Ide­en für Eu­ro­pa

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Das „größ­te Frie­dens­pro­jekt der Ge­schich­te“ver­liert an­ge­sichts der vie­len bis­her nicht-be­wäl­tig­ten Her­aus­for­de­run­gen im­mer mehr an Über­zeu­gungs­kraft und be­fin­det sich nach An­sicht vie­ler Kom­men­ta­to­ren in ei­ner Kri­se. Dem wi­der­spricht Ul­ri­ke Gué­rot in „Die Zeit“(v. 28.7.2016): „Die Eu­ro­päi­sche Uni­on be­fin­det sich nicht in ei­ner Dau­er­kri­se. Sie ist längst am En­de. Ge­ben wir ihr den Gna­den­stoß und fan­gen neu an!“Ist das wirk­lich die Lö­sung oder las­sen sich die EU und der Eu­ro doch noch re­for­mie­ren? Soll das ge­lin­gen, ist ein Kurs­wech­sel un­um­gäng­lich. Wir be­nö­ti­gen ei­ne über­zeu­gen­de Stra­te­gie, wie wir das einst so ver­hei­ßungs­voll be­gon­ne­ne Ex­pe­ri­ment zu­kunfts­taug­lich ge­stal­ten kön­nen. Be­stands­auf­nah­men, Ana­ly­sen, di­ver­se Wort meldungen und nicht zu­letzt Ide­en für Re­for­men hat Al­f­red Au­er in ak­tu­el­len Pu­bli­ka­tio­nen er­kun­det.

Eu­ro­pa in der Kri­se

Die stän­di­gen Kla­gen „Eu­ro­pa in der Kri­se“, „Eu­ro­pa am Ran­de des Ab­grunds“oder gar „Die letz­ten Ta­ge Eu­ro­pas“klin­gen bei­na­he schon ob­szön. Man kann es nicht mehr hö­ren. Und wenn ei­nem der Ti­tel des vor­lie­gen­den Bu­ches schon be­kannt vor­kommt, dann liegt es nicht nur am viel­kom­mu­ni­zier­ten „Dau­er­kri­sen-ge­re­de“, son­dern auch dar­an, dass Gün­ter Ver­heu­gen, der ehe­ma­li­ge Vi ze­prä­si­dent der Eu-kom­mis­si­on, be­reits 2005 ein Buch mit dem Ti­tel „Eu­ro­pa in der Kri­se“pu­bli­ziert hat. Schon da­mals hat der Spd-po­li­ti­ker kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge für „ei­ne Neu­be­grün­dung der eu­ro­päi­schen Idee“zur Dis­kus­si­on ge­stellt. Heu­te ver­su­chen wir im­mer noch, Eu­ro­pa nicht nur neu zu den­ken (vgl. PZ 3/2014), son­dern auch neu zu ge­stal­ten. An­statt sich im­mer wie­der zu fra­gen, in wel­che Rich­tung Eu­ro­pa steu­ern und wer den Ton an­ge­ben soll­te, wä­re es sinn­voll, po­si­ti­ve Vi­sio­nen für ein künf­ti­ges Eu­ro­pa zu for­mu­lie­ren.

Ed­mund Stoi­ber und Bo­do Hom­bach las­sen des­halb Ex­per­ten und Per­sön­lich­kei­ten aus Po­li­tik, Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Sport zu ak­tu­el­len eu­ro­päi­schen Fra­gen und zur Zu­kunft der Staa­ten­ge­mein­schaft zu Wort kom­men. Eu­ro­pa, so Bo­do Hom­bach in sei­nem Vor­wort, müs­se sich in der Le­bens­wirk­lich­keit der Eu­ro­pä­er ein­wur­zeln, denn „die Ero­si­on des eu­ro­päi­schen Be­wusst­seins ist ge­fähr­lich weit fort­ge­schrit­ten“(S. 11). Kos­me­tik an der Kon­struk­ti­on Eu­ro­pa ist für Hom­bach längst kei­ne Lö­sung mehr: „Der all­ge­mei­nen Eu­ro­pa-skep­sis muss et­was Neu­es und in­halt­lich Über­zeu­gen­des ent­ge­gen­tre­ten.“(S. 11) Nicht zu letzt er­in­nert er dar­an, dass Krieg als Mit­tel der Kon­flikt­lö­sung künf­tig aus­fal­len muss und plä­diert da­her für die Her­aus­ar­bei­tung von Ge­mein sam­kei­ten und die De­fi­ni­ti­on ge­teil­ter In­ter­es­sen als eu­ro­päi­sche Kern­auf­ga­ben, die da wä­ren: Frie dens­si­che­rung,

Re­gio­na­li­tät (es gilt un­ein­ge­schränkt das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip) und Welt­of­fen­heit.

