Wachs­tum neu den­ken

ProZukunft - - Ökonomie | Navigator -

Dass die ak­tu­el­len Ver­su­che mit­tels Ka­pi­tal­flu­tung und Nied­rig­zin­sen Wachs­tum zu ge­ne­rie­ren, nur be­grenzt Er­folg zei­ti­gen, sieht man nicht nur in Ja­pan, je­nem Land mit der längs­ten Sta­gna­ti­ons­pha­se, son­dern auch in Eu­ro­pa und in den USA. Wir steu­ern auf Post­wachs­tums­wirt­schaf­ten zu. Nicht auf­grund schlech­ten Wirt­schaf­tens, son­dern weil hoch ent­wi­ckel­te Volks­wirt­schaf­ten nicht wei­ter wach­sen müs­sen. Dies zur Kennt­nis zu neh­men und die ent­spre­chen­den Ve­rän­de­run­gen ein­zu­lei­ten, sei das Ge­bot der St­un­de, so Post­wachs­tums­öko­no­men. Schon mehr­mals ha­ben wir in PZ „Post­wachs­tums­per­spek­ti­ven“the­ma­ti­siert. Hans Holzin­ger hat sich dies­mal ei­ni­ge in­ter­na­tio­na­le Pu­bli­ka­tio­nen da­zu an­ge­se­hen, an­ge­führt vom neu­en Be­richt an den Club of Ro­me, der es in sich hat.

Ein Pro­zent ist ge­nug

„Was ha­ben die den ge­raucht?“, so ein hä­mi­scher Kom­men­tar über den neu­en Be­richt an den Club of Ro­me „Ein Pro­zent ist ge­nug“. Wenn sich ein Bu­si­ness­ma­ga­zin zu der­ar­ti­ger Po­le­mik ver­an­lasst sieht, muss was dran sein an dem Buch. Und in der Tat: Jör­gen Ran­ders, Co-au­tor des ers­ten Cub of Ro­me-be­richts „Die Gren­zen des Wachs­tums“, und der ge­gen­wär­ti­ge Ge­ne­ral­se­kre­tär des Vor­den­ker-krei­ses Gra­e­me Max­ton le­gen Vor­schlä­ge dar, die über ein paar Kurs­kor­rek­tu­ren weit hin­aus­ge­hen. Und den­noch, so be­to­nen die bei­den, wür­den nur An­re­gun­gen ge­ge­ben, die Aus­sicht auf po­li­ti­sche Mehr­hei­ten ha­ben. Ent­spre­chen­de Auf­klä­rung vor­aus­ge­setzt. Die vor­lie­gen­de Pu­bli­ka­ti­on trägt da­zu in her­vor­ra­gen­der Wei­se bei, nicht nur weil wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­hän­ge ver­ständ­lich dar­ge­legt und Fach­be­grif­fe in ei­ge­nen Käs­ten gut er­klärt wer­den, son­dern weil Wirt­schaf­ten wie­der vom Kopf auf die Fü­ße ge­stellt wird. „Die rei­che Welt wird auf ei­ne Pro­duk­ti­vi­täts­bar­rie­re sto­ßen, die Pro­duk­ti­vi­tät all­mäh­lich sta­gnie­ren“(S. 91), so die Grund­the­se der Au­to­ren. Der ba­na­le Grund: Al­le Volks­wirt­schaf­ten der „al­ten“Welt der Oecd-staa­ten sei­en mitt­ler­wei­le Di­enst­leis­tungs­ge­sell­schaf­ten. Doch Di­enst­leis­tun­gen las­sen sich nur be­dingt ra­tio­na­li­sie­ren. Ge­rin­ges Wirt­schafts­wachs­tum ist für die bei­den aber nicht das Pro­blem, viel­mehr gä­be es an­de­re Her­aus­for­de­run­gen zu be­wäl­ti­gen. Ran­ders und Max­ton nen­nen ins­be­son­de­re die al­tern­de Be­völ­ke­rung, die Ver­teue­rung von Res­sour­cen und den Kli­ma­wan­del. Der Staat wer­de in Zu­kunft mehr Mit­tel brau­chen (et­wa für die Ab­de­ckung der Kos­ten des Kli­ma­wan­dels), doch die pri­va­te und öf­fent­li­che Ver­schul­dung sto­ße an ih­re Gren­zen, der Kon­sum wer­de da­her zu­rück­ge­hen, was aber die Chan­ce auf ei­nen an­de­ren Wohl­stand – die Au­to­ren spre­chen von „all­ge­mei­nem Wohl­er­ge­hen“(S. 150) – er­mög­li­che.

Drei­zehn Vor­schlä­ge

Drei­zehn Vor­schlä­ge un­ter­brei­ten Ran­ders und Max ton „zur Ver­min­de­rung der Ar­beits­lo­sig­keit, der Un­gleich­heit und der Er­der­wär­mung“, die sie im zwei­ten Teil des Bu­ches aus­füh­ren. 1) Ver­kür­zung der Jah­res­ar­beits­zeit (be­zo­gen auf die USA An­pas­sung an die Ur­laubs­an­sprü­che in Eu­ro­pa), 2) An­he­bung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters, 3) Neu­de­fi­ni­ti­on des Be­griffs „be­zahl­te Ar­beit“, der auch die häus­li­che Pfle­ge von An­ge­hö­ri­gen um­fasst (vor­ge­schla­gen wird hier ei­ne ein­heit­li­che Fi­nan­zie­rung), 4) Er­hö­hung des Ar­beits­lo­sen­gel­des (!), um die Kon­sum­nach­fra­ge von Men­schen in die­sen „Über­gangs­pha­sen“zu er­hal­ten, 5) Er­hö­hung der Steu­ern von Un­ter­neh­men und Rei­chen (vor al­lem im Sin­ne ei­ner Au­to­ma­ti­sie­rungs­di­vi­den­de an den Staat), 6) ver­stärk­ter Ein­satz grü­ner Kon­junk­tur­pa­ke­te (fi­nan­ziert auch über „neu ge­druck­tes Geld“), 7) Be­steue­rung fos­si­ler Brenn­stof­fe und fai­re Ver­tei­lung der Er­lö­se an al­le Bür­ge­rin­nen (d. h. auf­kom­mens­neu­tra­le Gestal­tung), 8) Ver­la­ge­rung von der Ein­kom­mens­be­steue­rung auf die Be­steue­rung von Emis­sio­nen und Roh­stoff­ver­brauch, 9) Er­hö­hung der Erb­schafts­steu­ern „zur Ver­rin­ge­rung der Un­gleich­heit, der Be­schnei­dung von Phil­an­tro­pis­mus und zur Er­hö­hung der staat­li­chen Ein­nah­men“, 10) För­de­rung ge­werk­schaft­li­cher Or­ga­ni­sa­tio­nen, „um die Ein­kom­men zu stei­gern und die Aus­beu­tung zu ver­rin­gern“, 11) Be­schrän­kung des Au­ßen­han­dels „wo nö­tig, um Ar­beits­plät­ze zu er­hal­ten, das all­ge­mei­ne Wohl­er­ge­hen zu er­hö­hen und die Um­welt zu schüt­zen“,12) För­de­rung klei­ne­rer Fa­mi­li­en durch Ge­bur­ten­kon­trol­le, schließ­lich 13) „Ein füh­rung ei­nes exis­tenz­si­chern­den Grund­ein­kom­mens für die­je­ni­gen, die es am drin­gends­ten brau­chen, da­mit al­le oh­ne Zu­kunfts­angst le­ben kön­nen“(al­le Zi­ta­te S. 150f.).

