Zu­wan­der­ge­sell­schaft wi­der Wil­len?

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Sind un­se­re Ge­sell­schaf­ten Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaf­ten? Lan­ge Zeit hat sich die Po­li­tik dem Of­fen­sicht­li­chen ver­wei­gert, mit der Kon­se­quenz, dass In­te­gra­ti­on, das Schaf­fen von so­zia­len und wirt­schaft­li­chen Chan­cen von Mi­gran­ten und Dis­kri­mi­nie­rung durch die Mehr­heits­ge­sell­schaft igno­riert wur­den. Erst als die dar­aus re­sul­tie­ren­den Pro­ble­me von rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en auf­ge­grif­fen wur­den, wur­de re­agiert. Wie kann ei­ne mul­ti­kul­tu­rel­le bzw. -re­li­giö­se Ge­sell­schaft funk­tio­nie­ren, wel­che Er­war­tun­gen der Mehr­heits­ge­sell­schaft sol­len Mi­gran­tin­nen er­fül­len und wel­che Rol­le spielt die Ein­stel­lung der Auf­nah­me­ge­sell­schaft für ge­lun­ge­ne In­te­gra­ti­on? Bir­git Bah­tic-kun­rath hat sich die ak­tu­el­le Li­te­ra­tur zu die­sen Fra­gen an­ge­se­hen. Dag­mar Baum­gart­ner ana­ly­siert die Kri­sen in der ara­bi­schen Welt.

Deutsch­land­als­mul­ti­re­li­giö­ser­staat

Das Recht setzt den Rah­men für un­ser Zu­sam­men­le­ben; es struk­tu­riert un­se­re Hand­lun­gen und de­fi­niert, wel­che Er­war­tungs­hal­tun­gen an Staat und Ge­sell­schaft le­gi­tim sind. Ge­ra­de in der auf­ge­heiz­ten De­bat­te um mul­ti­kul­tu­rel­les bzw. -re­li­giö­ses Zu­sam­men­le­ben zeigt sich, dass eu­ro­päi­sche Rechts­staa­ten für die­se Her­aus­for­de­run­gen bes­ser ge­rüs­tet sind, als ge­mein­hin an­ge­nom­men wird.

Hans Mar­kus Hei­mann hat sich dem The­ma Zu­sam­men­le­ben in ei­nem mul­ti­re­li­giö­sen Staat aus ju­ris­ti­scher Per­spek­ti­ve ge­nä­hert und er­klärt auch für Lai­en gut ver­ständ­lich, was mit „mul­ti-re­li­gi­ös“tat­säch­lich zu ver­ste­hen ist – näm­lich ein re­li­gi­ös neu­tra­ler Staat (der Au­tor be­zieht sich auf Deutsch­land), der die Re­li­gi­ons­frei­heit zu schüt­zen hat, auch wenn die Re­li­gi­on nicht den Vor­stel­lun­gen der Mehr­heit und staat­lich de­fi­nier­ten Wer­ten ent­spricht: „Je­de Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft ist dar­in frei, sich die Gestal­tung der Welt und ei­ner Staats­ord­nung, auch wenn sie er­heb­lich von fun­da­men­ta­len Prin­zi­pi­en des Grund­ge­set­zes ab­weicht, so vor­zu­stel­len, wie sie es möch­te. Nur wenn sie ver­sucht, ih­re der Ord­nung des Grund­ge­set­zes wi­der­spre­chen­den Vor­stel­lun­gen bei­spiels­wei­se mit Ge­walt in die Rea­li­tät um­zu­set­zen, hät­te sie von Sei­ten des Staa­tes Sank­tio­nen zu er­war­ten.“(S. 193).

Das Ver­hält­nis zwi­schen Staat und Re­li­gi­on kann sich je­der­zeit än­dern, so­bald sich die Rol­le der Re­li­gi­on än­dert. Es gilt al­so per­ma­nent aus­zu­han­deln, wel­cher Teil des Re­li­gi­ons­rechts über­holt oder ver­zicht­bar ist (S. 13). Mit Blick auf die Rol­le des Rechts­staa­tes ver­merkt der Au­tor, dass die­ser zwar re­li­gi­ös neu­tral sein muss, aber mit Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ko­ope­rie­ren und die­se un­ter­stüt­zen kann, so­lan­ge al­le Re­li­gio­nen gleich­be­han­delt wer­den. Wich­tig ist auch zu ver­ste­hen, dass das Grund­ge­setz als Hand­lungs­rah­men für den Staat dient, aber nicht für In­di­vi­du­en oder Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten. Es liegt al­so im Er­mes­sen der je­wei­li­gen Ge­mein­schaft oder des In­di­vi­du­ums, wie re­li­giö­ses Le­ben ge­stal­tet wird, auch wenn die­ses Gestal­ten nicht den Wer­ten der Mehr­heits­ge­sell­schaft ent­spricht.

