Ge­leb­ter Is­lam: Ver­sach­li­chung der De­bat­te

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Der Is­lam gilt als ei­nes der gro­ßen po­li­ti­schen The­men un­se­rer Zeit. Es geht um sein Ver­hält­nis zu den „Wer­ten“west­eu­ro­päi­scher Ge­sell­schaf­ten so­wie sein ra­di­ka­les Po­ten­zi­al. Ist die von vie­len Eu­ro­pä­ern als fremd emp­fun­de­ne Re­li­gi­on ei­ne Ge­fahr für die De­mo­kra­tie und der Nähr­bo­den für ter­ro­ris­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten? Oder ist die mit­un­ter hef­ti­ge öf­fent­li­che Kri­tik am Is­lam und den Mus­li­men heil­los über­trie­ben und nur po­li­ti­sches Kal­kül von Po­pu­lis­ten und Dem­ago­gen? Ei­ne Rei­he von Au­to­rin­nen kom­men zum Schluss, dass we­der die ei­ne noch die an­de­re Be­stands­auf­nah­me zu­tref­fend ist, son­dern die De­bat­te vor al­lem zwei Din­ge braucht: Ver­sach­li­chung und Dif­fe­ren­zie­rung. Bir­git Bah­tic-kun­rath hat sich ak­tu­el­le Pu­bli­ka­tio­nen zum The­ma an­ge­se­hen.

Eu­ro­päi­scher Is­lam

Wie le­ben Mus­li­me in Eu­ro­pa? Wel­che Be­deu­tung hat der Is­lam für den All­tag, spielt die Sha­ria ei­ne Rol­le, war­um tra­gen man­che Mus­li­min­nen Kopf­tuch, an­de­re nicht?

Die fran­zö­si­sche So­zio­lo­gin Nilü­fer Gö­le hat Mus­li­me in 21 eu­ro­päi­schen Städ­ten zu ih­rem All­tags­le­ben be­fragt und zeigt, dass de­ren neue Sicht­bar­keit in der Öf­fent­lich­keit viel­fach ir­ri­tie­rend wirkt: Tat­säch­lich wer­den ge­ra­de je­ne Mus­li­me, die sich ak­tiv in die Ge­sell­schaft ein­brin­gen und da­mit ei­ne ech­te In­te­gra­ti­ons­an­stren­gung ma­chen, als größ­te Be­dro­hung wahr­ge­nom­men (S. 94f.). Da­zu kommt, dass mus­li­mi­scher All­tag in Eu­ro­pa mit zahl­rei­chen Kon­flik­ten mit der Mehr­heits­ge­sell­schaft kon­fron­tiert ist. Ein be­son­ders wich­ti­ges The­ma für Gö­le ist der Kon­flikt zwi­schen Kunst­frei­heit und Be­lei­di­gung des Is­lam. Wäh­rend die Au­to­rin die Kunst­frei­heit ver­tei­digt, kri­ti­siert sie die of­fen­sicht­li­che Lust an der Pro­vo­ka­ti­on und Be­lei­di­gung, die als In­stru­ment für In­te­gra­ti­on miss­ver­stan­den wird. Ähn­lich ver­hält es sich mit dem Kopf­tuch, wel­ches für vie­le Mus­li­min­nen ein Aus­druck von Selbst­er­mäch­ti­gung ist. Doch sämt­li­che Er­run­gen­schaf­ten die­ser Frau­en ver­schwin­den hin­ter der Kri­tik am Kopf­tuch, wel­ches als In­te­gra­ti­ons­hemm­nis ge­se­hen wird (S. 166f.).