Die Vor­schlä­ge sind nicht al­le­samt neu, er­hal­ten aber Ge­wicht durch das Re­nom­mee des Club of Ro­me. Und sie sind gut ar­gu­men­tiert. So er­hö­he Frei­han­del den Wohl­stand der Men­schen, wenn un­glei­che Gü-

„Der Staat wird häu­fig als un­fä­hig an­ge­pran­gert, der Pri­vat­sek­tor hin­ge­gen für sei­ne Ef­fi­zi­enz ge­lobt, ob­wohl im­mer wie­der gro­ße Un­ter­neh­men schlie­ßen müs­sen und Men­schen in die Ar­beits­lo­sig­keit ent­las­sen, die Um­welt zer­stö­ren, sich als kor­rupt er­wei­sen, ge­fähr­li­che Gü­ter pro­du­zie­ren oder ih­re Mo­no­pol­stel­lung miss­brau­chen.“(Ran­ders/max­ton in , S. 239)

ter ge­tauscht wer­den (wie Adam Smith es vor­schlug), nicht je­doch, wenn Staa­ten um glei­che Gü­ter kon­kur­rie­ren, was auf­grund von Lohn­dum­ping le­dig­lich die Ge­win­ne der Kon­zer­ne er­hö­he, nicht je­doch die Be­din­gun­gen der Ar­beit­neh­me­rin­nen ver­bes­se­re. Auch aus öko­lo­gi­schen Grün­den wird ei­ne De­zen­tra­li­sie­rung des Wirt­schaf­tens fa­vo­ri­siert. Strit­tig er­scheint – das räu­men die Au­to­ren selbst ein – der Vor­schlag zur Ge­bur­ten­kon­trol­le, um den öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck zu ver­rin­gern: vor­ge­schla­gen wird ei­ne Ein­mal­zah­lung an je­de 50-jäh­ri­ge Frau, die nur ein Kind ge­bo­ren hat (!). Die Idee da­hin­ter: Auf­wer­tung ei­nes Frau­en­bil­des, das nicht mehr an die Ge­burt vie­ler Kin­der ge­bun­den ist. Das Grund­ein­kom­men soll schließ­lich an all je­ne aus­be­zahlt wer­den, die kei­ner Er­werbs­ar­beit nach­ge­hen (kön­nen): den Al­ten, Be­hin­der­ten, Kran­ken und Ar­beits­lo­sen. Die Hö­he soll ein Drit­tel des Durch­schnitts­ein­kom­mens be­tra­gen, 10 Pro­zent des BIP soll­ten da­für auf­ge­wen­det wer­den. Die Ab­sicht hin­ter die­sem Vor­schlag ist au­ßer Streit zu stel­len, dass das Recht auf ein Exis­tenz­mi­ni­mum al­len zu­steht und dass die Früch­te der be­vor­ste­hen­den tech­no­lo­gi­schen Re­vo­lu­tio­nen auch je­nen zu Gu­te kom­men, die nicht da­ran par­ti­zi­pie­ren. Ran­ders und Max­ton mei­nen, dass das ga­ran­tier­te Min­dest­ein­kom­men un­aus­weich­lich sein wird: „Die Fra­ge ist nicht, ob es ein­ge­führt wird, son­dern wann.“(S. 231).

Re­sü­mee: Die dar­ge­leg­ten An­re­gun­gen ge­hen da­von aus, dass das ge­gen­wär­ti­ge Wirt­schaf­ten (die Au­to­ren nen­nen es „mark­t­ra­di­ka­les Den­ken“) nicht ge­eig­net ist, die an­ste­hen­den Pro­ble­me zu lö­sen. Es sei Auf­ga­be der Staa­ten, wie­der be­deu­tend mehr Initia­ti­ve zu er­grei­fen. Die Schrump­fung des pri­va­ten Kon­sums bei gleich­zei­ti­gem Aus­bau öf­fent­li­cher Leis­tun­gen ho­her Qua­li­tät gilt da­bei als Ma­xi­me, die dem Wohl­er­ge­hen der Men­schen die­nen und zu­gleich die Trans­for­ma­ti­on der Volks­wirt­schaf­ten in die Di­enst­leis­tungs­ära um­welt­ver­träg­lich er­mög­li­chen soll. In Sum­me sehr prag­ma­ti­sche Vor­schlä­ge, die mit Ideo­lo­gi­en vom „schlan­ken Staat“oder dem „Wachs­tum durch För­de­rung der Rei­chen“auf­räu­men, dem ge­gen­wär­ti­gen Aus­te­ri­täts­den­ken ei­ne Ab­sa­ge er­tei­len und dem Wachs­tum ei­ne neue Rich­tung ge­ben. Die Um­set­zung der Maß­nah­men sei, so die Au­to­ren, frei­lich nur in gut funk­tio­nie­ren­den De­mo­kra­ti­en mög­lich, „weil Un­ter­neh­mens­in­ha­ber und Rei­che welt­weit mas­siv und ag­gres­siv Wi­der­stand leis­ten wer­den – was durch­aus ver­ständ­lich ist“(S. 237). Doch auch der Kampf um bes­se­re me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung oder bes­se­re Schul­bil­dung sei von de­mo­kra­ti­schen Mehr­hei­ten er­reicht wor­den. Die­se sei­en da­her auch für die nun an­ste­hen­de Um­ver­tei­lung mög­lich. Neue Zu­kunfts­we­ge zu ent­wer­fen und die­se in die öf­fent­li­chen De­bat­ten ein­zu­brin­gen, um den neo­li­be­ra­len Main­stream zu bre­chen, ist hier­für we­sent­lich. Das vor­lie­gen­de Buch leis­tet ei­nen wich­ti­gen Bei­trag da­zu. Wachs­tum: Um­ver­tei­lung

