Öko­lo­gie Res­sour­cen, Was­ser, Na­tur

ProZukunft - - Inhalt -

Ein scho­nen­der Um­gang mit Roh­stof­fen er­for­dert das Län­ger-nut­zen von Din­gen, doch das liegt nicht im­mer im In­ter­es­se der Pro­du­zen­ten. Volks­wirt­schaft­lich in­ef­fi­zi­en­ter Res­sour­cen­ver­brauch ist die Fol­ge. Hans Holzin­ger stellt ak­tu­el­le Pu­bli­ka­tio­nen mit Be­fun­den und Aus­bli­cken vor.

Neu­es aus der Nach­hal­tig­keits­for­schung

Ein scho­nen­der Um­gang mit Roh­stof­fen er­for­dert das Län­ger-nut­zen von Din­gen, doch liegt die­se nicht im­mer im In­ter­es­se der Pro­du­zen­ten, wie das Phä­no­men des ge­plan­ten Ver­schlei­ßes deut­lich macht. Volks­wirt­schaft­lich in­ef­fi­zi­en­ter Res­sour­cen­ver­brauch ist die Fol­ge. Noch dra­ma­ti­scher ist der Raub­bau an den Öko­sys­te­men. Ob Bö­den, Wäl­der, Was­ser­re­ser­voi­re oder Ozea­ne – über­all sind lang­fris­tig wir­ken­de De­gra­da­ti­ons­er­schei­nun­gen fest­zu­stel­len. Hans Holzin­ger stellt ak­tu­el­le Pu­bli­ka­tio­nen mit Be­fun­den und Aus­bli­cken vor.

Kul­tur des Re­pa­rie­rens

Ein we­sent­li­cher Aspekt ei­nes nach­hal­ti­gen Kon­sums liegt in der Län­ger-nut­zung von Din­gen, was mit de­ren Re­pa­ra­tur­fä­hig­keit zu­sam­men­hängt. Drei ak­tu­el­le Pu­bli­ka­tio­nen wid­men sich die­ser Fra­ge, wo­bei auch die Bar­rie­ren in Be­zug auf die Stra­te­gie der Lang­le­big­keit dar­ge­stellt wer­den.

Ein flam­men­des Plä­doy­er für die „Kul­tur der Re­pa­ra­tur“hält­wolf­gangm.heckl,der­schon­von­be­rufs­we­gen als Ge­ne­ral­di­rek­tor des Deut­schen Mu­se­ums in Mün­chen mit dem Er­halt von Din­gen zu tun hat. Re­pa­rie­ren ist für Me­ckel da­her nicht nur aus öko­lo­gi­schen Über­le­gun­gen ge­bo­ten, son­dern auch im Kon­text un­se­rer Be­zie­hung­zu­den­gü­tern,mit­de­nen­wirun­sum­ge­ben.2013 er­stell­ten Ste­fan Schridde und Chris­ti­an Kreiß im Auf­trag der Bun­des­tags­frak­ti­on „Bünd­nis 90/Die Grü­nen“die viel be­ach­te­te Stu­die „Ge­plan­te Ob­so­le­s­zenz“. Bei­de ha­ben nun Er­geb­nis­se der Stu­die in Buch­form vor­ge­legt.ste­f­an­schridde­be­schreib­tin„murks?neindan­ke“, auf­bau­end auf der von ihm ge­grün­de­ten Home­page www.murks-nein-dan­ke.de, an­hand vie­ler Bei­spie­le, wie Pro­duk­te so ge­stal­tet wer­den, dass ih­re Le­bens­dau­er be­wusst be­grenzt, d. h. mit Ablauf­da­tum ver­se­hen wer­den: vom be­kann­ten Fall ei­nes Tin­ten­strahl­dru­ckers, der nach ei­ner be­stimm­ten, pro­gram­mier­ten Zahl an Druck­vor­gän­gen sei­nen Geist auf­gab (das Pro­dukt wird mitt­ler­wei­le so nicht mehr ver­trie­ben) bis hin zur mo­der­nen Wasch­ma­schi­ne, die be­deu­tend

län­ger hal­ten wür­de, wenn ei­ne ro­bus­te­re Trom­mel ein­ge­baut wür­de. In ei­nem vor kur­zem ge­star­te­ten „Murks­e­um“(www.murks­e­um.de) sol­len Pro­duk­te be­denk­li­cher Halt­bar­keit aus­ge­stellt wer­den.