Ed­mund Stoi­ber meint mit Hin­weis auf das Er­geb­nis des bri­ti­schen Eu-re­fe­ren­dums, dass dort die Lei­den­schaft ge­won­nen hat, wie fast im­mer in der Po­li­tik. War­um schafft es Eu­ro­pa nicht, bei den The­men Frie­den, Frei­heit und Si­cher­heit ei­ne sol­che Be­geis­te­rung zu we­cken? Ei­ne über­zeu­gen­de Idee, wie das ge­lin­gen soll, bleibt der Ex-po­li­ti­ker frei­lich schul­dig. Er regt le­dig­lich an, dass sich ein Kon­vent aus Ab­ge­ord­ne­ten der na­tio­na­len Par­la­men­te und des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments Ge­dan­ken über die Kon­kre­ti­sie­rung des Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips ma­chen soll­te.

Grund­te­nor der Bei­trä­ge ist die An­sicht, dass das eu­ro­päi­sche Ei­ni­gungs- und Frie­dens­pro­jekt längst kein Selbst­läu­fer mehr ist und des­halb im­mer wie­der aufs Neue er­kämpft wer­den muss. Laut viel zi­tier­ter Um­fra­gen steht die Mehr­heit der Bür ge­rin­nen in Deutsch­land und in den an­de­ren Eustaa­ten aber nach wie vor zur eu­ro­päi­schen Idee. Was fehlt, ist ei­ne eu­ro­päi­sche Öf­fent­lich­keit, ein ge­nu­in eu­ro­päi­scher De­mos. Klaus Gret­sch­mann , ehe­ma­li­ger Ge­ne­ral­di­rek­tor im Eu­ro­päi­schen Mi­nis­ter­rat, hat sich dar­über Ge­dan­ken ge­macht, wel­ches Ver­fah­ren ei­nen aus­führ­li­chen Dis­kurs und ei­ne Kom­pro­miss­fin­dung er­mög­li­chen könn­te. Er schlägt die Ein­füh­rung des Kon­zepts „Prä­fe­ren­da“, auf­bau­end auf ei­ner Kom­bi­na­ti­on von Prä­fe­ren­zen und Re­fe­ren­den, vor. In­ten­ti­on ist, die Bür­ge­rin­nen zu hö­ren und im Dis­kurs zu be­tei­li­gen, „in­dem de­ren Wün­sche, Prä­fe­ren­zen, Pro­ble­me und Vor­stel­lun­gen in den po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zess so­weit mög­lich Ein­gang fin­den“(S. 189). Wie an­de­re Au­to­ren vor ihm, schlägt Gret­sch­mann auch vor, ein Re­de­sign, ei­nen völ­li­gen Um- bzw. Neu­bau der EU zu wa­gen (vgl. S. 190). Da­zu sei­en ein neu­es Gleich­ge­wicht zwi­schen Kon­so­li­die­rung und neu­er Dy­na­mik,

„Es geht dar­um, mehr Nä­he zu schaf­fen und Dis­tan­zen zu über­brü­cken. Ist nicht die Le­gi­ti­mi­tät ei­ner po­li­ti­schen Ent­schei­dung dann am größ­ten, wenn sie so nah wie mög­lich an den da­von Be­trof­fe­nen ge­fällt wur­de? (...) Eu­ro­pa soll­te sich nicht in Din­ge ein­mi­schen, die lo­kal, re­gio­nal oder na­tio­nal gut funk­tio­nie­ren.” (Mar­tin Schulz in , S. 128f.)

zwi­schen Ri­si­ko und Chan­ce, zwi­schen Wachs­tum und Ver­tei­lung so­wie ein breit auf­ge­stell­ter so­zia­ler Dis­kurs er­for­der­lich. Die nö­ti­gen Re­for­men soll­ten aber nicht nur auf dem Pa­pier ste­hen, son­dern zü­gig um­ge­setzt wer­den.

