Son­ne“. Das hat ei­nen spi­ri­tu­el­len Klang. Es klingt nach „Kin­der Got­tes“. Die Ana­lo­gie ist vom Au­tor ge­wollt. Denn der Zu­kunfts­for­scher weist dar­auf hin, dass in al­len Re­li­gio­nen und in al­ten Kul­tu­ren die Son­ne im­mer ein gött­li­ches Sym­bol ist. „Oh­ne Son­ne kein Le­ben“hat­te schon Al­bert Ein­stein ei­ner Schul­klas­se ge­schrie­ben. Heu­te wis­sen wir, dass al­les Le­ben tot wä­re, wenn die Son­ne zwei Wo­chen nicht schie­ne.

Ro­bert Jungk er­in­nert an die Kul­tur der „ur­al­ten Na­tur­re­li­gio­nen“und ih­re Son­nen­ver­eh­rung, die nicht nur we­gen un­se­rer drin­gen­den ma­te­ri­el­len Be­dürf­nis­sen er­klärt wer­den kön­ne: „Es steht da­hin­ter der Drang der Men­schen, sich dem ver­ges­se­nen Him­mel, der ver­lo­re­nen Er­de wie­der zu nä­hern, den Wind wie­der zu spü­ren, die Was­ser des Re­gens und der Flüs­se wie­der zu hö­ren, die Rin­de der Bäu­me, die Blät­ter der Pflan­zen wie­der zu be­rüh­ren und das viel­fäl­ti­ge Le­ben der an­de­ren Krea­tu­ren wie­der zu tei­len.“Jungk war sich be­wusst, dass er ei­nen Ta­bu­bruch be­geht, wenn er als Na­tur­wis­sen­schaft­ler „die me­ta­phy­si­schen und my­thi­schen An­trie­be der heu­ti­gen Son­nen­be­we­gung zur Er­klä­rung ih­rer pro­fun­den Na­tur mit her­an­zie­he“. Der Au­tor war kein re­li­giö­ser Schwär­mer, aber er meint – ganz re­li­gi­ös – über die Son­nen­freun­de: „In­dem sie die Qu­el­len ih­res En­thu­si­as­mus („In-gott-sein“) ver­leug­nen, be­güns­ti­gen sie ei­ne Ba­na­li­sie­rung und Ver- pro ZU­KUNFT 2013 | 1

fla­chung ih­res ge­schicht­lich be­deut­sa­men An­lie­gens“. Der Au­tor ging als Pa­zi­fist auch nach Los Ala­mos in New Me­xi­ko an den Ort, an dem die ers­te Atom­bom­be ent­wi­ckelt und zu­sam­men­ge­baut wor­den war, an dem aber auch nach der Öl­preis-kri­se in den Sieb­zi­gern Son­nen­for­schung be­trie­ben wur­de. In der ers­ten „So­lar Ener­gy Re­se­arch Group“. Er be­such­te die „Kal­ten Krieger“, aber auch die „So­lar Peop­le“.

Letz­te­re wur­den von den „Kal­ten Krie­gern“, die Atom­for­schung be­trie­ben, als Spin­ner und zweit­ran­gi­ge Wis­sen­schaft­ler ver­ach­tet – schon des­halb, weil sie ei­nen ge­rin­ge­ren Etat hat­ten. Jungk aber war von ih­rem En­thu­si­as­mus für die Son­ne be­ein­druckt. Die So­lar­freun­de ex­pe­ri­men­tier­ten schon da­mals haupt­säch­lich an der „pas­si­ven Son­nen­nut­zung“, an So­lar­häu­sern, die mit mög­lichst we­nig Ap­pa­ra­tu­ren funk­tio­nie­ren soll­ten. Schon zehn Jah­re nach Ein­rich­tung die­ser So­lar­grup­pe gab es in New Me­xi­ko tau­send ver­schie­de­ne Son­nen­häu­ser, die weit­ge­hend oh­ne her­kömm­li­che Heiz­ener­gie aus­ka­men. Ih­re For­schungs­er­geb­nis­se be­ein­druck­ten auch Prä­si­dent Jim­my Car­ter, der auf dem Dach des Wei­ßen Hau­ses ei­ne ther­mi­sche So­lar­an­la­ge in­stal­lie­ren ließ. Sein Nach­fol­ger Ro­nald Rea­gan ließ frei­lich die­sel­be An­la­ge an sei­nem ers­ten Ar­beits­tag wie­der ab­mon­tie­ren. Jetzt hat­te Big Oil wie­der Prio­ri­tät.

