Wir müs­sen über den Ka­pi­ta­lis­mus re­den

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Paul Ma­son, Bran­ko Mi­la­no­vic und Ro­bert Mi­sik ha­ben neue Bü­cher über den Ka­pi­ta­lis­mus vor­ge­legt. Es läuft nicht rund. Vor al­lem für die Mit­tel­schicht im Wes­ten. Ste­fan Wal­ly hat die Bü­cher ge­le­sen. Lau­ra Unt­ner hat sich der neu­en Streit­schrift Alain Ba­dious ge­wid­met, der ein neu­es po­li­ti­sches Den­ken for­dert.

West­li­che Mit­tel­schicht un­ter Druck

Bran­ko Mi­la­no­vic trägt zu­sam­men, was wir über die neue Un­gleich­heit der Welt wis­sen. Er stößt auf die Tat­sa­che, dass die glo­ba­le Un­gleich­heit zum ers­ten Mal seit der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on vor zwei Jahr­hun­der­ten nicht in ers­ter Li­nie die Fol­ge ei­nes wach­sen­den Ein­kom­mens­ge­fäl­les zwi­schen den Län­dern ist. Mit dem An­stieg der Durch­schnitts­ein­kom­men in ei­ni­gen asia­ti­schen Staa­ten ist die Kluft zwi­schen den Län­dern klei­ner ge­wor­den. Zug­eich öff­net sich die Sche­re zwi­schen zwi­schen Arm und Reich.

Ein Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis sei­ner Ar­gu­men­te ist die Darstel­lung des re­la­ti­ven An­stiegs des rea­len Pro-kopf-haus­halts­ein­kom­mens zwi­schen 1988 und 2008 an den ver­schie­de­nen Ni­veaus der glo­ba­len Ein­kom­mens­ver­tei­lung. Da­bei zeigt sich, dass die ge­rings­ten Zu­wäch­se in Haus­hal­ten ver­zeich­net wur­den, die zu den Top 25 Pro­zent der Ein­kom­mens­py­ra­mi­de ge­hö­ren. Das sind die Haus­hal­te der so­ge­nann­ten ers­ten Welt. Un­ter ih­nen ha­ben nur die wirk­lich Ein­kom­mens­rei­chen noch er­heb­lich zu­le­gen kön­nen. Die Mit­tel- und Un­ter­schicht der ers­ten Welt sind in Re­la­ti­on die Haupt­ver­lie­rer der letz­ten zwan­zig Jah­re. Die Wirt­schafts­kri­se ab 2008 ver­stärk­te die­sen Trend noch.

Mi­la­no­vic wagt es, in die Zu­kunft zu schau­en. Na­tür­lich er­klärt er aus­führ­lich, war­um dies ris­kant ist und re­la­ti­viert sei­ne Aus­sa­gen vor­ab. Trotz­dem lie­fert er The­sen – was wert­voll ist. Denn vor lau­ter Angst vor der ho­hen Wahr­schein­lich­keit, von der Ge­schich­te wi­der­legt zu wer­den, dro­he sonst der Dis kurs über die Zu­kunft zu sto­cken. Mi­la­no­vic sagt, dass der Trend der ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­re sich fort­set­zen wird. Er hält dies für wahr­schein­li­cher als die Um­keh­rung des Trends (S. 178).

Aus Mi­la­no­vic´ Zah­len und The­sen er­gibt sich ein kla­res Bild. Die Mit­tel­schicht der „ers­ten Welt“hat noch deut­lich über­durch­schnitt­li­che Ein­kom­men im glo­ba­len Ver­gleich. Die Kom­fort­po­si­ti­on ist aber be droht durch ei­ne dy­na­mi­sche Ent­wick­lung in an­de­ren Tei­len der Welt. In die­sem Zu­samm­n­hang ist auch die zu­neh­men­de Ab­schot­tung der Wohl­ha­ben­den jen­seits der ak­tual­len Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen zu se­hen. Die­ser stark ver­kürz­te Be­fund legt na­he, war­um die Mau­ern ge­gen­über dem Rest der Welt in den Grup­pen der Mit­tel­schicht der ers­ten Welt an Un­ter­stüt­zung ge­win­nen. Sei es in Stim­men für na­tio­na­lis­ti­sche Po­li­tik (in Nord­eu­ro­pa), der Un­ter­stüt­zung für Pro­tek­tio­nis­mus (in den USA) oder den Rück­zug aus of­fe­nen Wirt­schafts­ge­bie­ten (durch Groß­bri­tan nien). Die Par­al­le­li­tät der Er­eig­nis­se legt ei­ne un­ter­lie­gen­de welt­wei­te Ent­wick­lung als Er­klä­rung na­he. Mi­la­no­vic hät­te da­für ei­ne Er­klä­rung ge­lie­fert.