1 Ran­ders, Jör­gen; Max­ton, Gra­e­me: Ein Pro­zent ist ge­nug. Mit we­nig Wachs­tum so­zia­le Un­gleich­heit, Ar­beits­lo­sig­keit und Kli­ma­wan­del be­kämp­fen. Der neue Be­richt an den Club of Ro­me. Mün­chen: oe­kom, 2016. 288 S., € 22,95 [D], 23,60 [A]

ISBN 978-3.86581-810-2

Lang­sa­mes Wachs­tum als Ziel

Auch Ja­mes K. Galbraith hin­ter­fragt den Glau­ben an wei­te­re ho­he Wachs­tums­ra­ten. Der re­nom­mier­te Us-ame­ri­ka­ni­sche Öko­nom sieht in der jüngs­ten Fi­nanz- und Schul­den­kri­se kei­nen Aus­rut­scher, son dern ver­or­tet die­se sys­te­misch in ei­nem grö­ße­ren zeit­li­chen Ho­ri­zont. Die Wachs­tums­jahr­zehn­te nach dem Zwei­ten Welt­krieg sei­en durch bil­li­ge Roh­stof­fe, al­lem vor­an bil­li­gem Erd­öl, be­feu­ert wor­den, so die zen­tra­le The­se des Öko­no­men (wor­auf üb­ri­gens be­reits des­sen Va­ter, John Ken­neth Galbraith in „Ge­sell­schaft im Über­fluss“hin­ge­wie­sen hat). Die Main­stream-wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten hät­ten sich da­ran ge­wöhnt, phy­si­sche Be­gren­zun­gen in ih ren Wachs­tums­mo­del­len zu igno­rie­ren, was sich nun rä­che. Galbraith geht da­von aus, dass die der­zeit nie dri­gen Roh­stoff­prei­se nur ein vor­über­ge­hen­des Phä no­men dar­stel­len (eben­so wie der der­zei­ti­ge Schie­fer­gas-boom in den USA). Als wei­te­re Ur­sa­chen für die ak­tu­el­len Wirt­schafts­kri­sen nennt der an der Uni­ver­si­ty of Te­xas in Austin leh­ren­de Öko­nom die rasch ge­stie­ge­nen De­fen­siv­kos­ten – er nennt al­lem vor­an die wach­sen­den Aus­ga­ben für Mi­li­tär, die an­ge­sichts der sich ver­än­dern­den wirt­schaft­li­chen Kräf­te­ver­hält­nis­se in der Welt völ­lig dys­funk­tio­nal ge­wor­den sei­en, so­wie den kri­sen­an­fäl­li­gen und über­di­men­sio­nier­ten Ban­ken­sek­tor. Da­zu kom­me die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on, die Ge­win­ne auf Kos­ten ei­ner wach­sen­den Zahl von Ar­beits­lo­sen lu­krie­re.

Wo sieht Galbraith Aus­we­ge?

Wirt­schafts­schrump­fung hält er für ge­fähr­lich, weil dies ei­ne Ab­wärts­spi­ra­le in Gang set­zen wür­de: Un­ter­neh­men hö­ren auf zu in­ves­tie­ren, Ar­beits­plät­ze ge­hen ver­lo­ren, die Steu­er­ei­nah­men sin­ken usw. Galbraith plä­diert da­her für ein lang­sa­mes, aber sta­bi­les Wachs­tum: „Es soll mehr als Null be­tra­gen, aber un­ter dem Wert lie­gen, der einst un­ter den Vor­zei­chen von bil­li­ger Ener­gie und Gleich­gül­tig­keit ge­gen­über dem Kli­ma­wan­del mög­lich war.“(S. 265) Ma­te­ri­ell und psy­cho­lo­gisch soll­ten wir uns auf die­sen Zu­stand ein­stel­len: „Wenn die Roh­stof-

„Das ers­te öko­no­mi­sche Ziel un­se­rer Zeit soll­te nicht das Wachs­tum sein, son­dern die So­li­da­ri­tät in un­se­rem Stre­ben nach ei­nem gu­ten Le­ben.“

(J. K. Galbraith in , S. 12)

„Wir müs­sen da­für sor­gen, dass je­weils die ´rich­ti­gen´ Be­völ­ke­rungs­grup­pen ar­bei­ten – und nicht ar­bei­ten – und dass al­le Haus­hal­te über die Mit­tel ver­fü­gen, um ih­re Be­dürf­nis­se zu be­frie­di­gen.“

(J. K. Galbraith in , S. 272)

„Die Idee hin­ter Ple­ni­tu­de ist, uns von ei­ner Kom­bi­na­ti­on aus An­rei­zen und Zwän­gen, die kaum noch Wohl­be­fin­den er­zeu­gen Wachs­tum, Ar­bei­ten und Kon­su­mie­ren, die Um­welt aus­beu­ten -, zu eman­zi­pie­ren, mit dem Ziel, ei­nen an­de­ren, be­wuss­te­ren, ent­schleu­nig­ten Le­bens­stil zu er­rei­chen.“(Ju­liet B. Schor in 3 , S. 207)

fe teu­rer wer­den, kön­nen wir uns nicht mehr al­les leis­ten.“(ebd.) Der Öko­nom plä­diert ins­be­son­de­re für ei­ne an­de­re Wirt­schafts­po­li­tik: Kos­ten für Mi­li­tär und ei­nen über­di­men­sio­nier­ten Fi­nanz­sek­tor soll­ten zu­rück­ge­fah­ren, die Le­bens­be­din­gun­gen der Men­schen durch „ro­bus­te So­zi­al­sys­te­me“, Min­dest­löh­ne und leist­ba­res Woh­nen ge­si­chert wer­den. Er­werbs­ar­beit we­ni­ger zu be­steu­ern (Galbraith plä diert statt­des­sen wie Ran­ders und Max­ton für die Er­hö­hung der Erb­schafts- und Schen­kungs­steu­ern) und die schrump­fen­de Er­werbs­ar­beit bes­ser zu ver­tei­len, soll Ar­beits­lo­sig­keit ab­bau­en und den Ar­beits­markt ef­fi­zi­en­ter ma­chen. Ne­ben Ar­beits­zeit­ver­kür­zun­gen ge­he es auch dar­um, dass die „rich­ti­gen Men­schen“ar­bei­ten (Galbraith for­dert an­ders als die Club of Ro­me-au­to­ren u. a., dass es Äl­te­ren er­mög­licht wer­den soll­te, frü­her in Ren­te zu ge­hen, um Jun­gen Ar­beits­plät­ze zu über­las­sen!). Re­sü­mee: Ein span­nen­des Buch mit ver­ständ­li­chen Dar­le­gun­gen der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung seit den 1950er-jah­ren und sehr prag­ma­ti­schen Lö­sungs­vor­schlä­gen, die so­zia­le und öko­lo­gi­sche Be­lan­ge in den Mit­tel­punkt stel­len. Auch hier wird span­nend sein, ob der neue Us-prä­si­dent Trump, der im Wahl­kampf ja Voll­be­schäf­ti­gung ver­spro­chen hat, An­lei­hen neh­men wird.