Die Tat­sa­che, dass die meis­ten Mus­li­me die Scha­ria ab­leh­nen, zeigt, dass ei­ne fle­xi­ble eu­ro­päi­sche Les­art

des Is­lam durch­aus mög­lich ist und auch be­trie­ben wird. Stär­ke­re Sicht­bar­keit mus­li­mi­scher Be­dürf­nis­se be­deu­tet nicht Un­ter­wan­de­rung, wie das Bei­spiel von Ha­l­al-pro­duk­ten zeigt: Eu­ro­päi­sche Mus­li­me wol­len ih­ren Le­bens­stil an­glei­chen und ver­lan­gen nach Pro­duk­ten, die ih­ren Wert­vor­stel­lun­gen ent­spre­chen. Das gleicht den ak­tu­el­len Bio­be­we­gun­gen. (vgl. S. 205)

Die gro­ße Stär­ke des Bu­ches ist zwei­fels­oh­ne, dass Mus­li­me zu Wort kom­men, um ih­re Per­spek­ti­ven und Ar­gu­men­te dar­zu­le­gen. Die­se Stär­ke stellt aber auch ei­ne Schwä­che dar: Mit­un­ter wirkt das ge­zeich­ne­te Bild des Is­lam in Eu­ro­pa ge­schönt, was an der Aus­wahl der Stu­di­en­teil­neh­me­rin­nen lie­gen mag: Oh­ne dass die Au­to­rin ge­naue­re Aus­kunft dar­über gibt, wir­ken die Be­frag­ten ge­bil­det und re­flek­tiert. Sie re­prä­sen­tie­ren ei­ne Eli­te, wäh­rend die Per­spek­ti­ven des mus­li­mi­schen Pre­ka­ri­ats in Eu­ro­pa nicht er­fasst wer­den. Ei­ne brei­te­re Stu­die zu die­sem The­ma wä­re da­her wün­schens­wert. Mus­li­me: All­tag

Gö­le, Nilü­fer: Eu­ro­päi­scher Is­lam. Mus­li­me im All­tag. Ber­lin: Wa­gen­bach, 2016. 299 S., € 24,- [D], 24,70 [A] ; ISBN 978-3-8031-3663-3

Der Is­lam in Deutsch­land

Is­lam ge­hö­re zu Deutsch­land, pos­tu­lier­te einst der deut­sche Kurz­zeit­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff.

Die AFD hat kürz­lich in ih­rem Par­tei­pro­gramm das Ge­gen­teil be­haup­tet. Wel­che Rol­le spielt der Is­lam in Deutsch­land wirk­lich? Der Ju­rist und Is­lam­wis­sen­schaft­ler Ma­thi­as Ro­he hat ein um­fas­sen­des Buch zu die­ser Fra­ge vor­ge­legt, mit Fak­ten, die ei­nen schar­fen Kon­trast zu den me­di­al und po­li­tisch trans­por­tier­ten Bil­dern von Mus­li­men in Deutsch­land bil­den.

Der Is­lam ist seit der Ar­beits­mi­gra­ti­on der 1960er­und 70er-jah­re in Deutsch­land prä­sent. Der Blick der deut­schen Ge­sell­schaft auf die Re­li­gi­on hat sich erst mit dem 11. Sep­tem­ber 2001 ver­scho­ben: Seit­dem wird der Is­lam vor al­lem als Ge­fahr für Eu­ro­pa wahr­ge­nom­men. Ro­he be­tont je­doch, dass die be­fürch­te­te „Is­la­mi­sie­rung“bei ma­xi­mal 5,2 Pro­zent Mus­li­men in Deutsch­land ein ir­ra­tio­na­les Schreck­ge­spenst ist. Da­zu kommt, dass bei wei­tem nicht al­le Mus­li­me re­li­gi­ös sind und sich ein Le­ben nach is­la­mi­schen Re­geln wün­schen. Mus­li­mi­sches Le­ben ge­stal­tet sich al­so äu­ßerst viel­fäl­tig.