Das Buch bie­tet ei­nen op­ti­mis­ti­schen Be­fund: Deutsch­land ist ein funk­tio­nie­ren­der mul­ti­re­li­giö­ser Staat, der Re­li­gi­ons­frei­heit ge­währ­leis­tet, grund­sätz­lich neu­tral und gleich­zei­tig wehr­haft ge­nug ist, um de­mo­kra­tie­zer­set­zen­de Prak­ti­ken zu ver­hin­dern. Über­zo­ge­ne An­pas­sungs­er­war­tun­gen vor al­lem an den Is­lam pas­sen nicht in die his­to­risch ge­wach­se­ne Rechts­kul­tur. Die sä­ku­la­re Ge­sell­schaft darf an­de­rer­seits nicht ver­ges­sen, dass Re­li­gi­ons­frei­heit ein Men­schen­recht ist, das auch kri­ti­sier­te Prak­ti­ken schützt.

Deutsch­land: Re­li­gio­nen

22 Hei­mann, Hans Mar­kus : Deutsch­land als mul­ti­re­li­giö­ser Staat. Ei­ne Her­aus­for­de­rung. Frank­furt/f.: S. Fi­scher, 2016. 249 S., € 22,99 [D], 23,70 [A] ; ISBN 978-3-10-002477-0

Die neu­en Deut­schen

Mi­gra­ti­on ist ein Fak­tum. Wäh­rend vor al­lem De­mo­gra­phen auf die Wich­tig­keit von Zu­wan­de­rung in al­tern­den Ge­sell­schaf­ten ver­wei­sen, sieht der po­li­ti­sche und me­dia­le Spin Mi­gra­ti­on haupt­säch­lich als Ri­si­ko für die Auf­nah­me­ge­sell­schaft. In­te­gra­ti­ons­pro­ble­me und we­ni­ger -er­fol­ge wer­den per­ma­nent sicht­bar ge­macht. Her­fried und Ma­ri­na Münk­ler ha­ben sich dem Phä­no­men der Mi­gra­ti­on aus der Per­spek­ti­ve der Auf­nah­me­ge­sell­schaft ge­wid­met: Was macht Mi­gra­ti­on aus ei­ner Ge­sell­schaft, und wie soll mit der gro­ßen Her­aus­for­de­rung um­ge­gan­gen wer­den? Die Au­to­ren nen­nen die Deut­schen, die sich die­ser Her­aus­for­de­rung stel­len, die „neu­en Deut­schen“– „je­ne, die auf ein welt­of­fe­nes und nicht mehr aus­schließ­lich eth­nisch de­fi­nier­tes Deutsch­land set­zen“(S. 13).

Tat­säch­lich hat die Flücht­lings­kri­se 2015 die deut­sche Ge­sell­schaft ge­spal­ten: Dem Auf­stieg der AFD ste­hen die An­hän­ger ei­ner of­fe­nen Ge­sell­schaft des lin­ken po­li­ti­schen Spek­trums ge­gen­über. Münk­ler und Münk­ler neh­men hier ei­ne mitt­le­re Po­si­ti­on ein: Sie wün­schen sich ei­ne „kon­vi­via­lis­ti­sche Ge­sell­schaft“, in der Men­schen un­ab­hän­gig von Her­kunft und Re­li­gi­on für­ein­an­der sor­gen und da­mit ei­ne „wech­sel­sei­ti­ge In­te­gra­ti­on“er­mög­li­chen. Da­für müs­sen sich al­le Be­tei­lig­ten ver­än­dern (S. 186). Dies be­deu­tet aber auch das En­de des Na­tio­nal­staats und der na­tio­na­len Iden­ti­tät, wie wir sie ken­nen. Die da­mit ver­bun­de­nen Aus­hand­lungs­pro­zes­se sind kon­tro­vers: Wie wird das Na­tio­na­le in Zu­kunft de­fi­niert, wie wird die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät der Na­ti­on aus­se­hen? Und vor al­lem: Wie macht man nun aus Frem­den „Deut­sche“? Mit­tels ei­ner Rei­he von „Im­pe­ra­ti­ven“stel­len die Au­to­ren The­sen für ei­ne funk­tio­nie­ren­de In­te­gra­ti­on auf:

In­te­gra­ti­on funk­tio­niert zu­nächst über den Ar­beits­markt, wo­bei auf die Ein­bin­dung von Ju­gend­li­chen und Frau­en be­son­ders zu ach­ten ist. Da­für braucht es aber auch Bil­dungs­chan­cen. Es geht da­bei nicht nur um ein of­fe­nes Bil­dungs­sys­tem, son­dern um die Un­ter­stüt­zung län­ger­fris­ti­ger Le­bens­pla­nung mi­gran­ti­scher Ju­gend­li­cher. Mi­gran­ten aus un­ter­schied­li­chen Her­kunfts­län­dern und so­zia­len Schich­ten ha­ben un­ter­schied­li­che Be­dürf­nis­se, was bei In­te­gra­ti­ons­maß­nah­men zu be­rück­sich­ti­gen ist. Es braucht auch Ak­ti­vie­rung: Wenn Mi­gran­ten für lan­ge Zeit zur Pas­si­vi­tät ge­zwun­gen wer­den, kann dies den In­te­gra­ti­ons­pro­zess dau­er­haft be­ein­träch­ti­gen, ge­nau­so wie Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen. Wäh­rend die­se Vor­schlä­ge als kon­kre­te Hand­lungs­an­lei­tung für po­li­ti­sche Ak­teu­re zu ver­ste­hen sind, bleibt ei­ne Fra­ge of­fen: Rei­chen die­se Maß­nah­men, dass so­wohl die Mehr­heits­ge­sell­schaft als auch Mi­gran­tin­nen ei­ne ge­mein­sa­me, neue Idee und letz­lich ei­ne Iden­ti­tät des Deutsch­seins ent­wi­ckeln? Das Buch kann die­se Fra­ge nicht be­ant­wor­ten, lie­fert aber wert­vol­le Im­pul­se für die Dis­kus­si­on. Deutsch­land: Iden­ti­tät

23 Münk­ler, Her­fried u. Ma­ri­na: Die neu­en Deut­schen. Ein Land vor sei­ner Zu­kunft. Ber­lin: Ro­wohlt, 2016. 334 S., € 19,95 [D], 20,55 [A]

ISBN 978 3 871341670

Un­deutsch

Das Zu­sam­men­le­ben in ei­ner mul­ti­kul­tu­rel­len Ge­sell­schaft ge­stal­tet sich häu­fig pro­ble­ma­tisch. Vie­le Ex­per­ten ver­su­chen Lö­sun­gen an­zu­bie­ten, die vor al­lem auf In­te­gra­ti­on set­zen. Meis­tens be­deu­tet dies, dass „Frem­de“sich den Er­war­tun­gen der Mehr­heits­ge­sell­schaft an­zu­pas­sen ha­ben. Im Ge­gen­satz zu die­sen An­sät­zen hat Fa­ti­ma El-tay­eb ein Werk vor­ge­legt, wel­ches die Per­spek­ti­ve der „Un­deut­schen“ein­nimmt – Per­so­nen, die sich auf Grund von Haut­far­be, Na­tio­na­li­tät oder Mi­gra­ti­ons­er­fah­rung von den „Deut­schen“ab­he­ben und de­ren In­te­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen an struk­tu­rel­lem Ras­sis­mus schei­tern. Eu­ro­päi­sche Ge­sell­schaf­ten ha­ben ih­ren his­to­risch durch­ge­hend prä­sen­ten Ras­sis­mus nie völ­lig ab­ge­legt. Men­schen oh­ne wei­ße Haut­far­be (com­mu­nities of co­lor) wer­den auch in Deutsch­land nach wie vor nicht als Teil der Mehr­heits­ge­sell­schaft ge se­hen; sie wer­den al­so „ras­si­fi­ziert“bzw. „mi­gran­ti­siert“; sie sind „un­deutsch“. Dies be­trifft auch Men­schen, die seit Jahr­hun­der­ten in Eu­ro­pa le­ben, et­wa Ro­ma und Sin­ti (S. 19).