Schwie­rig ist es of­fen­sicht­lich – das macht auch Chris­ti­an Kreiß in sei­ner Pu­bli­ka­ti­on „Ge­plan­ter Ver­schleiß“deut­lich –, Un­ter­neh­men die kal­ku­lier­te Ver­kür­zung der Le­bens­dau­er von Pro­duk­ten nach­zu­wei­sen, was ja als Kon­su­men­ten­be­trug wohl straf­bar wä­re. Sei­tens der Her­stel­ler wird ge­plan­ter Ver­schleiß in Abre­de ge­stellt; ge­spro­chen wird viel­mehr von „op­ti­ma­ler Le­bens­dau­er“, wo­mit ein ad­äqua­tes Kos­ten-leis­tungs­ver­hält­nis ge­meint ist. Ab­ge­wo­gen wer­de zwi­schen nied­ri­ge­ren Pro­duk­ti­ons­kos­ten und hö­he­rer Le­bens­dau­er.

Der Öko­nom Chris­ti­an Kreiß macht je­doch ei­ne an­de­re Rech­nung auf: Die Weg­werf­ge­sell­schaft sei nicht Vor­aus­set­zung für den Er­halt von Ar­beits­plät­zen durch Wirt­schafts­wachs­tum, viel­mehr gin­gen durch die­se un­ge­heu­re volks­wirt­schaft­li­che Wer­te ver­lo­ren. Kreiß spricht al­lein für Deutsch­land von ei­nem jähr­li­chen Kauf­kraft­ent­zug in der Hö­he von 106 Mil­li­ar­den Eu­ro, „die uns Ver­brau­chern durch Ma­ni­pu­la­tio­nen der In­dus­trie ent­zo­gen wer­den“(S. 115), weil wir eben mehr Din­ge kau­fen müs­sen als not­wen­dig wä­re. In die­sem Zu­sam­men­hang ver­wie­sen sei auch auf den Band „Pro­fit­wahn“, in dem Kreiß die struk­tu­rel­len Di­lem­ma­ta des un­ge­zü­gel­ten Ka­pi­ta­lis­mus auf­zeigt. Oh­ne dras­ti­sche Ver­rin­ge­rung der in den letz­ten Jahr­zehn­ten an­ge­häuf­ten Ver­mö­gens­be­stän­den sei die Kri­se des ge­gen­wär­ti­gen Wirt­schafts­sys­tems nicht zu über­win­den, so die zen­tra­le The­se des Au­tors dar­in, der sich da­bei auf die Theo­rie der Kri­sen­zy­klen seit Ent­ste­hen des mo­der­nen Ka­pi­ta­lis­mus be­ruft. De­tail­reich be­schreibt der Au­tor, der vor sei­ner Lehr­tä­tig­keit neun Jah­re in ver­schie­de­nen Ge­schäfts­ban­ken, u. a. im Be­reich Pri­va­te Equi­ty Fonds tä­tig war, die Par­al­le­len der Kri­sen in den 1930er-jah­ren und heu­te.

Re­pa­ra­tur: Ob­so­le­s­zenz 51 Heckl, Wolf­gang M.: Die Kul­tur der Re­pa­ra­tur. Mün­chen: Han­ser, 2013. 202 S., € 17,90 [D], 18,40 [A]

ISBN 978-3-446-43678-7

52 Schridde, Ste­fan: Murks? Nein dan­ke. Was wir tun kön­nen, da­mit die Din­ge bes­ser wer­den. Mün­chen: oe­kom, 2014. 256 S., € 19,95 [D], 21,50 [A] ISBN 978-3-86581-671-9

53 Kreiß, Chris­ti­an: Ge­plan­ter Ver­schleiß. Wie die In­dus­trie uns zu im­mer mehr und im­mer schnel­le­rem Kon­sum an­treibt – und wie wir uns da­ge­gen weh­ren kön­nen. Wi­en u. a.: Eu­ro­pa­ver­lag, 2014. 238 S., € 18,99 [D], 19,80 [A] ; ISBN 978-3-944305-51-6