Gleich­zei­tig spricht der Au­tor In­te­gra­ti­ons­pro­ble­me of­fen an und be­tont, dass vie­le Mus­li­me kon­ser­va­tiv-tra­di­tio­na­lis­ti­sche Ein­stel­lun­gen pfle gen. Sol­che Ein­stel­lun­gen sind durch­aus kri­ti­sier­bar. Al­ler­dings spie­len so­zio-öko­no­mi­sche Fak­to­ren ei­ne wich­ti­ge­re Rol­le als Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, was häu­fig aus­ge­blen­det wird (S. 111). In Be­zug auf is­la­mi­schen Ex­tre­mis­mus be­zieht der Au­tor klar Stel­lung: „Im Um­gang mit Ex­tre­mis­mus­ge­fahr ist der Rechts­staat auf­ge­for­dert, ei­ner­seits sei­ne Grund­la­gen zu ver­tei­di­gen, an­de­rer­seits aber auch recht­li­che Maß­stä­be zu wah­ren” (S. 173).

Kri­tisch be­trach­tet Ro­he ak­tu­el­le Ten­den­zen, die Sicht­bar­keit von Mus­li­men im öf­fent­li­chen Raum zu be­gren­zen, wie die De­bat­ten über Mo­schee­bau­ten, Kopf­tü­cher oder Schäch­ten zei­gen. Die meis­ten Mus­li­me hät­ten kein Pro­blem da­mit, die deut­sche De­mo­kra­tie im Ein­klang mit ih­ren re­li­giö­sen Wer­ten zu brin­gen.

Das Buch schließt mit ei­nem Plä­doy­er für ei­ne dif­fe­ren­zier­te Be­trach­tungs­wei­se des mus­li­mi­schen Le­bens in Deutsch­land: „Statt pau­scha­ler Ur­tei­le und Ste­reo­ty­pen von Ver­teu­fe­lung und Idea­li­sie rung be­nö­ti­gen wir als Leit­mo­tiv für Be­geg­nun­gen und Beur­tei­lun­gen im ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­ben wie auch in der wis­sen­schaft­li­che Au­f­ar­bei­tung bei al­len Be­tei­lig­ten nur: Fair­ness“(S. 321). Deutsch­land: Is­lam

Ro­he, Ma­thi­as: Der Is­lam in Deutsch­land. Ei­ne Be­stands­auf­nah­me. Mün­chen: Beck, 2016. 416 S., €16,95 [D] 17,50 [A]

ISBN 978-3-406-69807-1

Dschi­ha­dis­mus in Eu­ro­pa

Auch wenn die meis­ten Mus­li­me in Eu­ro­pa ein fried­li­ches Le­ben als Teil der Mehr­heits­ge­sell­schaft an­stre­ben, ha­ben die seit Jän­ner 2015 ge­häuft statt­fin­den­den Ter­ror­an­schlä­ge ge­zeigt, dass der ra­di­ka­le Is­lam zu ei­ner rea­len Ge­fahr in Eu­ro­pa ge­wor­den ist und es für eu­ro­päi­sche Ge­sell­schaf­ten zu­neh­mend schwer ist, mit dem Phä­no­men oh­ne re­pres­si­ver Maß­nah­men ge­gen mus­li­mi­sche Bür­ge­rin­nen um­zu­ge­hen.

