Po­li­tik Ist De­mo­kra­tie zu­kunfts­fä­hig?

ProZukunft - - Inhalt -

Der Be­griff „De­mo­kra­tisch“wird längst für ver­schie­dens­te For­men po­li­ti­schen Han­delns ver­wen­det. Er ist in­zwi­schen so viel­deu­tig, dass er un­ter­schied­lichs­te Re­gie­rungs­for­men und po­li­ti­sche Pro­zes­se be­zeich­net. Al­f­red Auer und Wal­ter Spiel­mann stel­len neue Zu­gän­ge und Aspek­te von De­mo­kra­tie zur Dis­kus­si­on.

Die meis­ten Staa­ten be­zeich­nen sich heu­te als De­mo­kra­tie - nicht nur die eu­ro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten, son­dern auch die meis­ten la­tein­ame­ri­ka­ni­schen und seit dem ara­bi­schen Früh­ling im Jahr 2011 auch vie­le ara­bi­sche. Längst aber wird der Be­griff „de­mo­kra­tisch“für ver­schie­dens­te For­men po­li­ti­schen Han­delns ver­wen­det. Er ist in­zwi­schen so viel­deu­tig, dass er un­ter­schied­lichs­te Re­gie­rungs­for­men und po­li­ti­sche Pro­zes­se be­zeich­net. Ei­nes der Mar­ken­zei­chen von De­mo­kra­tie ist die Teil­nah­me vie­ler am po­li­ti­schen Pro­zess. Aber muss je­der stets an al­len Ent­schei­dun­gen be­tei­ligt wer­den? Die „ZEIT On­line“ti­telt da­zu im Som­mer 2012 „Alb­traum Par­ti­zi­pa­ti­on“und er­in­nert an die neu­en Mög­lich­kei­ten des In­ter­net als „Wunsch­traum ei­ner sol­chen All-in­clu­si­ve-de­mo­kra­tie“, das ein „Da­bei sein oh­ne Stress und Ver­ant­wor­tung“er­mög­li­che. Ver­schie­de­ne Zu­gän­ge und Aspek­te von De­mo­kra­tie und Par­ti­zi­pa­ti­on stel­len Al­f­red Auer und Wal­ter Spiel­mann im Fol­gen­den zur Dis­kus­si­on.

De­mo­kra­tie?

Wir le­ben heu­te in ei­ner Zeit der Post­de­mo­kra­tie, wie es Co­lin Crouch prä­zi­se auf den Punkt ge­bracht hat. Zwar be­ste­hen die re­prä­sen­ta­tiv ge­wähl­ten Or­ga­ne wei­ter, doch die wirk­li­chen Ent­schei­dun­gen wer­den in de­mo­kra­tisch nicht le­gi­ti­mier­ten Gre­mi­en ge­trof­fen. Droht al­so der Be­griff zu ei­ner Wort­hül­se zu ver­kom­men oder hat De­mo­kra­tie ei­ne Zu­kunft? Mit die­sen und an­de­ren Fra­gen set­zen sich acht be­kann­te lin­ke In­tel­lek­tu­el­le aus­ein­an­der und prä­sen­tie­ren zum Teil ra­di­ka­le Po­si­tio­nen, die je­den­falls zur Dis­kus­si­on an­re­gen.

In sei­ner „ein­lei­ten­den Be­mer­kung zum Be­griff“schreibt der ita­lie­ni­sche Phi­lo­soph Gior­gio Agam­ben: „Wenn wir heu­te Zeu­gen ei­ner über­wäl­ti­gen­den Vor­herr­schaft von Re­gie­rung und Öko­no­mie über ei­ne suk­zes­siv ent­leer­te Volks-sou­ve­rä­ni­tät