Sei­ne Be­geg­nun­gen mit dem 36-jäh­ri­gen So­larak­ti­vis­ten De­nis Hayes ha­ben Ro­bert Jungk be­son­ders ge­prägt. Der Mann hat­te 1973 welt­weit den „Earth Day“ein­ge­führt und im Mai 1978 den „Sun Day“. Mil­lio­nen Men­schen fass­ten auf der gan­zen Welt neue Hoff­nung, so­wohl das Öl- wie auch das Atom­zeit­al­ter über­win­den zu kön­nen. Wie Hayes be­geg­ne­te Jungk auch den an­de­ren Ur­vä­tern der neu­en Gras­wur­zel­be­we­gung: Leo­pold Kohr, E. F. Schu­ma­cher und Ivan Il­lich. Sie al­le wa­ren für ihn, was er selbst längst war: Frü­he Vor­kämp­fer für Maß und Men­sch­lich­keit.

Tief be­ein­druckt zeigt sich un­ser Au­tor auch von ei­nem Pla­kat, das er im Vor­zim­mer ei­nes ka­li­for­ni­schen „So­lar Of­fice“sah. Es pries „Die per­fek­te Son­nen­ma­schi­ne“. „Die­se Ma­schi­ne schafft ge­sun­de Bö­den und ver­hin­dert Ero­si­on, die­se Ma­schi­ne er­setzt ih­re ab­ge­nutz­ten Be­stand­tei­le sel­ber, die­se Ma­schi­ne rei­nigt Was­ser gra­tis, die­se Ma­schi­ne ist ei­ne le­ben­de at­men­de Kli­ma­an­la­ge, die­se Ma­schi­ne ver­ur­sacht kei­ne Ab­fall­pro­ble­me, die­se Ma­schi­ne funk­tio­niert mit Son­nen­en­er­gie.“

Was aber ist das für ei­ne Wun­der­ma­schi­ne, fragt sich Jungk. Sei­ne Ant­wort: „Ein far­b­en­träch­ti­ger Druck zeigt sie in ih­rer gan­zen Pracht. Es ist ei­ne ein­fa­che grü­ne Pflan­ze“. Der Au­tor weist schon früh dar­auf hin, dass zu ei­ner hun­dert­pro­zen­ti­gen so­la­ren Ener­gie­wen­de ne­ben Son­ne, Wind und Was­ser­kraft auch die von Na­tur aus ge­spei­cher­te und spei­cher­ba­re Bio­en­er­gie ge­hört.

Aus Krea­tu­ren wer­den Krea­to­ren

Die „Psy­cho­ana­ly­se des Feu­ers“von Gas­ton Ba­chel­ard hat Ro­bert Jungk stark be­ein­druckt. Ihn fas­zi­niert auch des­sen Ana­lo­gie zwi­schen Feu­er und Ge­schlech­ter­lie­be. Auch zwei Men­schen „fan­gen Feu­er“, „glü­hen für­ein­an­der“, sind „Feu­er und Flam­me“, ge­hen „für­ein­an­der durchs Feu­er“, ken­nen die „Wär­me der ge­gen­sei­ti­gen Ge­bor­gen­heit“, aber auch das „grel­le Licht der Ek­s­ta­se“und die „ru­hi­ge Glut der Zärt­lich­keit“. Aus dem „Feu­er der Pas­si­on“ent­steht der Schöp­fungs­akt – ein neu­er Mensch. Aus Krea­tu­ren wer­den Krea­to­ren. Jung­ks nüch­ter­nes Fa­zit: „Wer aber Schöp­fer wird, muss Ver­ant­wor­tung für sei­ne Schöp­fung tra­gen.“