54 Kreiß, Chris­ti­an: Pro­fit­wahn. War­um sich ei­ne men­schen­ge­rech­te­re Wirt­schaft lohnt. Mar­burg: Tec­tum, 2013. 232 S., € 17,95 [D], € 18,70 [A]

ISBN 978-3-8288-3159-9 Lang­fas­sung der Re­zen­sio­nen s. www.pro­zu­kunft.org

Oze­an­wan­del

Mo­jib La­tif zählt wohl zu den welt­weit re­nom­mier­tes­ten Kli­ma­for­schern. Als Mit­ar­bei­ter des Helm­holtz-zen­trums für Oze­an­for­schung Kiel hat er nun ei­ne bri­san­te Pu­bli­ka­ti­on über den Zu­stand der Mee­re ver­fasst. Ei­nem Ein­blick in die ak­tu­el­le Oze­an­for­schung („Der un­be­kann­te Le­bens­raum“) so­wie Ver­su­chen der em­pi­ri­schen Er­fas­sung des Le­bens in den Mee­ren („Ozea­ni­sche Volks­zäh­lung“) lässt der Au­tor Ka­pi­tel über die Ver­schmut­zung der Mee­re durch die Öl­in­dus­trie („Li­zenz zur Ka­ta­stro­phe“), den Plas­tik­müll („Die gro­ße De­po­nie“) so­wie durch Ra­dio­ak­ti­vi­tät et­wa nach der Re­ak­tor­ka­ta­stro­phe von Fu­kus­hi­ma („Strah­len­de Strö­mun­gen“) fol­gen. Ei­ge­ne Ab­schnit­te sind dem Zu­sam­men­hang vom Zu­stand der Mee­re und dem Kli­ma bzw. dem Kli­ma­wan­del ge­wid­met.

Ne­ben be­reits dis­ku­tier­ten Phä­no­me­nen wie dem Ab­schmel­zen von Ark­tis­eis („Der gro­ße Rück­zug“), dem dro­hen­den An­stieg des Mee­res­spie­gels so­wie der Mög­lich­keit ei­nes Kip­pens des Golf­stroms („Die gro­ße Kli­ma­an­la­ge“) warnt La­tif ins­be­son­de­re auch vor der Ge­fahr der Oze­an­ver­saue­rung. Et­wa ein Vier­tel des vom Men­schen zu­sätz­lich frei­ge­setz­ten CO2 wird der­zeit von den Mee­ren ge­bun­den. Doch die­se Ka­pa­zi­tä­ten sei­en be­grenzt und die ver­mehr­te Co2-auf­nah­me füh­re zur Ver­saue­rung, was – ana­log dem Es­sig, der Kalk­ab­la­ge­run­gen in Töp­fen oder Kü­chen­ar­ma­tu­ren löst – zur Schä­di­gung von Koral­len, Kreb­sen und an­de­ren Le­be­we­sen mit Kalk­ske­let­ten bzw. -scha­len führt, so der Ex­per­te.

La­tif trägt die welt­weit ge­won­ne­nen Er­geb­nis­se der Oze­an­for­schung zu­sam­men und be­tont den­noch im­mer wie­der, dass es nicht mög­lich sei, das kom­ple­xe Öko­sys­tem der Mee­re zur Gän­ze zu ver­ste­hen – und da­mit auch nicht de­ren Re­ak­tio­nen auf mensch­li­che Ein­grif­fe.

Die Pu­bli­ka­ti­on en­det mit Theo­ri­en vom „Ver­schwin­den der Mee­re“, die La­tif frei­lich selbst für un­wahr­schein­lich hält, die je­doch auf Un­si­cher­heits­fak­to­ren, blin­de Fle­cken – in der Zu­kunfts­for­schung wür­den wir sa­gen – „wild cards“der Oze­an­for­schung ver­wei­sen. Der Au­tor will sein Buch als Warn­ruf ver­stan­den wis­sen und spricht ana­log dem Kli­ma­wan­del von ei­nem „Oze­an­wan­del“(S. 22): „Es be­steht die Ge­fahr“, so schreibt La­tif, „dass die Mee­resöko­sys­te­me in vie­len Re­gio­nen noch in die­sem Jahr­hun­dert kip­pen wer­den, mit un­ab­seh­ba­ren Fol­gen für das Le­ben auf der Er­de.“(S. 25). Sei­ne For­de­rung: „Die Ozea­ne müs­sen end­lich ei­ne Stim­me be­kom­men.“(ebd.) Das vor­lie­gen­de Buch ist ein wich­ti­ger Bei­trag da­zu – ob es ent­spre­chen­de Re­so­nanz fin­det, ist of­fen. Doch soll­te die „Oze­an­wen­de“nicht ge­lin­gen, kann nie­mand be­haup­ten, wir hät­ten nichts über die kom­ple­xen Wech­sel­wir­kun­gen des Öko­sys­tems der Mee­re ge­wusst. Dass La­tif Zu­sam­men­hän­ge gut ver­ständ­lich er­klärt und – für ei­nen Wis­sen­schaft­ler vi­el­leicht un­ge­wöhn­lich – auch vor dras­ti­schen For­mu­lie­run­gen nicht zu­rück­scheut, tut dem Buch nur gut. Ozea­ne: Be­las­tung