wer­den, dann mög­li­cher­wei­se des­halb, weil die west­li­chen De­mo­kra­ti­en jetzt den Preis für ein phi­lo­so­phi­sches Er­be be­zah­len, das sie un­be­se­hen an­ge­tre­ten ha­ben. Das Miss­ver­ständ­nis, die Re­gie­rung le­dig­lich als Exe­ku­ti­ve zu be­grei­fen, ge­hört zu den fol­gen­reichs­ten Feh­lern in der Ge­schich­te der west­li­chen Po­li­tik.“(S. 11) So dro­he die De­mo­kra­tie so­wohl als Ver­fas­sungs­form wie als Re­gie­rungs­tech­nik zum Ge­schwätz zu de­ge­ne­rie­ren, meint Agam­ben. Da­ne­ben ist es wohl der In­ter­na­tio­na­li­sie­rungs­pro­zess des Ka­pi­tals, sind es die „glo­bal play­ers“(sie­he Crouch) und wohl auch die feh­len­de Pra­xis des Vol­kes als Sou­ve­rän (wie be­reits Rous­seau be­fürch­te­te), die die na­tio­nal­staat­lich or­ga­ni­sier­te Po­li­tik (so­wie auch die eu­ro­päi­sche) im­mer mehr an den Rand drän­gen.

Alain Ba­diou kri­ti­siert ei­ne Ge­sell­schaft, die sich bloß durch den Kon­sum de­fi­niert. Er be­zeich­net

den „Kon­sens der De­mo­kra­ten“als „po­li­ti­sche En­do­ga­mie“und un­ter­stellt, die­se wür­den die Welt­herr­schaft be­an­spru­chen im Ge­gen­satz zu den an­de­ren aus den „Hun­ger- und To­des­zo­nen“. Ba­diou setzt zu­nächst das Wort „De­mo­kra­tie“au­ßer Kraft, um es an­schlie­ßend wie­der in sei­nem ur­sprüng­li­chen Sin­ne zu re­sti­tu­ie­ren, „als Da­sein von Völ­kern, die über sich selbst herr­schen; als Po­li­tik, die vom Volk aus­geht und auf den Un­ter­gang des Staa­tes hin­aus­läuft“(S. 22). Der 2010 ver­stor­be­ne Phi­lo­soph Da­ni­el Ben­saïd zeigt in sei­nem Bei­trag, dass die Li­be­ra­len (und die Neo­li­be­ra­len erst recht) Angst vor der De­mo­kra­tie (als Herr­schaft des Vol­kes) ha­ben. Für den Mar­xis­ten ist klar, dass die „Re­vo­lu­tio­nie­rung der De­mo­kra­tie“wei­ter­ge­hen müs­se, „da­mit die Kri­tik der tat­säch­lich exis­tie­ren­den par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie nicht in Rich­tung au­to­ri­tä­rer Lö­sun­gen und my­thi­scher Ge­mein­schaf­ten kippt“(S. 54).

De­mo­kra­tie als „lee­rer Si­gni­fi­kant“

Ra­di­kal auch die An­sich­ten der Us-ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Wen­dy Brown, die die ak­tu­el­le Be­liebt­heit der De­mo­kra­tie auf ih­re In­halts­lo­sig­keit in Be­deu­tung und Pra­xis zu­rück­führt, „ein lee­rer Si­gni­fi­kant, an den je­der sei­ne Träu­me und Hoff­nun­gen knüp­fen kann“(S. 55). Das Wort de­ge­ne­rie­re zur sub­stanz­lo­sen Be­zeich­nung von Herr­schafts­ver­hält­nis­sen, die neo­li­be­ra­ler Ra­tio­na­li­tät ge­hor­chen. Sie be­zwei­felt, ob der Traum der Be­frei­ung al­ler Men­schen die Form der De­mo­kra­tie an­neh­men wür­de. „Viel­leicht“, so Brown, „lässt sich die De­mo­kra­tie ja auch, wie die Be­frei­ung, stets nur als Pro­test ver­wirk­li­chen, und viel­leicht soll­te sie ge­ra­de heu­te aus­drück­lich von ei­ner Re­gie­rungs­form in ei­ne Po­li­tik des Wi­der­stands zu­rück­ver­setzt wer­den.“(S. 70)

