Di­gi­ta­les Wir (Teil II)

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Big Da­ta, das Da­ten­sam­meln im gro­ßen Stil, Über­wa­chung und Si­cher­heit wa­ren The­men in pro Zu­kunft 1/2014*16-21, 4/2014*118-121 und in der Aus­ga­be 4/2016. Nach Wi­ki-leaks und den Snow­den-ent­hül­lun­gen lohnt sich ein wei­te­rer Blick auf ak­tu­el­le Pu­bli­ka­tio­nen zur glo­ba­len Über­wa­chung, zu den Aus­wir­kun­gen des Whist­leb­lo­wing so­wie zu den Pa­na­ma-pa­pers, den Al­f­red Auer nicht oh­ne War­nung, aber auch mit Tipps ge­gen Da­ten­ver­lust ge­wagt hat. Zu­dem wird die Neu­aus­ga­be von Ray Kurz­weils Best­sel­ler „Ho­mo S@pi­ens“aus dem Jah­re 1999 be­spro­chen.

NSA und die Fol­gen

Im Ju­ni 2013 ver­öf­fent­li­che Glenn Gre­en­wald die ers­ten Nsa-do­ku­men­te aus dem Ar­chiv des Whist­leb­lo­wers Ed­ward Snow­den. Die­se Ent­hül­lun­gen „lenk­ten die welt­wei­te Auf­merk­sam­keit auf die Ge­fah­ren der all­ge­gen­wär­ti­gen staat­li­chen Über­wa­chung und de­ren durch­gän­gi­ge Ge­heim­hal­tung“(S. 353). Im Ge­fol­ge der Ver­öf­fent­li­chun­gen bringt der Pu­bli­zist Gre­en­wald das Gan­ze von der ame­ri­ka­ni­schen Re­gie­rung ge­schaf­fe­ne Sys­tem der Mas­sen­über­wa­chung ans Licht. Wir al­le wis­sen nun, dass es kei­ne Pri­vat­sphä­re mehr gibt und die Mei­nungs­frei­heit der Si­cher­heit ge­op­fert wur­de. Der Au­tor zeigt, wie die Us-re­gie­rung spä­tes­tens seit dem 11. Sep­tem­ber

2001 im Na­men der „na­tio­na­len Si­cher­heit“mit al­ler­lei Son­der­rech­ten die Ver­fas­sung und die dar­in ver­brief­ten Bür­ger­rech­te aus­höhlt.

Die­se span­nend zu le­sen­de Kri­mi­nal­ge­schich­te über die Ma­chen­schaf­ten der Us-ge­heim­diens­te ist in­zwi­schen hin­läng­lich be­kannt und soll hier nicht ver­tieft wer­den. Wich­tig scheint uns der Blick dar­auf, was ge­tan wer­den kann, um die Pri­vat­sphä­re im In­ter­net zu­rück­zu­er­obern und der staat­li­chen Über­wa­chung Gren­zen zu set­zen.

Zu­nächst gel­te es, ei­ne neue In­ter­net-in­fra­struk­tur auf­zu­bau­en, bei der der Da­ten­ver­kehr nicht mehr über die USA läuft. Zwei­tens soll je­der User Ver­schlüs­se­lungs­me­tho­den und Brow­ser-an­ony­mi­sie­rer be­nut­zen. Ab­ge­se­hen von der Trans­pa­renz und der Re -

for­men auf Re­gie­rungs­ebe­ne ha­ben Snow­den und an­de­re Whist­leb­lo­wer vie­les vor­an­ge­bracht, meint der Au­tor. „Er hat ein Leit­bild ge­schaf­fen, das an­de­re an­re­gen kann; zu­künf­ti­ge Ak­ti­vis­ten wer­den sei­nem Vor­bild fol­gen und sei­ne Vor­ge­hens­wei­se wei­ter­ent­wi­ckeln.“(S. 360) Über­wa­chung