Eu­ro­pa: Re­for­men 47 Eu­ro­pa in der Kri­se. Vom Traum zum Feind­bild? Hrsg. v. Bo­do Hom­bach u. Ed­mund Stoi­ber. Marburg: Tec­tum-verl., 2017. 217 S., € 19,95 [D/A]

ISBN 978-3-8288-3854-3

Der Schwar­ze Ju­ni

Von epo­cha­ler Be­deu­tung wa­ren für Hans-wer­ner Sinn, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Volks­wirt­schaft und ehe­ma­li­ger Prä­si­dent des ifo-in­sti­tuts, zwei Er­eig­nis­se im Som­mer 2016: die Br­ex­it-ent­schei­dung der Bri­ten und die OMT (Ou­t­right Mo­ne­ta­ry Tran­sac­tion)-ent­schei­dung des deut­schen Ver­fas­sungs­ge­richts. Bei­de Er­eig­nis­se wür­den die Zu­kunft der EU, des Eu­ro und Deutsch­lands maß­geb­lich ver­än­dern. Der Au­tor be­fürch­tet, dass sich die Eu­ro­zo­ne oh­ne die bri­ti­sche Ge­gen­kraft nach dem Br­ex­it im­mer ra­scher zu ei­ner Fis­kal­uni­on ent­wi­ckeln wird. Die Ent­schei­dung des deut­schen Ge­richts, der Po­li­tik der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank kei­ne Schran­ken zu set­zen be­deu­te, dass die EZB wei­ter­hin un­be­grenzt Staats­pa­pie­re kau­fen kann. „Da­bei ga­ben die Karls­ru­her mit ih­rem Ur­teil der EZB nichts we­ni­ger als ei­nen Frei­fahrt­schein für ei­ne Po­li­tik der Ver­ge­mein­schaf­tung der Haf­tung für Staats­schul­den (…). Nutz­nie­ßer die­ser Po­li­tik sind vor al­lem die kri­seln­den Süd­län­der Eu­ro­pas und Frank­reich, Zahl­meis­ter die noch ei­ni­ger­ma­ßen ge­sun­den Nord­län­der, al­len vor­an Deutsch­land“(S. 14).