Sla­voj Zi­zek wie­der­um ver­sucht das mon­ar­chis­ti­sche Mo­ment der De­mo­kra­tie of­fen­zu­le­gen. In ei­ner De­mo­kra­tie, so der Di­rek­tor am „Bir­beck In­sti­tu­te for the Hu­ma­nities“der London Uni­ver­si­ty, ist „je­der nor­ma­le Bür­ger ein Kö­nig - aber ein Kö­nig in ei­ner kon­sti­tu­tio­nel­len De­mo­kra­tie: ein Kö­nig, der nur for­mell ent­schei­det und des­sen Funk­ti­on dar­in be­steht, Ver­ord­nun­gen zu un­ter­zeich­nen, die ihm von der aus­füh­ren­den Ver­wal­tung vor­ge­legt wer­den“(S. 117). Au­ßer­dem ver­lie­re mit dem Auf­stieg des au­to­ri­tä­ren Ka­pi­ta­lis­mus zu­neh­mend das au­then­ti­sche Pot­ent­zi­al der De­mo­kra­tie an Bo­den. (Zi­zeks Plä­doy­er für Ge­rech­tig­keit für al­le steht ganz in der Tra­di­ti­on ei­ner „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“.)

„Hat es ei­nen Sinn, sich als ‚De­mo­krat‘ zu be­zeich­nen“? Die­se Fra­ge be­ant­wor­tet Je­an-luc Nan­cy mit „Nein und Ja“. Nein, es hat kei­ner­lei Sinn, weil da­mit die Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit des De­mo­k­ratseins be­zeich­net wer­de, und Ja, denn Gleich­heit, Ge­rech­tig­keit und Frei­heit sei­en über­all durch Plu­to­kra­ti­en, Tech­no­kra­ti­en und Ma­fio­kra­ti­en be­droht. (vgl. S. 72)

Der hier vor­ge­leg­te ra­di­al­de­mo­kra­ti­sche Dis­kurs will u. a. zei­gen, dass De­mo­kra­tie nicht nur Staats­form ist, son­dern Pra­xis und Pro­zess zu­gleich. Die ent­schei­den­de Fra­ge bleibt je­doch, ob ei­ne an­de­re als die bis­he­ri­ge Wel­t­ord­nung denk­bar und mög­lich er­scheint. Wenn es um die Eman­zi­pa­ti­on al­ler Men­schen geht, kann De­mo­kra­tie kein ex­klu­si­ves Be­mü­hen blei­ben. A. A. De­mo­kra­tie

8 De­mo­kra­tie? Ei­ne De­bat­te. Mit Bei­trä­gen v. G. Agam­ben … Berlin: Suhr­kamp, 2012. 137 S., € 14,[D], € 14,40 [A], sfr 19,60

ISBN 978-3-518-12611-0

De­mo­gra­fie und De­mo­kra­tie

Die Be­völ­ke­rungs­dy­na­mik hat Aus­wir­kun­gen auf na­he­zu al­le Po­li­tik­be­rei­che und wird um­ge­kehrt von die­sen be­ein­flusst. Die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung muss des­halb als so­zia­ler Wan­del ak­zep­tiert wer­den. Da­bei han­delt es sich um das Zu­sam­men­wir­ken von Ge­bur­ten­rück­gang, Wan­de­rungs­be­we­gun­gen und Lang­le­big­keit der Be­völ­ke­rung. Nach Über­zeu­gung der Au­to­rin­nen des Ban­des „De­mo­kra­tie und De­mo­gra­phie“ist die­se Ent­wick­lung de­mo­kra­tisch ge­stalt­bar, „oh­ne die Grund­la­gen des Wohl­fahrts­staa­tes zu zer­stö­ren“(S. 128). Da­zu be­darf es aber ei­ner ak­ti­ven po­li­ti­schen Gestal­tung, denn der Wohl­fahrts­staat sei fi­nan­zi­ell zu er­schöpft, um die so­zia­len Ver­tei­lungs­kon­flik­te fis­ka­lisch und haus­halts­tech­nisch kom­pen­sie­ren zu kön­nen.

