Di­gi­ta­les Wir

ProZukunft - - Social Media | NAVIGATOR -

Ver­schwin­det die Zu­kunft als Zeit des Po­li­ti­schen und tritt mehr und mehr das Ima­gi­nä­re an die Stel­le des Rea­len, wie es der Phi­lo­soph Byung-chul Han in sei­nem be­mer­kens­wer­ten Es­say „Im Schwarm“for­mu­liert, oder ha­ben wir, wie Ili­ja Tro­ja­now in ei­nem In­ter­view meint, längst den Kampf Mensch ge­gen Ma­schi­ne ver­lo­ren? Die Un­ter­neh­me­rin Yvon­ne Hof­stet­ter hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Ge­fahr für die frei­heit­li­che Ge­sell­schaft von in­tel­li­gen­ten Al­go­rith­men aus­geht. Blei­ben uns über­haupt noch Op­tio­nen für be­wuss­tes Zu­kunfts­han­deln oder sind wir der Über­wa­chung, dem Aus­spio­nie­ren, dem En­de der An­ony­mi­tät und der Ma­ni­pu­la­ti­on hilf­los aus­ge­setzt? Ha­ben wir es gar mit ei­ner „smar­ten Dik­ta­tur“zu tun, von der Ha­rald Wel­zer in sei­nem neu­en Buch schreibt? Al­f­red Auer hat sich ei­ni­ge Be­fun­de zum Sta­tus und zur Zu­kunft des Di­gi­ta­len an­ge­se­hen.

In­si­de Big Da­ta

Chris­ti­an Rud­der, ei­ner der Grün­der von „Ok­cu­pid“, ei­nem der welt­weit größ­ten Part­ner­such­diens­te, hat ei­ne be­acht­li­che Da­ten­men­ge aus­ge­wer­tet. Al­lein im Zei­t­raum April 2013 bis April 2014 sind nicht we­ni­ger als zehn Mil­lio­nen Nut­ze­rin­nen über sei­ne Da­ting-sei­te auf Part­ner­su­che ge­gan­gen. Die an­ony­mi­sier­ten Da­ten die­ser In­ter­net-platt­form ge­ben Ein­blick u. a. in ver­bor­ge­ne mensch­li­che Über­zeu­gun­gen, ge­hei­me Wün­sche und Vor­lie­ben, aber auch dar­über, ob po­li­ti­sche An­sich­ten Part­ner­be­zie­hun­gen ver­än­dern. Der Au­tor will uns aber kei­nes­wegs, wie er ein­lei­tend an­merkt, „mit noch mehr Hy­pe oder atem­lo­ser Be­richt­er­stat­tung über das Da­ten­phä­no­men“ver­wir­ren (S. 9), son­dern ei­ne fun­dier­te Analyse an­hand tat­säch­lich ge­sam­mel­ter In­for­ma­tio­nen lie­fern.

In sei­nem New-york-ti­mes-best­sel­ler geht der

aus­ge­bil­de­te Ma­the­ma­ti­ker durch­aus le­ger der Fra­ge nach, wie wir uns aus­spio­nie­ren las­sen und da­bei noch sel­ber mit­ma­chen. Je­der Mensch, so die Kern­aus­sa­ge, muss zu­nächst, da­mit er zu „ge­brau­chen ist“, mit­tels Al­go­rith­mus for­ma­li­siert und ma­schi­nen­les­bar ge­macht wer­den. Ist das ge­sche­hen, kön­nen wir bei­spiels­wei­se auf­grund von Prä­fe­ren­zen ver­schie­de­ne Din­ge aus­le­sen. Lie­be, das ur­ei­gens­te Ge­schäfts­feld ei­ner Part­ne­r­agen­tur, ist vor die­sem Hin­ter­grund al­so nichts wei­ter als ein Bu­si­ness. Rud­der macht un­miss­ver­ständ­lich klar, dass die wich­tigs­ten Al­go­rith­men heu­te und in Zu­kunft un­se­ren All­tag be­ein­flus­sen wer­den und er zeigt, dass die Da­ten­ver­ar­bei­tung heu­te schon zu tie­fen Er­kennt­nis­sen führt, die das Le­ben der Men­schen nicht nur be­schrei­ben, son­dern auch ver­än­dern. Wie ge­nau sol­che Al­go­rith­men funk­tio­nie­ren, wird lei­der nicht er­klärt. Da­ten­flut

93 Rud­der, Chris­ti­an: In­si­de Big Da­ta. Un­se­re Da­ten zei­gen, wer wir wirk­lich sind. Mün­chen: Han­ser, 2016. 304 S., € 24,90 [D], 25,60 [A] ISBN 978-3-446-44459-1

To­tal be­re­chen­bar?

Die­se Lü­cke schließt Chris­toph Drös­ser, eben­falls Ma­the­ma­ti­ker und Wis­sen­schafts­jour­na­list, im fol­gen­den Buch. Drös­ser – er er­hielt für sei­ne Ver­diens­te um die Po­pu­la­ri­sie­rung der Ma­the­ma­tik den Me­di­en­preis der Deut­schen Ma­the­ma­ti­ker-ver­ei­ni­gung (2008) – er­klärt uns ganz ein­fach, was Al­go­rith­men sind, näm­lich Hand­lungs­an­wei­sun­gen für Rech­ner, um ein Pro­blem zu lö­sen. Ge­nau­so wie Koch­re­zep­te oder Par­ti­tu­ren An­wei­sun­gen sind, Spei­sen zu­zu­be­rei­ten oder ein Mu­sik­stück auf­zu­füh­ren.