37 Gre­en­wald, Glenn: Die glo­ba­le Über­wa­chung. Der Fall Snow­den, die ame­ri­ka­ni­schen Ge­heim­diens­te und die Fol­gen. Mün­chen: Dro­emer-verl., 2014. 365 S., € 19,99 [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-426-27635-8

Die Kunst der Re­vol­te

Mög­lich­keit zu „di­gi­ta­ler Wi­der­stän­dig­keit“ist auch The­ma der bei­den fol­gen­den Bü­cher. Auch in ih­nen gel­ten Ed­ward Snow­den, Ju­li­an Ass­an­ge und Chel­sea Man­ning als ent­schei­den­de Ak­teu­re in der Aus­ein­an­der­set­zung um Frei­heit ver­sus Über­wa­chung, Ge­heim­diens­te, Krieg und Ter­ro­ris­mus. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Ge­off­roy de La­gas­ne­rie sieht in ih­nen „das Auf­tau­chen von et­was Neu­em“(S. 11), „ex­em­pla­ri­sche Fi­gu­ren“ei­ner neu­en Kunst der Re­vol­te. Er meint da­mit ei­ne neue Wei­se des po­li­ti­schen Han­delns, des po­li­ti­schen Den­kens, der For­men und Prak­ti­ken des Wi­der­stands. Für La­gas­ne­rie stel­len die­se Ak­teu­re ei­nes neu­en Wi­der­stands die po­li­ti­sche Büh­ne selbst in Fra­ge. Und aus der Hef­tig­keit der staat­li­chen Re­ak­tio­nen (dar­über wur­de um­fang­reich in den Main­stream-me­di­en be­rich­tet) zei­ge sich, wie de­sta­bi­li­sie­rend sich der Ge­heim­nis­ver­rat aus­ge­wirkt ha­be.

Ins­be­son­de­re be­schreibt der Au­tor den „Son­der­fall ei­nes Pro­zes­ses der Auf­he­bung der Un­ter­wer­fung mit Be­zug auf er­zwun­ge­ne Iden­ti­fi­ka­tio­nen, um die Fä­hig­keit frei­zu­set­zen, sich neue, plu­ra­le, he­te­ro­ge­ne und flüch­ti­ge Ge­mein­schaf­ten vor­zu­stel­len – und folg­lich auch zu rea­li­sie­ren.“(S. 159f.) Als Bei­spiel nennt er die Ak­tio­nen von An­ony­mous, de­ren Auf­ru­fe mit den Wor­ten be­gin­nen „Hal­lo, Bür­ger der Welt, wir sind An­ony­mous“, die da­mit si­gna­li­sie­ren, sich von al­len auf­ge­zwun­ge­nen Zu­ge­hö­rig­kei­ten zu lö­sen, „in­dem man die Ei­gen­art un­se­rer Ver­knüp­fung mit dem Raum und un­se­rer Be­zie­hun­gen zu den an­de­ren po­li­ti­siert“(S. 159). Die so ent­ste­hen­den selbst­ge­wähl­ten Ge­mein­schaf­ten hät­ten als geis­ti­gen Ho­ri­zont die Welt und über die Kunst der Re­vol­te wür­den sie sich als Welt­bür­ger de­fi­nie­ren.

Whist­leb­lo­wing

La­gas­ne­rie, Ge­off­roy de: Die Kunst der Re­vol­te.

Snow­den, Ass­an­ge, Man­ning. Ber­lin: Suhr­kamp-verl., 2016. 159 S., € 19,95 [D], 20,60 [A]

ISBN 978-3-518-58687-7

Die Auf­rech­ten

Wie Snow­dens Ent­hül­lun­gen die Spiel­re­geln der Po­li­tik ver­än­dert ha­ben, zeigt auch der Jour­na­list Mark Herts­gaard. Er hat je­ne zwei Män­ner ge­trof­fen, die lan­ge vor Snow­den auf of­fi­zi­el­lem We­ge Miss­stän­de im Pen­ta­gon zur Spra­che brach­ten und die je­nem auch zum Vor­bild wur­den. Ei­ner der Män­ner, Tho­mas Dra­ke, der das Nsa-über­wa­chungs­pro­gramm Trail­bla­zer in­tern kri­ti­siert hat­te, ver­lor dar­auf­hin sei­nen Pos­ten. Herts­gaard schil­dert auch, wie der ihm zu­ge­sag­te Schutz ver­wei­gert und das FBI auf den Exn­sa-an­ge­stell­ten an­ge­setzt wur­de.