An­stel­le aber das Kon­zept des „Deutsch-seins“zu öff­nen, wer­den Ab­gren­zun­gen im­mer schär­fer. Die Ras­si­fi­zie­rung von Re­li­gi­on, die ak­tu­ell vor al­lem Mus­li­me be­trifft, ist nur ein Bei­spiel. Dass in die­sem Kon­text zu­neh­mend vom Pro­blem der „Deut­schen­feind­lich­keit“von Zu­wan­dern ge­spro­chen wird, sieht Fa­ti­ma El-tay­eb als Ablen­kungs­ma­nö­ver: Oh­ne dass so­zio-öko­no­mi­sche Pro­ble­me und Ras­sis­mus dis­ku­tiert wer­den, füh­len sich Eu­ro­pä­er zu­neh­mend von Mi­gran­ten be­droht und vik­ti­mi­siert. Der Ter­ror geht im­mer von den an­de­ren (meist Mus­li­men) aus, wäh­rend rechts­ex­tre­me Ge­walt nach wie vor als iso­lier­te Ein­zel­ta­ten ba­ga­tel­li­siert wer­den: „Oh­ne hier auf De­tails ein­ge­hen zu kön­nen, sei (…) dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Cha­rak­te­ri­sie­rung rechts­ex­tre­mer Ter­ror­ak­te als von Ein­zel­tä­tern ver­übt und letzt­lich

„Die deut­sche Ge­sell­schaft ist ei­ne of­fe­ne und leis­tungs­ori­en­tier­te Ge­sell­schaft, die in den kom­men­den Jah­ren und Jahr­zehn­ten noch of­fe­ner und wohl auch noch leis­tungs­ori­en­tier­ter wer­den muss, wenn sie ih­re Po­si­ti­on in der Welt­wirt­schaft und ih­ren Wohl­stand im In­nern be­hal­ten will.”

(H. u. M. Münk­ler in , S. 289

auf psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Mus­ter zu­rück­führ­bar das vor­herr­schen­de Er­klä­rungs­mus­ter dar­stellt. Die­ses Er klä­rungs­mus­ter (…) un­ter­schei­det sich wie­der­um deut­lich von dem, mit dem der Ter­ro­ris­mus von Tä­tern aus mar­kier­ten Grup­pen, et­wa Mus­li­me, er­klärt wird: Hier wird die Pa­tho­lo­gie kul­tu­rell, das heißt zur Grup­pen­ver­ant­wor­tung und letzt­end­lich zum Grup­pen­cha­rak­te­ris­ti­kum.“(S. 125). Die po­pu­lä­re Gleich­set­zung des Is­lam mit dem Fa­schis­mus recht­fer­tigt sol­che Be­trach­tungs­wei­sen zu­sätz­lich.

Das Buch be­sticht durch gut re­cher­chier­te Bei­spie­le für den struk­tu­rel­len Ras­sis­mus in der deut­schen Ge­sell­schaft – und dürf­te im We­sent­li­chen auch für Ös­ter­reich gel­ten. Ein we­sent­li­cher Aspekt ist da­bei das Igno­rie­ren von öko­no­mi­scher Ge­walt des glo­ba­len Nor­dens ge­gen­über dem Sü­den und das schwe­re Er­be des Ko­lo­nia­lis­mus, den so­wohl der glo­ba­le Sü­den als auch der Na­he Os­ten noch im­mer zu tra­gen ha­ben. Kri­tisch bleibt an­zu­mer­ken, dass die Au­to­rin lokale Ver­ant­wor­tung im glo­ba­len Sü­den und kri­ti­sche Dis­kur­se zu Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen in der Mehr­heits ge­sell­schaft aus­blen­det. Nichts­des­to­trotz hat Fa­ti­ma El-tay­eb ei­nen au­gen­öff­nen­den Bei­trag ge­leis­tet, der ein­lädt, ei­ge­ne Po­si­tio­nen kri­tisch zu re­flek­tie­ren.

Ge­sell­schaft: Post­mi­gra­ti­on 24 El-tay­eb, Fa­ti­ma: Un­deutsch. Die Kon­struk­ti­on des An­de­ren in der post­mi­gran­ti­schen Ge­sell­schaft. Bie­le­feld: Tr­an­script-verl., 2016. S. 252; € 19,99 [D],

20,60 [A] ; ISBN 978-3-8376-3074-9

Wi­der den Ter­ro­ris­mus

Ein we­sent­li­cher Aspekt des Zu­sam­men­le­bens in ei­ner mul­ti­kul­tu­rel­len Ge­sell­schaft ist ein angst­frei­es Le­ben für al­le. Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Arno Gru­en nä­hert sich dem The­ma über den Fo­kus auf den Ter­ro­ris­ten als in­di­vi­du­el­len Tä­ter.