Blaue Zu­kunft

55 La­tif, Mo­jib: Das En­de der Ozea­ne. War­um wir oh­ne die Mee­re nicht über­le­ben wer­den. Frei­burg: Her­der, 2014. 317 S., € 22,90 [D], 23,60 [A]

ISBN 978-3-451-31237-3 Am 28. Ju­li 2010 ver­ab­schie­de­te die Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Na­tio­nen ei­ne Re­so­lu­ti­on, die den Zu­gang zu sau­be­rem Trink­was­ser und Sa­ni­tär­ver­sor­gung als ein Men­schen­recht an­er­kennt, „das un­ver­zicht­bar für den vol­len Ge­nuss des Le­bens und al­ler Men­schen­rech­te ist“. Da­mit be­ginnt Mau­de Mar­low ihr Buch „Blaue Zu­kunft“. Sie selbst hat als Um­welt­ak­ti­vis­tin we­sent­lich zum Zu­stan­de­kom­men der Re­so­lu­ti­on bei­ge­tra­gen. Dass wir von der Um­set­zung lei­der weit ent­fernt sind, be­legt die ka­na­di­sche Jour­na­lis­tin und Un­be­ra­te­rin, die u. a. mit dem Right Li­ve­lihood Award ausgezeichnet wur­de, an zahl­rei­chen Bei­spie­len.

Be­schrie­ben wird die „Agrar­in­dus­trie als Was­ser­ver­nich­ter“eben­so wie der Zu­sam­men­hang von „Was­ser­durst und Ener­gie­hun­ger“oder der Ver­lust his­to­risch ge­wach­se­ner Was­ser­all­men­den, der öf­fent­li­che Ver­sor­gungs­struk­tu­ren und Ge­mein­we­sen zer­stört hat. Durch den An­stieg der Welt­be­völ­ke­rung und das An­wach­sen der glo­ba­len Kon­su­men­ten­klas­se wer­de die welt­wei­te Nach­fra­ge nach Was­ser das An­ge­bot be­reits im Jahr 2030 um 40 Pro­zent über­stei­gen, zi­tiert die Au­to­rin Aus­sa­gen ei­ner in­ter­na­tio­na­len Tagung auf Ein­la­dung von Un-ge­ne­ral­se­kre­tär Ban Ki­moon, zu der sich im Mai 2013 500 Wis­sen­schaft­le­rin­nen aus al­ler Welt in Bonn ge­trof­fen hat­ten. Es zeich­ne sich ei­ne „Was­ser­knapp­heit von

