Nach­hal­tig­keit Wie um­steu­ern?

ProZukunft - - Inhalt -

Hans Holzin­ger stellt im Kon­text der ge­for­der­ten „Gro­ßen Trans­for­ma­ti­on“Pu­bli­ka­tio­nen vor, die Ana­ly­se­wis­sen und Hand­lungs­vor­schlä­ge ver­ei­nen. Ap­pel­le an den Ein­zel­nen wer­den nicht rei­chen, so sein Fa­zit, not­wen­dig ist ei­ne po­li­ti­sche Um­steue­rung.

Als Kri­se be­zeich­net der So­zi­al­wis­sen­schaft­ler Da­vi­de Broc­chi die sich auf­tu­en­de Lü­cke zwi­schen Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit. Ein Sen­so­ri­um für ei­ne mög­lichst um­fas­sen­de Rea­li­täts­wahr­neh­mung zu ent­wi­ckeln, gilt da­her als wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für nach­hal­ti­ge Zu­kunfts­steue­rung. Hans Holzin­ger stellt im Kon­text der ge­for­der­ten „Gro­ßen Trans­for­ma­ti­on“(s. PZ 2012/3) Pu­bli­ka­tio­nen vor, die bei­des ver­ei­nen: Ana­ly­se­wis­sen und Hand­lungs­vor­schlä­ge. Der Te­nor da­bei: Ap­pel­le an den Ein­zel­nen wer­den nicht rei­chen, sie die­nen viel­mehr der Selbst­be­ru­hi­gung und Ablen­kung. Not­wen­dig ist ei­ne po­li­ti­sche Um­steue­rung, die neue Rah­men­be­din­gun­gen für al­le setzt.

Glo­ba­le Trends

Die An­for­de­run­gen an die In­sti­tu­tio­nen glo­ba­ler Po­li­tik­ge­stal­tung hät­ten seit dem Er­schei­nen der letz­ten Aus­ga­be von Glo­ba­le Trends vor drei Jah­ren so stark zu­ge­nom­men, dass von ei­nem „per­ma­nen­ten Über­druck“im Sys­tem der in­ter­na­tio­na­len Be­zie­hun­gen ge­spro­chen wer­den müs­se, so die Her­aus­ge­ber der Glo­ba­len Trends 2013 um Tho­mas De­biel, Di­rek­tor des In­sti­tuts für Ent­wick­lung und Frie­den an der Uni­ver­si­tät Duis­burg-es­sen, wel­ches ge­mein­sam mit der Stif­tung Ent­wick­lung und Frie­den für die Her­aus­ga­be ver­ant­wort­lich zeich­net.

Das über Jahr­zehn­te ge­schür­te Miss­trau­en ge­gen­über den Ver­ein­ten Na­tio­nen so­wie ih­re durch Blo­cka­de­po­li­tik aus­ge­he­bel­te Pro­blem­lö­sungs­fä­hig­keit ha­be da­zu bei­ge­tra­gen, den „in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten Mul­ti­la­te­ra­lis­mus“aus­zu­höh­len, so die Ex­per­tin­nen wei­ter. Zen­tra­le Zu­kunfts­fra­gen wie die Re­duk­ti­on von Treib­haus­ga­sen oder die Um­stel­lung der glo­ba­len Ener­gie­ver­sor­gung auf er­neu­er­ba­re Ener­gi­en blie­ben un­ge­löst. Die da­mit ver­bun­de­ne „Frag­men­tie­rung der Po­li­tik­ge­stal­tung“füh­re zu ei­ner „neu­en Un­über­sicht­lich­keit“, die ten­den­zi­ell die Un­gleich­ge­wich­te ver­stärkt. Die Mäch­ti­ge­ren – dar­un­ter neue Schwel­len­län­der – wür­den ih­re In­ter­es­sen ge­gen­über we­ni­ger Mäch­ti­gen durch­set­zen (S. 11).

Zu­dem se­hen die Au­to­rin­nen neue Kräf­te, die auch das Sou­ve­rä­ni­täts­ver­ständ­nis der Staa­ten ver­än­dern: „Ge­sell­schaft­li­che Pro­test­be­we­gun­gen weh­ren sich zu­neh­mend ge­gen die man­geln­de Be­reit­stel­lung na­tio­na­ler wie glo­ba­ler Ge­mein­schafts­gü­ter durch die Po­li­tik so­wie ihr Ver­sa­gen ge­gen­über do­mi­nie­ren­den Markt­kräf­ten.“(ebd.) Die wach­sen­den Mit­tel­schich­ten in Ent­wick­lungs­län­dern sei­en da­bei „ei­ne zen­tra­le Kraft“. Das In­ter­net bie­te neue Chan­cen auf po­li­ti­sche Teil­ha­be so­wie trans­na­tio­na­le Ver­net­zung und Öf­fent­lich­keit.