Pe­ter R. Ne­u­mann geht der wich­ti­gen Fra­ge nach, war­um sich Per­so­nen ra­di­ka­li­sie­ren, und zeigt, dass We­ge zur Ra­di­ka­li­sie­rung pro­zess­haft und höchst in­di­vi­du­ell ver­lau­fen. Fünf „Baustei­ne“sol­len Ra­di­ka­li­sie­rung er­klä­ren, wo­bei kei­ner al­lein ein voll­stän­di­ges Er­klä­rungs­mo­dell lie­fert: Zu­nächst er­weist sich die Un­fä­hig­keit, mit frus­trie­ren­den Er­fah­run­gen um­zu­ge­hen, als Ge­fahr. Dies be­trifft vor al­lem so­zi­al ex­klu­dier­te jun­ge Män­ner der zwei­ten und drit­ten Zu­wan­de­rer­ge­ne­ra­ti­on. Um­ge­kehrt kön­nen sich „au­to­ch­to­ne“Eu­ro­päe­rin­nen ra­di­ka­li­sie­ren, wenn sie Un­mut dar­über spü­ren, dass der Sta­tus quo ih­rer Ge­sell­schaft wankt. Da­zu kommt der „Drang“, die Ge­fühls­welt von In­di­vi­du­en auf der Su­che nach Iden­ti­tät, Ge­mein­schaft, Be­deu­tung, Ruhm, Aben­teu­er (S. 64). Vor al­lem die Ver­füh­rung, dem sinn­ent­leer­ten Le­ben ei­nen Sinn zu ge­ben, er­weist sich als stark. Ei­ne be­son­ders wich­ti­ge Rol­le bei Ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­zes­sen spie­len Ide­en bzw. Ideo­lo­gi­en: Ge­ra­de der sala­fis­ti­sche Is­lam bie­tet Ent­wur­zel­ten ein­fa­che Ant­wor­ten auf kom­ple­xe Pro­ble­me. Das Glei­che lässt sich bei den zu­neh­mend er­star­ken­den rechts­ra­di­ka­len Be­we­gun­gen in Eu­ro­pa be­ob­ach­ten, die ei­nem „kul­tu­rel­len Ge­no­zid“vor­beu­gen wol­len und da­bei nicht nur Mus­li­me, son­dern auch Lin­ke be­kämp­fen (S. 89). Ne­u­mann be­tont auch die Rol­le von Vor­bil­dern und so­zia­len Grup­pen. Tat­säch­lich hat sich im Fall von Aus­lands­kämp­fern für den Is­la­mi­schen Staat ge­zeigt, dass vie­le schlicht dem Freun­des­kreis oder dem cha­ris­ma­ti­schen Füh­rer in das Kriegs­ge­biet folg­ten. Als letz­ten Baustein nennt Ne­u­mann Ge­walt. Ei­ge­ne Ge­walt­er­fah­rung, ein kri­mi­nel­ler Hin­ter­grund, aber auch staat­li­che Re­pres­si­on und De­mü­ti­gun­gen er­leich­tern das An­wen­den von Ge­walt.

Zu­dem warnt Ne­u­mann vor neu­en Trends bei Ra­di­ka­li­sie­run­gen. So hat Re­li­gi­on lin­ke oder an­ar­chis­ti­sche Ideo­lo­gi­en als Recht­fer­ti­gung für Ter­ror ab­ge­löst. Da­zu kommt die Rol­le des In­ter­nets als kraft­vol­les Pro­pa­gan­da­in­stru­ment und als Mög­lich­keit, Per­so­nen oh­ne ra­di­ka­li­sier­te Freun­des­krei­se an­zu­spre­chen. Die­se so­ge­nann­ten „ein-

„Es be­steht ei­ne Kor­re­la­ti­on zwi­schen De­mo­kra­tie­dis­tanz und ei­ner wirt­schaft­lich un­güns­ti­gen Le­bens­si­tua­ti­on mit ge­rin­ger Bil­dung und sub­jek­ti­ven Er­fah­run­gen von Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung in der Auf­nah­me­ge­sell­schaft. Die­se Be­fun­de glei­chen den Er­geb­nis­sen von For­schungs­ar­bei­ten zu Rechts­ex­tre­mis­mus und Aus­län­der­feind­lich­keit“(Ma­thi­as Ro­he in 18 , S. 238)