Neue Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit

Ent­schei­dun­gen in die­se Rich­tung wer­den aber nur dann all­ge­mei­ne Ak­zep­tanz fin­den, wenn al­le Be­trof­fe­nen als gleich­be­rech­tig­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger be­tei­ligt sind, so die Au­to­ren. „Für die Lö­sung der mit dem de­mo­gra­fi­schen Wan­del ein­her­ge­hen­den Wohl­stands­kon­flik­te ist (je­den­falls) ei­ne Aus­wei­tung der de­mo­kra­ti­schen Teil­ha­be not­wen­dig.“(S. 130). Ge­for­dert wird auch ei­ne Ver­an­ke­rung der Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit im Grund­ge­setz. Zu­dem müss­ten die ge­sell­schaft­li­chen Leis­tun­gen von Fa­mi­li­en trans­pa­rent ge­macht und so­zi­al­po­li­tisch ge­wür­digt wer­den. Kon­flikt­po­ten­zi­al liegt auch in pre­kä­ren Ar­beits­ver­hält­nis­sen durch Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Längst sei ei­ne de­mo­gra­fisch ver­ur­sach­te Ex­klu­si­on von

Men­schen und Per­so­ne­n­en­grup­pen so­wie gan­zer Ge­mein­den und Re­gio­nen im Gan­ge, weil der de­mo­kra­ti­sche Wohl­fahrts­staat sei­nen Ver­pflich­tun­gen nicht mehr nach­kom­men kann. „Im de­mo­kra­ti­schen Pro­zess ist zu­min­dest über das un­ab­ding­ba­re Mi­ni­mum an so­zia­ler und in­fra­struk­tu­rel­ler Teil­ha­be zu ent­schei­den, auf de­ren Grund­la­ge sich die so­zia­le, wirt­schaft­li­che und ter­ri­to­ria­le Ko­hä­si­on der schrump­fen­den Bun­des­re­pu­blik durch­aus sehr un­ter­schied­lich aus­dif­fe­ren­zie­ren kann.“(S. 132)

Zwei­fel­los stellt der Be­völ­ke­rungs­rück­gang die ein­ge­üb­ten Mus­ter der so­zia­len und ter­ri­to­ria­len In­te­gra­ti­on über In­fra­struk­tu­ren auf ei­ne har­te Pro­be. Die Ab­si­che­rung in Al­ter, Krank­heit und Not zer­bricht un­ter den Be­din­gun­gen von Fi­nanz­kri­se, lee­ren öf­fent­li­chen Kas­sen und de­mo­gra­fi­schem Wan­del. Des­halb muss ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sung auch die Fra­ge nach der Ord­nung und Ver­tei­lung von In­fra­struk­tu­ren the­ma­ti­sie­ren.