Frag­men­tie­rung glo­ba­len Re­gie­rens

Die “Frag­men­tie­rung glo­ba­len Re­gie­rens“er­öff­net nach An­sicht der Au­to­rin­nen durch­aus Chan­cen, et­wa wenn sich im Ge­fol­ge der Un-mil­le­ni­ums­zie­le Stif­tun­gen in Pu­b­lic Pri­va­te Part­nerships in der Ar­muts­be­kämp­fung en­ga­gie­ren oder wenn An­stren­gun­gen zu neu­en Wirt­schafts­re­gu­lie­run­gen un­ter­nom­men wer­den, wie die aus dem G8-zu­sam­men­hang ent­stan­de­ne „Extrac­tive In­dus­try Trans­pa­ren­cy Initia­ti­ve“oder die maß­geb­lich von den G20 aus­ge­hen­den Be­stre­bun­gen zur Re­form des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds in der Fi­nanz­kri­se 2007/2008. Zu­gleich ber­ge ein „Welt­re­gie­ren á la car­te“aber Ri­si­ken: Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen kön­nen in den Vor­der­grund tre­ten, die Viel­zahl an Initia­ti­ven und For­ma­ten kön­ne zu un­nö­ti­gen Trans­ak­ti­ons­und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kos­ten füh­ren. Be­güns­tigt wür­de zu­dem ei­ne Art „Fo­rum shop­ping“, bei dem die Ak­teu­re im­mer wie­der nach der In­sti­tu­ti­on mit der für sie güns­tigs­ten Lö­sung su­chen (S. 14).

Die Glo­ba­len Trends 2013 ge­ben pro­fun­de Ana­ly­sen und sie scheu­en sich auch nicht, Vor­schlä­ge für Zu­kunfts­lö­sun­gen zu un­ter­brei­ten. In ins­ge­samt 20 Bei­trä­gen er­ör­tern aus­ge­wie­se­ne Ex­per­ten und Ex­per­tin­nen The­men wie die In­for­ma­li­sie­rung der Welt­po­li­tik, den Auf­stieg neu­er Mäch­te, den Wan­del der staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät, die Fra­ge von Ge­walt­kon­flik­ten und mi­li­tä­ri­schen In­ter­ven­tio­nen oder die Chan­cen und Gren­zen von De­mo­kra­ti­sie­rung. Es wer­den „Leh­ren aus dem ara­bi­schen Früh­ling ge­zo­gen“, die Chan­cen di­gi­ta­ler Me­di­en aus­ge­lo­tet („Re­vo­lu­ti­on 2.0?“) so­wie neue Her­aus­for­de­run­gen an das Völ­ker­recht an­ge­sichts mo­der­ner For­men der Skla­ve­rei (Men­schen­han­del) ana­ly­siert. Ne­ben „Frie­den“und „Ent­wick­lung“gilt „Glo­ba­le Nach­hal­tig­keit“als drit­ter Schwer­punkt des Ban­des. Da­bei geht es um Aspek­te wie „Öl­res­sour­cen als Macht­mit­tel“, „We­ge zu ei­ner nach­hal­ti­gen Ener­gie­ver­sor­gung“, „Er­näh­rungs­si­che­rung als glo­ba­le Her­aus­for­de­rung“oder „Land-

nut­zungs­wan­del als neu­er Kon­flikt­herd“. Selbst­re­dend ist auch der Welt­kli­ma­po­li­tik als „Si­sy­phus­auf­ga­be der Welt­ge­sell­schaft“ein Ka­pi­tel ge­wid­met. So wird der li­mi­tie­ren­de Fak­tor für die glo­ba­le Ener­gie­ver­sor­gung im 21. Jahr­hun­dert nicht im Ver­sie­gen der fos­si­len Ener­gie­r­oh­stof­fe, son­dern in der not­wen­di­gen Ein­däm­mung des Kli­ma­wan­dels ge­se­hen. Kurz ge­sagt: die Her­aus­for­de­rung be­steht dar­in, gar nicht al­le ver­füg­ba­ren fos­si­len Res­sour­cen zu ver­feu­ern.

Ge­stützt auf die neu­es­te in­ter­na­tio­na­le Fach­li­te­ra­tur und auf ei­ne Viel­zahl von Da­ten aus ei­ner Rei­he von in­ter­na­tio­na­len Be­rich­ten und Ana­ly­sen ge­ben die Bei­trä­ge fach­lich fun­dier­te In­for­ma­tio­nen, il­lus­triert mit an­schau­li­chen Gra­fi­ken und Ta­bel­len. H. H. Trends: glo­ba­le

2 Glo­ba­le Trends 2013. Frie­den, Ent­wick­lung, Um­welt. Hrsg. v. Stif­tung Ent­wick­lung und Frie­den, In­sti­tut für Ent­wick­lung und Frie­den. Frank­furt: Fi­scher 2012. 351 S., € 16,99 [D], 17,50 [A], sfr 23,50

ISBN 978-3-596-19423-0

At­las der Glo­ba­li­sie­rung

Folgt dem „Kampf der Kul­tu­ren“nun das „Ver­schmel­zen der Wel­ten“?, fragt Ser­ge Hali­mi, Di­rek­tor von Le Mon­de Di­plo­ma­tique in der Ein­lei­tung zum ak­tu­el­len At­las der Glo­ba­li­sie­rung im Hin­blick dar­auf, dass Chi­na und die an­de­ren Schwel­len­län­der dem durch den Fi­nanz­crash von 2007 ma­ro­de ge­wor­de­nen Ka­pi­ta­lis­mus wie­der auf die Bei­ne ge­hol­fen hät­ten. Chi­na, das der Wes­ten im 19. Jahr­hun­dert „er­drückt und zer­stü­ckelt“hat­te, wer­de nun zu des­sen „Werk­bank und Ban­kier“. Doch Hali­mi sieht die­se Ent­wick­lung kri­tisch, wenn er von ei­ner neu­en „glo­ba­len Olig­ar­chie“spricht: „Sie baut in Chi­na Fa­b­ri­ken, in­ves­tiert ihr Ver­mö­gen in Lon­do­ner, New Yor­ker und Pa­ri­ser Im­mo­bi­li­en, holt sich die Nan­nys aus den Philippinen, schickt ih­re Kin­der nach Ha­vard und bun­kert ihr Geld in Steu­er­oa­sen“. Wäh­rend ei­ni­ge We­ni­ge den Sprung auf die Hit­lis­te der reichs­ten Mil­li­ar­dä­re schaf­fen, kom­me der Wohl­stand bei den ein­fa­chen Men­schen nur be­grenzt oder gar nicht an. Doch es gä­be Wi­der­stand. Hali­mi setzt auf die „De­mons­tran­ten in Si­do Bou­zaid und auf dem Th­a­hir­platz“, die „Ak­ti­vis­ten der Pu­er­to del Sol und von Oc­cu­py Wall Street“, die „Ar­bei­ter von Shen­zen und die chi­le­ni­schen Stu­den­ten“, die „wie schon 1848, 1918 und 1968 – das Un­wahr­schein­li­che mög­lich und dem Fa­ta­lis­mus ein En­de“be­rei­ten wür­den (al­le Zi­ta­te S. 7).