Zu­ge­ge­ben, es ist nicht im­mer ganz ein­fach, den er­klär­ten Re­chen­ver­fah­ren als Laie zu fol­gen. Drös­ser ver­sucht trotz­dem, ei­ni­ge der wich­tigs­ten Al­go­rith­men zu nen­nen, die un­ser Le­ben be­ein­flus­sen, und er möch­te die da­hin­ter­lie­gen­den Ver­fah­ren ein we­nig ent­mys­ti­fi­zie­ren. Letzt­lich punk­tet er mit ein­fa­chen Bei­spie­len wie Rou­ten­pla­nern und den Klas­si­kern des Net­zes wie Goog­le, Ama­zon, Net­flix und Face­book. Der lo­gi­sche Auf­bau des Bu­ches: Rech­nen, Su­chen, Fin­den, Emp­feh­len, Ver­bin­den, Vor­her­sa­gen, In­ves­tie­ren, Ver­schlüs­seln, Kom­pri­mie­ren, Lie­ben und Ler­nen, er­leich­tert die Lek­tü­re un­ge­mein und er­mög­licht den Aus- bzw. Ein­stieg je nach In­ter­es­se . Ein Bei­spiel von vie­len ist der so­ge­nann­te Ran­king-al­go­rith­mus für Such­ro­bo­ter, der ei­ne gu­te Such­ma­schi­ne aus­macht, denn wer sucht schon nach dem 133. Er­geb­nis auf Sei­te 6 bei Goog­le. Ins­ge­samt steht der Au­tor dem Big-da­ta-phä­no­men po­si­tiv ge­gen­über und hält es kei­nes­wegs für ein Schreck­ge­spenst. Sei­ner An­sicht nach soll­ten wir je­doch ei­ni­ge Pro­gram­me in den nächs­ten Jah­ren be­son­ders im Au­ge be­hal­ten, wie et­wa die neu­ro­na­len Net­ze, um­schrie­ben mit dem Schlag­wort „Deep Le­arning“(Ka­pi­tel 11). Die­se Pro­gram­me ler­nen selbst­tä­tig, Din­ge zu ka­te­go­ri­sie­ren und dar­aus Re­geln ab­zu­lei­ten, un­ab­hän­gig von mensch­li­chem Zu­tun. Drös­sers An­lie­gen ist es letzt­lich, das Ver­ständ­nis von Al­go­rith­men als Bil­dungs­auf­ga­be dar­zu­stel­len. Wer nicht ver­ste­he, wie sie ge­macht wer­den, ha­be kei­ne Ah­nung, wie un­se­re Welt ge­macht wer­de. Um all die­se kom­pli­zier­ten Din­ge zu durch­schau­en, kön­ne nur Bil­dung hel­fen, „sich sou­ve­rä­ner in der neu­en Welt zu be­we­gen“(S. 19). Be­re­chen­bar­keit

94 Drös­ser, Chris­toph: To­tal be­re­chen­bar? Wenn Al­go­rith­men für uns ent­schei­den. Mün­chen: Han­ser, 2016. 252 S., € 17,90 [D], 18,40 [A],

ISBN 978-3-446-44699-1

Der Cy­borg und das Kro­ko­dil

Dass Tech­nik auch glück­lich ma­chen kann, ist der Zeit-re­dak­teur Ge­ro von Ran­dow über­zeugt. Das sug­ge­riert zu­min­dest der Un­ter­ti­tel sei­nes neu­en Bu­ches über die Si­gna­tur des Di­gi­ta­len, das un­se­re Welt in ei­ner Wei­se durch­dringt, „die sich mit tech­ni­schen Be­grif­fen al­lein nur noch sehr ein­ge­schränkt be­schrei­ben lässt. Als ei­ne ge­sell­schaft­li­che Tech­nik wird sie nicht bloß von den Ge­sell­schafts­mit­glie­dern an­ge­wen­det, viel­mehr be­steht ihr Sinn über­wie­gend dar­in, die Hand­lun­gen der Ge­sell­schafts­mit­glie­der zu be­ein­flus­sen“(S. 50). Als lo­gi­sche Kon­se­quenz er­le­ben wir heu­te die Kon­struk­ti­on ei­ner neu­en Wirk­lich­keit durch die Di­gi­tal­tech­nik, so der Pu­bli­zist.

Die mensch­li­che Ge­sell­schaft ar­bei­tet sich an Din­gen ab, ist von Ran­dow über­zeugt. „Ei­ner stellt ein Ding her, ein an­de­rer be­nutzt es, ein wei­te­rer macht es ka­putt, noch je­mand re­pa­riert es, wie­der je­mand klaut es, schließ­lich wird es ent­sorgt, re­cy­celt und geis­tert selbst dann noch durch die so­zia­le Welt (…), weil es nach sei­ner Ver­bren­nung als kli­ma­ver­gif­ten­des At­mo­sphä­ren­teil­chen welt­wei­te po­li­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten aus­löst.“(S. 11). Der Au­tor ver­schweigt aber auch nicht die im­mer wie­der dis­ku­tier­ten Schat­ten­sei­ten neu­er Tech­no­lo­gi­en wie so­zia­le Ent­frem­dung, Sucht und Ab­hän­gig­keit, Ge­fähr­dung der Da­ten­si­cher­heit. Des­halb sei es un­se­re Auf­ga­be, die mensch­li­che und die künst­li­che In­tel­li­genz in Ein­klang

„Wir le­ben im Zeit­al­ter der Al­go­rith­men. Die Men­schen ha­ben im­mer die Tech­no­lo­gie ih­rer Zeit als Me­ta­pher be­nutzt, um auch nicht tech­ni­sche Din­ge zu be­schrei­ben.“(Chris­toph Drös­ser in , S. 226)

zu brin­gen und zu prü­fen, ob wir al­les wol­len müs­sen, was wir brau­chen sol­len.