Auf den Son­nen­spu­ren von Ro­bert Jungk kön­nen wir un­ser Son­nen­be­wusst­sein neu schär­fen. Mit sei­nem Be­mü­hen um die Son­ne will er ge­gen die sich aus­brei­ten­de Re­si­gna­ti­on an­kämp­fen. Mit sei­ner sehr hilf­rei­chen Vor­ar­beit für das So­lar­zeit­al­ter ist der ur­al­te Kampf zwi­schen „Licht“und „Dun­kel­heit“in ei­ne neue, viel­leicht ent­schei­den­de Pha­se ge­tre­ten. Dan­ke, lie­ber So­lar-pio­nier Ro­bert Jungk. Sie wa­ren ei­ner der ers­ten, die von ei­ner „Son­nen-ge­sell­schaft“träum­ten. Sie ha­ben vie­le Nach­fol­ger. Franz Alt

Son­nen­zeit­al­ter

15 Jungk, Ro­bert: Das Son­nen­buch. Be­richt vom An­fang ei­ner neu­en Zu­kunft. Hrsg. v. Wal­ter Spiel­mann. Salz­burg: Ot­to Mül­ler Verl., 2013. 160 S, € 18,- [D],

18,- [A], sfr 21,60 ; ISBN 978-3-1713-1206-1 „Pro­jekt Zu­kunft“ In den letz­ten Jah­ren ist es um Ro­bert Jungk ru­hig ge­wor­den. Sei­ne Bü­cher – im­mer­hin dar­un­ter Best­sel­ler wie „Die Zu­kunft hat schon be­gon­nen“(1952), „Der Atom­staat“(1977) und „Men­schen­be­ben“(1983) – wer­den nicht mehr auf­ge­legt und selbst in der grü­nen Be­we­gung, die er mit auf den Weg ge­bracht hat, wird kaum mehr auf ihn Be­zug ge­nom­men. Es mag sein, dass je­des Zeit­al­ter sei­ne Hel­den, sei­ne Leit­fi­gu­ren und Weg-wei­ser hat, und schon die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on sich an an­de­ren Per­so­nen ori­en­tiert. Es mag sein, dass Jungk ei­ne Per­sön­lich­keit war, de­ren Wir­kung vor al­lem in ih­rer Prä­senz be­stand, es mag sein, dass die Viel­falt der The­men, mit de­nen er sich be­fasst hat, ei­ner an­hal­ten­den Be­zug­nah­me im We­ge steht. Nach mei­ner Über­zeu­gung je­doch gilt, was Rolf Krei­bich in sei­nem Bei­trag for­mu­liert hat: „Das Pro­jekt Zu­kunft soll­te al­so zum Ruf wer­den: Be­fasst Euch mit Ro­bert Jungk, es lohnt sich zur Ge­win­nung von Ein­sich­ten, Ori­en­tie­rung und Mut zur Zu­kunft.“(S. 146)

Es fällt na­tur­ge­mäß schwer, die ge­sam­te the­ma­ti­sche Brei­te des­sen, wo­mit sich der „Zu­kunfts­mensch“Ro­bert Jungk be­fasst hat, in ei­nem Band ab­zu­de­cken.

Den Her­aus­ge­bern ist dies aber in vor­züg­li­cher Wei­se ge­lun­gen. Der Band, pu­bli­ziert zur Fei­er sei­nes hun­derts­ten Ge­burts­tags, at­met den Geist Jung­ks, er wid­met sich den The­men, für die er sich ein­setz­te, und die Ar­ti­kel grei­fen Grund­ge­dan­ken Jung­ks auf. Haupt­te­nor Jung­ks war stets, dass trotz al­len Ge­fähr­dun­gen ei­ne bes­se­re Welt mög­lich sei, dass es sich lohnt, sich für sie ein­zu­set­zen, und dass die Ve­rän­de­run­gen „von un­ten“, von den Be­trof­fe­nen selbst aus­ge­hen müs­sen. Ob wir uns al­ler­dings dem Ziel ei­ner bes­se­ren Welt in den letz­ten Jahr­zehn­ten ge­nä­hert ha­ben, ist un­ter den Au­to­ren des Ban­des um­strit­ten.