Der vor­lie­gen­de At­las der Glo­ba­li­sie­rung, der wie al­le sei­ne Vor­gän­ger­aus­ga­ben, durch prä­gnan­te Ana­ly­sen und an­schau­li­che Gra­fi­ken be­sticht, bie­tet – gleich den Glo­ba­len Trends (s. o.) – ei­ne Fül­le an In­for­ma­tio­nen zu al­len wich­ti­gen Zu­kunfts­fel­dern der Öko­no­mie, Ge­sell­schaft und glo­ba­len Res­sour­cen. „Der lan­ge Ab­schied vom Wachs­tum“, „Glo­ba­le In­stan­zen oh­ne Kon­zep­te“, „Sel­te­ne Roh­stof­fe, kost­bar und um­kämpft“, „Das En­de des fos­si­len Zeit­al­ters“oder „Neue Play­er im Öl­ge­schäft“– so ei­ni­ge der Ka­pi­tel die­ses Nach­schla­ge­werks über die „Welt von mor­gen“. The­ma­ti­siert wer­den Fra­gen des Welt­han­dels und der glo­ba­len Agrar­märk­te, der Rol­le von Bil­dung und Wis­sen, So­zi­al­po­li­tik oder Neu­en Me­di­en im Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zess so­wie der Ge­fahr mög­li­cher zu­künf­ti­ger Kon­flik­te – et­wa im Kon­text von Res­sour­cen­ver­knap­pun­gen. Den Her­aus­ge­be­rin­nen ist es auch in der vor­lie­gen­den Aus­ga­be ge­lun­gen, aus­ge­wie­se­ne Ex­per­tin­nen zu ge­win­nen. So schreibt et­wa My­cle Schnei­der, Ver­fas­ser des World Nu­cle­ar Sta­tus-re­port, über das „pro­gram­mier­te En­de der Atom­kraft“(S. 164f). Be­dingt wer­den auch al­ter­na­ti­ve Zu­kunfts­we­ge an­ge­spro­chen, et­wa die Ent­wick­lung neu­er Wohl­stands­in­di­ka­to­ren, die Be­grü­nung von Wüs­ten oder eben neue so­zia­le Be­we­gun­gen, sei es im ara­bi­schen Raum, in Latein­ame­ri­ka oder Asi­en („Die Welt im Auf­bruch“(S. 148ff). Ein wert­vol­les Nach­schla­ge­werk. H. H. Trends: glo­ba­le

3 At­las der Glo­ba­li­sie­rung. Die Welt von mor­gen. Hrsg. v. Le Mon­de Di­plo­ma­tique und taz. Berlin: taz Ver­lags- und Be­triebs Gm­bh 2012. 176 S. € 14,[D], 14,40 [A], sfr 19,60 ; ISBN 978-3-937683-38-6

Be­schiss­at­las

Bri­san­tes ent­hält auch ein an­de­rer At­las, von des­sen Na­men man sich nicht ab­schre­cken las­sen soll­te, der „Be­schiss­at­las“von Ute Scheub und Yvon­ne Ku­schel. Die Jour­na­lis­tin Scheub hat ei­ne Viel­zahl an „Zah­len und Fak­ten zu Un­ge­rech­tig­kei­ten in Wirt­schaft, Ge­sell­schaft und Um­welt“– so der sach­li­che Un­ter­ti­tel – zu­sam­men­ge­tra­gen. Die Künst­le­rin Ku­schel hat die­se mit an­schau­li­chen wie bis­sig-wit­zi­gen Il­lus­tra­tio­nen ver­se­hen. So ver­sucht gleich auf den ers­ten Sei­ten ei­ne be­sorg­te Frau den Pla­ne­ten in ih­ren Ar­men zu schüt­zen, wäh­rend über ihr rie­si­ge Atom­bom­ben dro­hen. Das „Dorf Welt“wird an­hand von hun­dert Men­schen dar­ge­stellt, die zu­nächst nur als 100 Men­schen er­schei­nen, dann et­wa als 61 Asia­ten, 15 Afri­ka­ner, 11 Eu­ro­pä­er und 13 Ame­ri­ka­ner oder als 89 He­te­ro­se­xu­el­le und 11 Ho­mo­se­xu­el­le oder als 51 Nor­mal­ge­wich­ti­ge, 14 Hun­gern­de, 14 Man­gel­er­nähr­te, 14 zu Di­cke und 7 Fett­lei­bi­ge. 12 For­men von „Be­schiss“wer­den ins­ge­samt aus-