sa­men Wöl­fe“stel­len ei­nen wei­te­ren Trend dar; sie ra­di­ka­li­sie­ren sich oh­ne grö­ße­re Netz­wer­ke (S. 182). Be­mer­kens­wert ist die stei­gen­de An­zahl von jun­gen Frau­en in dschi­ha­dis­ti­schen Be­we­gun­gen. Tat­säch­lich se­hen man­che eu­ro­päi­sche Mus­li­min­nen ih­re Ra­di­ka­li­sie­rung als Akt der Eman­zi­pa­ti­on, in dem sie schein­bar selbst­be­stimmt ein Le­ben jen­seits fe­mi­nis­ti­schen Drucks le­ben. Der letz­te gro­ße Trend, den Ne­u­mann aus­macht, ist die „Pro­le­ta­ri­sie­rung“des Dschi­hads: Wa­ren Ter­ro­ris­ten frü­her oft Teil ei­ner in­tel­lek­tu­el­len Eli­te, hat vor al­lem der Is­la­mi­sche Staat ei­ne brei­te­re Re­kru­tie­rungs­ba­sis ge­schaf­fen, die ger­ne auf bil­dungs­fer­ne Kri­mi­nel­le zu­rück­greift, häu­fig in Ge fäng­nis­sen.

„Was tun?“, fragt Ne­u­mann am En­de sei­nes Bu­ches (S. 235). Der Au­tor ver­weist auf zwei Mög­lich­kei­ten: Prä­ven­ti­on vor al­lem in der Ju­gend­ar­beit, in den lan­ge ver­nach­läs­sig­ten Vor­städ­ten, den Ge­fäng­nis­sen und Schu­len. Dort, wo Ra­di­ka­li­sie­rung be­reits pas­siert ist, kön­nen Dera­di­ka­li­sie­rungs­pro­gram­me Ex­tre­mis­ten zu­rück in die Ge­sell­schaft ho­len. Soll­te es nicht ge­lin­gen, Ra­di­ka­li­sie­rung und Ter­ror Ein­halt zu ge­bie­ten, steht laut Ne­u­mann mit Blick auf rechts­po­pu­lis­ti­sche Be­we­gun­gen das eu­ro­päi­sche Ge­sell­schafts­sys­tem auf dem Spiel (S. 241).

Dschi­ha­dis­mus: Eu­ro­pa 19 Ne­u­mann, Pe­ter R.: Der Ter­ror ist un­ter uns. Dschi­ha­dis­mus und Ra­di­ka­li­sie­rung in Eu­ro­pa. Ber­lin: Ullstein, 2016. 297 S., € 19,99 [D], € 20,60 [A]