Wachs­tums­kri­tik 2 Galbraith, Ja­mes K.: Wachs­tum neu den­ken. Was die Wirt­schaft aus den Kri­sen ler­nen muss.

Zü­rich: Rot­punkt­verl., 2016. 304 S., € 32,- [D], 33,10 [A] ISBN 978-3-85869-691-5

Aus der Fül­le le­ben

Ju­liet B. Schor zählt zu den be­kann­tes­ten So­zio­lo­gin­nen der USA. Früh hat sie auf die Sche­re zwi­schen Kon­sum­wachs­tum und Le­bens­qua­li­tät in ih­rem Land hin­ge­wie­sen. Nun ist ihr Best­sel­ler „Ple­ni­tu­de“, was auf „Fül­le“ver­weist, un­ter dem et­was un­glück­li­chen, da fun­da­men­ta­lis­tisch an­mu­ten­den Ti­tel „Wah­rer Wohl­stand“auf Deutsch er­schie­nen. „Mich ha­ben an den Ar­bei­ten Ju­liet Schors im­mer die Ge­nau­ig­keit der Analyse bei gleich­zei­ti­ger po­li­ti­scher Klar­heit be­ein­druckt und ihr Be­har­ren dar­auf, dass das al­les nicht so wei­ter­ge­hen muss, son­dern ver­än­dert wer­den kann“, so Ha­rald Wel­zer im Vor­wort zur deut­schen Über­set­zung (S. 9). Schor fa­vo­ri­sie­re we­der den „star­ken Staat“noch die „Öko­dik­ta­tur“, son­dern set­ze auf die „In­tel­li­genz der Pra­xis”: „Man muss die ein­zel­nen Din­ge ein­fach an­ders ma­chen, da­mit al­les an­ders wird“, so Wel­zer wei­ter (ebd.).

Schor legt zu­nächst die öko­lo­gi­schen Fol­gen des Kon­sum­wachs­tums dar. Der so­ge­nann­ten „Kuz­net-kur­ve“, der ge­mäß sich der Um­welt­zu­stand hoch­ent­wi­ckel­ter Öko­no­mi­en auf­grund mo­der­ner Tech­no­lo­gi­en wie­der ver­bes­se­re, setzt sie die „Trans­for­ma­ti­ons­kur­ve“ent­ge­gen. Die­se be­sagt, dass mehr Na­tur im­mer we­ni­ger Pro­duk­ti­on be­deu­te und um­ge­kehrt. „Er­füllt le­ben auf ei­nem an­ge­zähl­ten Pla­ne­ten“(S. 123) er­for­de­re da­her ei­ne Kon­sum­rück­nah­me. Ei­nen we­sent­li­chen Mo­tor hier­für sieht Schor – dies noch ve­he­men­ter als Galbraith – in der Ver­kür­zung der Ar­beits­zeit. Dies sei auf­grund wei­te­rer Ra­tio­na­li­sie­run­gen volks­wirt­schaft­lich not­wen­dig, wür­de die Le­bens­qua­li­tät der un­ter Zeit­stress le­ben­den Men­schen ver­bes­sern und wür­de der Um­welt hel­fen: „Ei­ne Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit ist nicht nur gu­te Ar­beits­markt­und So­zi­al­po­li­tik, son­dern auch gu­te Um­welt­po­li­tik.“(S. 20)

„Zu­rück­er­obern der Zeit“

Das „Zu­rück­er­obern der Zeit“ist für Schor der zen tra­le An­gel­punkt von Nach­hal­tig­keits­stra­te­gi­en. Mög­lich wür­den auf die­sem We­ge neue For­men der Ei­gen­ar­beit und Ge­mein­wohl­wirt­schaft, für die Schor zahl­rei­che Bei­spie­le vor­nehm­lich aus den USA an­führt. In der Fi­nan­zie­rung des Wan­dels setzt die So­zio­lo­gin vor al­lem auf Um­welt­steu­ern: „Wenn Luft­ver­schmut­zer kon­se­quent für ih­re Emis­sio­nen be­zah­len müss­ten und die Bür­ger in den Ge­nuss die ser Er­trä­ge kä­men, ent­sprä­che das der Schaf­fung ei­nes neu­en öko­lo­gi­schen Ver­mö­gens­wer­tes, näm­lich dem An­spruch an die At­mo­sphä­re.“(S. 188) In ves­ti­tio­nen in die Nach­hal­tig­keits­wen­de, die et­wa von der „Slow mo­ney“-be­we­gung for­ciert wer­den, wür­den mehr wirt­schaft­li­che Im­pul­se ge­ben als das Ver­har­ren in den al­ten Struk­tu­ren (Schor zi­tiert ei­ne Us-stu­die, der ge­mäß In­ves­ti­tio­nen in Er­neu­er­ba­re Ener­gi­en zu über drei­mal mehr Be­schäf­ti­gung füh­ren als in den ka­pi­tal­in­ten­si­ven Sek­tor der fos­si­len Ener­gie­trä­ger. S. 205).

Mit „Ple­ni­tu­de-öko­no­mie“be­schreibt die Au­to­rin all je­ne An­sät­ze ei­nes an­de­ren Wirt­schaf­tens, die an vie­len Or­ten als Ant­wort auf die stei­gen­den Kri­sen zu sprie­ßen be­gin­nen. Im­mer mehr Men­schen wür­den die Bot­schaft die­ser Kri­sen ver­ste­hen: „Sie re­agie­ren dar­auf, in­dem sie pflan­zen, an­bau­en, spa ren, tei­len, re­cy­celn, fer­ti­gen und sich um ih­re Mit men­schen küm­mern.“(S. 214). Ei­ne Hoff­nung, auf die die Al­ter­na­tiv­be­we­gung der 1970er-jah­re be­reits ein­mal ge­setzt hat, wie et­wa Ro­bert Jungk in sei­nem so­eben neu auf­ge­leg­ten Buch „Der Jahr­tau­send­mensch“ein­drucks­voll be­schrie­ben hat­te. Die Strahl­kraft da­mals blieb frei­lich be­grenzt. Vi­el­leicht ist die Zeit nun rei­fer für die Trans­for­ma­ti­on?