Für den Ex­per­ten gibt es kei­nen Zwei­fel: Eu­ro­pa braucht Re­for­men nö­ti­ger denn je. Da­bei geht es dar­um, die Kon­struk­ti­ons­feh­ler des ak­tu­el­len eu­ro­päi­schen Mo­dells zu über­win­den und ei­ne wirk­lich funk­ti­ons­fä­hi­ge Uni­on zu schaf­fen. Er for­dert als Ge­bot der St­un­de, „die Zu­gangs­ka­nä­le für den deut­schen So­zi­al­staat zu ver­schlie­ßen“(S. 307), ei­ne Neu­grun­die­rung des Eu­ro­sys­tems so­wie ei­ne Neu­aus­rich­tung der Flücht­lings- und Mi­gra­ti­ons­po­li­tik. Als grund­le­gen­der Leit­ge­dan­ke al­ler an­ste­hen­den Maß­nah­men bie­te sich das Pa­re­to-prin­zip an. Die­ses be­sagt, „dass ei­ne eu­ro­päi­sche Po­li­tik­maß­nah­me dann sinn­voll ist, wenn sie min­des­tens ein Land bes­ser­stellt, oh­ne dass ein an­de­res Land Scha­den er­lei­det“(S. 307). Vor al­lem aber müs­se Deutsch­land drin­gend Än­de­run­gen der Eu­ver­trä­ge ver­lan­gen und zwar in den Be­rei­chen Ge­mein­schafts­wäh­rung, Mi­gra­ti­on und Sub­si­dia­ri­tät. Zur Ge­sun­dung des Eu­ro nennt Sinn vier Re­form­op­tio­nen (Trans­fer­uni­on, De­fla­ti­on im Sü­den, Nach­in­fla­tio­nie­rung des Nor­dens, Aus­tritt Deutsch­lands aus der Wäh­rungs­uni­on nebst Ab­wer­tung). Schließ­lich un­ter­brei­tet der Volks­wirt 15 Vor schlä­ge zur Ge­sun­dung der EU: 1. Län­der, die ih­re Wett­be­werbs­fä­hig­keit ver­lo­ren ha­ben, kön­nen den Eu­ro ver­las­sen, um sie durch ei­ne Ab­wer­tung wie­der­zu­er­lan­gen. 2. Die Staa­ten­ge­mein­schaft ver­ein­bart Re­geln für den ge­ord­ne­ten Kon­kurs ei­nes Staa­tes. 3. Die EZB darf im Rah­men ih­res Man­dats nur noch erst­ran­gi­ge Wert­pa­pie­re mit ei­nem Aaa-ra­ting am of­fe­nen Markt kau­fen und 4. dür­fen No­ten­ban­ken nur noch im Ver­hält­nis zur Lan­des­grö­ße Geld durch die Kre­dit­ver­ga­be an die lo­ka­le Volks­wirt­schaft schöp­fen. 5. Die Stimm­rech­te im EZB-RAT wer­den nach der Grö­ße der Haf­tung der Län­der ver­ge­ben. 6. An­sprü­che auf steu­er­fi­nan­zier­te So­zi­al­leis­tun­gen dür­fen im Gast­land nur in dem Ma­ße gel­tend ge­macht wer­den, wie sie sie zu­vor selbst durch Steu­ern fi­nan­ziert ha­ben (Hei­mat­land­statt Gast­land­prin­zip für Eu-bür­ger). 7. An­er­kann­te Asyl­be­wer­ber wer­den wie ein­hei­mi­sche Staats­bür­ger in das So­zi­al­sys­tem in­te­griert, die Asyl­an­trä­ge sind al­ler­dings au­ßer­halb der Eu­gren­zen zu stel­len. 8. Die Eu-län­der si­chern ih­re Gren­zen ge­mein­schaft­lich. 9. Hil­fen für schwä­cher ent­wi­ckel­te Eu-nach­bar­staa­ten sind emp­feh­lens­wert. 10. Aus­set­zung des Min­dest­lohns, aber „Ak­ti­vie­ren­de So­zi­al­po­li­tik“. 11. Ein­füh­rung ei­nes Punk­te­sys­tems für hoch qua­li­fi­zier­te Mi­gran­ten. 12. Nach­bar­län­dern könn­te der Sta­tus ei­nes as­so­zi­ier­ten Mit­glieds an­ge­bo­ten wer­den, al­ler­dings oh­ne die Ar­beit­neh­mer-frei­zü­gig­keit. 13. Eu­ro­pa­wei­te Net­ze im Be­reich des Internet, der Te­le­fo­nie, der Stra­ßen und Schienen, des Strom- und Gas­ver­bunds sind aus­zu­bau­en. 14. Ein eu­ro­päi­scher Sub­si­dia­ri täts­ge­richts­hof ist ein­zu­rich­ten. 15. Nicht zu­letzt sol­len die Eu-län­der ih­re Ar­me­en zu­sam­men­le­gen und ei­ne ge­mein­sa­me Au­ßen­po­li­tik in Si­cher­heits­fra­gen be­trei­ben. Nur so kön­ne ei­ne wei­te­re Ver­schär­fung der eu­ro­päi­schen Kri­se ver­mie­den wer­den. Hans-wer­ner Sinn hat im­mer deut­lich Stel lung be­zo­gen und ist da­für – ob in Sa­chen Aus­set­zung des Min­dest­lohns, Flücht­lings­kri­se, die Rol­le Deutsch­lands in der EU – viel­fach kri­ti­siert wor­den. Ob sei­ne vor­der­grün­dig kon­ser­va­tiv-neo­li­be­ra­len Rat­schlä­ge wirk­lich zur Ge­sun­dung der EU bei­tra­gen kön­nen, darf be­zwei­felt wer­den.

Der EU­RO

In sei­nem Buch „Der EU­RO“(2015) nennt Han­swer­ner Sinn die EZB den eu­ro­päi­schen He­ge­mon und sieht die man­geln­de Wett­be­werbs­fä­hig keit Sü­d­eu­ro­pas als Kern­pro­blem. Trotz sei­ner fun­da­men­ta­len Skep­sis be­züg­lich der Funk­ti­ons-

„Es geht bei den Zie­len der Re­for­men nicht um die Ver­klei­ne­rung der EU oder die Ab­schaf­fung des Eu­ro. (...) Viel­mehr geht es dar­um, die Kon­struk­ti­ons­feh­ler des ak­tu­el­len eu­ro­päi­schen Mo­dells zu über­win­den und ei­ne wirk­lich funk­ti­ons­fä­hi­ge Uni­on zu schaf­fen.” (Hans-wer­ner Sinn in , S. 306f.)

fä­hig­keit des Eu­ro­sys­tems gibt er al­ler­dings die Hoff­nung für den Eu­ro und für ein ver­ei­nig­tes Eu­ro­pa nicht auf. Im Ge­gen­satz zu vie­len sei­ner Au­to­ren­kol­le­gen geht er so­gar so weit, die „Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa“zu for­dern. Je­den­falls soll­te man, so der Au­tor, zu­min­dest ein­mal in­ne­hal­ten, und prü­fen, ob man tat­säch­lich auf dem rich­ti­gen Weg ist. Eu­ro­pa: Deutsch­land

48 Sinn, Hans-wer­ner: Der Schwar­ze Ju­ni. Br­ex­it, Flücht­lings­wel­le, Eu­ro-de­sas­ter – Wie die Neu­grün­dung Eu­ro­pas ge­lingt. Frei­burg: Her­der-verl., 2016.