Wie aber sol­len wir mit all den neu­en Din­gen um­ge­hen? Da­zu ent­wi­ckelt von Ran­dow ei­ne me­ta­pho­ri­sche Ty­po­lo­gie des Um­gangs mit Tech­no­lo­gi­en - vom Aal über Hams­ter und Igel bis zum Kro­ko­dil und un­ter­brei­tet Vor­schlä­ge für ein De­sign des Le­bens in der tech­ni­schen Welt. Es sei­en an die­ser Stel­le ei­ni­ge da­von ge­nannt: 1. Wer­den Sie zum Kro­ko­dil (Hö­ren und schau­en Sie sich um und grei­fen Sie zu, wenn sie Lust ha­ben.) 2. Ha­ben Sie kei­ne Angst vor dem Ler­nen und auch nicht vor dem im­mer neu­en Be­die­nungs­wis­sen (Ir­gend­wann wird die­ses Wis­sen ein Hin­ter­grund.) 3. Ein­fach aus­pro­bie­ren (Erst im Ver­lauf der Be­nut­zung lernt man die ver­schie­de­nen Mög lich­kei­ten ken­nen.) 4. Al­les kommt wie­der (Die Ent­wick­lung ist nicht li­ne­ar, man muss mit Zy­klen des Wie­der­keh­rens rech­nen.) 5. Diä­ten funk­tio­nie­ren nicht (Man muss sich im­mer wie­der über­le­gen, ob und wo­zu ein Ge­rät ge­ra­de nö­tig ist oder nicht.). Ge­ro von Ran­dows Buch ist ein Auf­ruf, der Tech­nik oh­ne Angst, aber mit kri­ti­schem Be­wusst­sein und mit der Lust zum Spie­len zu be­geg­nen. Di­gi­ta­li­sie­rung

95 Ran­dow, Ge­ro von: Der Cy­borg und das Kro­ko­dil. Tech­nik kann auch glück­lich ma­chen. Ham­burg: ed. Kör­ber-stif­tung, 2016. 173 S., € 14,- [D], 14,40 [A] ; ISBN 978-3-89684-175-9

Das di­gi­ta­le Wir

Die Di­gi­ta­li­sie­rung be­stimmt un­se­ren All­tag, so­wohl in der Ar­beits­welt als auch im Pri­vat­le­ben. Pe­ter Schaar, lang­jäh­ri­ger Bun­des­be­auf­trag­ter für den Da­ten­schutz und seit 2013 Vor­sit­zen­der der Eu­ro­päi­schen Aka­de­mie für In­for­ma­ti­ons­frei­heit und Da­ten­schutz (EAID) in Ber­lin, wirft an die­ser Stel­le ei­nen Blick auf die durch die In­for­ma­ti­ons­tech­nik be­wirk­ten ge­sell­schaft­li­chen Ve­rän­de­run­gen und nicht pri­mär auf Si­cher­heits­fra­gen. Prin­zi­pi­ell hält Schaar die Zu­kunft für ge­stalt­bar und hält fest, dass sich Zi­vi­li­sa­ti­on und mensch­li­ches Le­ben nicht auf op­ti­ma­les Funk­tio­nie­ren be­schrän­ken las­sen (S. 204f.). Er glaubt auch, dass – trotz al­ler Fehl­ent­wick­lun­gen – die In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft er­heb­li­ches de­mo­kra­ti­sches Po­ten­zi­al in sich birgt. Die­ses kön­ne es aber, so Schaar, oh­ne ver­stärk­tes bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment nicht ge­ben. Wie aber kann das In­ter­net de­mo­kra­ti­sche Pro­zes­se be­för­dern? Der Au­tor schlägt vor, z. B. Pla­nungs­ver­fah­ren zu vi­sua­li­sie­ren, d. h. Pla­nungs­un­ter­la­gen in ei­nem di­gi­ta­len Raum zur Ver­fü­gung zu stel­len, da­mit In­ter­es­sier­te leich­ter an die In­for­ma­tio­nen über die ge­plan­ten Bau­maß­nah­men her­an­kom­men und so mit­re­den kön­nen.

Schaar warnt wie Drös­ser vor der ab­seh­ba­ren Ten­denz, dass Com­pu­ter an­hand von Al­go­rith­men selbst ent­schei­den kön­nen. Der Fall ist dies längst, „et­wa bei der ge­for­der­ten Wahl der Zah­lungs­me­tho­de im In­ter­net­han­del (Be­stel­lung auf Rech­nung oder nur ge­gen Vor­kas­se) oder an der Su­per­markt­kas­se (Au­to­ri­sie­rung der Zah­lung per Eck­ar­te mit der PIN oder mit der Un­ter­schrift), bei der Ein­sor­tie­rung ei­nes An­ru­fers in die War­te­schlei­fe bei Te­le­fon­ser­vices“(S. 171f.).