Wachs­tums­kri­tik Schor, Ju­liet B.: Wah­rer Wohl­stand. Mit we­ni­ger Ar­beit bes­ser le­ben. Mün­chen: oe­kom, 2016. 266 S., € 19,95 [D], 20,60 [A]

ISBN 978-3-86581-777-8

Trans­for­ma­ti­ons­pfa­de

Wie kommt es zum Wan­del? Der So­zi­al­wis­sen­schaft­ler Cars­ten Ka­ven hat vier zen­tra­le Au­to­ren und de­ren Pfa­de zur Nach­hal­tig­keit ana­ly­siert: Mar­tin Jä­ni­ckes Weg der „Öko­lo­gi­schen Mo­der­ni­sie­rung“, Je­re­my Rif­kins „Drit­te In­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on“, El­mar Alt­va­ters Über­gang zu ei­nem „Öko­so­zia­lis­mus“so­wie Chan­dran Nairs Per­spek­ti­ve ei­ner staat­lich ge­lenk­ten Res­sour­ce­nöko­no­mie jen­seits des Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus. Al­le vier Au­to­ren se­hen die Welt­wirt­schaft bzw. das west­lich-ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­mo­dell an ei­nem Schei­de­weg, wo­bei als zen­tra­le Fak­to­ren auch hier der Kli­ma­wan­del und die Res­sour­cen­ver­knap­pung aus­ge­macht wer­den. Für Jä­ni­cke ist das her­kömm­li­che Wachs­tums­mo­dell an ein En­de ge­kom­men; grü­ne Tech­no­lo­gi­en wür­den das Wirt­schaf­ten ver­än­dern, aber auch das Wachs­tum ab­brem­sen. Alt­va­ter sieht das Wachs­tums­pa­ra­dig­ma im Ka­pi­ta­lis­mus ein­ge­schrie­ben; er pro­gnos­ti­ziert da­her ei­ne sich wei­ter zu­spit­zen­de Trans­for­ma­ti­ons­kri­se, die zu so­zia­len Re­vol­ten füh­ren wer­de und neue Mo­del­le mit stär­ke­rer Markt­pla­nung nö­tig ma­che. Nair hat ins­be­son­de­re Asi­en im Blick und geht da­von aus, dass die Res­sour­cen für ei­ne Ko­pie des west­li­chen Wachs­tums­mo­dells nicht rei­chen wer­den und nur ei­ne klei­ne Kon­su­men­ten­schicht da­von pro­fi­tie­ren wür­de. Rif­kin scheint am op­ti­mis­tischs­ten zu sein: Auch er sieht den Wen­de­punkt in den sich ver­knap­pen­den Res­sour­cen, ins­be­son­de­re des Erd­öls, ei­ner „eli­tä­ren Ener­gie“, die den mäch­tigs­ten Volks­wirt­schaf­ten am längs­ten zur Ver­fü­gung ste­hen wer­de, wenn auch zu be­deu­tend hö­he­ren Kos­ten. Län­der nach­ho­len­der Ent­wick­lung, aber auch die Volks­wirt­schaf­ten der rei­chen Län­der sei­en gut be­ra­ten, den Über­gang ins post­fos­si­le Zeit­al­ter in den nächs­ten 50 Jah­ren zu schaf­fen. Er hofft auf Di­gi­ta­li­sie­rung und De­zen­tra­li­sie­rung in ei­ner stär­ker „kol­la­bo­ra­ti­ven Öko­no­mie“.

Trans­for­ma­ti­on der vie­len Schrit­te

Ka­ven gibt ei­ne gu­te Zu­sam­men­fas­sung al­ler Po­si­tio­nen und de­ren Stär­ken und Schwä­chen. Sei­ne The­se: So­wie das Bild ei­nes Schei­de­wegs bzw. – im Sin­ne der Cha­os­for­schung – ei­ner Bi­fur­ka­ti­on in die Ir­re füh­re (da Über­gän­ge flie­ßend sein kön­nen), gä­be es nicht den ei­nen Ka­pi­ta­lis­mus. Wenn der fi­nanz­ge­trie­be­ne Ren­ten­ka­pi­ta­lis­mus von heu­te über­wun­den wer­den kann, bö­ten sich – so der Au­tor – durch­aus Chan­cen auf des­sen Wan­del. Und wenn Rif­kins neu­es Ener­gie­re­gime in Ver­bin­dung mit neu­en Tech­no­lo­gi­en tat­säch­lich Fuß fas­sen wür­de (ähn­lich der öko­lo­gi­schen Mo­der­ni­sie­rung von Jä­ni­cke), wür­den so­zia­le Ver­wer­fun­gen (wie sie Alt­va­ter pro­gnos­ti­ziert) aus­blei­ben, neue Be­we­gun­gen ins Sys­tem in­te­griert wer­den. In den Bick zu neh­men sei­en vor­han­de­ne ma­te­ri­el­le In­fra­struk­tu­ren wie Stra­ßen­net­ze, Pi­pe­lines, Ener­gi­e­mul­tis, aber auch im­ma­te­ri­el­le In­fra­struk­tu­ren wie Ein­stel­lun­gen, Denk­wei­sen und Kul­tur­mus­ter, die dem Wan­del ent­ge­gen­ste­hen kön­nen, so Ka­ven. Und doch sei bei­des ver­än­der­bar. Wie über­haupt aus al­len be­schrie­be­nen An­sät­zen wert­vol­le Ele­men­te zur Trans­for­ma­ti­on zu ge­win­nen sei­en. Der Au­tor plä­diert zu­sam­men­fas­send für den je­wei­li­gen Kon­tex­ten an­ge­pass­te Stra­te­gi­en, die, ge­speist aus dem öko­lo­gi­schen Im­pe­ra­tiv, die Per­spek­ti­ve des „gu­ten Le­bens“als Re­a­luto­pie in den Mit­tel­punkt stel­len. Markt­lö­sun­gen wür­den dann ver­bun­den mit stär­ke­ren staat­li­chen Ein­grif­fen, Ele­men­te der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on mit neu­en kul­tu­rel­len Leit­bil­dern vom „gu­ten Le­ben“, de­zen­tra­li­sier­te Ver­sor­gungs­struk­tu­ren mit glo­ba­ler Ver­net­zung. Ka­ven geht prag­ma­tisch an die Fra­ge des öko­lo­gi­schen Wan­dels her­an und er be­nennt auch, dass die­ser Verlierer ha­ben wer­de – gro­ße Ener­gie­kon­zer­ne, Au­to­mo­bil­her­stel­ler, die den Um­stieg auf neue An­trie­be ver­pas­sen, oder die in­dus­tri­el­le Land­wirt­schaft. Doch Ve­rän­de­rung sei im­mer mit Wi­der­stand und ei­nem zä­hen Rin­gen ver bun­den ge­we­sen: „In­ner­halb ka­pi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nis­se sind al­le Schrit­te der Eman­zi­pa­ti­on dem müh­sa­men Rin­gen so­zia­ler Be­we­gun­gen zu ver­dan­ken. War­um soll­te es heu­te an­ders sein, wo mäch ti­ge In­ter­es­sen gro­ßer Un­ter­neh­men be­trof­fen sind?“(S. 193) Ka­pi­ta­lis­mus: Trans­for­ma­ti­on