Gleich­heit 13 Mi­la­no­vic, Bran­ko: Die un­glei­che Welt. Mi­gra­ti­on, das ei­ne Pro­zent und die Zu­kunft der Mit­tel­schicht. Ber­lin, Surhkamp, 2016. 312 S.,

€ 25,- [D], 25,70 [A] ; ISBN 978-3-518-42562-6

Pro­dukt­pro­ble­me

Frü­her dach­ten die Kri­ti­ker des Ka­pi­ta­lis­mus, dass der Markt­me­cha­nis­mus das Haupt­pro­blem sei. Die­se Kon­kur­renz soll­te die Ar­bei­ter­klas­se über­win­den – durch Re­vo­lu­ti­on oder dann doch eher durch Re­form. Das Werk­zeug da­für wä­re der Staat. Der Ka­pi­ta­lis­mus wer­de mit ei­ner ihm ei­ge­nen Kri­se die Tür zu die­ser Ve­rän­de­rung bie­ten, so die An­nah­me der Lin­ken.

Paul Ma­son weist dar­auf hin, dass ge­nau das nicht pas­siert ist. Die Mark­wirt­schaft setz­te sich in den ver­gan­ge­nen 150 Jah­ren ge­gen kon­kur­rie­ren­de Sys­te­me durch. Die Pl­an­wirt­schaft ver­schwand (weit­ge­hend), auch der In­di­vi­dua­lis­mus trat ei­nen Sie­ges­zug an, und ei­ne Ar­bei­ter­klas­se, die sich als sol­che ver­steht, ist nur an we­ni­gen Or­ten an­zu­tref­fen. Und den­noch, so Ma­son, hat der Ka­pi­ta­lis­mus ein erns­tes Pro­blem. Denn drei Ent­wick­lun­gen kul­mi­nie­ren zu ei­ner Her­aus­for­de­rung, de­rer die­se Form des Wirt­schaf­tens vi­el­leicht nicht mehr ge­wach­sen sein wird. „Ers­tens hat die In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie den er­for­der­li­chen Ar­beits­auf­wand ver­rin­gert, die Gren­zen zwi­schen Ar­beit und Frei­zeit ver­wischt und die Be­zie­hung zwi­schen Ar­beit und Ein­kom­men ge­lo­ckert. Zwei­tens be­rau­ben die In­for­ma­ti­ons­gü­ter den Markt sei­ner Fä­hig­keit, die Prei­se rich­tig fest­zu­set­zen. Der Grund da­für ist, dass die Märk­te auf Knapp heit be­ru­hen – aber In­for­ma­ti­on ist im Über­fluss vor­han­den. Das Sys­tem ver­sucht sich zu ver­tei­di­gen, in­dem es in ei­nem seit 200 Jah­ren nicht mehr ge­kann­ten Maß Mo­no­po­le er­rich­tet, die je­doch nicht über­le­ben wer­den. Drit­tens ent­wi­ckelt sich spon­tan ei­ne kol­la­bo­ra­ti­ve All­men­de­pro­duk­ti­on (Peer-pro­duk­ti­on). Es tau­chen im­mer mehr Gü­ter, Di­enst­leis­tun­gen und Or­ga­ni­sa­tio­nen auf, die dem Dik­tat des Markts und der Ma­nage­ment­hier­ar­chie nicht mehr ge­hor­chen.“(S. 16)

„Setzt sich die wirt­schaft­li­che Kon­ver­genz fort, so wird nicht nur die glo­ba­le Un­gleich­heit ab­neh­men, son­dern die Un­gleich­heit in­ner­halb der ein­zel­nen Län­der wird deut­li­cher zu­ta­ge tre­ten.“(Bran­ko Mi­la­no­vic in 13 , S. 11)