Der Au­tor ana­ly­siert so­wohl die Chan­cen als auch die ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung, wo­bei er die Chan­cen, was die de­mo­kra­ti­sche Teil­ha­be und die Schaf­fung ei­ner of­fe­ne­ren und bes­se­ren Welt be­trifft, nicht son­der­lich po­si­tiv be­wer­tet. Er hält die im In­ter­net statt­fin­den­de po­li­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on im Ver­gleich zum Ge­samt­vo­lu­men für sehr ge­ring; und der Sei­ten­blick auf die ge­schei­ter­te Twit­ter-re­vo­lu­ti­on im Iran stimmt ihn auch nicht ge­ra­de op­ti­mis­tisch. Zu­dem sind wir der­zeit oh­ne­hin mehr mit den ne­ga­ti­ven Sei­ten – mit Über­wa­chung und Kon­trol­le im Ge­fol­ge des Nsa-skan­dals – kon­fron­tiert. Es ge­be zwar kein All­heil­mit­tel, ist sich Schaar si­cher, es gel­te aber, Trans­pa­renz da­zu zu nut­zen, die Über­wa­cher zu über­wa­chen.

Di­gi­ta­li­sie­rung 96 Schaar, Pe­ter: Das di­gi­ta­le Wir. Un­ser Weg in die trans­pa­ren­te Ge­sell­schaft. Ham­burg: ed. Kör­ber-stif­tung, 2015. 220 S., € 17,- [D], 17,50 [A]

ISBN 978-3-89684-168-1

Kul­tur der Di­gi­ta­li­tät

Un­ser Han­deln be­stimmt, ob wir in ei­ner post­de­mo­kra­ti­schen Welt der Über­wa­chung und der Wis­sens­mo­no­po­le oder in ei­ner Kul­tur der Com­mons und der Par­ti­zi­pa­ti­on le­ben wer­den. So sieht es Fe­lix Stal­der, Pro­fes­sor für di­gi­ta­le Kul­tur an der Zü­ri­cher Hoch­schu­le der Küns­te. Die­se Kul­tur, ist er über­zeugt, „ist die Fol­ge ei­nes weit­rei­chen­den, un­um­kehr­ba­ren ge­sell­schaft­li­chen Wan­dels, des­sen An­fän­ge teil­wei­se bis ins 19. Jahr­hun­dert zu­rück­rei­chen“(s. 10f.). Die cha­rak­te­ris­ti­schen For­men die­ser Kul­tur sind nach An­sicht des Au­tors Re­fe­ren­tia­li­tät, Ge­mein­schaft­lich­keit und Al­go­rith­mi­zi­tät. Da­zu et­was spä­ter.

Der Ex­per­te skiz­ziert zu­nächst lang­fris­ti­ge, ir­re­ver­si­ble his­to­ri­sche Pro­zes­se, be­gin­nend beim Auf­stieg der Wis­sens­öko­no­mie En­de des 19. Jahr­hun­derts. Von hier aus spannt er den Bo­gen von

der zu­neh­men­den „Kul­tu­ra­li­sie­rung der Öko­no­mie“mit De­sign als „krea­ti­ver Ge­ne­ral­dis­zi­plin“bis hin zur „Tech­no­lo­gi­sie­rung der Kul­tur“, in der „Me­di­en als Le­bens­wel­ten“fun­gie­ren. Für Stal­der neh­men lang­fris­tig re­le­van­te Ent­wick­lun­gen erst dann kon­kre­te For­men an, wenn sich di­gi­ta­le In­fra­struk­tu­ren und die durch sie in den Main­stream ge­brach­ten Prak­ti­ken im All­tag breit­ge­macht ha­ben. „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel wer­den erst dann so­zi­al in­ter­es­sant, wenn sie tech­nisch lang­wei­lig wer­den.“(S. 20)

Wie be­reits er­wähnt, ist die Kul­tur der Di­gi­ta­li­tät durch Re­fe­ren­tia­li­tät cha­rak­te­ri­siert, al­so durch die Nut­zung be­ste­hen­den kul­tu­rel­len Ma­te­ri­als für die ei­ge­ne Pro­duk­ti­on; zwei­tens durch Ge­mein­schaft­lich­keit, denn nur über ei­nen kol­lek­tiv ge­tra­ge­nen Re­fe­renz­rah­men kön­nen Be­deu­tun­gen sta­bi­li­siert, Hand­lungs­op­tio­nen ge­ne­riert und Res­sour­cen zu­gäng­lich ge­macht wer­den; und schließ­lich drit­tens durch Al­go­rith­mi­zi­tät, ge prägt durch au­to­ma­ti­sier­te Ent­schei­dungs­ver­fah­ren, die den In­for­ma­ti­ons­über­fluss re­du­zie­ren und for­men, „so dass sich aus den von Ma­schi­nen pro­du­zier­ten Da­ten­men­gen In­for­ma­tio­nen ge­win­nen las­sen, die der mensch­li­chen Wahr­neh­mung zu­gäng­lich sind und zu Grund­la­gen des sin­gu­lä­ren und ge­mein­schaft­li­chen Han­delns wer­den kön­nen“(S. 13).