ge­führt – vom „Er­näh­rungs- und Ar­beits­be­schiss“über den „Ver­tei­lungs- und Ver­schul­dungs­be­schiss“so­wie dem „Ge­schlech­ter- und Mi­gra­ti­ons­be­schiss“bis hin zum „De­mo­kra­tie-, Na­tur-, Kli­ma-, Ver­kehrs,rüs­tungs­und Glücks­be­schiss“. Mit frap­pan­ten Ver­glei­chen und Re­chen­bei­spie­len wer­den die Ab­sur­di­tä­ten des ge­gen­wär­ti­gen Zu­stan­des der Welt an­schau­lich ge­macht: „Wer 1 Mil­li­ar­de Eu­ro be­sitzt, muss bei ei­ner Jah­res­ver­zin­sung sei­nes Ver­mö­gens von 5 % täg­lich 137.000 Eu­ro aus­ge­ben, um NICHT rei­cher zu wer­den“, so ein Bei­spiel (S. 60). „In den USA kon­trol­liert 1 % der Reichs­ten et­wa 90% al­len Ver­mö­gens“, so ein an­de­res, das den Slo­gan der Oc­cu­py Walls Street-be­we­gung „Wir sind die 99 Pro­zent“be­grün­det hat (S. 65). Un­ter der Fra­ge „Wer hat den längs­ten?“wer­den die Yach­ten der Mil­li­ar­dä­re vor­ge­stellt: Je­ne von Ro­man Abra­mo­witsch misst 162,5 Me­ter „und da­mit 50 Zen­ti­me­ter mehr als das Boot des Emirs von Du­bai“(ebd.). Öko­no­mi­sche Zu­sam­men­hän­ge wer­den gut ver­ständ­lich er­klärt: „Schul­den sind Um­ver­tei­lungs­ma­schi­nen zu­guns­ten der Be­sit­zen­den.“(S. 72) Dass Rei­che­re auch hin­sicht­lich Bil­dungs- und Kar­rie­re­chan­cen be­vor­zugt sind, wird eben­so er­hellt wie de­ren län­ge­re Le­bens­er­war­tung: „Hier tun die Ar­men den Rei­chen den Ge­fal­len, zwi­schen 8 und 11 Jah­ren frü­her zu ster­ben und den Be­gü­ter­ten so in­di­rekt ein län­ge­res Le­ben mit ei­ner üp­pi­ge­ren Ren­te zu er­mög­li­chen.“(S. 69) Ein letz­ter Ver­gleich: „Der re­gu­lä­re Jah­res­etat der Ver­ein­ten Na­tio­nen be­trug 2010/2011 2,6 Mil­li­ar­den Dol­lar - nur we­nig mehr, als das Us-mi­li­tär an ei­nem Tag kos­tet.“(S. 176).

Doch nicht nur Schänd­lich­kei­ten wer­den auf­ge­zeigt; je­des Ka­pi­tel en­det mit ei­nem Ab­schnitt „So kann es auch ge­hen“. H. H. Ge­sell­schafts­kri­tik

4 Ku­schel, Yvon­ne; Scheub, Ute: Be­schiss­at­las. Zah­len und Fak­ten zu Un­ge­rech­tig­kei­ten in Wirt­schaft, Ge­sell­schaft und Um­welt. 208 S. € 19,99 [D], 20,60 [A], sfr 28,50 ; ISBN 978-3-453-28037-3

Wen­de über­all?

„Wen­de über­all? Von Vor­rei­tern, Nach­züg­lern und Sit­zen­blei­bern“– so das The­ma des Jahr­buchs Öko­lo­gie 2013. In be­währ­ter Ma­nier – und das heißt hier auf höchs­tem Ni­veau – wer­den dar­in Be­fun­de und Trends aus den zen­tra­len Nach­hal­tig­keits­fel­dern Ener­gie, Ver­kehr, Land­wirt­schaft, Er­näh­rung, Wirt­schaft und Wis­sen­schaft ana­ly­siert und Trans­for­ma­ti­ons­po­ten­zia­le aus­ge­lo­tet. Ähn­lich wie die Au­to­rin­nen von Glo­ba­le Trends (s. o.) warnt ein­lei­tend Chris­toph Bals von Ger­m­an­watch da­vor, die ma­ge­ren Er­geb­nis­se von „Rio 2012“als An­lass für die Ab­kehr von glo­ba­len Ver­hand­lun­gen zu neh­men. Dies wür­de be­deu­ten, „end­gül­tig das Recht der Stär­ke­ren an die Stel­le des – oh­ne­dies schwa­chen – Völ­ker­rechts zu set­zen und die na­tio­na­len Re­gie­run­gen aus der Pflicht zu las­sen.“(S. 15)