Deut­lich for­mu­liert der Au­tor die Er­kennt­nis, dass Whist­leb­lo­wing in Form zi­vi­len Un­ge­hor­sams ei­ne un­um­gäng­li­che und wirk­sa­me Mög­lich­keit sei, um im öf­fent­li­chen In­ter­es­se zu han­deln. Er ver­sucht auch zu zei­gen, dass Snow­den gar kei­ne Wahl blieb, als sich di­rekt an die Öf­fent­lich­keit zu wen­den. Die­se Hym­ne an die Whist­leb­lo­wer, die mit­un­ter Ge­set­ze bre­chen, bis­wei­len schwie­rig sind und kei­nes­wegs im­mer recht ha­ben, zeigt, dass oh­ne sie die Ge­sell­schaft Ge­fahr läuft, „von ei­ner Ka­ta­stro­phe in die nächs­te zu stol­pern“(S. 205). Whist­leb­lo­wing

39 Herts­gaard, Mark: Die Auf­rech­ten. Whist­leb­lo­wing in der Ära Snow­den. Mün­chen: Han­ser, 2016. 213 S., € 15,- [D], 15,50 [A] ; ISBN 978-3-446-25399-5

Glo­bal Hack

Der Au­tor die­ses Bu­ches macht sich mit Blick auf die Om­ni­prä­senz der Com­pu­ter­tech­no­lo­gie in un­se­rem Le­ben und die da­mit ver­bun­de­ne Ab­hän­gig­keit Sor­gen. „Da­durch wer­den wir zu­neh­mend an­greif­bar, und zwar in ei­ner Art und Wei­se, die die meis­ten von uns nicht ein­mal an­satz­wei­se ver­ste­hen“(S. 18), so Marc Good­man, It-ex­per­te, Ex­po­li­zist und Be­ra­ter des FBI. Und sei­ne gut­ge­mein­te War­nung zu Be­ginn, dass wir un­ser Au­to, das Smart pho­ne oder den Staub­sau­ger nach der Lek­tü­re mit an­de­ren Au­gen se­hen wer­den, er­scheint über wei­te Stre­cken gut be­grün­det.

Er­zählt wird die Ge­schich­te von Ha­ckern, Ge­heim­diens­ten, or­ga­ni­sier­tem Ver­bre­chen, skru­pel­lo­sen Re gie­run­gen und Ter­ro­ris­ten, die sich die Schwä­chen der tech­ni­schen Sys­te­me und ih­rer User zu­nut­ze ma­chen, sich an Da­ten be­rei­chern, die öf­fent­li­che Ord­nung de­sta­bi­li­sie­ren oder mit ein paar Co­de-zei­len Mil­li­ar­den­schä­den ver­ur­sa­chen. Auf­se­hen­er­re­gend ist et­wa der ge­lun­ge­ne Cy­ber-an­griff auf die ira­ni­sche Uran-an­rei­che­rungs­an­la­ge in Na­tans. Mit­tels Usb-stick wur­de die Schad­soft­ware Stux­net in das in­ter­ne Netz ein­ge­schleust. Das Vi­rus brei­te­te sich ra send schnell über die It-in­fra­struk­tur der An­la­ge aus

„Die Fä­hig­keit des Men­schen zu för­dern, selbst nach­zu­den­ken und Ent­schei­dun­gen zu tref­fen – das ist der Sinn von Whist­leb­lo­wing, von Pro­test, von po­li­ti­schem Jour­na­lis­mus.“(G.. de La­gas­ne­rie in , S. 361)

und ließ die Sie­mens-in­dus­trie­com­pu­ter die Zen­tri­fu­gen zur An­rei­che­rung von Uran falsch an­steu­ern, so dass die­se sich selbst be­schä­dig­ten (vgl. S. 166). Ver­mu­tet wird, dass Stux­net ei­ne Soft­ware-waf­fe der USA und Is­ra­el ge­we­sen ist. Und das ist nur ei­nes von vie­len er­schre­cken­den Bei­spie­len.