382 S., € 24,99 [D], 27,90 [A] ; ISBN 978-3-451-37745-7

49 Sinn, Hans-wer­ner: Der Eu­ro. Von der Frie­den­s­idee zum Zank­ap­fel. Mün­chen: Han­ser-verl., 2015.

535 S., € 24,90 [D], 25,60 [A] ; ISBN 978-3-446-44468-3

Der Odys­seus Kom­plex

Was die grie­chi­sche My­tho­lo­gie mit dem Eu­ro zu tun hat, er­klä­ren der neue Chef des ifo-in­sti­tuts (und Nach­fol­ger Hans-wer­ner Sinns), Cle­mens Fu­est, und der Öko­nom Jo­han­nes Be­cker. Wie Odys­seus dem Ge­sang der Si­re­nen, so hät­ten die Eu-mit­glied­staa­ten der Ver­füh­rungs­kraft neu­er Schul­den zu wi­der­ste­hen. Die zen­tra­le Schwä­che der Eu­ro­zo­ne sei die Un­fä­hig­keit, sich glaub­wür­dig auf ein Ver­hal­ten in der Zu­kunft fest­zu­le­gen. „All die Re­geln und lang­fris­ti­gen Ver­trä­ge, die nun an der Un­fä­hig­keit zur Selbst­bin­dung schei­tern, hät­ten Gel­tung und wür­den den Mit­glied­staa­ten die Mög­lich­keit ge­ben, ge­mein­sam und ko­or­di­niert aus der Kri­se und auf ei­nen hö­he­ren Wachs­tums­pfad zu fin­den.“(S. 130)

Um die Eu­ro­kri­se zu über­win­den, schla­gen Fu­est und Be­cker ein Fünf-punk­te-pro­gramm vor. Da­bei geht es ih­nen nicht dar­um, den gor­di­schen Kno­ten zu zer­schla­gen, son­dern ei­ne Ziel­vor­stel­lung für die nächs­ten zehn Jah­re zu for­mu­lie­ren. Re­form­be­darf be­steht ins­be­son­de­re bei der Re­gu­lie­rung der Banken (hier se­hen sie zu Recht ein Um­set­zungs­pro­blem), bei der Schul­den­kon­trol­le (Die vor­ge­schla­ge­ne Lö­sung be­steht in Ac­coun­ta­bi­li­ty Bonds, die von Mit­glied­staa­ten au­to­ma­tisch be­ge­ben wer­den müs­sen, wenn das De­fi­zit die Gren­ze von 0,5 Pro­zent des BIP über­schrei­tet. Vgl. S. 221), bei der Staa­ten­ret­tung (Ret­tungs­rou­ti­nen sind zu for­mu­lie­ren), bei der Re­struk­tu­rie­rung (Es muss ei­nen nach­hal­ti­gen Schul­den­dienst für Kri­sen­län­der ge­ben) und schließ­lich bei der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank, die in der Kri­se zu vie­le Auf­ga­ben über­nom­men hat (Die Ver­ant­wort­lich­keit der EZB für die Geld­po­li­tik muss ge­stärkt wer­den). Ins­ge­samt läuft die­ses Pro­gramm „auf ei­ne Be­schnei­dung der Macht und des Ein­flus­ses des Eu­ro­päi­schen Ra­tes und des Mi­nis­ter­ra­tes hin­aus so­wie auf ei­ne Zu­recht­stut­zung der Kom­mis­si­on auf ko­or­di­nie­ren­de be­zie­hungs­wei­se be­ra­ten­de Funk­tio­nen und ei­ne Ve­ren­gung des Man­dats für die EZB“(S. 223). An­ge­merkt sei, dass sich die Au­to­ren, was die Chan­cen auf Um­set­zung der Re­for­men an­geht, sehr zu­rück­hal­tend ge­ben. Zu­dem über­wiegt die Sor­ge um die Rol­le Deutsch­lands, Eu­ro­pas „zö­ger­li­chem He­ge­mon“. „Für ein Land, das mehr als ein Vier­tel der Kos­ten je­des Feh­lers in der Eu­ro­zo­ne trägt“, wä­re ein über­zeu­gen­des Kon­zept zum Um­gang mit der Kri­se nö­tig (S. 252). Deutsch­land bräuch­te, so die Au­to­ren, ei­ne kla­re Vor­stel­lung dar­über, wo­hin die Rei­se ge­hen soll. Eu­ro­pa: Schul­den­po­li­tik