bis­her un­vor­stell­ba­ren Aus­ma­ßen ab, die ge­wal­ti­ge Hun­gers­nö­te aus­lö­sen wird“(S. 12), ist Mar­low über­zeugt. Doch die meis­ten Po­li­ti­kerin­nen wür­den der Was­ser­kri­se mit „un­glaub­li­cher Ah­nungs­lo­sig­keit“ge­gen­über­ste­hen: „Ihr Glau­be an ein Wirt­schafts­sys­tem, das un­be­grenz­tes Wachs­tum, un­re­gu­lier­ten Han­del und im­mer grö­ße­re und mäch­ti­ge­re, von der Po­li­tik kaum noch zu zü­geln­de in­ter­na­tio­na­le Kon­zer­ne för­dert“, sei un­ge­bro­chen, wes­halb sich die Zer­stö­rung un­se­rer Süß­was­ser­quel­len wei­ter be­schleu­ni­gen wer­de. Ne­ben Bei­spie­len von Was­ser­ver­schwen­dung und Was­ser­raub be­schreibt die Au­to­rin auch An­sät­ze ei­ner sich for­mie­ren­den, welt­wei­ten Be­we­gung für „Was­ser­ge­rech­tig­keit“. Vier Grund­sät­ze lie­gen den Aus­füh­run­gen zu Grun­de: Der Zu­gang zu Was­ser als Men­schen­recht, die Be­trach­tung von Was­ser als Mensch­heits­er­be, der Schutz von Was­ser­quel­len und Was­ser­ein­zugs­ge­bie­ten so­wie schließ­lich das Was­ser als „Lehr­meis­ter für das Zu­sam­men­le­ben“, was auf ei­nen für den Pla­ne­ten ver­träg­li­chen Le­bens­stil ver­weist. Letzt­lich sei, so ist Mar­low mit an­de­ren über­zeugt, ei­ne neue Wirt­schafts­ord­nung nö­tig, die die „Ty­ran­nei der Rei­chen und Mäch­ti­gen“über­win­det und dem Schutz der na­tür­li­chen Le­bens­grund­la­gen, al­lem vor­an den Bö­den und Was­ser­vor­rä­ten, Vor­rang vor al­len an­de­ren Be­dürf­nis­sen ein­räumt. Ge­lin­ge das nicht, dann sei­en wei­te­re Kon­flik­te und Krie­ge vor­pro­gram­miert.

Was­ser: Ge­rech­tig­keit

56 Mar­low, Mau­de: Blaue Zu­kunft. Das Recht auf Was­ser und wie wir es schüt­zen kön­nen. Mün­chen: Kunst­mann, 2014. 350 S., € 22,95 [D], 23, 60 [A] ISBN 978-3-88897-975-0

Re-na­tu­rie­rung

Im Jahr 2007 be­schloss die deut­sche Bun­des­re­gie­rung die „Bi­o­di­ver­si­täts­stra­te­gie“. Die­se sieht vor, 2 Pro­zent der Lan­des­flä­che als Wild­nis zu schüt­zen, das wä­ren ca. 710.000 Hekt­ar. Und bis 2020 sol­len 5 Pro­zent der Wäl­der Deutsch­lands bzw. 10 Pro­zent der Wäl­der in öf­fent­li­cher Hand aus der forst­li­chen Nut­zung ent­las­sen sein. Wel­che öko­lo­gi­sche, öko­no­mi­sche und kul­tu­rel­le Be­deu­tung Na­tur­schutz­ge­bie­ten zu­kommt und wie die Re-na­tu­rie­rungs­wen­de ge­lin­gen könn­te, ist Schwer­punkt-the­ma des „Jahr­buch Öko­lo­gie 2015“. Re-na­tu­rie­rung meint zu­nächst die Re­vi­ta­li­sie­rung von Wäl­dern, Moo­ren und Au­en, die öko­lo­gi­sche Um­ge­stal­tung von auf­ge­las­se­nen Trup­pen­übungs­plät­zen und Berg­bau­fol­ge­land­schaf­ten. Gro­ße Be­deu­tung kommt aber auch – das mag über­ra­schen – der Re­na­tu­rie­rung von ur­ba­nen Räu­men zu. Mehr noch als das Zu­las­sen von „Wild­nis“steht bei Re-na­tu­rie­rung näm­lich – das macht die Mehr­zahl der 38 Fach­bei­trä­ge des Jahr­buchs deut­lich – ein neu­es Ver­hält­nis von Mensch und Na­tur bzw. In­wert-set­zung von Na­tur im Mit­tel­punkt. Ob im Be­reich der Land­wirt­schaft (Fe­lix Prinz zu Lö­wen­stein