Um das Ri­si­ko ei­nes Cy­ber­an­griffs zu mi­ni­mie­ren, emp­fiehlt Good­man mit an­de­ren ei­ne Art „Man­hat­tan Pro­ject“in Sa­chen In­ter­net-se­cu­ri­ty. Er zeigt aber auch für je­den Ein­zel­nen We­ge auf, wie durch die Be­fol­gung ein­fa­cher Schrit­te über 85 Pro­zent der di­gi­ta­len Be­dro­hun­gen ver­meid­bar sind: Re­gel­mä­ßi­ge Up­dates der ver­wen­de­ten Soft­ware, Ver­ga­be von lan­gen Pass­wör­tern mit 20 oder mehr Zei­chen, Ad­mi­nis­tra­tor-ac­counts mit Vor­sicht nut­zen, Ge­rä­te aus­schal­ten, wenn die­se nicht ge­nutzt wer­den, Ver­wen­dung von Fest­plat­ten­ver­schlüs­se­lung (Bit­lo­cker bzw. Fi­lev­ault) und na­tür­lich die Er­stel­lung von Si­che­rungs­ko­pi­en. Wei­te­re Hin­wei­se un­ter: www.fu­ture­cri­mes.com. Di­gi­ta­li­sie­rung

40 Good­man, Marc: Glo­bal Hack. Ha­cker, die Ban­ken aus­spä­hen. Cy­ber-ter­ro­ris­ten, die Atom­kraft­wer­ke ka­pern. Ge­heim­diens­te, die un­se­re Han­dys kna­cken. Mün­chen: Han­ser, 2015. 552 S., € 24,90 [D], 25,60 [A] ISBN 978-3-446-44463-8

Up­date

Big Da­ta ist längst kei­ne lee­re For­mel mehr, viel­mehr ver­ber­gen sich hin­ter dem Be­griff be­ein­dru­cken­de Zah­len: „Es gibt 3,3 Mil­li­ar­den Men­schen mit Zu­gang zum In­ter­net (2,5 Per­so­nen kom­men pro Se­kun­de neu da­zu, Goog­le ver­ar­bei­tet pro Tag 3,5 Mil­li­ar­den Such­an­fra­gen, 500 Mil­lio­nen Tweets wer­den über Twit­ter täg­lich be­reit­ge­stellt, 800 Mil­lio­nen Youtube-be­nut­zer la­den pro Mi­nu­te 100 St­un­den Vi­deo­ma­te­ri­al auf die Platt­form, und 10 Mil­lio­nen Fo­tos wer­den auf Face­book je­de St­un­de ge­pos­tet.“(S. 14) Rolf Schumann (Ex­per­te für In­no­va­ti­ons­the­men) und Micha­el St­ein­bre­cher (Fern­seh­jour­na­list) ana­ly­sie­ren die Ver­hei­ßun­gen und Ri­si­ken der Da­ten­re­vo­lu­ti­on. Nichts we­sent­lich Neu­es er­fah­ren wir hier in­halt­lich zu den Be­rei­chen Ge­sund­heit, Mo­bi­li­tät, Woh­nen, Kon­sum, Ler­nen, Si­cher­heit, In­dus­trie und Sport. Ihr Fa­zit vor­weg: „Die Da­ten­re­vo­lu­ti­on ist nicht gut oder schlecht. Sie kann bei­des sein. Sie ist das, was wir aus ihr ma­chen.“(S. 241)