50 Be­cker, Jo­han­nes; Fu­est, Cle­mens: Der Odys­seus-kom­plex. Ein prag­ma­ti­scher Vor­schlag zur Lö­sung der Eu­ro­kri­se. Mün­chen: Han­ser, 2017. 285 S., € 24,- [D], 24,70 [A] ; ISBN 978-3-446-25461-9

25 Ide­en für Eu­ro­pa

Die EU ist, so die Aus­gangs­the­se die­ses Ban­des, trotz al­ler Män­gel so­wie öf­fent­lich ge­äu­ßer­ter Skep­sis, ein er­folg­rei­ches Pro­jekt. Kri­tik am Sta­tus quo muss je­doch mög­lich sein, oh­ne in stän­di­ges La­men­tie­ren zu ver­fal­len und da­durch Re­na­tio­na­li­sie­rungs­ten­den­zen zu be­feu­ern. „Die Er war­tun­gen an den Mehr­wert der eu­ro­päi­schen Po li­tik sind hoch“, meint Paul Schmidt, Ge­ne­ral­se­kre­tär der Ös­terr. Ge­sell­schaft für Eu­ro­pa­po­li­tik (OGFE). Zu ih­rem 25. Ju­bi­lä­um hat die ÖGFE 25 Ide­en für Eu­ro­pa ver­sam­melt, die zum Nach­den­ken über die Ar­chi­tek­tur der EU ein­la­den. Da­zu wur­den Per­sön­lich­kei­ten aus den un­ter­schied­lichs­ten Fach­ge­bie­ten um ih­re Ein­schät­zun­gen und Ide­en zu den ak­tu­el­len Her­aus­for­de­run­gen und zur Zu­kunft „Eu­ro­pas“ge­be­ten.

Die Lei­te­rin des De­par­te­ment für Eu­ro­pa­po­li­tik und De­mo­kra­tie­for­schung an der Do­nau-uni­ver­si­tät Krems, Ul­ri­ke Gué­rot, be­tont, es ge­he kei­nes­wegs um ei­nen eu­ro­päi­schen Zen­tral­staat, son­dern viel­mehr um Ein­heit in Viel­falt. „Die meis­ten Men­schen wün­schen ein ge­ein­tes Eu­ro­pa in der Welt; und sie wün­schen ih­re kul­tu­rel­le Iden­ti­tät, die ei­nen re­gio­na­len Be­zugs­rah­men hat. Die Lö­sung für Eu­ro­pa könn­te lau­ten: Wir be­grün­den ei­ne Eu­ro­päi­sche Re­pu­blik, die al­len eu­ro­päi­schen Bür­ge­rin­nen Gleich­heit vor dem Recht ge­währt. Trä­ger die­ser Re­pu­blik sind die eu­ro­päi­schen Kul­tur­re­gio­nen.“(S. 40) Ne­ben zahl­rei­chen Au­to­rin­nen wie An­ton Pe­lin­ka (Die Schwie­rig­kei­ten mit dem Grund­ge­dan­ken der In­te­gra­ti­on), Me­la­nie Sul­ly (Die Post-br­ex­it-ära) oder Mar­git Schrat­zen­stal­ler (Ei­ne Eu-steu­er­po­li­tik, die ih­ren Na-

men ver­dient) be­schreibt in der auch als Gra­ti­se-book (pdf-down­load un­ter http://oeg­fe.at/ word­press/25-ide­en-fu­er-eu­ro­pa/) er­schie­ne­nen Pu­bli­ka­ti­on die Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin und Vi­ze­prä­si­den­tin des Eu­ro­päi­schen Fo­rums Alp­bach,

Son­ja Punt­scher Riek­mann, drei We­ge aus der Ge fah­ren­zo­ne. Bei der Fak­ten­ana­ly­se zei­ge sich ei­ne deut­lich po­si­ti­ve Stim­mung in der eu­ro­päi­schen Bür­ger­schaft, re­la­tiv ge­ring hin­ge­gen sei das Ver­trau­en in die In­sti­tu­tio­nen. Die Au­to­rin weist dar­auf hin, „dass mit zu­neh­men­der Dis­tanz zu den Ur­sa­chen des Neu­an­fangs nach 1945 vie­le eu­ro­päi­sche Po­li­ti­ke­rin­nen wie­der glau­ben, sie könn­ten Ant­wor­ten im Na­tio­nal­staat“fin­den (S. 91). Da­her gel­te es, das Gr­und­di­lem­ma zu klä­ren, „das durch die Asym­me­trie aus li­be­ra­lem Bin­nen­markt mit zen­tra­li­sier­ter Geld­po­li­tik so­wie fis­kal- und so­zi­al­po­li­ti­scher Zu­stän­dig­keit der Mit­glied­staa­ten ent­stan­den ist“(S. 92).