Klaus Fir­lei et­wa dia­gnos­ti­ziert mit auf­fäl­lig un­g­ram­ma­ti­ka­li­schem Ela­tiv, dass „die Welt­pro­ble­me un­lös­ba­rer denn je“wer­den (S. 197), dass im heu­ti­gen, vom glo­ba­li­sier­ten Ka­pi­tal be­stimm­ten Ka­pi­ta­lis­mus die Gestal­tungs­spiel­räu­me (wei­ter) ge­schrumpft sei­en. Da­ge­gen zei­gen Ernst Ul­rich von Weiz­sä­cker und Franz Alt, dass wir auf dem Ge­biet von Um­welt und Ener­gie be­reits viel ge­won­nen ha­ben. Die Ener­gie­wen­de sei ein Bei­spiel da­für, wie ehe­mals uto­pisch-vi­sio­nä­re Ide­en doch ge­gen al­le Wi­der­stän­de durch­ge­setzt wer­den kön­nen.

Ro­bert Jungk hat sich stets als An­re­ger und Er­mu­ti­ger ver­stan­den und größ­ten Wert auf die so­zia­le Phan­ta­sie ge­legt. Viel­leicht sein wich­tigs­ter Bei­trag zur Zu­kunfts­for­schung ist aus die­ser Per­spek­ti­ve die Eta­b­lie­rung der Zu­kunfts­werk­stät­ten als ei­ner Me­tho­de, den Stimm­lo­sen Stim­me zu ge­ben und den Un­ge­hör­ten Ge­hör zu ver­schaf­fen. Wie

Nor­bert Mül­lert be­schreibt, war das sei­ner­zeit ein hef­ti­ger Pa­ra­dig­men­wan­del: Die Zu­kunft ge­hör­te nicht mehr den Ex­per­ten al­lein. Lai­en tra­ten als Ex­per­ten in ei­ge­ner Sa­che auf – auch für die Er­kennt­nis von Zu­künf­ti­gem. So ge­se­hen trug Jungk zur Ent­ste­hung der „Mit­mach­ge­sell­schaft“bei, die

Horst W. Opa­schow­ski in zehn „Zu­kunfts­per­spek­ti­ven“, zen­tra­len Aspek­ten, dar­stellt.

Es ist hier nicht der Platz, auf al­le Ar­ti­kel im De­tail ein­zu­ge­hen. Die Span­ne – von der Not­wen­dig­keit ei­ner Re­form der po­li­ti­schen Ord­nung Eu­ro­pas (Andre­as Gross) über Per­spek­ti­ven des Pa­zi­fis­mus (Ek­ke­hart Krip­pen­dorff), Bil­dungs­fra­gen (Ma­ri­an­ne Gro­ne­mey­er), So­zia­le Plas­tik (Hil­de­gard Kurt) bis zu Kul­tur­po­li­tik im Den­ken Jung­ks (Olaf Schwencke) – ent­spricht je­den­falls der Brei­te von Jung­ks En­ga­ge­ment. Aber es muss be­son­ders her­vor­ge­ho­ben wer­den, dass in drei Bei­trä­gen dem Le­ser auch „Bob“, so wie er leib­te und leb­te, ganz nah vor Au­gen ge­führt wird. Mat­ti­as Gref­frath er­in­nert sich an die An­fän­ge der An­ti-atom-be­we­gung. Karl-mar­kus Gauß blickt auf Be­geg­nun­gen mit Jungk in Salz­burg zu­rück. Und in dem Zwie­ge­spräch, das Wal­ter Spiel­mann mit

Pe­ter S. Jungk, dem Sohn, der als Ro­man­cier be­kannt ge­wor­den ist, führt, tritt man­che we­ni­ger be­kann­te Sei­te des „Zu­kunfts­men­schen“her­vor.