Das In­ter­es­san­te an die­sem Buch, das bei der Frank­fur­ter Buch­mes­se 2015 ei­nen in­ter­na­tio­na­len Buch­preis er­hielt, ist die Ge­gen­über­stel­lung (auch op­tisch) der Ar­gu­men­te der Be­für­wor­ter und Skep­ti­ker oh­ne Wer­tung, da­mit sich die Le­ser und Le­se­rin­nen selbst ein Ur­teil bil­den kön­nen. Un­ter­stützt wird die Ur­teils­bil­dung durch zahl­rei­che In­ter­views mit Ex­per­ten und Po­li­ti­ke­rin­nen. Zu­ge­ge­ben, es ist nicht im­mer leicht, wenn man sich zwi­schen Kom­fort und Frei­heit oder zwi­schen Si­cher­heit und Pri­vat­sphä­re ent­schei­den soll. Oder wenn man beim On­li­ne­kauf al­les über die Pro­duk­te wis­sen will und gleich­zei­tig vie­les vom ei­ge­nen Kon­sum- und Zah­lungs­ver­hal­ten preis­ge­ben muss. Auch die Fra­ge, ob Frei­heit, wie im­mer man sie de­fi­niert, ein Wert ist, für den es sich lohnt auf die Stra­ße zu ge­hen, ge­ben St­ein­bre­cher/schumann an die Le­ser wei­ter, denn das müs­se je­der für sich sel­ber ent­schei­den. Wohl­tu­end ist zwar, dass die Au­to­ren nicht mit gu­ten Rat­schlä­gen und Zei­ge­fin­ger kom­men, je­doch hät­ten Emp­feh­lun­gen wahr­lich nicht ge­scha­det. Für die Frei­heit als kost­ba­res Gut lohnt es sich je­den­falls auf die Stra­ße zu ge­hen.

Di­gi­ta­li­sie­rung 41 St­ein­bre­cher, Micha­el; Schumann, Rolf: Up­date. War­um die Da­ten­re­vo­lu­ti­on uns al­le be­trifft. Frank­furt/m. Cam­pus-verl., 2015. 254 S., € 24,99 [D], 25,70 [A]

ISBN 978-3-593-50332-5

Pa­na­ma Pa­pers

Die Ver­öf­fent­li­chung der Pa­na­ma Pa­pers hat al­les über­trof­fen, was bis­her an Ent­hül­lun­gen pu­bli­ziert wur­de. Es be­gann mit ei­ner E-mail an den Jour­na­lis­ten Bas­ti­an Ober­may­er, den stell­ver­tre­ten­den Lei­ter des Res­sorts „In­ves­ti­ga­ti­ve Re­cher­che“der Süd­deut­schen Zei­tung. Ein Jahr spä­ter wur­den nach um­fang­rei­chen Re­cher­chen die ge­hei­men Do­ku­men­te teil­wei­se ver­öf­fent­licht. Gleich­zei­tig leg­ten Ober­may­er und sein Res­sort­kol­le­ge Fre­de­rik Ober­mai­er das hier prä­sen­tier­te Buch zu den Ent­hül­lun­gen vor. Die Süd­deut­sche Zei­tung hat in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren im­mer wie­der Bei­trä­ge ge­bracht, die auf ge­hei­men (ge­le­ak­ten) Da­ten ba­sier­ten. Mal ging es um Off­s­hore-leaks in der Ka­ri­bik (Steu­er­ge­heim­nis­se), mal um ge­hei­me Schwei­zer Kon­ten (Swiss-leaks) oder um Lu­xem­burgs Steu­er­tricks (Lux-leaks). Der Un­ter­schied zu Wi­ki­leaks, so er­klärt es ei­ner der Au­to­ren, be­steht beim In­ves­ti­ga­ti­vjour­na­lis­mus dar­in, dass die Ent­hül­lungs­platt­form Da­ten­sät­ze ins Netz stellt, oh­ne sie jour­na­lis­tisch zu fil­tern. Im Fall der Pa­na­ma Pa­pers wur­den mit Hil­fe von „400 Jour­na­lis­ten aus mehr als 80 Län­dern“(S. 319) rund um den Glo­bus die pa­na­mai­schen Brief­kas­ten­kon­struk­tio­nen dut­zen­der Staats­chefs und Dik­ta­to­ren, Ma­na­gern, Spit­zen­sport­lern und an­de­ren Pro­mis ver­öf­fent­licht. Es wer­den Ge­schich­ten er­zählt, „die er­klä ren, wie mit Waf­fen, Dro­gen, Blut­dia­man­ten und an­de­ren ver­bre­che­ri­schen Ge­schäf­ten Mil­li­ar­den ver­dient wer­den, und Ge­schich­ten, die den Le­sern die Steu­er­ver­mei­dung der Wohl­ha­ben­den und der Su­per­rei­chen die­ser Welt na­he­brin­gen“(S. 16). Es geht