Neu­jus­tie­rung der Da­seins­vor­sor­ge

Ins­ge­samt sei nach vor­lie­gen­der Be­wer­tung ei­ne Neu­jus­tie­rung der Da­seins­vor­sor­ge vor­zu­neh­men, was wie­der­um ei­ne dif­fe­ren­zier­te Ver­ant­wor­tungs­tei­lung und Leis­tungs­er­brin­gung zwi­schen Staat, Markt und Bür­gern er­for­de­re. Als Bei­spiel wer­den et­wa der Er­halt li­ni­en­geführ­ter Bus­se oder die in­di­vi­du­el­le öf­fent­li­che Mo­bi­li­tät ge­nannt. Die Lö­sung je­den­falls kön­ne nicht im in­fra­struk­tu­rel­len Rück­zug aus den so­zi­al­struk­tu­rel­len Wirk­lich­kei­ten der Städ­te und Kom­mu­nen, in der Schlie­ßung oder Re­du­zie­rung von Schu­len und Be­hör­den lie­gen. Ge­gen den Fa­ta­lis­mus des Ge­sche­hen­las­sens, ge­gen die all­mäh­li­che Ero­si­on de­mo­kra­ti­scher, auf Aus­gleich und Teil­ha­be zie­len­der Struk­tu­ren und Le­bens­wirk­lich­kei­ten wäh­len Kers­ten/neu/vo­gel den Be­griff der „Lich­tung“für die ak­tu­el­le und wei­te­re Ent­wick­lung des So­zi­al­ge­fü­ges und der Wohl­fahrts­struk­tu­ren, der glei­cher­ma­ßen auf Ver­lus­te und Frei­räu­me ver­weist (vgl. S. 137). Die po­li­ti­sche Lö­sungs­for­mel des „Im­mer mehr“müs­se, so die Ein­schät­zung, nun auf die po­li­ti­sche Agen­da eben­so wie die Ver­ant­wort­lich­keit für öf­fent­li­che Res­sour­cen und Ge­mein­gü­ter und die Ver­tei­lungs­fra­gen in Zei­ten der Schrump­fung und Ver­knap­pung. Dies be­deu­te aber gleich­zei­tig die Be­reit­schaft zum Kon­flikt, so die zen­tra­le Schlus­sß­fol­ge­rung. A. A.

De­mo­gra­fie

9 Kers­ten, Jens ; Neu, Clau­dia ; Vo­gel, Bert­hold: De­mo­gra­fie und De­mo­kra­tie. Zur Po­li­ti­sie­rung des Wohl­fahrts­staa­tes. Hamburg: Ham­bur­ger Edi­ti­on, 2012. 151 S., € 12,- [D], 12,40 [A], sfr 16,80

ISBN 978-38684-253-0 Die Dik­ta­tur der De­mo­kra­tie Wenn der Krieg aus ist, kom­men „die Bü­ro­kra­ten“, dann geht es um De­mo­kra­tie­auf­bau, der mitt­ler­wei­le zu den Stan­dard­stra­te­gi­en der in­ter­na­tio­na­len Staa­ten­ge­mein­schaft zählt. De­mo­kra­tie als Ex­port­schla­ger in so ge­nann­ten „fai­led sta­tes“, al­so Staa­ten, die durch Krie­ge oder kriegs­ähn­li­che Zu­stän­de in ei­ne Si­tua­ti­on der Auf­lö­sung und des Zer­falls ge­ra­ten sind, soll hel­fen, zur Sta­bi­li­sie­rung der La­ge bei­zu­tra­gen. Die Er­rich­tung von in­ter­na­tio­na­len Über­gangs­ver­wal­tun­gen („tran­si­tio­nal ad­mi­nis­tra­ti­ons“) hat sich da­bei zu ei­nem wich­ti­gen In­stru­ment ent­wi­ckelt. Nach Mei­nung der Best­sel­ler­au­to­rin und Ju­ris­tin Ju­li Zeh er­fol­ge aber der De­mo­kra­tie­auf­bau im Rah­men des „sta­te buil­ding“pa­ra­do­xer­wei­se mit völ­lig un­de­mo­kra­ti­schen Mit­teln. Zu die­sem ver­nich­ten­den Ur­teil kam die Au­to­rin nach ih­rer Ar­beit für die Rechts­ab­tei­lung des „Of­fice of the High Re­pre­sen­ta­ti­ve“(OHR) in Sa­ra­je­vo.