Ste­fan Lehne, Vi­sit­ing Scho­lar beim Think Tank Car­ne­gie Eu­ro­pa in Brüssel, schreibt über neue au­ßen­po­li­ti­sche Stra­te­gi­en der EU. „Si­cher­heit und Ver­tei­di­gung, Mi­gra­ti­on und der Bei­trag der EU zur Be­wäl­ti­gung re­gio­na­ler Kri­sen ste­hen an ers­ter Stel­le“, ist er über­zeugt (S. 72). Schließ­lich braucht die EU drin­gend, so ein Vor­schlag von Ve­re­na Ring­ler und Mar­tin May­er, „ei­nen lang­fris­ti­gen Plan zur Ent­wick­lung der eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaft, zur Schaf­fung der zu­künf­ti­gen Wert­schöp­fungs­ket­te, zur glo­ba­len Rol­le wie der Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung“(S. 94).

Es geht den Au­to­rin­nen of­fen­sicht­lich dar­um, Eu­ro­pa nicht schlech­ter zu ma­chen, als es oh­ne­hin ist. Der Mut zur Ve­rän­de­rung und zu mehr Selbst­be­wusst­sein in das eu­ro­päi­sche Pro­jekt steht des­halb im Vor­der­grund der Ana­ly­sen.

Eu­ro­pa: Re­for­men 51 25 Ide­en für Eu­ro­pa. Hrsg. v. d. Ös­terr. Ges. für Eu­ro­pa­po­li­tik. Wi­en, 2016. 108 S. ; ISBN 978-3-200-04821-8

Eu­ro­pa geht auch so­li­da­risch!

Die Au­to­rin­nen die­ser Streit­schrift ge­hen da­von aus, dass die ein­zel­nen Na­tio­nal­staa­ten heu­te nicht in der La­ge sind, die glo­ba­len Pro­ble­me zu be­wäl­ti­gen. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on gilt dem­nach als al­ter­na­tiv­los. Uni­so­no plä­die­ren sie aber für ei­ne ra­di­ka­le Re­form der EU. Es wird auch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die im Sep­tem­ber 2016 in Bra­tis­la­va be­schlos­se­nen klei­nen Schrit­te zur Wei­ter­ent­wick­lung der EU we­der ge­eig­net sind, die Flücht­lings­kri­se zu über­win­den, noch zur Be­wäl­ti­gung der öko­no­mi­schen und so­zia­len Kri­se füh­ren. Not­wen­dig sei­en viel­mehr ei­ne al­ter­na­ti­ve Wirt­schafts­po­li­tik, ei­ne Aus­gleichs­uni­on, ei­ne ge mein­sa­me Schul­den­po­li­tik, ei­ne eu­ro­päi­sche So­zi­al­uni­on so­wie ei­ne de­mo­kra­tisch ge­wähl­te und kon­trol­lier­te Eu­ro­päi­sche Wirt­schaft­re­gie­rung. „Die neue Wirt­schafts­po­li­tik der EU müss­te aus zwei Ele­men­ten be­ste­hen: zum ei­nen ei­ner ex­pan­si­ven eu­ro­päi­schen Fis­kal­po­li­tik, zum an­de­ren ei­nem eu­ro­päi­schen In­ves­ti­ti­ons­pro­gramm, das auch der Lö­sung in­dus­tri­el­ler und re­gio­na­ler Struk­tur­pro­ble­me dient.“(S. 54) Der Vor­schlag ei­ner „Eu­ro­päi­schen Aus­gleichs­uni­on“ver­steht sich als Ge­gen­mo­dell zur heu­te prak­ti­zier­ten „Aus­te­ri­täts­uni­on“und hat sei­nen Aus­gangs­punkt in der Ein­füh­rung ver­bind­li­cher Ober­gren­zen für Leis­tungs­bi­lan­zun­gleich­ge­wich­te (vgl. S. 60f.). Au­ßer­dem wird mit Be­zug auf Vor­schlä­ge von Eu-so­zi­al­kom­mis­sar Lász­ló An­dor ein um­fas­sen­des Kon­zept zur Wei­ter­ent­wick­lung der so­zia­len Di­men­si­on so­wie Ide­en für ei­ne ge­mein­sa­me Schul­den­po­li­tik mit dem Ziel vor­ge­legt, Eu­ro­bonds ein­zu­füh­ren und da­zu ei­ne Eu­ro­päi­sche Schul­de­nagen­tur zu grün­den. Die Idee, schär­fe­re Fi­nanz­markt-re­geln und ei­ne schlag­kräf­ti­ge­re Steu­er­po­li­tik an­zu­stre­ben, ist nicht neu. Heu­te wird aber nach wie vor ge­zockt wie vor der Kri­se. Schließ­lich geht es dar­um, ei­ne de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­te Eu­ro­päi­sche Wirt­schafts­re­gie­rung (EWIR) u. a. mit der Kom­pe­tenz, „die Eck­wer­te der Haus­halts­po­li­tik der Mit­glied­staa­ten zu be­stim­men“(S. 78), um­zu­set­zen. Zwei­fel­los han­delt es sich hier um am­bi­tio­nier­te Vor­schlä­ge für ein hand­lungs­fä­hi­ges Eu­ro­pa.