„Vor die­sem Hin­ter­grund (von “Fens­tern der Mach­bar­keit”) scheint es das ver­nünf­tigs­te zu sein, auf Brei­te und Viel­falt der lo­ka­len Pro­jek­te und An­sät­ze zu set­zen, um für die Un­wäg­bar­kei­ten auf ei­nem al­ter­na­ti­ven Pfad ge­wapp­net zu sein.“(Cars­ten Ka­ven in , S. 186)

4 Ka­ven, Cars­ten: Trans­for­ma­ti­on des Ka­pi­ta­lis­mus oder grü­ne Markt­wirt­schaft? Pfa­de zur Nach­hal­tig­keit bei Alt­va­ter, Jä­ni­cke, Nair und Rif­kin. Mün­chen: oe­kom, 2015. 207 S. € 22,95 [D], 23,60 [A] ISBN 978-3-86581-750-1

Hand­buch für ei­ne neue Ära

Mehr­mals be­rich­te­ten wir in PZ be­reits über die an Be­deu­tung ge­win­nen­de Post­wachs­tums­be­we­gung. Nun ist ein Hand­buch für „De­growth“er­schie­nen, das ins­ge­samt 53 The­men in knap­pen Es­says ab­han­delt. Er­ör­tert wer­den Grund­be­grif­fe der Um­welt­öko­no­mie wie „En­tro­pie“, „Ge­sell­schaft­li­cher Me­ta­bo­lis­mus“, „Je­vons´ Pa­ra­do­xon“, „Steady-sta­te-öko­no­mie“oder „Peak Oil“und „Roh­stoff­fron­ten“eben­so wie phi­lo­so­phisch-kul­tu­rel­le Aspek­te, et­wa „Au­to­no­mie“, „An­ti­uti­li­ta­ris­mus“, „Kom­mer­zia­li­sie­rung”, „Kon­vi­via­li­tät“oder „Glück“. Neue prak­ti­sche An­sät­ze wie „Mi­ni­ma­lis­mus“, „Al­ter­na­tiv­wäh­run­gen“, „Com­mons“, „Ko­ope­ra­ti­ven“, „Öko­ge­mein­schaf­ten“oder „Ur­ban Gar­de­ning“kom­men eben­so zur Spra­che wie neue po­li­ti­sche Vor­schlä­ge, et­wa “Grund- und Höch­st­ein­kom­men“, „Bür­ger­geld“(meint aus­schließ­lich vom Staat ge­schöpf­tes Geld)

oder „Be­schäf­ti­gungs­ga­ran­tie“(For­de­rung nach ei­nem vom Staat fi­nan­zier­ten öf­fent­li­chen Ar­beits­sek­tor, der aus­schließ­lich Ge­mein­wohl­auf­ga­ben wahr­nimmt; ge­dacht als Al­ter­na­ti­ve zum be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men). Un­ter den Au­to­rin­nen sind zahl­rei­che be­kann­te Ver­tre­te­rin­nen der in­ter­na­tio­na­len Post­wachs­tums­be­we­gung wie der ka­na­di­sche Öko­nom Pe­ter A. Vik­tor („Wachs­tum“), sein bri­ti­scher Kol­le­ge Tim Jack­son („Wirt­schafts­ord­nung, neue“), die oben vor­ge­stell­te So­zio­lo­gin Ju­liet B. Schor („Ar­beits­um­ver­tei­lung“), der fran­zö­si­sche Öko­nom Ser­ge La­tou­che („De­ko­lo­nia­li­sie­rung des Vor­stel­lungs­raums“, „Päd­ago­gik der Angst“) oder die Phi­lo­so­phin Bar­ba­ra Mu­ra­ca

(„Uto­pie“).

Wis­sen­schaft­lich fun­diert und an­spre­chend ge­schrie­ben, stel­len die Au­to­rin­nen Aspek­te ei­nes neu­en Wirt­schaf­tens und Le­bens in den Kon­text der Post­wachs­tums­be­we­gung. Dar­un­ter fin­den sich auch hier­zu­lan­de vi­el­leicht we­ni­ger be­kann­te An­sät­ze wie „Now­to­pia“, wo­mit der ka­li­for­ni­sche Open Sour­ce-spe­zia­list Chris Carl­son die Be­we­gung von Men­schen und Grup­pen be­zeich­net, die jen­seits der Markt­be­zie­hun­gen neue Pro­duk­ti­ons­wei­sen ent­wi­ckeln, oder die auf Ge­or­ge Ba­tail­le

zu­rück­ge­hen­de Dis­kus­si­on über „Dé­pen­se“(Auf­wen­dung), die der Fra­ge nach­geht, was ei­ne Ge­sell­schaft mit der nicht zur Be­frie­di­gung der phy­si­schen Be­dürf­nis­se ver­wen­de­ten Ener­gie (im Sin­ne von Hand­lungs­en­er­gie) macht. Die In­ter­na­tio­na­li­tät un­ter­streicht nicht zu­letzt das Ka­pi­tel „Bünd­nis­se“, in dem u. a. die la­tein­ame­ri­ka­ni­sche Be­we­gung des Bu­en Vi­vir, die in­di­sche „Eco­no­my of Per­ma­nence“so­wie die afri­ka­ni­sche Ubu­ntu-phi­lo­so­phie mit auf Ge­mein­schaft aus­ge­rich­te­ten Wirt­schafts­wei­sen vor­ge­stellt wer­den.