Kon­zen­trie­ren wir uns auf das Ar­gu­ment, das bei Ma­son den Kern bil­det: „Die In­for­ma­ti­ons­gü­ter ver­än­dern al­les.“In­for­ma­ti­on kann in Zei­ten der PCS und des In­ter­net tech­nisch ge­se­hen mit ge­ring­fü­gi­gen Kos­ten re­pro­du­ziert wer­den. Wenn ei­ne Band ein Mu­sik­stück ein­mal ein­ge­spielt und ge­spei­chert hat, kos­tet es so gut wie nichts mehr, es acht Mil­li­ar­den Men­schen zu über­las­sen. Und auch wenn man es all die­sen Per­so­nen schenkt, hat die ur­sprüng­li­che Ver­si­on kei­ner­lei Ab­nüt­zungs­er­schei­nung. Der Nutz­wert des ur­sprüng­li­chen MP3S ist ident.

Schlim­mer ist es, dass schon vie­le der acht Mil­li­ar­den Men­schen die Res­sour­cen ha­ben, sich die­ses Mu­sik­stück tat­säch­lich zu be­sor­gen. Die im Sin­ne des Ka­pi­ta­lis­mus ad­äqua­te Lö­sung für Pro­duk­te die auf In­for­ma­ti­on be­ru­hen, ist al­so das ge­setz­li­che Ver­bot des Ko­pie­rens; man muss Men­schen von der Nut­zung aus­schlie­ßen, In­for­ma­tio­nen ein­zäu­nen und den Zu­gang li­mi­tie­ren. Das ist es, was Spo­ti­fy, itu­nes, Zei­tungs­platt­for­men, Ver­la­ge und an­de­re Platt­for­men ma­chen. Aber eben die­se Stra­te­gie, die fort­schrei­ten­de Ein­zäu­nung von In­for­ma­ti­on, un­ter­läuft ei­nen Kern­be­reich des Markt­me­cha­nis­mus. Ma­son: „Die Main­stream-öko­no­men ge­hen da­von aus, dass die Märk­te den voll­kom­me­nen Wett­be­werb för­dern und dass Feh­ler wie Mo­no­po­le, Pa­ten­te, Ge­werk­scha­fen und Preis­kar­tel­le vor­über­ge­hend sind. Des Wei­te­ren neh­men die­se Öko­no­men an, dass die Markt­teil­neh­mer voll­kom­me­ne In­for­ma­ti­on be­sit­zen. [Der ame­ri­ka­ni­sche Öko­nom Paul] Ro­mer zeig­te al­ler­dings, dass in dem Mo­ment, da die Wirt­schaft aus ge­mein­sam nutz­ba­ren In­for­ma­ti­ons­gü­tern be­steht, der un­voll­kom­me­ne Wett­be­werb zur Norm wird.” (S. 166) Bis zum Auf­tau­chen der ge­mein­sam nutz­ba­ren Gü­ter, wie vor al­lem In­for­ma­tio­nen, lau­te­te das grund­le­gen­de Ge­setz, dass al­les knapp ist. An­ge­bot und Nach­fra­ge set­zen Knapp­heit vor­aus. Dar­über hin­aus zeich­net sich ein wei­te­res Pro­blem ab: Das Ge­spenst der Un­ter­kon­su­ma­ti­on taucht auf. Das fort­schrei­ten­de Er­set­zen von mensch­li­cher Ar­beit durch neue Tech­no­lo­gi­en, Ro­bo­ter, Al­go­rith­men und zen­tra­le Steue­run­gen. Mit we­ni­ger Be­schäf­tig­ten fal­len auch die Kon­su­men­tin­nen aus. Es sei denn, neue Le­bens­be­rei­che wür­den kom­mer­zia­li­siert. „Die größ­te Ge­fahr, die von der Ro­bo­te­ri­sie­rung aus­geht, ist al­so nicht die Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit, son­dern die Er­schöp­fung des Ka­pi­ta­lis­mus, neue Märk­te zu schaf­fen, wenn die al­ten abst­er­ben.“(Ma­son, 234) Spit­zen wir es zu. 1) Es gibt im­mer mehr Pro­duk­te, die zu tei­len fast kos­ten­los ist. 2) Die­se Pro­duk­te wer­den nicht nur Mu­sik und Bü­cher be­tref­fen, bei­spiels­wei­se auch Wis­sen zur Ver­bes­se­rung der Ge­sund­heit, und bald auch die Bau­plä­ne für All­tags­pro­duk­te, er­mög­licht durch de­zen­tra­le 3D-dru­cker. 3) Der Ka­pi­ta­lis­mus muss den Zu­gang zur Nut­zung die­ser Chan­ce für die Welt­be­völ­ke­rung ein­schrän­ken, weil In­no­va­ti­on für ihn sich aus Markt­prei­sen speist. 4) Die Ro­bo­ti­sie­rung be­schleu­nigt sich und re­du­ziert die nö­ti­ge mensch­li­che Ar­beits­zeit in der Pro­duk­ti­on wei­ter. 5) Der Ka­pi­ta­lis­mus ist nicht in der La­ge, die­se Ent­wick­lung als po­si­ti­ve Ent­wick­lung zu se­hen. Ge­hen wir mi­t­hin ei­ner grund­le­gend neu­en Ge­sell­schafts­ord­nung ent­ge­gen, die für al­le ein Zu­rück­drän­gen der not­wen­di­gen Ar­beit zu­guns­ten frei­wil­li­ger Tä­tig­kei­ten be­deu­ten könn­te?