Die Zu­kunfts­for­schung ist heu­te ei­ne halb­wegs eta­blier­te Dis­zi­plin. Als Zu­kunfts­wis­sen­schaft, die sich mit hoch­gra­dig re­le­van­ten Fra­gen von Ener­gie­sys­te­men, nach­hal­ti­gen Ma­nage­ment­stra­te­gi­en und der Be­wäl­ti­gung des de­mo­gra­phi­schen Wan­dels be­fasst, hat sie je­doch die gro­ßen mensch­heits­ge­schicht­li­chen, halb uto­pi­schen Per­spek­ti­ven ein Stück aus den Au­gen ver­lo­ren, für die Ro­bert Jungk wie kei­ner sonst stand: Ei­ne an­de­re Zu­kunft ist mög­lich. Karl­heinz St­ein­mül­ler Ro­bert Jungk

16 Pro­jekt Zu­kunft. 14 Bei­trä­ge zur Ak­tua­li­tät von Ro­bert Jungk. Hrsg. v. Klaus Fir­lei u. Wal­ter Spiel­mann. Salz­burg: Ot­to Mül­ler Verl., 2013. 310 S., € 27,-[D,A], sfr 37,80 ; ISBN 978-3-7013 Son­ne statt Atom Aus An­lass der Wie­der­kehr sei­nes 100. Ge­burts­ta­ges im Jahr 2013 wid­met Hans Holzin­ger dem Pu­bli­zis­ten, Atom­kri­ti­ker und Zu­kunfts­den­ker Ro­bert Jungk die­ses Buch. Da­bei schlägt der Au­tor den Bo­gen von Le­ben und Werk Jung­ks bis zu den De­bat­ten über den Stel­len­wert der Son­nen­en­er­gie für die Ener­gie­ver­sor­gung des 21. Jahr­hun­derts.

Die ers­ten bei­den Ka­pi­tel ge­ben ei­ne Ein­füh­rung in die Bio­gra­phie Jung­ks und sei­ner wich­tigs­ten Pu­bli­ka­tio­nen zum The­ma Atom.

Ka­pi­tel 3 be­schäf­tigt sich zu­nächst mit den im­men­sen Hoff­nun­gen, wel­che be­son­ders In­dus­trie und Ge­werk­schaf­ten in die Nut­zung der Atom­ener­gie setz­ten. Erst in den 1970er Jah­ren ent­stand ei­ne brei­te An­ti-akw-be­we­gung, wo­bei das Nein der ös­ter­rei­chi­schen Be­völ­ke­rung zum AKW Zwen­ten­dorf im No­vem­ber 1978 auch in­ter­na­tio­nal ein Si­gnal setz­te. Die­ser wie auch an­de­re Er­fol­ge, z.b. die Ver­hin­de­rung ei­ner Wie­der­auf­be­rei­tungs­an­la­ge in Wa­ckers­dorf/bay­ern, be­stä­tig­ten die Über­zeu­gung Jung­ks, dass Bür­ge­rin­nen und Bür­ger die Kraft ha­ben, die Ge­schich­te zu ver­än­dern.

Das fol­gen­de Ka­pi­tel lei­tet über zu den ers­ten An­sät­zen, die Ener­gie der Son­ne als Schlüs­sel zur Lö­sung des Ener­gie­be­darfs der Mensch­heit zu nüt­zen. Jungk selbst ar­bei­te­te in den Jah­ren 1979-1982 an ei­nem Son­nen­buch und be­such­te bei sei­nen Re­cher­chen die Pio­nie­rin­nen der Nut­zung der So­lar­ener­gie.1) Nach dem Mot­to „Die Son­ne ge­hört uns al­len“er­kann­te Jungk schon da­mals nicht nur die un­ge­heu­ren Ener­gie­po­ten­zia­le, son­dern auch den po­ten­ti­ell eman­zi­pa­to­ri­schen Cha­rak­ter der So­lar­ener­gie, wel­che sich ge­ra­de­zu ide­al für de­zen­tra­le und ge­mein­schaft­li­che Nut­zung an­bie­tet. Die­ser Aspekt kommt be­son­ders in Jung­ks Ko­lum­nen für die Zeit­schrift bild der wis­sen­schaft zum Aus­druck, wo