Durch­aus Er­freu­li­ches wird von der Ener­gie­wen­de be­rich­tet – der Be­griff gilt mitt­ler­wei­le in den USA als deut­sches Spe­zi­fi­kum und wur­de ähn­lich wie „Kin­der­gar­ten“und „Ruck­sack“ins ei­ge­ne Vo­ka­bu­lar auf­ge­nom­men. Pe­ter Hen­ni­cke und Do­ro­thea Haupt­s­tock vom Wup­per­tal In­sti­tut kom­men in ei­ner ver­glei­chen­den Ana­ly­se ein­schlä­gi­ger Ener­gies­ze­na­ri­en zum Schluss: „Ei­ne Re­duk­ti­on von C02 um 80 Pro­zent bis zum Jahr 2050 ist in Deutsch­land auch oh­ne Atom­ener­gie tech­nisch und wirt­schaft­lich mög­lich“(S. 25) Auch den bis­her ein­ge­lei­te­ten Ve­rän­de­rungs­schrit­ten, al­len vor­an dem Er­neu­er­ba­re-en­er­gie­ge­setz, wird ein po­si­ti­ves Zeug­nis aus­ge­stellt. An­ders ist dies hin­sicht­lich der Ver­kehrs- und Er­näh­rungs­wen­de, wo trotz er­folg­rei­cher Ni­schen­ak­teu­re noch kein Pa­ra­dig­men­wech­sel in Sicht ist. Mar­tin Held und Jörg Schind­ler for­dern von der Po­li­tik kla­re Si­gna­le für ei­ne Ver­kehrs­wen­de nach dem Mot­to: „Von der fos­si­len Ver­kehrs­po­li­tik zur post­fos­si­len Mo­bi­li­täts­po­li­tik“(S. 48) Weert Canz­ler und Andre­as Knie ent­wer­fen das Zu­kunfts­bild ei­ner „in­te­grier­ten Elek­tro­mo­bi­li­tät“, in der ein mo­der­ner Öf­fent­li­cher Ver­kehr mit E-au­tos, Pe­del­ecs und Elek­trorol­ler kom­bi­niert wür­de. Nicht mehr der Be­sitz, son­dern die Ver­füg­bar­keit über Fahr­zeu­ge wür­de in Zu­kunft – ab­ge­wi­ckelt über ei­ne ein­fach zu hand­ha­ben­de Mo­bi­li­ty-card – die zen­tra­le Rol­le spie­len, so die Ex­per­ten. Als neue Ziel­grup­pe ma­chen sie ins­be­son­de­re die „tech­no­lo­gie-af­fi­nen Ur­ba­ni­ten“der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on aus, bei de­nen der An­teil der Pkw-neu­zu­las­sun­gen dras­tisch sin­ke (S. 53).

Hin­sicht­lich Er­näh­rungs­wen­de be­klagt Franz­theo Gott­wald, dass über die be­kann­ten Ni­schen der Bio­land­wirt­schaft hin­aus die grund­sätz­li­che Um­stel­lung noch aus­ste­he – so­wohl in Deutsch­land als auch welt­weit. Ähn­li­ches gilt für die Wirt­schaft ins­ge­samt bzw. für den pro­du­zie­ren­den Sek­tor. Ste­fan Schal­teg­ger und Erik G. Han­sen skiz­zie­ren ers­te Er­fol­ge an den Bei­spie­len Tex­til- und Ener­gie­bran­che. Uwe Schnei­de­wind und Hans-jo­chen Luh­mann for­dern in der Fol­ge ei­ne Trans­for­ma­ti­on des Wis­sen­schafts­sys­tems in zwei Rich­tun­gen: Durch „Trans­for­ma­ti­ons­for­schung“sol­len die Be­din­gun­gen, Hür­den und Chan­cen für den Wan­del un­ter­sucht wer­den; und „trans­for­ma­to­ri­sche For­schung“soll Wand­lungs­pro­zes­se ak­tiv be­för­dern, was neue Prio­ri­tä­ten­set­zun­gen auch in der Wis­sen­schafts­land­schaft und de­ren fi­n­an-

ziel­len Do­tie­run­gen er­for­de­re. Par­al­lel da­zu wer­den von Gerd Mi­chel­sen „Trans­for­ma­ti­ons­bil­dung“– als Ver­ste­hen-ler­nen von Wan­dungs­pro­zes­sen – so­wie „trans­for­ma­ti­ve Bil­dung“vor­ge­schla­gen. Not­wen­dig hier­für sei die Ver­an­ke­rung von Nach­hal­tig­keit in der Leh­re­rin­nen­aus­bil­dung eben­so wie in Lehr­ma­te­ria­li­en.

Wei­te­re Bei­trä­ge gel­ten spe­zi­fi­schen Aspek­ten der Nach­hal­tig­keit wie der Rol­le von „Um­welt-think Tanks“, neu­en Fi­nanz­al­li­an­zen und den Chan­cen und Gren­zen von „Gre­en Eco­no­my“, häu­fig zu we­nig be­ach­te­ten Pro­ble­men wie dem Flä­chen­ver­brauch, der Nah­rungs­mit­tel­ver­schwen­dung, den Schiffs­e­mis­sio­nen und der Mee­res­ver­schmut­zung. Wie im­mer wer­den auch dies­mal kon­kre­te Pro­jek­te wie ei­ne Co2-neu­tra­le Uni­ver­si­tät, Initia­ti­ven für „Ener­gie in Bür­ger­hand“, ein ers­tes So­lar­flug­zeug so­wie die Um­welt­in­sti­tu­tio­nen „No­va-in­sti­tut für Öko­lo­gie und In­no­va­ti­on“, „Grü­ne Li­ga e. V. – Netz­werk öko­lo­gi­scher Be­we­gun­gen“und „Slow Food Deutsch­land e. V.“vor­ge­stellt.