Post­ka­pi­ta­lis­mus 14 Ma­son, Paul: Post­ka­pi­ta­lis­mus. Grund­ris­se ei­ner kom­men­den Öko­no­mie. Ber­lin, Suhr­kamp 2016. 429 S., € 26,95 [D], 27,70 [A] ; ISBN 978-3-518-42539-8

Ka­put­ta­lis­mus

Ro­bert Mi­sik fragt: „Wird der Ka­pi­ta­lis­mus ster­ben, und wenn ja, wür­de uns das glück­lich ma­chen?“In sei­nem neu­en Buch „Ka­put­ta­lis­mus“rech­net er vor, dass es schlecht um den Ka­pi­ta­lis­mus steht. Drei Kri­sen­ten­den­zen ste­hen im Mit­tel­punkt. Ers­tens: „Wir ha­ben ge­se­hen, wie mit im­mer mehr schul­den­ge­trie­be­ner Sti­mu­lie­rung ge­ra­de noch ein we­nig Pro­spe­ri­tät an­ge­kur­belt wird, aber viel zu we­nig, um je­mals die­se Schul­den­stän­de wie­der re­du­zie­ren zu kön­nen, oh­ne dass es zu dra­ma­ti­schen Ka tastro­phen kom­men wür­de.“(S. 199) Zwei­tens: Gleich­zei­tig kon­zen­trie­ren sich Ein­kom­men und Ver­mö­gen im­mer mehr in den Hän­den we­ni­ger und stellt Un­gleich­heit die Sta­bi­li­tät der Ge­sell­schaf­ten in Fra­ge. Drit­tens: Der Cha­rak­ter vie­ler neu­er Pro­duk­te ba­siert we­ni­ger auf Ma­te­ria­li­en und Ar­beit pro ein­zel­nem Stück. Das Pro­dukt ist In­for­ma­ti­on, die­se im­mer wie­der zu ver­viel­fa­chen kos­tet fast nichts mehr. „Ir­gend­wann – und zwar recht bald, wird Vie­les nichts mehr kos­ten, aber wo kein Preis, da kein Pro­fit.“(S. 200)

Be­son­ders span­nend wird es, wenn Mi­sik sich über­legt, was nach dem Ka­pi­ta­lis­mus kom­men könn­te. Sei­ne Ide­en da­für scheint er vor al­lem in Grie­chen­land ge­sam­melt zu ha­ben. Er er­zählt Epi so­den von ver­schie­de­nen For­men ei­ner neu­en Öko­no­mie, die sich in Grie­chen­land aus­brei­tet. „Es ent­steht (…) ein gan­zer Sek­tor, der aus Star­tups be­steht, aber auch aus Ko­ope­ra­ti­ven, aus land wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaf­ten bzw. Kon­sum­ge­nos­sen­schaf­ten, oder über­haupt aus Hilfs­pro­jek­ten wie den So­li­da­ri­täts­kli­ni­ken, in de­nen Ärz­te gra­tis je­ne Leu­te be­han­deln, die kei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung ha­ben.“(S. 203) Mi­sik spricht dann auch über Tausch­rin­ge, Zeit­ban­ken, neue Genossenschaften, al­te er­folg­rei­che Genossenschaften und über Ten­den­zen der De­zen­tra­li­sie­rung in der Ener­gie­pro­duk­ti­on. Er fragt:

„Der Gleich­ge­wichts­zu­stand ei­ner In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie­öko­no­mie ist ein Zu­stand, in dem Mo­no­po­le do­mi­nie­ren und die Markt­teil­neh­mer un­glei­chen Zu­gang zu In­for­ma­tio­nen ha­ben, die sie brau­chen um ra­tio­na­le Kauf­ent­schei­dun­gen fäl­len zu kön­nen. Die In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie zer­stört al­so den nor­ma­len Preis­bil­dungs­me­cha­nis­mus, in dem der Wett­be­werb die Prei­se in Rich­tung der Pro­duk­ti­ons­kos­ten drückt.“

(Paul Ma­son in , S. 166)

„Wie kann man die Öko­no­mie lang­sam so ver­än­dern, dass mehr und mehr de­zen­tra­le, selbst ver­wal­te­te Fir­men, Ko­ope­ra­ti­ven und Initia­ti­ven ei­ne zu­neh­mend wich­ti­ge­re Rol­le spie­len, dass am En­de ei­ne ge­misch­te Wirt­schaft aus pri­va­ten Fir­men, Staats­un­ter­neh­men und Ko­ope­ra­ti­ven so­wie al­ter­na­ti­ven Wirt­schafts­for­men steht.“(S. 208)

Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik 15 Mi­sik, Ro­bert: Ka­put­ta­lis­mus. Ber­lin: Auf­bau­verl., 2016. 224 S., € 16,95 [D], 17,50 [A]

ISBN 978-3-351-03635-5

Vom Wes­ten nichts Neu­es

Der Phi­lo­soph, Ma­the­ma­ti­ker, Dra­ma­turg und Ro­man­cier Alain Ba­diou plä­diert in der kur­zen Ver­schrift­li­chung ei­ner sei­ner Vor­trä­ge für ein neu­es Den­ken ab­seits des glo­ba­len Ka­pi­ta­lis­mus.

Der Ka­pi­ta­lis­mus stellt welt­weit ei­ne schein­bar un­be­zwing­ba­re und un­hin­ter­frag­te Herr­schafts­form dar. Macht­po­le wie Groß­kon­zer­ne ha­ben mehr Be­fehls­ge­walt als Staa­ten und ver­lei­hen der Welt ei­ne ge­winn­ori­en­tier­te Prä­gung. Da­durch ent­ste­hen un­ter An­de­rem neue im­pe­ria­le Prak­ti­ken wie bei­spiels­wei­se das Ver­hält­nis des Wes­tens zum so­ge nann­ten Is­la­mi­schen Staat (IS). West­li­che Län­der set­zen sich im­mer wie­der für die Zer­schla­gung des IS ein – doch auf­grund sei­ner Wirt­schafts­macht wer­den auch wei­ter­hin mit ihm Ge­schäf­te ge­macht. Dem­ge­mäß wird nicht nur beim Mor­den von Zi­vi­lis­tin­nen weg­ge­se­hen, son­dern auch die gänz­li­che Ver­nich­tung von Staa­ten durch ka­pi­ta­lis­ti­sche In­ter­es­sen ge­för­dert, er­läu­tert Ba­diou. Er ver­weist et­wa auf In­ter­ven­tio­nen in Ma­li, Li­by­en und an­de­ren Staa­ten Afri­kas und führt in die­sem Zu­sam­men­hang den Be­griff Zo­nie­rung ein.