um Off­s­hore-fir­men, ge­grün­det von der in Pa­na­ma an­säs­si­gen Kanz­lei Moss­ack Fon­se­ca, die u. a. en­ge Ver­bin­dun­gen zu der Us-steu­er­oa­se Ne­va­da un­ter­hält. Die­se Brief­kas­ten­fir­men wer­den ein­zig und al­lein da­für ge­nutzt, Ge­schäf­te zu ver­schlei­ern.

Wer nun pro­mi­nen­te neue Na­men aus der Kun­den­lis­te der Kanz­lei Moss­ack-fon­se­ca er­war­tet, wird ent­täuscht. Aus­gie­big ist zwar die Re­de von Pu­tins mil­lio­nen­schwe­rem Cel­lis­ten-freund Ser­gej Rol­du­gin, dem be­reits zu­rück­ge­tre­te­nen Is­län­di­schen Pre­mier Sig­mun­dur Da­vid Gunn­laugs­son, von Fir­men und Hin­ter­män­nern, die ei­ne Ver­bin­dung zu Sy­ri­ens Dik­ta­tor As­sad ha­ben oder dem Welt­fuß­bal­ler Lio­nel Mes­sie. In­ten­siv re­cher­chiert wur­de auch über die ehe­ma­li­ge ukrai­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ju­lia Ti­mo­schen­ko und ih­rem Vor­gän­ger Pa­wel Lasa­ren­ko, die „bei­de in den Neun­zi­ger­jah­ren Mil­lio­nen Dol­lar ver­scho­ben ha­ben“(S. 68). Al­le­samt wur­den aber be­reits in der ta­ges­ak­tu­el­len Be­richt­er­stat­tung ge­büh­rend ab­ge­han­delt. Was den­noch de­tail­liert er­ör­tert wird und durch­aus in­ter­es­sant ist, sind die tech­ni­schen und ju­ris­ti­schen De­tails der Pa­na­ma-brief­käs­ten. Vie­les bleibt auch nach der Lek­tü­re wei­ter ne­bu­lös, wenn bei­spiels­wei­se all­ge­mein von be­rühm­ten Re­gis­seu­ren und Schau­spie­le­rin­nen oder von Män­nern die Re­de ist, die gro­ße Fuß­ball­ver­ei­ne be­sit­zen. Denn nach­voll­zieh­bar dür­fen nur kon­kre­te Na­men ge­nannt wer­den, wenn über sie aus­rei­chend re­cher­chiert wur­de. Da­für war und ist of­fen­sicht­lich die Da­ten­men­ge zu groß. Es han­delt sich näm­lich um 2,6 Te­ra­byte Da­ten, da­von rund 11,5 Mil­lio­nen E-mails, Brie­fe, Fax­nach­rich­ten, Grün­dungs­ur­kun­den, Kre­dit­ver­trä­ge, Rech­nun­gen und Bank­aus­zü­ge als PDF-, Text- so­wie Bild­da­ten aus den Jah­ren 1977 bis 2016. Wel­che Fol­gen wer­den die welt­wei­ten Ent­hül­lun­gen letzt­lich ha­ben? „Kon­se­quent an­ge­wen­det, bie­tet Offs ho­re ei­nen Raum der bei­na­he ab­so­lu­ten Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit“(S. 308), so die Au­to­ren. Off­s­hore-fir­men sind zen­tra­le Ele­men­te der Steu­er­tricks der mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne wie Ama­zon, Star­bucks oder App­le. Für die bei­den Jour­na­lis­ten wä­re es aber ganz leicht, das En­de der Steu­er­oa­sen ein­zu­läu­ten, näm­lich durch ein welt­weit trans­pa­ren­tes Un­ter­neh­mens­re­gis­ter und ei­nen funk­tio­nie­ren­den welt­wei­ten au­to­ma­ti­schen In­for­ma­ti­ons­aus­tausch über Bank­kon­ten (vgl. S. 311). Schließ­lich mei­nen bei­de, dass die Pa­na­ma Pa­pers der An­fang vom En­de der Steu­er­oa­sen sind. De­tails und ak­tu­el­le Er­kennt­nis­se sind auch nach­zu­le­sen auf der ei­ge­nen Home­page der Süd­deut­schen Zei­tung un­terhttp://pa­na­ma­pa­pers.sued­deut­sche.de/.