Be­son­ders ein­ge­gan­gen sei noch auf ei­nen Bei­trag des So­zi­al­wis­sen­schaft­lers Da­vi­de Broc­chi, der auf die be­grenz­ten Kri­sen­re­ak­ti­ons­po­ten­zia­le von Ge­sell­schaf­ten ein­geht. Kri­sen deu­tet der Au­tor als „Lü­cke zwi­schen Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit“(S. 131), was am Ver­hal­ten der Eu­ro­pä­er im Som­mer 1939 kurz vor dem Aus­bruch des 2. Welt­kriegs eben­so ab­zu­le­sen sei wie am Aus­bruch der Fi­nanz­kri­se im Som­mer 2008. In bei­den Fäl­len herrsch­te weit­ge­hen­de Ver­drän­gung. Im Som­mer 1939 gin­gen die meis­ten Men­schen auf Ur­laub, „wie an je­dem war­men Som­mer da­vor“(S. 130) und War­nun­gen wie das 2003 er­schie­ne­ne Buch „The Co­m­ing Crash in the Hou­sing Mar­ket“oder der 2006 er­schie­ne­ne Ti­tel „Der Crash kommt“wur­den ein­fach igno­riert. Broc­chi sieht vier Hür­den für kom­ple­xe Wahr­neh­mung: Men­schen kön­nen nicht die gan­ze Wirk­lich­keit wahr­neh­men, sie wol­len es nicht (z. B. Kon­for­mi­täts­zwang), sie müs­sen es nicht (Ar­beits­tei­lung, Macht) und vier­tens sie dür­fen es nicht (Ge­heim­hal­tung wich­ti­ger Din­ge, Ablen­kung durch Un­ter­hal­tung und „tit­ty­tain­ment“). Wie lässt sich nun die Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit schär­fen? Broc­chi spricht von „ge­sell­schaft­li­chen Sin­nes­or­ga­nen“, die die Wach­sam­keit und das „Emp­fin­den des Schmer­zes“(S. 135) för­dern und nennt fünf Grup­pen: die Zi­vil­ge­sell­schaft, die Küns­te, die Na­turund Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ein­schließ­lich ei­nes in­ves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus, des Wei­te­ren die Mi­gran­ten (!) als „Bot­schaf­ter an­de­rer ge­sell­schaft­li­cher, kul­tu­rel­ler und öko­lo­gi­scher Rea­li­tä­ten“so­wie schließ­lich Pio­nie­re und Sub­kul­tu­ren als „ge­sell­schaft­li­che La­bors“(S. 135). Not­wen­dig sei ei­ne „Kul­tur­wen­de“(s. Bei­trag Hei­ke Leit­schuh, S. 16), denn der „Hy­per­kon­sum, die Hy­per­in­for­ma­ti­on, die Leis­tungs­ge­sell­schaft oder die Er­leb­nis­ge­sell­schaft“hät­ten die mensch­li­chen Gren­zen nicht er­wei­tert, son­dern das mensch­li­che Le­ben ver­stopft: „Vie­le Men­schen ha­ben kei­ne Zeit und kei­ne frei­en Räu­me mehr für ech­te Ve­rän­de­run­gen.“(S. 136) Broc­chi for­dert da­her drei­er­lei: ei­ne De-glo­ba­li­sie­rung, die das Le­ben wie­der über­schau­ba­rer macht, ei­ne De-vir­tua­li­sie­rung, die die sinn­li­che Wahr­neh­mung schärft, so­wie schließ­lich ei­ne De-me­dia­li­sie­rung, die tat­säch­li­che po­li­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on vor le­dig­li­ches In­for­miert­wer­den als Zu­schau­er des Ge­sche­hens stellt. Kon­zep­te wie die Rück­kehr zum mensch­li­chen Maß (Kohr, Schu­ma­cher) oder ei­ner Post­wachs­tums­öko­no­mie (Pa­ech) wür­den da­mit in den Vor­der­grund tre­ten. Oder wie es Hei­ke Leit­schuh in ih­rem Bei­trag über die Not­wen­dig­keit neu­er „Deu­tungs­eli­ten“for­mu­liert: „Mut zu Emo­tio­nen, Nach­hal­tig­keit Ge­sich­ter ge­ben und die Aus­sicht auf mehr Le­bens­qua­li­tät adres­sie­ren!“Ein in der Tat span­nen­der An­satz! H. H.

Wan­del: Nach­hal­tig­keit

5 Wen­de über­all? Von Vor­rei­tern, Nach­züg­lern und Sit­zen­blei­bern. Jahr­buch Öko­lo­gie 2013. Red. Udo Ernst Si­mo­nis. Stutt­gart: Hir­zel 2012. 256 S., € 21,90 [D], 22,60 [A], sfr 30,70

ISBN 978-3-7776-227810

Öko-kon­sum reicht nicht

„Nach­hal­ti­ger und um­welt­be­wuss­ter Kon­sum ist ab­so­lut not­wen­dig, wenn ei­ne Trend­wen­de er­reicht wer­den soll. Die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­te zum nach­hal­ti­gen Kon­sum läuft je­doch in die fal­sche Rich­tung. Sie schiebt den in­di­vi­du­el­len Kon­su­men­ten ei­ne Ver­ant­wor­tung zu, die sie we­der tra­gen wol­len noch kön­nen.“Da­mit um­reißt Ar­min Grund­wald vom Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie die zen­tra­le The­se sei­nes Bu­ches „En­de ei­ner Il­lu­si­on“(Zi­tat S. 13f). Der Ex­per­te – er ist zu­gleich Di­rek­tor des Bü­ros für Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung des Deut­schen Bun­des­tags – kon­sta­tiert die­se Ver­ant­wor­tungs­ab­schie­bung als Fol­ge der Ent­täu­schung über die Wirk­mäch­tig­keit von Po­li­tik, Wirt­schaft und NGOS seit Be­ginn der De­bat­ten über Nach­hal­tig­keit. Er be­schreibt Fal­len im Dis­kurs über Nach­hal­tig­keit – vom Glau­ben an In­for­ma­ti­on über fal­sche Mora­li­sie­rung und Droh­ge­bär­den über den Welt­un­ter­gang bis hin zu Ge­wis­sens­be­ru­hi­gung und Ablass­han­del – Mus­ter, die kul­tur­ge­schicht­lich be­reits im Al­ten Tes­ta­ment grund­ge­legt wur­den, doch in Be­zug auf den not-