Im Zu­ge glo­ba­ler ka­pi­ta­lis­ti­scher Pro­zes­se wächst die Un­gleich­heit in der Be­völ­ke­rung. Die un­ge­rech­te Ver­tei­lung von Res­sour­cen führt da­zu, dass Ba­diou die Ge­sell­schaft in ei­ne in­ter­na­tio­na­le Olig­ar­chie, ei­ne Mit­tel­schicht und Mit­tel­lo­se ein­teilt. Die Olig­ar­chie ist mit 10 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung die mit Ab­stand kleins­te der drei Grup­pen und steht für die Mäch­tigs­ten, die an Be­sitz Reichs­ten. Die Mit­tel­schicht (40 Pro­zent) ist größ­ten­teils west­lich ge­prägt und stellt „die Zi­vi­li­sa­ti­on“dar, die ei­nen ge­rin­gen An­teil der welt­wei­ten Res­sour­cen be­sitzt. Mehr als 50 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung sind wei­test­ge­hend be­sitz­los - die Mit­tel­lo­sen. Sie zäh­len, so Ba­diou, in ei­ner ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt nichts, da sie kei­nen Bei­trag zum Ka­pi­ta­lis­mus leis­ten, da sie we­der ar­bei­ten noch kon­su­mie­ren (kön­nen). Für ei­ne ka­pi­ta­lis­ti­sche „Lo­gik“scheint die Er­zeu­gung von Mehr­wert (nach Marx) und Ge­winn wich­ti­ger als der Wert der Mit­tel­lo­sen. Die­se ka­pi­ta­lis­tisch nicht ver­wert­ba­ren Men­schen­grup­pen wür­den oft­mals un­ter den Ein­fluss ei­nes Gangs­ter­tums fa­schis­ti­scher Prä­gung ge­ra­ten: Dik­ta­tu­ren und Men­schen­han­del wür­den sie viel­fach prä­gen.

Des Wei­te­ren be­schreibt Ba­diou drei Sub­jek­ti­vi­täts­ty­pen, die „von der Struk­tur der heu­ti­gen Welt her­bei­ge­führt wer­den“(S. 41). Der west­li­che Typ, die Sub­jek­ti­vi­tät der Mit­tel­schicht, ist durch Selbst­zu­frie­den­heit und Angst vor Pri­vi­le­gi­en­ver­lust ge­kenn­zeich­net. Der Wes­ten – die Mit­tel­schicht, wahr­ge­nom­men als „die Mensch­heit“– wird durch An­schlä­ge, Mas­sen­mor­de, Mas­sa­ker o. Ä. be­droht. Un ter den Mit­tel­lo­sen herr­schen zwei wei­te­re, kon­kur­rie­ren­de Sub­jek­ti­vi­täts­ty­pen. Zum ei­nen der Typ der die Sehn­sucht nach dem Wes­ten, „Wunsch nach Be­sitz und Teil­ha­be an al­lem, was als west­li­cher Wohl­stand dar­ge­stellt und übe­r­all an­ge­prie­sen wird“(S. 44). Zum an­de­ren der ni­hi­lis­ti­sche Typ, ge­prägt von der Sehn­sucht nach Ra­che und Zer­stö­rung „durch Weg­gang und Nach­ah­mung“(s. 44) – bei­spiel­haft re­prä­sen­tiert durch Grup­pie­run­gen wie den IS.

Dar­über hin­aus geht Ba­diou auf den mo­der­nen Fa­schis­mus ein, der für ihn die po­pu­lä­re Sub­jek­ti­vi­tät des Ka­pi­ta­lis­mus aus­macht, da kei­ne an­de­ren Ge­gen­ent­wür­fe für die Welt dar­ge­legt wür­den. Der Fa­schis­mus bie­te aus­sichts­lo­sen jun­gen Män­nern ei­ne west­li­che Wunsch­be­frie­di­gung und zu­sätz­lich Mo­men­te „schö­nen Le­bens“(S. 49). Nicht die Re­li­gi­on, son­dern die Sehn­sucht nach dem Wes­ten ist der ei­gent­li­che Kern. Der mo­der­ne Fa­schis­mus stellt ei­ne Mi­schung aus he­roi­sie­ren­den und ka­pi­ta­lis­ti­schen Wunsch­be­frie­di­gun­gen dar, wo­bei die Re­li­gi­on all­ge­mein iden­ti­täts­stif­ten­de und an­ti­west­li­che Ef­fek­te hat. Ba­diou be­tont: „(…) die Fa­schi­sie­rung is­la­mi­siert, nicht der Is­lam fa­schi­siert“(S. 50). Grund für das Pa­ri­ser Mas­sa­ker am 13. No­vem­ber 2015 ist für Ba­diou Ni­hi­lis­mus, der durch das ei­ge­ne Un­be­ha­gen an­ge­trie­ben wird – denn wenn das ei­ge­ne Le­ben (im west­li­chen Ka­pi­ta­lis­mus) nicht zählt, ist auch das der An­de­ren nichts wert. Hier wird der To­de­s­trieb auf sei­ne Spit­ze ge­trie­ben: „(…) am En­de bleibt we­der Op­fer noch Mör­der“(S. 52). Der Wes­ten re­agiert mit ei­nem „Krieg ge­gen Bar­ba­ren“(S. 52), al­so ge­gen Un­zi­vi­li­sier­te, ob­wohl ge­ra­de die west­li­che Welt durch tech­ni­sche Mas­sen­mor­de und Krie­ge be­reits un­zäh­li­ge un­schul­di­ge Men­schen (bar­ba­risch) er­mor­det hat.