gibt ein flam­men­des Plä­doy­er für den Bio­land­bau), im Be­reich der Chan­cen und Gren­zen der Bio­en­er­gie-nut­zung (Pe­ter Schmuck for­dert hier die Er­wei­te­rung der deut­schen Bio­en­er­gie­dör­fer zu ei­ner Be­we­gung der Solar­ther­mie-kom­mu­nen) oder im Kon­text der Ent­de­ckung des Rad­fah­rens und Weit­wan­derns durch den Tou­ris­mus (de­ren Chan­cen und Am­bi­va­len­zen Ul­rich Gro­ber nach­spürt) – über­all ist ei­ne Neu­be­stim­mung wirt­schaft­li­cher Nut­zungs­prio­ri­tä­ten ge­fragt. Auf der Me­ta-ebe­ne ma­chen dies Micha­el Mül­ler und Kai Nie­bert in ih­ren Aus­füh­run­gen über ei­ne so­zi­al­öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on auf glo­ba­ler Ebe­ne deut­lich. „Der Wohl­fahrts­staat nach 1945 war ei­ne na­tio­nal­staat­li­che Ant­wort auf die so­zia­le Ent­bet­tung“, so die bei­den. Doch nun brau­che es ein öko­lo­gi­sches Wohl­fahrts­mo­dell, das die pla­ne­ta­ri­schen Gren­zen ak­zep­tiert. Die­ses frei­lich ge­be es noch nicht (vgl. S. 145). Be­son­ders be­ein­druckt ha­ben den Re­zen­sen­ten die Bei­trä­ge über „Na­tur in der Stadt“. Chris­ta Mül­ler

et­wa be­schreibt die Be­we­gung des Urban Gar­de­nings als Ver­such, Le­bens­mit­tel­mit­tel­pro­duk­ti­on zu­min­dest teil­wei­se wie­der in die ei­ge­ne Hand zu neh­men und die­se mit der Neu-an­eig­nung öf­fent­li­chen Raums zu ver­bin­den. In die­sel­be Rich­tung weist der Wett­be­werb „Le­bens­wer­te Stadt“, in dem nicht nur Re-na­tu­rie­rungs­maß­nah­men, son­dern auch Ver­su­che, Land­wirt­schaft in die Stadt zu ho­len, prä­miert wer­den. Das Sie­ger­pro­jekt 2012/2013 „Ess­ba­re Stadt An­der­nach“be­sticht et­wa durch den Mut der Stadt­ver­wal­tung, al­le öf­fent­li­chen Grün­flä­chen für das Gärt­nern der Bür­ge­rin­nen frei­ge­ge­ben zu ha­ben. Oben­drein wur­de so sinn­vol­le Be­schäf­ti­gung für Lang­zeit­ar­beits­lo­se ge­schaf­fen. „Nicht mit gro­ßen Bau­maß­nah­men, son­dern mit ess­ba­ren Pflan­zen schuf die Stadt ei­ne neue Qua­li­tät und At­trak­ti­vi­tät für ih­re Grün­flä­chen“, so Silke Wis­sel in ih­rem Bei­trag (S. 108). Und die Um­welt­di­dak­ti­ke­rin Ute Stol­ten­berg zeigt auf, wel­che span­nen­den Mög­lich­kei­ten ur­ba­nes Gärt­nern für die Nach­hal­tig­keits­bil­dung er­öff­net. Da­mit kann auch dem ver­häng­nis­vol­len Wunsch der Städ­ter, „Na­tur und Frei­heit in der Fer­ne“zu su­chen, ent­geg­net wer­den, wie Hel­mut Holz­ap­fel in sei­nem Bei­trag „Das Au­to­mo­bil und die Na­tur in der Stadt“au­gen­schein­lich macht. Das vor 30 Jah­ren ent­wi­ckel­te Kon­zept der „Öko­stadt“bie­tet hier­für nach wie vor wert­vol­le An­re­gun­gen – nach­zu­le­sen in ei­nem Bei­trag von Fe­lix Döh­ler, Max Grü­nig und Su­san­ne Langs­dorf.

Die Her­aus­ge­ber for­mu­lie­ren in der Ein­lei­tung zum

Jahr­buch den An­spruch, Re-na­tu­rie­rung wei­ter zu fas­sen als die Wi­der­her­stel­lung von na­tur­na­hen Le­bens­räu­men. Mit den viel­fäl­ti­gen Zu­gän­gen und auf­ge­ris­se­nen Fra­ge­stel­lun­gen, die hier nur ex­em­pla­risch ge­nannt wer­den konn­ten, ist dies her­vor­ra­gend ge­lun­gen. Na­tur: Ge­sell­schaft

57 Re-na­tu­rie­rung. Ge­sell­schaft im Ein­klang mit der Na­tur. Jahr­buch Öko­lo­gie 2015. Red.: Udo E. Si­mo­nis. Stutt­gart: Hir­zel, 2014. 256 S., € 21,90 [D], 22,60 [A] ISBN 978-3-7776-2455-6 bzw.