Ter­ro­ris­ten wer­den zu­meist als iden­ti­täts­lo­se We sen be­schrie­ben, die ih­rer in­ne­ren Lee­re durch ge­walt­vol­le Selbst­in­sze­nie­rung ent­kom­men wol­len. Am Be­ginn ei­ner Ter­ro­ris­ten­kar­rie­re ste­hen häu­fig zer­rüt­te­te Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­se. Der Zu­sam­men­bruch al­ter so­zia­ler Netz­wer­ke im Zu­ge der Glo­ba­li­sie­rung tut ein Üb­ri­ges: „Das Netz der so­zia­len Be­zie­hun­gen sorg­te da­für, dass ei­ne durch­grei­fen­de Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit gar nicht erst auf­kom­men konn­te. (…) Die Rol­le der un­zu­rei­chen­den Iden­ti­tät und ih­re Be­gleit­erschei­nung, der Hass, sind die Ur­sa­chen für den stän­di­gen Amok­lauf der Welt.“(S. 46 u. S. 48). Per­spek­ti­ven­lo­se In­di­vi­du­en zei­gen sich be­son­ders an­fäl­lig für ex­tre­mis­ti­sche Strö­mun­gen, aber Ter­ro­ris­mus kann auch in öko­no­misch sta­bi­len Ver­hält­nis­sen Nähr­bo­den fin­den, wenn so­zia­ler Halt fehlt. In Kom­bi­na­ti­on mit Selbst­mit­leid und ei­nem selbst zu­ge­schrie­be­nen Op­fer­sta­tus kann ei­ne ex­plo­si­ve Mi­schung ent­ste­hen: „Selbst­mit­leid ver­hin­dert die em­pa­thi­sche Wahr­neh­mung des Leids, das man an­de­ren zu­fügt. Und es ver­schafft dem Tä­ter das Ge­fühl, zu der Tat be­rech­tigt zu sein.“(S. 66). Im Lich­te die­ser Be­trach­tun­gen be­tont Gru­en, dass nicht der Is­lam sich im Krieg mit dem Wes­ten be­fän­de, son­dern der mör­de­ri­sche Hass der Iden­ti­täts­lo­sen. Die fried­li­che Mehr­heit der Mus­li­me sol­le da­her in den Kampf ge­gen ter­ro­ris­ti­sche Ge­walt­tä­ter ein­ge­bun­den wer­den – auch, um das Zu­sam­men­le­ben zu stär­ken: Es be­darf ei­nes ge­mein­sa­men Kraft­akts, um den Ter­ror zu stop­pen.

Ter­ro­ris­mus 25 Gru­en, Arno: Wi­der den Ter­ro­ris­mus. Stutt­gart: Klett-cot­ta, 2015. 88 S., € 12 [D], 12,40 [A]

ISBN: 978-3-608-94900-1

End­sta­ti­on Is­la­mi­scher Staat?

Als den Be­ginn epo­cha­ler Um­wäl­zun­gen be­schreibt der Is­lam­wis­sen­schaft­ler und Jour­na­lis­trai­ner Her­mann den Ara­bi­schen Früh­ling. Aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven zeich­net er ein Bild der ge­gen­wär­ti­gen Si­tua­ti­on in der ara­bi­schen Welt, die 2011 mit der Hoff­nung auf Frei­heit und Ge­rech­tig­keit be­gon­nen hat und nun die schwers­te „Kri­se seit dem Ein­fall der Mon­go­len im 13. Jahr­hun­dert“(S. 25) dar­stellt. Be­leuch­tet wer­den die his­to­risch be­ding­ten Ur­sa­chen für die dro­hen­de Auf­lö­sung ein­zel­ner Na­tio­nal­staa­ten, wie Sy­ri­en oder dem Irak. Den nach dem Zer­fall des Os­ma­ni­schen Rei­ches von au­ßen ge schaf­fe­nen post­ko­lo­nia­len Staa­ten mit ih­ren fas­sa­den­haf­ten staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen feh­le es an Grund pfei­lern ei­ner De­mo­kra­tie und den meis­ten Staa­ten an ei­ner ge­mein­sa­men kul­tu­rel­len Iden­ti­tät, so der Au­tor. Der Le­ser er­hält Ein­blick in die Pro­blem­la­gen ein­zel­ner ara­bi­scher Staa­ten, die sich zwar von­ein­an­der un­ter­schei­den, de­nen je­doch ei­nes ge­mein­sam ist: der Is­lam und De­s­po­te, die sich an in­ter­na­tio­na­ler Fi­nan­zie­rung, Mi­li­tär­hil­fen und dem Ölex port be­rei­chern und de­nen das Wohl der Bür­ge­rin­nen zweit­ran­gig er­scheint. Das weiß der Is­la­mi­sche Staat (IS) zu nut­zen und ver­spricht die ara­bi­sche Welt zu­rück zum ur­sprüng­li­chen An­spruch über Stam­mes­gren­zen hin­weg zu füh­ren, wo die Scha­ria über dem Völ­ker­recht steht und ein längst ver­lo­re­nes Zu­ge­hö­rig­keits­ge­fühl bie­tet.