Die Bei­trä­ge durch­zieht ein star­ker Ve­rän­de­rungs­op­ti­mis­mus ganz im Sin­ne ei­nes „Hand­buchs für ei­ne neue Ära“. Die Fra­ge nach Über­win­dung oder Trans­for­ma­ti­on des Ka­pi­ta­lis­mus wird da­bei un­ter­schied­lich ge­se­hen, wie ein ein­schlä­gi­ger Bei­trag dar­legt. Ver­bin­dend wirkt das Ziel, ein an­de­res Den­ken und neue Pra­xen des Han­delns ein­zu­brin­gen. Dass „De­growth“da­bei zu­vor­derst ei­ne so­zia­le Be­we­gung ei­ner Min­der­heit ist, emp­fin­det Ni­ko Pa­ech

im Vor­wort zur deut­schen Aus­ga­be nicht als Ma­kel, son­dern als Prä­di­kat: „Ei­ne sub­ver­si­ve Un­ter­wan­de­rung des Wachs­tums­dog­mas be­ginnt da­mit, sich selbst zu­gleich als Trä­ger ei­nes re­duk­ti­ven Übungs­pro­gramms und als le­ben­des Kom­mu­ni­ka ti­ons­in­stru­ment zu ent­de­cken.“(S. 12)

De­growth-be­we­gung De­growth. Hand­buch für ei­ne neue Ära. Hrsg. v. Gi­a­co­mo D´ali­sa u. a. Mün­chen: oe­kom, 2016. 297 S., € 25,- [D], 25,70 [A] ; ISBN 978-3-86581-767-9

Rol­le des Wirt­schafts­jour­na­lis­mus

Fer­di­nand Kn­auß , Re­dak­teur bei der Wirt­schafts­wo­che, hat sich die Rol­le des Wirt­schafts­jour­na­lis­mus im Kon­text des „Wachs­tums­pa­ra­dig­mas“an­ge­se­hen und ein­schlä­gi­ge Bei­trä­ge aus FAZ, Die Zeit und Der Spie­gel ana­ly­siert. Er geht da­bei zu­rück bis zum Be­ginn des Wirt­schafts­wun­ders in den 1950er-jah­ren, or­tet den ideo­lo­gi­schen Knick in den 1960er-jah­ren, als Lud­wig Er­hards Po­li­tik der Mä­ßi­gung durch das „Wachs­tums- und Sta­bi­li­täts­ge­setz“des neu­en Wirt schafts­mi­nis­ter und „Me­dien­lieb­ling“Karl Schil­ler ab­ge­löst wor­den sei. Die­ser ha­be den Glau­ben an un­be­grenz­tes Wachs­tum grund­ge­legt, den auch die in den 1970er-jah­ren auf­kom­men­den öko­lo­gi­schen Be­den­ken („Die Gren­zen des Wachs­tums“) nicht wirk­lich er­schüt­tern konn­ten, so die Ana­ly­sen von Kn­auß. Der Au­tor be­leuch­tet drei „Er­zäh­lun­gen“des Wachs­tums­dog­mas: das „Wachs­tum der Gren­zen durch In­no­va­ti­on“, den „Stand­ort Deutsch­land als Er­satz­va­ter­land“so­wie die „Ein­wan­de­rer als Wachs­tums­ret­ter“. Die Schluss­fol­ge­run­gen von Kn­auß sind be­den­kens­wert. Das Wachs­tums­pa­ra­dig­ma sei zu­nächst ei­ne er­folg­rei­che Ant­wort auf die Kri­sen und Krie­ge der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts ge­we­sen: „Der Welt wä­re viel Leid er­spart ge­blie­ben, wenn schon in den 1920er-jah­ren statt­ge­fun­den hät­te, was dann nach 1945 ge­lang: Wohl­stand für al­le.“(S. 166) Was zu­nächst sinn­voll und er­folg­reich war, hät­te je­doch ab den spä­ten 1960er-jah­ren sei­ne Wirk­sam­keit ver­lo­ren. Wachs­tum sei zum ideo­lo­gi­schen Fe­tisch ge­wor­den – mit dem Preis im­mer hö­he­rer Staats­ver­schul­dung. Kn­auß ana­ly­siert das un­kri­ti­sche Nah­ver­hält­nis zwi­schen Wirt schafts­for­schungs­in­sti­tu­ten, po­li­ti­schen Par­tei­en (die bis her­auf in die ak­tu­el­le Zeit durch­ge­hend für Wirt schafts­wachs­tum ein­tre­ten) und dem Wirt­schafts­jour­na­lis­mus. Die Ma­the­ma­ti­sie­rung der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten so­wie die Ver­ab­so­lu­tie­rung des Brut­to­na­tio­nal­pro­dukts als „schein­bar über­par­tei­li­ches Kri te­ri­um“(S. 167) hät­ten da­bei gro­ßen Ein­fluss ge­habt. Statt kri­ti­sches Kor­rek­tiv zu sein, wur­den die Me­di­en zu­min­dest im Be­reich Wirt­schafts­be­richt­er­stat­tung zum “Re­so­nanz­raum der vor­herr­schen­den An­sich­ten“(S. 173), so der Au­tor. Selbst heu­te sei kein Um­den­ken in Sicht. Kn­auß warnt, dass die­se Starr­heit den Ver­trau­ens­ver­lust in die Me­di­en wei­ter ver­stär­ken wer­de. Im Zeit­al­ter des In­ter­net kom­me den Me­di­en noch stär­ker als frü­her die Auf­ga­be zu, Hin­ter­grund­be­rich­te zu lie­fern und Ori­en­tie­rung zu ge­ben. Der Jour­na­list plä­diert da­her da­für, kri­ti­sche Sicht­wei­sen, die bis­lang dem Feuille­ton vor­be­hal­ten sei­en, auch auf die Wirt­schafts­sei­ten zu brin­gen. Denn: „Wirt­schaft ist ein viel zu wich­ti­ges Feld, um es al­lein den zäh­len­den und rech­nen­den Öko­no­men zu über­las­sen.“(S176).