ISBN 978-3-7776-2458-7 (ebook)

Ret­tung der Re­gen­wäl­der

Zum Jahr­buch Öko­lo­gie passt ein neu­er so­eben er­schie­ne­ner Be­richt an den Club of Ro­me, der ein­dring­lich vor der Zer­stö­rung der Re­gen­wäl­der warnt und We­ge aus dem Di­lem­ma der Über­nut­zung die­ses für die Ar­ten­viel­falt so­wie die Ein­däm­mung des Kli­ma­wan­dels über­le­bens­not­wen­di­gen Öko­sys­tems weist.

Kaum ein Le­bens­raum löst so viel Fas­zi­na­ti­on aus und ist gleich­zei­tig so be­droht: Rin­der­her­den, Öl­palm­plan­ta­gen und der Raub­bau von Tro­pen­holz neh­men die Re­gen­wäl­der von al­len Sei­ten in die Zan­ge, meint Clau­de Mar­tin in sei­ner Un­ter­su­chung. Da­bei sei die Si­tua­ti­on so un­über­sicht­lich wie die Wäl­der selbst: Ei­ner­seits wird il­le­gal ge­ro­det, an­de­rer­seits mit staat­li­cher Un­ter­stüt­zung auf­ge­fors­tet; in wei­ten Tei­len der Tro­pen geht die Wald­flä­che stark zu­rück, in man­chen Re­gio­nen bleibt sie kon­stant; vie­ler­orts exis­tiert noch un­er­schlos­se­ner Ur­wald ne­ben ver­arm­ten und iso­lier­ten For­men. Mar­tin fasst den Sta­tus quo im neu­en Be­richt an den Club of Ro­me zu­sam­men und gibt dem Slo­gan „Ret­tet den Re­gen­wald“da­mit sei­ne kom­pe­ten­te Stim­me: Er blickt auf die re­gio­nal ver­schie­de­nen Ur­sa­chen der Ro­dun­gen, be­wer­tet die Chan­cen von Schutz­maß­nah­men und wagt ei­ne Pro­gno­se für die Zu­kunft. Be­son­ders in­ter­es­sant ist da­bei die Fra­ge, wie die Re­gen­wäl­der auf den Kli­ma­wan­del re­agie­ren. Die Wis­sen­schaft ist sich ei­nig, dass hier ei­ne Zeit­bom­be tickt, wenn der Wald kol­la­biert und in Flam­men auf­geht, weil es da­durch im­mer tro­cke­ner wird. Für Clau­de Mar­tin fin­det ak­tu­ell am Äqua­tor ein gro­ßes Fi­na­le statt – oh­ne dass je­mand wirk­lich weiß, wie es aus­ge­hen wird. „Wenn die Re­gen­wäl­der ver­schwin­den, kippt un­ser Kli­ma“, so sei­ne dra­ma­ti­sche War­nung.

Re­gen­wald

58 Mar­tin, Clau­de: End­spiel. Wie wir das Schick­sal der Tro­pi­schen Re­gen­wäl­der noch wen­den kön­nen. Mün­chen: oe­kom, 2015. 320 S., € 22,95 [D], 23,60 [A] ISBN 978-3-86581-708-2

Öko-po­pu­lis­mus?