wen­di­gen Wan­del we­nig hilf­reich sei­en: „Alar­mis­mus und Ka­ta­stro­phis­mus sind wie­der­keh­ren­de Mus­ter, an die wir uns fast ge­wöhnt ha­ben. Sie ge­hö­ren ge­ra­de­zu zum In­ven­tar un­se­rer Me­di­en­welt und der Mora­li­sie­rung.“(S. 54) Gr­un­wald zi­tiert bei­spiels­wei­se ei­ne Mel­dung der Bild-zei­tung aus dem Früh­jahr 2007, als ge­ra­de ein neu­er Ip­cc-be­richt er­schie­nen war: „Schafft es die Mensch­heit nicht bis zum Jahr 2020, den Treib­haus­ef­fekt zu stop­pen, löscht sie sich selbst aus – un­ter ent­setz­li­chen Qua­len.“(ebd). Die Mora­li­sie­rung des Kon­sums füh­re da­zu, dass wir uns per­ma­nent selbst be­fra­gen müs­sen, was der Ge­wis­sens­er­for­schung im Beicht­stuhl ähn­le, der Ablass­han­del sei da­her die lo­gi­sche Kon­se­quenz, et­wa durch die Leis­tung von Co2­aus­gleichz­sah­lun­gen für Flü­ge. Gr­un­wald zwei­felt nicht an der Not­wen­dig­keit ei­nes nach­hal­ti­ge­ren Kon­sums, je­doch da­ran, ob der mo­ra­li­sche Druck das rich­ti­ge Mit­tel sei und nennt als we­sent­li­che Hür­de das Mo­bi­li­sie­rungs­pro­blem („Nur als Mas­sen­phä­no­men kann nach­hal­ti­ger Kon­sum den Er­war­tun­gen ent­spre­chen.“S. 65), die Über­for­de­rung der Kon­su­men­ten, die bei Kon­sum­entschei­dun­gen et­wa un­ter Zeit­druck stün­den, der Man­gel an Sys­tem­wis­sen („Um Was­ser zu spa­ren, wä­re es bei­spiels­wei­se sinn­vol­ler, we­ni­ger Fleisch zu es­sen als we­ni­ger zu du­schen.“S. 72) so­wie Bu­me­rang- und Re­bound­ef­fek­te (Auf­wie­gen der Ef­fi­zi­enz­ge­win­ne durch mehr Kon­sum). Schließ­lich füh­re Frei­wil­lig­keit zum Tritt­brett­fah­rer-di­lem­ma.

Als Haupt­pro­blem sieht Grund­wald je­doch den „Trend zur Selbst­be­ru­hi­gung“: „Je stär­ker die Nach­hal­tig­keits-, Um­welt- und Kli­ma­pro­ble­me sicht­bar wer­den, um­so mehr wird über nach­hal­ti­gen Kon­sum ge­re­det.“(S. 87) Es ge­he aber dar­um, den Kurs des „Tan­kers“na­mens Mensch­heit oder Welt­ge­sell­schaft zu än­dern: „Der Kurs be­trifft das Gan­ze, und das ist im­mer ei­ne öf­fent­li­che An­ge­le­gen­heit mit all den An­for­de­run­gen an Dia­log, Trans­pa­renz und Le­gi­ti­ma­ti­on, die kei­ne Sa­che des pri­va­ten Kon­sums ist.“(S. 89) Da der Kurs uns al­le glei­cher­ma­ßen be­tref­fe, sei­en wir nicht als Kon­su­men­ten, son­dern als Bür­ger ge­fragt. Das En­ga­ge­ment auf öf­fent­li­chen Platt­for­men, in Dia­lo­gen, in (Mas­sen)-me­di­en so­wie zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen ma­che da­bei eben­so Sinn wie das Drän­gen auf neue Ge­set­ze (das deut­sche EEG nennt Gr­un­wald da­bei als Vor­bild). Letzt­lich sei ei­ne Art TÜV der Nach­hal­tig­keit für al­le neu­en Ge­set­zes­vor­ha­ben nö­tig, die Nach­hal­tig­keits­prü­fung sei in die Ge­set­zes­fol­gen­ab­schät­zung zu in­te­grie­ren. Der Ex­per­te ver­weist schließ­lich auf et­was, was in der Po­li­tik wohl un­ter­schätzt wird, näm­lich, „dass vie­le Men­schen den Sinn (nach­hal­tig­keits)-po­li­ti­scher Maß­nah­men durch­aus ein­se­hen, auch wenn sie zu­nächst zu in­di­vi­du­el­len Nach­tei­len füh­ren“(S. 99). Als Bei­spiel nennt er Steu­er­er­hö­hun­gen „Nie­mand be­grüßt sie, aber wenn es gu­te Ar­gu­men­te gibt und sie de­mo­kra­tisch be­schlos­sen und ver­bind­lich um­ge­setzt wer­den, wer­den sie ak­zep­tiert.“(ebd.)