er auch ein­ge­hend auf die viel­fäl­ti­gen For­schungs­an­sät­ze in den USA in der zwei­ten Hälf­te der 70er Jah­re ein­geht. Wie be­kannt, wur­den die­se nach Amts­an­tritt von Prä­si­dent Rea­gan im Jahr 1980 weit­ge­hend zum Er­lie­gen ge­bracht. In die­sem Zu­sam­men­hang weist Holzin­ger – wie auch an an­de­ren Stel­len des Bu­ches – auf den „un­ver­bes­ser­li­chen“Op­ti­mis­mus von Ro­bert Jungk hin, wel­cher sich im­mer wie­der zu gro­ße Hoff­nun­gen in Hin­blick auf er­war­te­te – und wohl auch ge­wünsch­te – ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen mach­te. Die­ser Op­ti­mis­mus ist ei­ner­seits ei­ne gro­ße An­triebs­kraft, sich über den Tel­ler­rand des Be­ste­hen­den hin­aus zu wa­gen, an­de­rer­seits ei­ne Ge­fahr, die­se Rei­se in das Un­be­kann­te auf wa­cke­li­gem, nicht trag­fä­hi­gem ana­ly­ti­schen Bo­den zu be­gin­nen.

Im ab­schlie­ßen­den Ka­pi­tel mit dem Ti­tel „Ener­gie für das 21. Jahr­hun­dert“fasst Holzin­ger die wich­tigs­ten Er­kennt­nis­se sei­nes jüngst er­schie­ne­nen Bu­ches „Neu­er Wohl­stand“zu­sam­men.2) An­schau­lich schil­dert er die Sack­gas­se Atom und das Di­lem­ma, mit dem die Mensch­heit heu­te kon­fron­tiert ist. Die mit der Nut­zung fos­si­ler Ener­gi­en eng ver­bun­de­ne ka­pi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se ent­fes­sel­te ei­ne Dy­na­mik der Ent­gren­zung, wel­che in mehr­fa­cher Hin­sicht über lang­fris­tig ver­träg­li­che Le­bens- und Wirt­schafts­wei­sen hin­aus­schie­ßen. Da­mit dro­hen im 21. Jahr­hun­dert ver­schärf­te Kon­flik­te um Res­sour­cen und mit ei­ner Fort­set­zung fos­si­ler Ener­gie­nut­zung auch un­kon­trol­lier­ba­re Kli­ma­er­wär­mun­gen. Vor­schlä­ge, wie die­sen be­droh­li­chen Ten­den­zen durch ei­ne Wen­de in Rich­tung Post­wachs­tums­öko­no­mie, in Rich­tung ei­ner So­lar­spar­ge­sell­schaft be­geg­net wer­den könn­te, be­schlie­ßen den Band.

Der An­hang ent­hält ei­ne his­to­ri­sche Zeit­ta­fel zu „Atom“, acht The­sen zur Ak­tua­li­tät Jung­ks so­wie Ver­zeich­nis­se mit zi­tier­ten Wer­ken Jung­ks und ak­tu­el­len, in­ter­es­san­ten Pu­bli­ka­tio­nen zum The­ma Ener­gie­po­li­tik, wel­che zur ver­tie­fen­den Lek­tü­re an­re­gen. Das Buch bie­tet ei­nen gu­ten Ein­stieg für al­le, wel­che durch das Ju­bi­lä­ums­jahr neu mit der Per­son und den Ide­en Ro­bert Jung­ks in Be­rüh­rung kom­men. Es macht Lust auf ei­ne nä­he­re Be­schäf­ti­gung mit ihm und sei­nem Werk so­wie mit den gro­ßen en­er­gie­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen des 21. Jahr­hun­derts. Erich Mild Ro­bert Jungk

17 Holzin­ger, Hans: Son­ne statt Atom. Ro­bert Jungk und die De­bat­ten über die Zu­kunft der Ener­gie­ver­sor­gung seit den 1950er-jah­ren bis heu­te. Salz­burg:jbz-verl., 2013. 130 S., € 8,- [D, A], sfr 11,20 ; ISBN 978-3-902876-17-1

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