Im drit­ten Ab­schnitt ver­sucht sich Stal­der an ei­ner po­li­ti­schen Ei­n­ord­nung des The­mas. Da­bei wer­den zwei be­reits weit fort­ge­schrit­te­ne po­li­ti­sche Ten­den­zen kon­tras­tiert: Post­de­mo­kra­tie und Com­mons. Als „post­de­mo­kra­tisch“be­zeich­net der Au­tor all je­ne Ent­wick­lun­gen, „die zwar die Be­tei­li­gungs­mög­lich­kei­ten be­wah­ren oder gar neue schaf­fen, zu­gleich aber Ent­schei­dungs­ka­pa­zi­tä­ten auf Ebe­nen stär­ken, auf de­nen Mit­be­stim­mung aus­ge­schlos­sen ist“(S. 209). Als Bei­spie­le nennt der Au­tor „Face­book und an­de­re Be­trei­ber kom­mer­zi­el­ler so­zia­ler Mas­sen­me­di­en“. Durch tech­ni­sche, or­ga­ni­sa­to­ri­sche und recht­li­che Maß­nah­men sei­en hier Struk­tu­ren ge­schaf­fen wor­den, „in de­nen die Ebe­ne, auf der die Nut­zer mit­ein­an­der in­ter­agie­ren, voll­stän­dig ge­trennt ist von je­ner Ebe­ne, auf der die we­sent­li­chen die Ge­mein­schaft der User be­tref­fen­den Ent­schei­dun­gen ge­fällt wer­den“(S. 215f.).

In den Com­mons, wie sie sich in Open-sour­ce­soft­ware und Pro­jek­ten wie Open Da­ta zei­gen, sieht Stal­der das Po­ten­zi­al für „ei­ne ra­di­ka­le Er­neue­rung der De­mo­kra­tie durch die Aus­wei­tung der Be­tei­li­gung an kol­lek­ti­ven Ent­schei­dun­gen“(S. 205). Da­bei han­delt es sich um kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­ten­si­ve und ho­ri­zon­ta­le Pro­zes­se, bei de­nen das Er­zie­len von Kon­sens und die frei­wil­li­ge Ak­zep­tanz der aus­ge­han­del­ten Re­geln im Vor­der­grund ste­hen (vgl. S. 248). Un­zäh­li­ge Bei­spie­le von städ­ti­schen In­fra­struk­tu­ren als Com­mons (Bür­ger­net­ze) über Open­s­treet­map (OSM) bis hin zum De­bi­an-pro­jekt (ein Zu­sam­men­schluss von Ein­zel­per­so­nen, die ge­mein­schaft­lich ein frei­es Be­triebs­sys­tem ent­wi­ckeln) wer­den ge­nannt.

Ins­ge­samt zeigt Stal­der ein­drucks­voll, dass die ra­san­ten Ve­rän­de­run­gen in ih­ren kon­kre­ten ge­sell­schaft­li­chen Aus­for­mun­gen kei­nes­falls al­ter­na­tiv­los sind. Da­bei geht es ein­mal mehr um die Fra­ge, in wel­cher Welt wir le­ben wol­len und auf wel­che Zie­le die vor­han­de­nen Po­ten­zia­le aus­ge­rich­tet wer­den sol­len. Di­gi­ta­li­sie­rung

97 Stal­der, Fe­lix: Kul­tur der Di­gi­ta­li­tät. Ber­lin: Suhr­kamp, 2016. 282 S., € 18,- [D], 18,50 [A] ISBN 978-3-518-12679-0

Di­gi­ta­ler Bur­nout

Face­book ok­ku­piert ei­ner Stu­die zu­fol­ge ei­ne knap­pe St­un­de von ins­ge­samt zwei­ein­halb St­un­den un­se­rer Zeit, die wir pro Tag am Smart­pho­ne ver­brin­gen. Der Kampf um un­se­re Auf­merk­sam­keit, so der In­for­ma­ti­ker Alex­an­der Mar­kowetz, hat in Zei­ten der Di­gi­ta­li­sie­rung mit dem Smart­pho­ne al­so ein mäch­ti­ges Werk­zeug in die Hand be­kom­men. App-ent­wick­ler, So­ci­al-me­dia-len­ker, schlicht die di­gi­ta­le In­dus­trie, kennt un­se­re Schwä­chen, um uns öf­ter zum Han­dy grei­fen zu las­sen. „Die di­gi­ta­le In­dus­trie nutzt auf die­se Wei­se un­se­re un­ter­be­wuss­ten In­stink­te, um ein Ma­xi­mum un­se­rer Auf­merk­sam­keit ab­zu­zap­fen. Es geht um Markt­macht, um Geld.“(S. 210) Die Fol­ge der hoch­fre­quen­ten Nut­zung sind psy­cho­so­zia­le Schä­den. Wir lei­den un­ter Stress und die ge­mein­sa­men zwi­schen­mensch­li­chen Mo­men­te tre­ten in Kon­kur­renz mit di­gi­ta­len Fir­men. Es ist al­so höchs­te Zeit, die Ho­heit über un­se­re ei­ge­ne Auf­merk­sam­keit zu­rück­zu­er­obern. Des­halb schlägt der Au­tor „ei­ne di­gi­ta­le Di­ät“vor (S. 213). Da­zu müs­sen wir die Die­be un­se­rer Auf­merk­sam­keit aus­sper­ren und wie­der selbst ent­schei­den, wem wir un­se­re Zeit schen­ken. Es gel­te, ei­ne Kul­tur­tech­nik zu ent­wi­ckeln, die es er­mög­licht, das Smart­pho­ne zu meis­tern. Nur so kön­ne es ge­lin­gen, das Ri­si­ko ei­nes Di­gi­ta­len Bur­nouts zu mi­ni­mie­ren. So­ci­al Me­dia: Nut­zung

Mar­kowetz, Alex­an­der: Di­gi­ta­ler Bur­nout. War­um un­se­re per­ma­nen­te Smart­pho­ne-nut­zung ge­fähr­lich ist. Mün­chen: Knaur-verl., 2015. 220 S., € 19,99 [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-426-27670-9