Pa­na­ma Pa­pers

Ober­may­er, Bas­ti­an; Ober­mai­er, Fre­de­rik: Pa­na­ma Pa­pers. Die Ge­schich­te ei­ner welt­wei­ten Ent­hül­lung. Köln: Ki­pen­heu­er & Witsch, 2016. 349 S., € 16,99 [D], 17,50 [A] ; ISBN 978-3-462-05002-8

Die In­tel­li­genz der Evo­lu­ti­on

Ab­schlie­ßend be­schäf­ti­gen wir uns mit der Neu­aus­ga­be ei­nes Best­sel­lers über Zu­kunfts­bil­der zur Di­gi­ta­li­sie­rung in den Jah­ren 1999 bis 2099.

Um das Jahr 2099 wer­den wir Men­schen dank Gen­tech­nik, Na­no­chir­ur­gie und wei­te­rer me­di­zi­ni­scher Er­run­gen­schaf­ten un­sterb­lich wer­den, so lau­tet ei­ne der Pro­gno­sen von Ray Kurz­weil in sei­nem 1999 er­schie­ne­nen Best­sel­ler „The Age of Spi­ri­tu­al Ma­chi­nes“(Re­zen­si­on in pro­zu­kunft 1/1999*35.) Bis da­hin er­war­tet der Com­pu­ter­wis­sen­schaft­ler, Er­fin­der und Best­sel­ler­au­tor die Ver­schmel­zung von Mensch und Ma­schi­ne. Der Mensch wird dann Soft­ware sein und un­se­re Exis­tenz wird nicht mehr von der Le­bens­dau­er un­se­rer da­ten­ver­ar­bei­ten­den Schal­tun­gen ab­hän­gen, so der Au­tor. Die Pro­gno­sen von Kurz­weil wa­ren da­mals äu­ßerst ge­wagt und viel­fach im Be­reich der Sci­ence-fic­tion an­zu­sie­deln, vie­le da­von sind aber heu­te Rea­li­tät. „Wenn Sie die­ses Buch le­sen, wird Ih­nen die be­mer­kens­wer­te Treff­si­cher­heit von Rays Pro­gno­sen auf­fal­len: Das In­ter­net der Din­ge, die Ent­wick­lung des Cloud Com­pu­ting oder die Sprach­er­ken­nung mo­der­ner Smart­pho­nes wer­den von ihm klar vor­her­ge­sagt“, so Ran­ga Yo­geshwar in sei­nem Vor­wort zur Neu­aus­ga­be. Für Yo­geshwar hängt das zwei­fel­los da­mit zu­sam­men, dass er das Mach­ba­re auch oh­ne Zö­gern um­setzt. Und in der Tat hat Kurz weil nicht nur den Flach­bett­scan­ner er­fun­den, son­dern auch den durch sei­nen Freund Stevie Won­der in­spi­rier­ten Syn­the­si­zer oder ei­ne Le­se­ma­schi­ne für Blin­de so­wie Sprach- und Tex­ter­ken­nungs­sys­te­me.