H. H. Nach­hal­tig­keit: Po­li­tik

6 Gr­un­wald, Ar­min: Das En­de ei­ner Il­lu­si­on. War­um öko­lo­gisch kor­rek­ter Kon­sum die Um­welt nicht ret­ten kann. Mün­chen: oe­kom, 2012. 128 S., € 9,75 [D], 10,04 [A], sfr 13,60

ISBN-13: 978-3-86581-309-1

Wirt­schaft zum Glück

Trans­for­ma­ti­ons­for­schung wid­met sich den Be­din­gun­gen des Wan­dels. Ei­ne da­von sind kon­kre­te Pro­jek­te, die an­de­re We­ge ver­su­chen und da­mit neue kol­lek­ti­ve Er­fah­run­gen zur Ver­fü­gung stel­len. Denn Ide­en wer­den nur wirk­sam, wenn es Men­schen gibt, die sie in die Tat um­set­zen. Sol­che „Pio­nie­re des Wan­dels“im Be­reich neu­er Un­ter­neh­mens­for­men stellt ein von der „WOZ“– selbst ein ge­nos­sen­schaft­lich ge­führ­tes Me­di­en­pro­jekt in Zü­rich – her­aus­ge­ge­be­nes Buch „Wirt­schaft zum Glück“vor. Bet­ti­na Dytrich und Pit Wuh­rer ha­ben dar­in ge­mein­sam mit Ko-au­to­rin­nen Be­trie­be por­trä­tiert, de­ren Ziel nicht der Pro­fit, son­dern die Ori­en­tie­rung am Ge­mein­wohl so­wie an ei­ner ko­ope­ra­ti­ven Un­ter­neh­mens­kul­tur ist. Man­che An­sät­ze sei­en aus der Not ge­bo­ren, an­de­re vom Wunsch von Men­schen ge­tra­gen, ihr Geld sinn­voll an­zu­le­gen, so das Her­aus­ge­ber-duo. Ins­ge­samt wird ein Trend zu neu­en Un­ter­neh­mens­for­men kon­sta­tiert, die – wie im Fal­le von Ge­nos­sen­schaf­ten – ja nicht wirk­lich neu er­fun­den wer­den müs­sen, son­dern nur neu zu be­le­ben sind: „So ent­ste­hen zum Bei­spiel in Grie­chen­land über­all Net­ze der So­li­da­ri­tät und ge­gen­sei­ti­gen Hil­fe, die kol­lek­tiv ein Über­le­ben er­mög­li­chen. In Spa­ni­en kommt es wie­der zu Land­be­set­zun­gen, die von er­fah­re­nen Land­ar­bei­te­rin­nen-ko­ope­ra­ti­ven un­ter­stützt wer­den. In Deutsch­land er­lebt die Ge­nos­sen­schafts­be­we­gung ei­ne neue Blü­te, in Dä­ne­mark be­trei­ben in­zwi­schen weit über tau­send Bür­ge­rin­nen-ge­mein­schaf­ten Wind­parks, und im kri­sen­ge­schüt­tel­ten Bri­tan­ni­en ist die Ko­ope­ra­ti­ve Wirt­schaft in den letz­ten drei Jah­ren um zwan­zig Pro­zent ge­wach­sen.“(S. 10) Doch auch im Be­reich der Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung wür­den sich neue Er­zeu­ger-ver­brau­cher-ko­ope­ra­ti­ven ent­wi­ckeln, et­wa Food-

„All­mäh­lich be­ginnt sich auch auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne die Er­kennt­nis durch­zu­set­zen, dass sich vor­aus­schau­en­de Po­li­tik am Prin­zip der Vor­sor­ge und Kri­sen­prä­ven­ti­on ori­en­tie­ren muss. Doch die prak­ti­schen Hür­den sind hoch.“(Trends 2013 in , S.)

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„Nie­mals zu­vor hat das Wirt­schafts­sys­tem so vie­le in­dus­tri­ell her­ge­stell­te Wa­ren er­zeugt wie heu­te, ihr Vo­lu­men nahm noch im ers­ten Jahr­zehnt des 21. Jahr­hun­derts um 55 Pro­zent zu.“(At­las der Glo­ba­li­sie­rung in , S. S. 26)

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„Wenn wir Gäs­te be­her­ber­gen, wün­schen wir uns, dass sie die Räu­me, Toi­let­te und Ba­de­zim­mer so hin­ter­las­sen, wie sie sie vor­ge­fun­den ha­ben. Die Welt in ei­nem eben­so gu­ten Zu­stand zu hin­ter­las­sen, wie wir sie vor­ge­fun­den ha­ben, das ist ei­ne – zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen ver­kürz­te – De­fi­ni­ti­on des lei­der sehr ver­brauch­ten Wor­tes Nach­hal­tig­keit.“(Ute Scheub in , S. 7)

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„Das Neue kann sich schlecht ge­gen das Al­te durch­set­zen, wenn die al­ten Struk­tu­ren wei­ter­hin mas­siv sub­ven­tio­niert wer­den, was im­mer noch der Fall ist.“(Hei­ke Leit­schuh in , S. 24)

5 „Ge­sell­schaft­li­che Kri­sen ent­ste­hen nie plötz­lich, son­dern sind das Er­geb­nis ei­nes Pro­zes­ses, bei dem Wirk­lich­keit und Wahr­neh­mung aus­ein­an­der­klaf­fen.“(Da­vi­de Broc­chi in , S. 131)

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„Zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­tio­nen ha­ben au­ßer­halb der Un-ebe­ne kein Man­dat im po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zess. Viel­mehr hängt der Zu­gang zu po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen meist vom Wohl­wol­len des Sys­tems ab. Die Tat­sa­che, dass ge­ra­de die Dis­tanz zur Po­li­tik ei­ne Qu­el­le der An­er­ken­nung ist, führt in ent­schei­den­den Mo­men­ten oft zu ge­rin­ge­rem Ein­fluss.“(Ar­nim Gr­un­wald in , S. 24)

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