„Die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung der Di­gi­ta­li­sie­rung liegt al­so nicht al­lein dar­in, ei­ne Lö­sung für un­se­re aus dem Ru­der ge­lau­fe­ne Smart­pho­ne-nut­zung zu fin­den. Sie be­deu­tet viel­mehr, den per­ma­nen­ten Wan­del zu meis­tern.“

(A. Mar­kowetz in , S. 214)

Ab­ge­hängt

Es ist heu­te schon fast ei­ne Bin­sen­weis­heit, dass die Di­gi­ta­li­sie­rung so­wohl Er­leich­te­run­gen als auch im­men­se Ge­fah­ren in sich birgt. An­ders als bei den bis­he­ri­gen In­no­va­tio­nen – von der Er­fin­dung des Buch­drucks bis zur Ei­sen­bahn, die wir al­le trotz ge­gen­tei­li­ger War­nun­gen, weit­ge­hend un­be­scha­det über­stan­den ha­ben – geht es bei der to­ta­len Au­to­ma­ti­sie­rung dies­mal um viel mehr. Der pes­si­mis­ti­sche Blick des Wirt­schafts­jour­na­lis­ten und Her­aus­ge­bers der Har­vard Bu­si­ness Re­view, Ni­cho­las Carr , sagt uns, dass die mensch­li­chen Fol­gen die­ser Au­to­ma­ti­sie­rung gra­vie­rend sein wer­den. Er meint gar, wir lau­fen Ge­fahr, uns da­bei gleich selbst mit ab­zu­schaf­fen. Carr wähl­te nicht von un­ge­fähr den viel­sa­gen­den Un­ter­ti­tel: „Wo bleibt der Mensch, wenn Com­pu­ter ent­schei­den?“Und er il­lus­triert dies gleich zu Be­ginn mit ei­ner dra­ma­ti­schen Mel­dung: Am 4. Ja­nu­ar 2013 hat die Bun­des­luft­fahrt­be­hör­de der USA ei­nen „Si­cher­heits­hin­weis für Pi­lo­ten“an al­le Usame­ri­ka­ni­schen so­wie wei­te­re kom­mer­zi­el­le Flug­ge­sell­schaf­ten ge­sen­det, in der vor dem über­mä­ßi­gen Ein­satz des Au­to­pi­lo­ten ge­warnt wird, da dies zu ei­ner „Ver­schlech­te­rung der Fä­hig­keit von Pi­lo­ten füh­ren kön­ne, das Flug­zeug schnell aus ei­nem un­er­wünsch­ten Zu­stand zu füh­ren“(S. 11).

Wir sind da­bei, auch das au­to­no­me Au­to­mo­bil zu ent­wi­ckeln. Wie es aus­sieht, wird uns in na­her Zu­kunft ein Au­to­pi­lot von A nach B steu­ern. Und nicht ganz un­wahr­schein­lich wird ir­gend­wann in den nächs­ten Jah­ren ei­ne War­nung an die Au­to­her­stel­ler er­ge­hen, die Au­to­fah­re­rin­nen doch wie­der mehr zum ma­nu­el­len Fah­ren an­zu­hal­ten, um das Ge­fah­ren­po­ten­zi­al zu mi­ni­mie­ren. Wei­te­re Bei­spie­le be­schäf­ti­gen sich mit dem Ge­sund­heits­we­sen – im­mer mit dem war­nen­den Zei­ge­fin­ger –, denn ein er­fah­re­ner Arzt sei eben nicht so ein­fach durch den Com­pu­ter zu er­set­zen. Auch die Au­to­ma­ti­sie­rung der Ori­en­tie­rung mit­tels Gps-emp­fän­ger „be­hin­dert bei der Durch­rei­se das Er­le­ben der phy­si­schen Welt“(S. 156), und kann bis zum Ver­lust der Na­vi­ga­ti­ons­fä­hig­kei­ten füh­ren. „Un­se­re Wahr­neh­mung und In­ter­pre­ta­ti­ons­fä­hig­keit, vor al­lem von na­tur­be­las­se­nem Ge­län­de, hat be­reits stark nach­ge­las­sen“, ist sich der Pu­bli­zist si­cher (S. 160). Er be­fürch­tet so­gar, dass die Au­to­ma­ti­sie­rung der Rou­ten­pla­nung uns von der Um­welt, die uns ge­formt hat, ent­fer­nen könn­te. Des­halb soll­ten wir uns fra­gen „Wie weit wol­len wir uns von der Welt zu­rück­zie­hen?“(S. 167)