Von Kurz­weil hö­ren wir kei­ne Ap­pel­le und auch kei­ne Mah­nun­gen auf­grund ei­ner un­ge­wis­sen Zu­kunft. Er stellt aber die Fra­ge, was vom Men­schen bleibt, wenn Com­pu­ter ihn über­flü­geln? Der Mensch wer­de dann, so der Au­tor, sei­ne stoff­li­chen Gren­zen über­win­den und sich auf Da­ten­ver­ar­bei­tungs­netz­wer­ke über­tra­gen. Da­durch wür­de die geis­ti­ge Leis­tungs­fä­hig­keit ex­po­nen­ti­ell ge­stei­gert, der Mensch sich von sei­nen Grund­übeln los­sa­gen und selbst­be­stimmt in ei­ner Art ‚Ma­trix‘ le­ben kön­nen.

Zu­nächst bli­cken wir ein­mal mit Au­gen­zwin­kern auf die Ver­gan­gen­heit der Pro­gno­sen Kurz­weils. 1999 ist er noch voll­kom­men der Rea­li­tät ver­bun­den und hält fest, dass be­reits zu die­sem Zeit­punkt Com­pu­ter ei­ne im­men­se und ste­tig wach­sen­de Zahl un­ter­schied­lichs­ter Auf­ga­ben be­wäl­ti­gen. So weit so gut. Im Jahr 2009 wird sei­ner Pro­gno­se nach ein PC für 1000 Dol­lar rund ei­ne Bil­li­on Re­chen­ope­ra­tio­nen pro Se­kun­de be­herr­schen. Jetzt be­ge­ben wir uns mit dem Au­tor be­reits in die na­he Zu­kunft und wa­gen den Blick auf das Jahr 2019, dann näm lich wird ein Rech­ner für 1000 Dol­lar an­nä­hernd die Re­chen­leis­tung des mensch­li­chen Ge­hirns er­rei­chen. 2029 stei­gert sich die­se auf et­wa ein­tau­send mensch­li­che Ge­hir­ne. Schließ­lich wird das aus­ge­hen­de Jahr­hun-

„Wer ei­ne an­ony­me Brief­kas­ten­fir­ma er­wirbt, soll­te wis­sen, dass Ver­schwie­gen­heit in die­sem di­gi­ta­len Zeit­al­ter ei­ne Il­lu­si­on ist.“(Bas­ti­an Ober­may­er; Fre­de­rik Ober­mai­er in 42 , S. 318)

dert von dem Trend ge­prägt, das mensch­li­che Den­ken mit der ur­sprüng­lich vom Men­schen er­schaf­fe­nen Ma­schi­nen­in­tel­li­genz zu ver­schmel­zen. Dann wird auch der Be­griff­le­bens­er­war­tung­für­ma­schi­nen-in­tel­li­gen­te­we­sen kei­ne Be­deu­tung mehr ha­ben. Zwei­fel­los ei­ne atem­be­rau­ben­de Vi­si­on, die heu­te für uns noch kaum vor­stell­bar ist. Yo­geshwar meint in sei­ner Ein­lei­tung, dass un­ser Den­ken der Ent­wick­lung stets hin­ter­her läuft, egal, ob es sich um die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on oder um bio­che­mi­sches Neu­land han­delt. „Wir kom­men­tie­ren und kri­ti­sie­ren das Neue, an­statt es be­reits in sei­ner Ent­ste­hungs­pha­se zu for­men.“(S. 16) Nicht zu­letzt des­halb ist die­ses Buch auch heu­te noch von be­son­de­rer Ak­tua­li­tät.

Pro­gno­sen: Di­gi­ta­li­sie­rung 43 Kurz­weil, Ray: Die In­tel­li­genz der Evo­lu­ti­on. Wenn Mensch und Com­pu­ter ver­schmel­zen. Vor­wort von Ran­ga Yo­geshwar. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch, 2016. 510 S., € 12,99 [D], 13,40 [A] ; ISBN 978-3-462-04942-8

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