ISBN 978-3-550-08153-8

Die streng Gläu­bi­gen

Wäh­rend die po­li­ti­sche De­bat­te um den Is­lam sich meist um des­sen Prä­senz in Eu­ro­pa und de­ren ge­glaub­te und tat­säch­li­che Aus­wir­kun­gen dreht, wird die Her­kunft is­la­mis­ti­scher Be­we­gun­gen und de­ren Kon­se­quen­zen für die is­la­mi­schen Län­der nur we­nig the­ma­ti­siert. Die­se Lü­cke schließt Wilfried Buch­ta, der sich mit dem Zu­sam­men­bruch des Na­hen und Mitt­le­ren Os­tens und dem Auf­stieg fun­da­men­ta­lis­ti­scher Strö­mun­gen be­schäf­tigt. Der Auf­stieg des Is­la­mis­mus in der Re­gi­on ist zu­nächst Re­sul­tat ei­ner ge­schei­ter­ten pan­ara­bi­schen Po­li­tik, de­ren Na­tio­na­lis­mus und Kli­en­te­lis­mus ei­ne ver­arm­te Be­völ­ke­rung hin­ter­lie­ßen. Dies stärk­te Be­we­gun­gen wie die der Mus­lim­brü­der, de­ren so­zia­les En­ga­ge­ment ei­nem tra­di­tio­na­lis­ti­schen Is­lam zu neu­er Be­deu­tung ver­half. Zu­dem wur­de die Re­gi­on ab den 1950er- Jah­ren durch die In­ter­ven­tio­nen von Groß­mäch­ten per­ma­nent de­sta­bi­li­siert, die zu­dem meist schei­ter­ten: „Oh­ne star­ke An­stö­ße von in­nen, oh­ne ei­ne or­ga­ni­sier­te Mas­sen­ba­sis und oh­ne fest ver­wur­zel­te de­mo­kra­ti­sche Part­ner­par­tei­en sind al­le In­ter­ven­tio­nen west­li­cher Staa­ten im Na­hen Os­ten zum Schei­tern ver­ur­teilt. Mi­li­tär­in­ter­ven­tio­nen west­li­cher Staa­ten kön­nen be­ste­hen­de Übel nicht be­sei­ti­gen, son­dern nur ver­schlim­mern.“(S. 50f) Die macht­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi schen den bei­den re­gio­na­len He­ge­mo­nen Sau­dia­ra­bi­en und Iran tun ihr Üb­ri­ges: Seit der is­la­mi­schen Re­vo­lu­ti­on im Iran wei­tet Te­he­ran sei­ne Ein­fluss­nah­me auf schii­ti­sche Min­der­hei­ten in ara­bi­schen Nach­bar­län­dern aus, was vom wa­ha­b­i­ti­schen Sau­di-ara­bi­en be­kämpft wird. Die da­mit ein­her­ge­hen­de För­de­rung wa­ha­b­i­ti­scher is­la­mis­ti­scher Be­we­gun­gen in der Re­gi­on soll das re­vo­lu­tio­när-is­la­mis­ti­sches Po­ten­zi­al im ei­ge­nen Land un­ter Kon­trol­le hal­ten und die sau­di-ara­bi­sche Les­art des Is­lam ver­brei­ten.

Sieht man von den ak­tu­el­len Krie­gen in der Re­gi­on ab, sind auch an­de­re Ent­wick­lun­gen in bis­lang sta­bi­len Län­dern wie der Tür­kei, Ägyp­ten und Tu­ne­si­en we­nig er­mu­ti­gend. Bis­lang konn­te sich nir­gend­wo ei­ne De­mo­kra­tie län­ger­fris­tig kon­so­li­die­ren. Ist der Is­lam der Grund da­für?

Wilfried Buch­ta ver­weist auf die vie­len Spiel­ar­ten des Is­lam und die Tra­di­ti­on des einst to­le­ran­ten und mul­ti-re­li­giö­sen Ori­ents. Je­doch wür­den in fast al­len ge­nann­ten Staa­ten die kul­tu­rell kom­ple­xe­ren Va­ri­an­ten des Is­lams zu­rück­ge­drängt: „Vie­ler­orts wei­chen sie ei­nem weit­ge­hend un­in­for­mier­ten, sprö­den und letzt­lich ideo­lo­gisch ver­här­te­ten Is­lam­ver­ständ­nis, wie es von Sau­di-ara­bi­en und sala­fis­tisch-dschi­ha­dis­ti­schen Strö­mun­gen pro­pa­giert wird. Legt man nur die­se is­la­mis­ti­schen Ideo­lo­gie­va­ri­an­ten zu­grun­de, die ganz auf Aus­gren­zung und Ab­gren­zung set­zen, muss die Fra­ge, ob der Is­lam ein Feind der west­li­chen De­mo­kra­tie und Mo­der­ne ist, mit ei­nem kla­ren Ja be­ant­wor­tet wer­den“(S. 159f.).

Das Buch schließt mit ei­nem hy­po­the­ti­schen Aus­blick auf das Jahr 2026, in dem Buch­ta ein äu­ßerst pes­si­mis­ti­sches Bild für die Re­gi­on und Eu­ro­pa zeich­net: ei­ne im Krieg ver­sun­ke­ne Re­gi­on, im Kon­flikt zwi­schen Sau­di-ara­bi­en und Iran auf­ge­rie­ben, mit ei­ner Prä­si­di­al­dik­ta­tur in der Tür­kei und ei­nem zu­neh­mend au­to­ri­tär re­gier­ten Eu­ro­pa, wel­ches un­ter is­la­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlä­gen lei­det. Das kann man so se­hen, muss man aber nicht – die Ge­schich­te ist voll von un­vor­her­ge­se­he­nen Wen­dun­gen.