Rechts­weg nicht aus­ge­schlos­sen

Dass die Im­ple­men­tie­rung von Staat­lich­keit nach west­li­chem Vor­bild nicht ein­fach ist, wur­de be­reits in ei­ner frü­her be­spro­che­nen Stu­die „Il­lu­si­on State­buil­ding“nach­ge­wie­sen, in der gar von or­ga­ni­sier­ter Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit ge­spro­chen wird. Ju­li Zeh stellt nun in ih­rem Buch (im We­sent­li­chen die Dis­ser­ta­ti­on der Au­to­rin) am Bei­spiel von Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na so­wie dem Ko­so­vo fest, dass „oh­ne Recht kein Staat zu ma­chen“ist. Es sei zwar Auf­ga­be der Staa­ten­ge­mein­schaft, beim Auf­bau de­mo­kra­ti­scher in­sti­tu­tio­nel­ler Struk­tu­ren zu hel­fen, als Vor­aus­set­zun­gen für das (Wie­der-)funk­tio­nie­ren ei­ner Ge­sell­schaft, beim De­mo­kra­tie­auf­bau dür­fe aber der Rechts­weg nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Meist be­die­nen sich die frie­dens­stif­ten­den Staa­ten bei der Schaf­fung de­mo­kra­ti­scher Struk­tu­ren aber un­de­mo­kra­ti­scher Mit­tel. In der Pra­xis ver­kör­pert sich die­se im Chef der je­wei­li­gen Mis­si­on, der über al­lem steht, was staat­li­che Au­to­ri­tät aus­macht. Die neu­en de­mo­kra­ti­schen Frei­hei­ten wer­den den Bür­gern al­so durch ei­ne au­to­ri­tä­re Re­gie­rungs­form na­he­ge­bracht. Sie hät­ten des­halb kei­ne Mög­lich­keit, sich auf dem Rechts­weg ge­gen Will­kür­ak­te zu weh­ren, so Ju­li Zeh. Des­halb ver­spie­le die Über­gangs­ver­wal­tung Ver­trau­en bei der Be­völ­ke­rung. Zeh plä­diert da­für, die Er­las­se ei­ner Über­gangs­ver­wal­tung su­pra­na­tio­na­lem Recht zu­zu­ord­nen. Da­mit wür­de das Über­gangs­recht zur sel­ben Ka­te­go­rie wie das Eu-recht ge­hö­ren, und es ent­stün­de et­was mehr Rechts­si­cher­heit für die Bür­ger.

Wie nicht an­ders zu er­war­ten, ist hier nicht ein Werk in ju­ris­ti­schem Kau­der­welsch ent­stan­den, son­dern ein gut les­ba­res, all­ge­mein ver­ständ­li­ches Plä­doy­er für Gleich­be­rech­ti­gung, Men­schen­rech­te und Rechts­staat­lich­keit. Und in der Tat ist es höchs­te Zeit, das in­ter­na­tio­na­le Pro­jekt des „sta­te buil­ding“auf ei­ne recht­li­che Grund­la­ge zu stel­len. A. A. De­mo­kra­tie: Sta­te Buil­ding

10 Zeh, Ju­li: Die Dik­ta­tur der De­mo­kra­ten. War­um oh­ne Recht kein Staat zu ma­chen ist. Hamburg: ed. Körber-stif­tung, 2012. 198 S. € 14,- [D], 14,40 [A], sfr 19,60 ; ISBN 978-3-89684-095-0

Kampf für das Ge­mein(sam)e

Län­ge­re Zeit hat man nichts von ih­nen ge­hört. Doch mit „De­mo­ka­tie! Wo­für wir kämp­fen“mel­den sich Micha­el Hardt und An­to­nio Ne­gri, die streit­ba­ren Vor­den­ker der „Multi­tu­de“, in ge­wohn­ter Wei­se zu Wort. In die­ser schma­len Schrift, die in Auf­ma­chung und Dik­ti­on ein we­nig an die so er­folg­rei­chen Pu­bli­ka­tio­nen des jüngst ver­stor­be­nen Sté­pha­ne Hes­sel er­in­nern, kom­men die bei­den di­rekt zur Sa­che: Nein, die­se Schrift sei „kein Ma­ni­fest“, denn „die so­zia­len Be­we­gun­gen wür­den nicht als Pro­phe­ten auf­tre­ten“, in­dem sie „Ide­al­wel­ten be­schwö­ren“. (…) „Sie sind schon auf den Stra­ßen, be­set­zen Plät­ze und stür­zen nicht nur Herr­scher, son­dern ent­wer­fen neue Zu­kunfts­vi­sio­nen. Mehr noch, mit ih­ren Ge­dan­ken und Ta­ten, ih­ren Pa­ro­len und Sehn­süch­ten for­mu­lie­ren sie neue Grund­sät­ze und Wahr­hei­ten.“(S. 7)