Fer­ner kri­ti­siert der Au­tor die Re­ak­ti­on Frank­reichs auf das Mas­sa­ker von Pa­ris und die For­de­rung nach dem Schutz der „ei­ge­nen Wer­te“, wo­bei die fran­zö­si­sche Iden­ti­tät heu­te „ein biss­chen von al­lem“(S. 57) und nicht si­gni­fi­kant sei. Am ehes­ten wer­de sie „über die Ver­fol­gung de­rer, die der ei­ge­nen Iden­ti­tät nicht ent­spre­chen“(S. 57), de­fi­niert. Frank­reich

„Wenn es aber im­mer mehr Gü­ter gibt, de­ren Pro­duk­ti­ons­kos­ten prak­tisch gleich Null sind, dann steht ein Grund­prin­zip des Ka­pi­ta­lis­mus in Fra ge: Ir­gend­wann und zwar recht bald - wird vie­les nichts mehr kos­ten, aber wo kein Preis, da kein Pro­fit.” (Ro­bert Mi­sik in 15 , S. 200)

ge­he durch dis­kri­mi­nie­ren­de Ge­set­ze ge­gen we­ni­ger pri­vi­le­gier­te Grup­pen vor und ver­ur­tei­le gleich­zei­tig die Rea­li­tä­ten, die durch die­se Be­stim­mun­gen ent­ste­hen: „Die­se Leu­te wer­den ver­teu­felt, da­bei hat der fran­zö­si­sche Ka­pi­ta­lis­mus ih­re Ar­mut zu ver­ant­wor­ten.“(S. 56) Gleich­zei­tig neh­me Frank­reich Stel­lung zu den welt­wei­ten Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen, die es als Teil des glo­ba­len Ka­pi­ta­lis­mus selbst mit ver­ur­sacht. Ab­schlie­ßend plä­diert Ba­diou für ei­ne „in­ter­na­tio­na­le, (…) trans­na­tio­na­le Denk­wei­se, die der ka­pi­ta­lis­ti­schen Glo­ba­li­sie­rung ge­wach­sen ist“(S. 59). Er ruft da­zu auf, nicht mehr wäh­len zu ge­hen und der Re­gie­rung kei­ne Be­ach­tung mehr zu schen­ken. Die Fa­schi­sie­rung wer­de durch ka­pi­ta­lis­musun­kri­ti­sche Po­li­tik er­leich­tert und dür­fe dem­nach nicht un­ter­stützt wer­den, ar­gu­men­tiert er. Ab­schlie­ßend for­dert Ba­diou ein ge­mein­sa­mes Fin­den von Lö­sun­gen al­ler Sub­jek­ti­vi­täts­ty­pen und die Er­schaf­fung ei­nes vier­ten Typs, „(…) der die Herr­schaft des glo­ba­li­sier­ten Ka­pi­ta­lis­mus hin­ter sich las­sen will, oh­ne sich im Ni­hi­lis­mus ein­zu­rich­ten, dem mör­de­ri­schen Avat­ar d er Sehn­sucht nach dem Wes­ten.“(S. 63). L. U. Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik

16 Ba­diou, Alain: Wi­der den glo­ba­len Ka­pi­ta­lis­mus. Für ein neu­es Den­ken in der Po­li­tik nach den Mor­den von Pa­ris. Ber­lin: Ullstein, 2016. 64 S.,

€ 7,- [D], 7,20 [A] ; ISBN 978-3-550-08152-1

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