Fun­da­men­ta­lis­mus Buch­ta, Wilfried: Die streng Gläu­bi­gen. Fun­da­men­ta­lis­mus und die Zu­kunft der is­la­mi­schen Welt. Ber­lin: Han­ser, 2016. 240 S., € 20 [D], € 20,60 [A]

ISBN 978-3-446-25293-6

„Der Macht­zu­wachs streng­gläu­bi­ger Fun­da­men­ta­lis­ten im Na­hen Os­ten scheint un­auf­halt­sam, ob es sich nun um die schii­ti­schen Re­vo­lu­tio­nä­re des Iran und sei­ne re­gio­na­len Ver­bün­de­ten han­delt oder um die sun­ni­tisch-dschi­ha­dis­ti­schen Got­tes­kämp­fer vom ‘Is­la­mi­schen Staat’’, der Nus­ra-front oder ei­ner der vie­len von Sau­di-ara­bi­en in­spi­rier­ten und fi­nan­zier­ten mi­li­tan­ten Sa­la fis­ten­grup­pen.” (Wilfried Buch­ta in , S. 214)

Das hat der Pro­phet nicht ge­meint

Dass ein to­le­ran­ter, hoff­nungs­vol­ler Is­lam mög­lich ist und auch ge­lebt wird, zeigt das schma­le Büch­lein, in dem die ira­ni­sche Frie­dens­no­bel­preis­trä­ge­rin, Dis­si­den­tin, Frau­en- und Mäd­chen­rechts­ak­ti­vis­tin Shi­rin Eba­di ih­re Sicht auf den Is­lam prä­sen­tiert; kom­men­tiert von der Nah­ost­ex­per­tin Gu­drun Har­rer.

Auf­ge­wach­sen in ei­ner li­be­ra­len aber re­li­giö­sen Fa­mi­lie, er­leb­te die stu­dier­te Ju­ris­tin die is­la­mi­sche Re­vo­lu­ti­on im Iran, wel­che die Si­tua­ti­on für Frau­en dra­ma­tisch ver­schlech­ter­te. Eba­dis Mo­ti­va­ti­on, den Iran nicht zu ver­las­sen, war vom Wunsch ge­prägt, zur Un­ab­hän­gig­keit von Frau­en bei­zu­tra­gen, um sie aus dem Op­fer-sta­tus zu be­frei­en. Eba­di kri­ti­siert die se­lek­ti­ven Sicht­wei­sen auf den Koran, so­wohl im Wes­ten als auch von ra­di­ka­len Is­la­mis­ten. Für sie ist der Is­lam ver­ein­bar mit Men­schen­rech­ten, wo­bei Eba­di als Gläu­bi­ge auf­tritt, die sich für ei­ne dif­fe­ren­zier­te Aus­le­gung ih­rer Re­li­gi­on ein­setzt. Shi­rin Eba­dis Bio­gra­phie be­weist, dass Is­lam und hu­ma­nis­tisch-fe­mi­nis­ti­sches En­ga­ge­ment ein­an­der nicht aus­schlie­ßen. Statt­des­sen kann der Is­lam auch ein kraft­vol­ler An­trieb für Ve­rän­de­rung sein, wie Eba­dis be­mer­kens­wer­te Men­schen­rechts­ar­beit ge­zeigt hat. Is­lam: Frau­en­rech­te

21 Eba­di, Shi­rin: Das hat der Pro­phet nicht ge­meint. Ein Ap­pell von Shi­rin Eba­di an die Welt. Wals bei Salz­burg: Be­neven­to Publ., 2016. 45 S., € 7,00 ISBN 978-3-7109-0007-5

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