Wie es ge­lin­gen kann, dar­auf ei­ne neue, nach­hal­ti­ge Ge­sell­schaft zu bau­en, ist Ge­gen­stand die­ses Ban­des. Es ge­he dar­um, so Hardt/ne­gri, in der po­li­ti­schen Kri­se die Macht des Han­delns wie­der zu erlangen: „In Re­vol­ten und Re­bel­lio­nen kön­nen wir uns der Un­ter­drü­ckung ver­wei­gern, un­ter der wir in die­sen Rol­len lei­den, vor al­lem aber kön­nen wir die­se Rol­len in ihr Ge­gen­teil ver­keh­ren und un­se­re Macht zu­rück­ge­win­nen“, zei­gen sich die bei­den zu­ver­sicht­lich. Hie­zu sei es not­wen­dig, die Knecht­schaft der Ver­schul­dung ab­zu­schüt­teln, sich aus der ver­lo­cken­den Be­tö­rung der in­halts­lee­ren Net­ze der glo­ba­len Kom­mu­ni­ka­ti­on zu be­frei­en und der Ver­wah­rung all je­ner, die den Ge­set­zen des Mark­tes nicht fol­gen wol­len oder kön­nen, ent­ge­gen­zu­tre­ten. Schließ­lich und vor al­lem ge­he es dar­um, die hoh­len Phra­sen der „Ver­tre­ter“zu durch­schau­en und die Ge­schi­cke selbst in die Hand zu neh­men.

Um der Re­vol­te Gestalt und Kraft zu ge­ben, for­mu­lie­ren die Au­to­ren vier Im­pe­ra­ti­ve: „Ver­wei­gert die Schul­den!“, „Schafft neue Wahr­hei­ten!“, „Be­freit Euch!“und „Ver­fasst Euch!“, um da­ran an­schlie­ßend Über­le­gun­gen zur ei­ner „Ver­fas­sung für das Ge­mein­sa­me“an­zu­stel­len. In der „Grund­satz­er­klä­rung“heißt es u. a. „Wir sind da­von über­zeugt, dass nur ein Ver­fas­sungs­pro­zess, der auf dem Ge­mein­sa­men ba­siert, ei­ne ech­te Al­ter­na­ti­ve bie­tet und wir hal­ten fol­gen­de Wahr­hei­ten für selbst­ver­ständ­lich: dass al­le Men­schen gleich sind, dass sie im po­li­ti­schen Kampf ge­wis­se un­ver­äu­ßer­li­che Rech­te er­run­gen ha­ben, dass da­zu nicht nur Le­ben, Frei­heit und das Stre­ben nach Glück ge­hö­ren, son­dern auch der freie Zu­gang zu Ge­mein­schafts­gü­tern, die ge­rech­te Ver­tei­lung des Reich­tums und die Nach­hal­tig­keit des Ge­mein­sa­men…“(S. 59).