Rai­ner Her­mann schreibt über den Zorn des IS, die zu­neh­mend feh­len­de pan­ara­bi­sche Iden­ti­tät der ara­bi­schen Ju­gend oh­ne Per­spek­ti­ven und war­um es für die ein­zel­nen Staa­ten so wich­tig wä­re, sich von in­nen her­aus de­mo­kra­tisch zu ent­wi­ckeln, oh­ne da­bei den Le­ser zu ent­mu­ti­gen. Das Buch bie­tet his­to­ri­sche Ana­lo­gi­en zum Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg und zu Eu­ro­pa 1848, als die bür­ger­li­che Mit­tel­schicht ge -

“Eu­ro­pa muss sich da­mit aus­ein­an­der­set­zen, dass sei­ne sta­bi­len Wohl­stands­de­mo­kra­ti­en mit der Ent­mensch­li­chung und aus­beu­tung von Ko­lo­ni­sier­ten und Ver­sklav­ten er­kauft wur­de ... “(Fa­ti­ma El-tay­eb in 24 , S. 12)

gen die feu­da­le Staats­e­li­te auf­be­gehr­te. The­ma­ti­siert wer­den lokale Aus­lö­ser der Kri­sen­her­de ein­zel­ner ara­bi­scher Län­der, eben­so der Wett­streit re­gio­na­ler Vor­macht­stel­lun­gen sei­tens Sau­di-ara­bi­en, der Tür­kei und dem Iran. Sein viel­schich­ti­ger Rund­um­blick nimmt je­doch auch den Wes­ten und Russ­land in die Ver­ant­wor­tung und er­läu­tert de­ren glo­ba­le In­ter­es­sen. Wer sich al­so ei­nen kom­pak­ten Ein­blick in die Kom­ple­xi­tät die­ser Kri­se ver­schaf­fen möch­te, liegt bei die­sem Buch rich­tig. D. B. Is­lam

26 Her­mann, Rai­ner: End­sta­ti­on Is­la­mi­scher Staat? Staats­ver­sa­gen und Re­li­gi­ons­krieg in der ara­bi­schen Welt. Mün­chen: DTV, 2015. 135 S., € 12,90 [D],

13,30 [A] ; ISBN 978-3-42334861-4

Wei­te­re wich­ti­ge Ti­tel zum The­ma

27 Ram­sau­er, Pe­tra: Die Dschi­had­ge­ne­ra­ti­on. Wie der apo­ka­lyp­ti­sche Kult des Is­la­mi­schen Staats Eu­ro­pa be­droht. Kla­gen­furt: Sty­ria, 2015. 208 S., € 24,90 ; ISBN 978-3-222-13516-3

28 Khor­chi­de, Mo­u­ha­nad: Is­lam ist Barm­her­zig­keit. Gr­und­zü­ge ei­ner mo­der­nen Re­li­gi­on. Frei­burg i. Br.: Her­der, 2015. 239 S., € 10,99 [D], 11,30 [A]

ISBN 978-3-451-06764-8

29 Ha­fez, Fa­rid: Is­la­misch-po­li­ti­sche Den­ker. Ei­ne Ein­füh­rung in die is­la­misch-po­li­ti­sche Ide­en­ge­schich­te. 2., über­arb. Aufl. Frank­furt/m.: Pe­ter Lang, 2015. 267 S., € 29,95 [D], 30,80 [A]

ISBN 978-3-631-66499-5

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