Der Au­tor wird nicht mü­de zu war­nen, die Au­to­ma­ti­sie­rung kön­ne so­gar „un­se­ren Fä­hig­kei­ten und un­se­rem Le­ben Scha­den zu­fü­gen“(S. 12). Au­ßer­dem ver­än­de­re sich die Tech­no­lo­gie im­mer schnel­ler als sich der Mensch an­pas­sen kön­ne. „Das be­deu­tet, un­se­re Soft­ware und un­se­re Com­pu­ter wer­den un­ter un­se­rer Füh­rung im­mer neue We­ge fin­den, uns zu über­trump­fen – schnel­ler, bil­li­ger und bes­ser ar­bei­ten.“(S. 59) Des­halb sei es un­se­re obers­te Pflicht, „uns je­der Macht, sei sie in­sti­tu­tio­nell, kom­mer­zi­ell oder tech­no­lo­gisch, zu wi­der­set­zen, die un­se­re See­le ent kräf­tet oder schwächt“(S. 278), und der Au­to­ma­ti­sie­rung Gren­zen zu set­zen. Auch las­sen sich die ver­ur­sach­ten Pro­ble­me durch die Au­to­ma­ti­sie­rung nicht mit noch mehr Soft­ware lö­sen. Die Ent­schei­dun­gen, die wir tref­fen oder eben nicht tref­fen, wel­che Auf­ga­ben wir Com­pu­tern über­las­sen und wel­che wir selbst be­hal­ten, sei­en nicht nur prak­ti­sche oder wirt­schaft­li­che, mein Carr, son­dern vor al­lem mo­ra­li­sche Ent­schei­dun­gen. „Sie for­men un­ser Le­ben und den Ort, den wir uns in der Welt be­rei­ten.“(S. 31)

Di­gi­ta­li­sie­rung 99 Carr, Ni­cho­las: Ab­ge­hängt. Wo bleibt der Mensch, wenn Com­pu­ter ent­schei­den? Mün­chen: Han­ser, 2014. 317 S., € 19,90 [D], 20,50 [A]

ISBN 978-3-446-44032-6

Die smar­te Dik­ta­tur

Breit re­zi­piert und eu­pho­risch bis kri­tisch ge­wür­digt wur­de die Analyse über „den Marsch in die Un­frei­heit“von Ha­rald Wel­zer. Ne­ben den vie­len Kri­sen der Welt, von de­nen kei­ne ein­zi­ge mit den Mit­teln der Di­gi­ta­li­sie­rung zu lö­sen sei, geht es Wel­zer haupt­säch­lich um das In­ter­net und im Spe­zi­el­len um die to­ta­li­tä­re Macht der In­ter­net­kon­zer­ne. Das Prin­zip der Wachs­tums­wirt­schaft, so der So­zio­lo­ge und Di­rek­tor der Stif­tung Fu­turz­wei, sei dort all­ge­gen­wär­tig. Die hier prak­ti­zier­te Form des Ka­pi­ta­lis­mus ist sei­ner An­sicht nach „räu­be­ri­scher, des­in­te­gra­ti­ver, zer­stö­re­ri­scher denn je“(S. 17). Zu­dem heb­le die Über­wa­chung via Smart­pho­ne und PC un­se­re de­mo­kra­ti­schen Grund­wer­te aus. Wel­zer weist dar­auf hin, dass die di­gi­ta­len Mög­lich­kei­ten der Ein­füh­rung von „Selbst­zwangs­tech­no­lo­gi­en“(S. 26) ufer­los sei­en. Und sie ver­spre­chen uns je­des Mal, die Welt bes­ser bzw. ein­fa­cher zu ma­chen. Für je­des Pro­blem ge­be es die rich­ti­gen Lö­sun­gen. Was wä­re aber, wenn wir mit vie­len Din­gen gar kein Pro­blem hät­ten und die­se oder je­ne Smart­pho­ne-in­no­va­ti­on gar nicht bräuch ten? Die­ser ket­ze­ri­schen Über­le­gung zum Trotz sind wir al­le längst zu Da­ten­samm­lern ge­wor­den und lie­fern frei­wil­lig An­ga­ben, die in Sum­me ein re­la­tiv ge­nau­es Ab­bild un­se­res Le­bens lie­fern. Das wie­der­um er­mög­li­che ei­ne lü­cken­lo­se Über­wa­chung so­wohl von staat­li­cher als auch pri­va­ter Sei­te, was zur Er­zeu­gung von in­for­ma­tio­nel­ler Macht über Men­schen füh­re, wie der Au­tor aus­führt. Zu Miß­ver­ständ­nis­sen An­laß gibt Wel­zers his­to­ri­scher Ver­gleich mit dem „Drit­ten Reich“. Am Bei-

„Es kommt al­so nicht dar­auf an, zu­künf­ti­ge Pro­ble­me im­mer ver­bis­se­ner aus­zu­ma­len, son­dern über das Le­ben jetzt zu spre­chen, wenn man Men­schen ver­an­las­sen möch­te, mit ei­nem zu­sam­men Wi­der­stand zu leis­ten.“(Ha­rald Wel­zer in 100 , S. 276)

spiel von Cio­ma Schön­haus, ei­nem in Ber­lin le­ben­den Ju­den, ver­sucht er zu zei­gen, dass sich „trotz Ge­heim­po­li­zei, trotz ra­di­ka­ler Ge­walt, trotz Über­wa­chung, trotz Kon­trol­le, so­zia­le Räu­me des Über­le­bens ge­bo­ten“hät­ten (S. 38). Heu­te, so der Au­tor, ge­be es sol­che Ni­schen nicht mehr. „Al­le so­zia­len Fel­der, al­le räum­li­chen Ni­schen sind tag­hell aus­ge­leuch­tet. Was heißt: Es wird nicht nur nie­mand ge­ret­tet. Es gibt auch kei­nen Wi­der­stand.“(S. 38) Heu­te, so sei­ne Ver­mu­tung, hät­te Schön­haus al­so nicht über­lebt.