Dass die Wie­der­her­stel­lung der Öko­sys­te­me ei­nes an­de­ren Wirt­schaf­tens be­darf, ha­ben die hier dar­ge­leg­ten Pu­bli­ka­tio­nen deut­lich ge­macht. Am­bi­va­lent ist in die­sem Kon­text der ab­schlie­ßend vor­ge­stell­te Ti­tel. Man­fred Luks, selbst Mit­auf­be­rei­ter des Post­wachs­tums­dis­kur­ses („End­lich im End­li­chen“, s. PZ 2010/3), legt sich in sei­nem Buch „Öko-po­pu­lis­mus“ge­ra­de mit den in der Öf­fent­lich­keit der­zeit wohl am be­kann­tes­ten Kol­le­gen an, dem Grün­der des Ge­mein­woh­löko­no­mie-kon­zepts Chris­ti­an Fel­ber (s. PZ 2014/4) so­wie dem ra­di­ka­len Post­wachs­tums-ver­fech­ter Ni­ko Pa­ech (s. PZ 2012/2). Im We­sent­li­chen wirft Luks den bei­den Sim­pli­fi­zie­rung, Ge­sin­nungs­t­er­ror, man­geln­den Hu­mor so­wie Aus­blen­dung rea­ler Macht- bzw. Markt­ver­hält­nis­se vor. Der Au­tor stellt da­mit durch­aus rich­ti­ge Fra­gen, et­wa ob die Ge­mein­woh­löko­no­mie in der Tat durch Wirt­schafts­kon­ven­te ver­bind­lich ge­macht wer­den kann oder ob das Kon­zept der Dual­wirt­schaft von Pa­ech – 20 St­un­den Er­werbs­ar­beit und 20 St­un­den Ei­gen­ar­beit – Mehr­hei­ten in der Be­völ­ke­rung fin­den wür­de. Er über­sieht da­bei je­doch, dass we­der die Ge­mein­wohl-öko­no­mie noch die Post­wachs­tums­per­spek­ti­ve in sich ge­schlos­se­ne, oder gar die al­lei­ni­ge Wahr­heit für sich be­an­spru­chen­de Mo­del­le dar­stel­len. Viel­mehr sind es Dis­kus­si­ons­an­ge­bo­te, um die ein­ge­fah­re­nen Dis­kur­se über Wirt­schaft und Wohl­stand zu hin­ter­fra­gen. Die zu­grun­de lie­gen­den Schrif­ten sind so­mit kei­ne wis­sen­schaft­li­chen Lehr­bü­cher; sie ha­ben viel­mehr pro­gram­ma­ti­schen Cha­rak­ter – Ni­ko Pa­echs „Be­frei­ung vom Über­fluss“nennt sich gar ex­pli­zit ei­ne „Streit­schrift“. Dies zu be­den­ken und die von Luks zer­leg­ten Tex­te mit der von ihm selbst ge­for­der­ten Iro­nie zu be­han­deln, kä­me der Sa­che wohl nä­her. Am­bi­va­lent sind die Aus­füh­run­gen über den „Öko-po­pu­lis­mus“aus fol­gen­dem Grund: Of­fen­heit ist ein zen­tra­les Mo­ment, das nicht we­ni­ger für den Be­reich der Nach­hal­tig­keit gilt. Welt­un­ter­gangs­wie Weltret­tungs­phan­ta­si­en brin­gen uns nicht wei­ter. Bei­des wür­de ich aber we­der Ni­ko Pa­ech noch Chris­ti­an Fel­ber un­ter­stel­len. Die Ge­fahr von Luks Aus­füh­run­gen – und vi­el­leicht wür­de er die oben vor­ge­stell­ten Au­to­ren eben­falls in die Pha­lanx der Öko­po­pu­lis­ten ein­rei­hen – liegt dar­in, dass ge­ra­de je­ne, die al­les beim Al­ten be­las­sen und kei­ne Ve­rän­de­run­gen (auch der Macht­struk­tu­ren) wol­len, sie als Le­gi­ti­ma­ti­on für ih­re Sicht­wei­se ge­brau­chen könn­ten.

Nach­hal­tig­keit: Po­pu­lis­mus

59 Luks, Fred: Öko-po­pu­lis­mus. War­um ein­fa­che ‘Lö­sun­gen’, Un­wis­sen und Mei­nungs­t­er­ror un­se­re Zu­kunft be­dro­hen. Mar­burg: Me­tro­po­lis, 2014.

244 S., € 19,80 [D], 20,50 [A]

ISBN 978-3-7316-1100-4

„Dem Her­stel­ler müs­sen ne­ben sei­nen In­for­ma­ti­ons­pflich­ten auch Kenn­zeich­nungs­pflich­ten auf­er­legt wer­den. Pro­duk­t­ei­gen­schaf­ten, die des­sen Nut­zung oder Nut­zungs­dau­er ein­schrän­ken, müs­sen vor Kauf er­sicht­lich sein.“(Ste­fan Schridde in 52 , S. 186)

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