Wachs­tums­kri­tik

„De­growth be­deu­tet zual­ler­erst Wachs­tums­kri­tik. De­growth-an­hän­ger for­dern die De­ko­lo­nia­li­sie­rung der öf­fent­li­chen De­bat­te von der Spra­che des Öko­no­mis­mus und die Ab­schaf­fung des Wirt­schafts­wachs­tums als ge­sell­schaft­li­ches Ziel.“(Gior­gis Kal­lis u. a. in 5 , S. 20)

„Das En­de des Zeit­al­ters des Wachs­tums er­for­dert ei­nen Wirt­schafts­jour­na­lis­mus, der sich vom öko­no­mi­schen Ex­per­ten­tum der Ver­gan­gen­heit eman­zi­piert.“(Fer­di­nand Kn­auß, in , S. 175)

6 Kn­auß, Fer­di­nand: Wachs­tum über Al­les? Wie der Jour­na­lis­mus zum Sprach­rohr der Öko­no­men wur­de. Mün­chen: oe­kom, 2016. 192 S., € 24,95 [D],

25,70 [A] ; ISBN 978-3-86581-822-5

Neue Ge­sell­schafts­ver­trä­ge

Der „De­growth-be­we­gung“na­he steht ein schma­ler Band „Ei­ne Idee von Glück“, der Ge­sprä­che zwi­schen dem Be­grün­der der Slow-food-be­we­gung, Car­lo Pe­tri­ni, und dem chi­le­ni­schen Au­tor und Ak­ti­vis­ten Lu­is Se­pul­vé­da wie­der­gibt. Das mit Es­says der Au­to­ren an­ge­rei­cher­te Buch gibt Ein­blick in das Den­ken und Wir­ken zwei­er Mit­be­grün­der ei­ner Be­we­gung ge­gen Kom­mer­zia­li­sie­rung und Kon­su­mis­mus (bei­de Au­to­ren sind Jahr­gang 1949). Die Aus­füh­run­gen set­zen auf neue Ni­schen-an­sät­ze in den Zen­tren des Ka­pi­ta­lis­mus eben­so wie auf Im­pul­se aus Latein­ame­ri­ka durch die In­dio-be­we­gung. Als Vor­bild wird et­wa Pe­pe Mu­ji­ca, bis 2015 Prä­si­dent von Uru­gu­ay, ge­nannt. Pe­tri­ni wie Se­pul­vé­da se­hen in der per­ma­nen­ten Be­schleu­ni­gung (ge­spro­chen wird von „Ge­ren­ne“) ei­ne we­sent­li­che Ur­sa­che für das sin­ken­de Wohl­be­fin­den vie­ler Men­schen.

„Das Bes­te was wir tun kön­nen, ist nichts“, da­mit bringt Björn Kern das Grund­prin­zip der An­hän­ger des Mi­ni­ma­lis­mus auf den Punkt. „Ich brau­che nicht fort­zu­ge­hen, um auf­zu­bre­chen, ich muss nichts tun, nur das Rich­ti­ge un­ter­las­sen“, so der Au­tor poin­tiert gleich zu Be­ginn (S. 5), um ein paar Sei­ten wei­ter zu ver­ra­ten, dass dies gar nicht so leicht, da ge­sell­schaft­lich kei­nes­wegs ak­zep­tiert sei: „Wer nichts tut, be­fin­det sich in der Ver­tei­di­gungs­hal­tung. Wer sei­ne Ge­sund­heit nicht rui­niert und kei­ne Din­ge er­wirbt, die sei­ne Le­bens­grund­la­ge zer­stö­ren, und dann auch noch gut ge­launt ist, weckt Un­mut.“(S. 7) Ei­ne hu­mor­vol­le wie geist­rei­che Ab­hand­lung über die Fal­len der Kon­sum- und Ar­beits­ge­sell­schaft. Der in Ber­lin­und­bran­den­burg­le­ben­de­schrift­stel­ler(bis­her­drei Ro­ma­ne) pro­vo­ziert, spart nicht mit (Selbst-)iro­nie und möch­te da­mit zur Ve­rän­de­rung bei­tra­gen.

Dass Nach­hal­tig­keit ins­be­son­de­re neu­er po­li­ti­scher Rah­men­set­zun­gen be­dür­fe, be­tont schließ­lich der Ex­per­te für Wirt­schafts­recht Joa­chim D. We­ber in „Wie wol­len wir le­ben?“We­ber macht zahl­rei­che Vor­schlä­ge, ins­be­son­de­re plä­diert er für ei­nen neu­en „Ge­sell­schafts­ver­trag der Nach­hal­tig­keit“, der ins deut­sche Grund­ge­setz über­nom­men wer­den soll­te und die Be­grif­fe „Frei­heit“und „Ge­rech­tig­keit“den neu­en Ge­ge­ben­hei­ten an­passt. Dass „Markt­wirt­schaf­ten“sehr un­ter­schied­lich aus­ge­prägt sein kön­nen – und in his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve auch wa­ren, was et­wa am sich wan­deln­den Ei­gen­tums­be­griff ab­zu­le­sen ist -, zeigt der Sam­mel­band „Markt! Wel­cher Markt!“, der auf ho­hem theo­re­ti­schen Ni­veau die wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­se zum The­ma er­ör­tert. Hin­ge­wie­sen sei hier zu­letzt auf den Band mit dem zu­ge­ge­ben et­was pa­the­tisch an­mu­ten­den Ti­tel „Mut­ter Er­de ruft um Hil­fe“ von Ernst Schei­ber und Kurt Cei­pek, mit In­ter­views, ge­führt von den Her­aus­ge­bern mit den aus­ge­wie­se­nen Ener­gie- und Kli­ma­ex­per­ten Heinz G. Ko­petz (Ös­ter­rei­chi­scher Bio­mas­se­ver­band) und Klau­dia Kem­fert (Deut­sches In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung).

De­growth-be­we­gung 8 Pe­tri­ni, Car­lo; Se­pul­vé­da, Lu­is: Ei­ne Idee von Glück. Mün­chen: oe­kom, 2015. 167 S., € 16,95 [D], 17,50 [A] ISBN 978-3-86581-735-8

9 Kern, Bjorn: Das Bes­te was wir tun kön­nen, ist nichts. Frank­furt: Fi­scher, 2016. 247 S., € 9,99 [D], 10,30 [A] ; ISBN 978-3-596-03531-1

We­ber, Joa­chim D.: Wie wol­len wir le­ben? Ana­ly­sen, Kon­se­quen­zen und Vor­schlä­ge für nach­hal­ti­ges Han­deln ... Ber­lin: Ber­li­ner Wis­sen­schafts­verl., 2016. 83 S., 16,90 [D], 17,50 [A] ; ISBN 978-3-8305-3610-9

Markt! Wel­cher Markt? Der in­ter­dis­zi­pli­nä­re Dis­kurs um Märk­te und Markt­wirt­schaft. Hrsg. v.

W. Ötsch u. a. Mar­burg: Me­tro­po­lis, 2015. 419 S.,

€ 34,80 [D], 36,- [A] ; ISBN 978-3-7316-1161-5

Mut­ter Er­de ruft um Hil­fe. Kli­ma: Alarm­stu­fe rot. Hrsg. v. Ernst Schei­ber u. Kurt Cei­pek. Wi­en: Verl. DTW, 2015. 160 S., € 18,- ; ISBN 978-3-200-04082-3

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.