Wel­zer prä­zi­siert im Fol­gen­den sei­ne düs­te­re Analyse der Welt, die, so der Au­tor, heu­te schon ein to­ta­li­tä­res Nar­ren­pa­ra­dies ge­wor­den sei. Die „Über­gangs­zo­nen ins To­ta­li­tä­re“(ab S. 232) sei­en je­ne Be­rei­che, in de­nen sich De­mo­kra­ti­sches in Dik­ta­to­ri­sches ver­wan­delt. Die­se or­tet Wel­zer ers­tens im Hy­per­kon­sum, zwei­tens in der „Ma­gi­sie­rung“des Mark­tes durch des­sen Über­hö­hung von ei­nem so­zia­len Mecha­nis­mus der Ver­tei­lung zu ei­ner schick­sal­haf­ten Macht, drit­tens sei es die Art und Wei­se, wie Men­schen ih­re Be­zie­hun­gen und ih­re Iden­ti­tät gestal­ten (So­zia­li­tät). Wei­ters sieht er als Er­geb­nis der Di­gi­ta­li­sie­rung den Wan­del von der „res pu­bli­ca“zur „res oe­co­no­mi­ca“. Als sechs­te Über­gangs­zo­ne de­fi­niert der Au­tor die Er­klä­rung der in­di­vi­du­el­len Le­bens­la­gen zum Schick­sal („Schick­sal schließt Po­li­tik aus“, S. 235). Als sieb­te Zo­ne nennt der die um sich grei­fen­de „Be­wer­tung“von al­lem und je­dem, die schließ­lich zum Ver­schwin­den der Pri­vat­heit durch die „Trans­pa­renz“ge­nann­te Über­wa­chung als (al­les um­fas­sen­de) ach­te Zo­ne füh­re.

Nach der über­wie­gend scharf­sin­ni­gen und treff­li­chen Be­schrei­bung der Fol­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung er­öff­net Wel­zer Op­tio­nen des Wi­der­stands. Man müs­se, so des Au­tors ein­dring­li­cher Ap­pell, vor al­lem ei­ne an­de­re Zu­kunft wol­len als je­ne der smar­ten Dik­ta­to­ren mit ih­ren lang­wei­li­gen und phan­ta­sie­lo­sen Ef­fi­zi­enz­höl­len. „Ge­ra­de in un­se­rer ab­sur­den Ge­gen­wart, die zwi­schen dem höchs­ten je­mals er­reich­ten Le­bens­stan­dard und rea­len und ir­ra­tio­na­len Ängs­ten vor al­lem und je­dem os­zil­liert, sind Zu­kunfts­bil­der, Skiz zen ei­nes mög­li­chen an­de­ren Le­bens, Wirt­schaf­tens und Ko­ope­rie­rens un­ver­zicht­bar.“(S. 248) Mit zahl­rei­chen an­de­ren Au­to­rin­nen ist er über­zeugt, dass wir die di­gi­ta­le Zu­kunft (noch) gestal­ten kön­nen. „Vor­wärts zum Wi­der­stand“(ab S. 259) heißt denn auch das ab­schlie­ßen­de Ka­pi­tel, in dem der So­zio­lo­ge da­zu auf­for­dert, für die Frei­heit und die De­mo­kra­tie zu kämp­fen. Die­ser Ein­satz müs­se mu­tig sein und Un­ter­hal­tungs­wert ha­ben, um auch „die Coo­len“zum Mit­ma­chen zu be­we­gen. Ne­ben Prak ti­ken der pa­ra­do­xen In­ter­ven­ti­on emp­fiehlt der Au tor, nicht im In­ter­net ein­zu­kau­fen, Up­dates zu ver­wei­gern und das Smart­pho­ne über­haupt weg­zu­wer­fen. Ge­gen die smar­te Dik­ta­tur – die „di­gi­ta­le Ent­le­ben­di­gung“– müs­se man das rea­le Le­ben, Po esie, Mu­sik, Sex, Lie­be, eben al­les was Le­ben aus­macht, set­zen. Ei­ne be­mer­kens­wer­te, nach­denk­lich stim­men­de Analyse, von der der deut­sche Phi­lo­soph Richard Da­vid Precht wäh­rend der Buch­prä sen­ta­ti­on in Ber­lin sag­te, er ha­be seit lan­gem kein Buch so schnell und in ei­nem Rutsch durch­ge­le­sen und ha­be am En­de so schlech­te Lau­ne ge­habt wie bei die­sem Buch (zit. nach Re­zen­sio­nen v. 11.5.2016 un­ter kul­tur­buch­tipps.de).

Di­gi­ta­li­sie­rung: Frei­heit 100 Wel­zer, Ha­rald: Die smar­te Dik­ta­tur. Der An­griff auf un­se­re Frei­heit. Frank­furt/m.: S. Fi­scher, 2016. 319

S., € 19,99 [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-10-002491-6

„Die wach­sen­den Emis­si­ons­men­gen, die den Kli­ma­wan­del an­feu­ern, ha­ben ih­re Ur­sa­che in Kon­sum und Hy­per­kon­sum, die da­für er­for­der­li­chen Ma­te­ri­al- und Ener­gie­men­gen müs­sen, we­gen des ‚glo­ba­len Wett­be­werbs‘, so bil­lig wie mög­lich ge­won­nen wer­den, wes­halb Raub­bau an Na­tur­res­sour­cen wie an mensch­li­cher Ar­beits­kraft be­trie­ben wird, was zu so­zia­ler Un­gleich­heit und auch zu Kon­flik­ten und Krie­gen und Ter­ro­ris­mus führt, wes­halb ex­pan­si­ve Über­wa­chungs­stra­te­gi­en ver­folgt wer­den (…).“(Ha­rald Wel­zer in , S. 16)

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.