Für neue Ge­wal­ten­tei­lung

Die Re­vol­te kön­ne nur auf der Ba­sis des Ge­mein­sa­men ge­lin­gen, es sei nicht ent­schei­dend, ob sie schnell oder lang­sam vor­an­kom­me, wich­ti­ger sei­en ih­re Au­to­no­mie und Viel­falt, die sich in ei­ner Viel­zahl von Ge­gen­wel­ten, in ver­schie­de­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men ma­ni­fes­tie­ren und von Min­der­hei­ten ge­tra­gen wer­den. Wir wür­den so zu Zeu­gen ei­ner plu­ra­len Po­li­tik, in der Ent­schei­dun­gen zu tref­fen sind: et­wa dar­über, ob Wi­der­stand ge­leis­tet wer­den soll, oder auch dar­über, wo­für es zu kämp­fen gilt: et­wa die Ver­ge­mein­schaf­tung von Was­ser, von Ban­ken, von Bil­dung und nicht zu­letzt des Staa­tes. M. Hardt/a. Ne­gri skiz­zie­ren die „Agen­da für ei­ne neue Ge­wal­ten­tei­lung“, sind aber Rea­lis­ten ge­nug um zu er­ken­nen, dass „die An­kunft des Ge­mei­nen“noch nicht so bald zu er­war­ten ist, denn „die Kräf­te, die uns um­stel­len, er­schei­nen schier un­über­wind­lich. Das Mons­ter hat so vie­le Köp­fe! / Aber selbst in Mo­men­ten der Ver­zweif­lung soll­ten wir uns da­ran er­in­nern, dass in der Ge­schich­te im­mer wie­der un­er­war­te­te und un­vor­her­seh­ba­re Er­eig­nis­se ein­tre­ten und die Kar­ten neu mi­schen. (…) Wir müs­sen uns auf ein Er­eig­nis ein­stel­len, des­sen Da­tum un­ge­wiss ist.“(S. 113f.) Ganz und gar au­ßer Zwei­fel al­ler­dings steht, dass die De­bat­te um die Ver­fasst­heit ei­ner neu­en Ge­sell­schaft heu­te mehr denn je zu füh­ren ist. Micha­el Hardt und An­to­nio Ne­gri ge­ben hier­für we­sent­li­che, ja un­ver­zicht­ba­re Im­pul­se! W. Sp. De­mo­kra­tie

11 Hardt, Micha­el; Ne­gri, An­to­nio: De­mo­kra­tie! Wo­für wir kämp­fen. Frank­furt/m.: Cam­pus, 2013. 127 S., € 12,90[D], 13,30 [A], sfr 18,90

ISBN 978-3-593-39825-9

„Es gibt wie­der Be­we­gung hin zu ei­ner so­li­da­ri­schen, men­schen­ge­rech­ten und zu­kunfts­fä­hi­gen Öko­no­mie. Man­che An­sät­ze sind aus der Not ge­bo­ren, an­de­re wer­den ge­tra­gen von Men­schen, die ihr Geld lie­ber sinn­voll an­le­gen, als es in Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäf­te zu ste­cken.“(Dyttrich/wuh­rer in , S. 10)

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„Wenn die De­mo­kra­tie ei­ne lee­re Geld­welt ist, de­ren Ord­nung durch den To­de­s­trieb be­stimmt ist, dann kann ihr Ge­gen­teil mit­nich­ten der De­s­po­tis­mus oder der ‚To­ta­li­ta­ris­mus‘ sein.“(A. Ba­diou , S. 21) in

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„Der Er­halt der so­zia­len De­mo­kra­tie wird al­lein mit dem Hin­weis auf die in­di­vi­du­el­le Frei­heit bei gleich­zei­ti­ger Re­du­zie­rung öf­fent­li­cher An­ge­bo­te und so­zia­ler Bin­dun­gen nicht glü­cken.“

(Ju­li Zeh in , S. 134)

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„Die Ver­tre­te­nen wis­sen nur zu gut, dass die Struk­tu­ren der Volks­ver­tre­tung längst in sich zu­sam­men­ge­bro­chen sind, doch sie se­hen kei­ne Al­ter­na­ti­ven und spü­ren nichts als Angst. Die­ses Ge­fühl nährt po­pu­lis­ti­sche und cha­ris­ma­ti­sche For­men der Po­li­tik, die nicht ein­mal so tun, als wür­den sie ir­gend­je­man­den ver­tre­ten.“(Hardt/ne­gri, in , S. 34)

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