Eu­ro­pa: Re­for­men 52 Eu­ro­pa geht auch so­li­da­risch. Streit­schrift für ei­ne an­de­re EU. Hrsg. v. Klaus Busch … 86 S., € 7,50 [D], 7,70 [A] ; ISBN 978-3-89965-745-6

Ach, Ös­ter­reich!

Ös­ter­reich ist ein Land, so der Pu­bli­zist und „Fal­ter“-her­aus­ge­ber Ar­min Thurn­her, in dem sich die Pro­ble­me der Welt brenn­punkt­ar­tig wie­der­fin­den. „Der Auf­stieg der ex­tre­men Rech­ten, der haus­ge­mach­ten ge­win­nen­den Fa­schis­ten, ver­läuft in kei­nem eu­ro­päi­schen Land so nach­hal­tig, so aus­dau­ernd, so bi­zarr und schein­bar un­auf­halt­sam wie hier.“(S. 8f.) Aber der Au­tor ver­brei­tet nicht nur Welt­un­ter­gangs­stim­mung. Wit­zig, ernst und zum Teil iro­nisch zeigt er mit dem Fin­ger auf Wun­den des an sich noch ge­sun­den Kör­pers, ge­nannt Ös­ter­reich: Zwei­klas­sen­me­di­zin, zer­stör­te Uni­ver­si­tä­ten, pri­vi­le­gier­te Eli­ten, die sich weit öff­nen­de Ein­kom­mens­sche­re. Zor­nig er­in­nert Thurn­her dar­an, dass in Ös­ter­reich bei der ers­ten Bun­des­prä­si­den­ten-stich­wahl bei­na­he fünf­zig Pro­zent den Kan­di­da­ten der FPÖ ge­wählt hat. Ös­ter­reich gilt

„Al­les, was Eu­ro­pa ver­mei­den woll­te, ist ein­ge­tre­ten. Deutsch­land hat die Füh­rung über­nom­men, es gibt kein so­zia­les Eu­ro­pa, und wie sich zu­erst im Fall Ös­ter­reichs ge­zeigt hat, legt die EU zwar recht­lich ver­bind­li­che Stan­dards fest, kann aber bei De­mo­kra­tie­ver­stö­ßen ge­gen den Wil­len ei­nes Mit­glie­de­staa­tes nichts tun.”

(Ar­min Thurn­her in , S. 167)

dem Au­tor „als klei­nes Mus­ter des gro­ßen Nach­barn Deutsch­land“(S. 9), in dem der ei­ge­ne Blick durch Selb­stim­mu­ni­sie­rung ge­trübt sei, was ihn ver­an­lasst, sich mit der Dia­lek­tik von Fremd- und Selbst­wahr­neh­mung zu be­schäf­ti­gen. Ge­konnt rä­so­niert er auch über die Be­grif­fe Ver­ei­ni­gun­gen und Spal­tun­gen. „Dass Spal­tun­gen in ei­nem Zeit­al­ter der Ver­ei­ni­gung, des Zu­sam­men­wach­sens der Welt, der über­na­tio­na­len Ver­bän­de zu ei­ner Ein­heit mit ei­ner Welt­re­gie­rung oder ei­nem Welt­ver­band be­son­ders auf­fal­len, ver­steht sich.“(S. 13)

Über die Eu­ro­päi­sche Uni­on ver­liert Thurn­her kaum ein gu­tes Wort. Er kri­ti­siert das Schei­tern der su­pra­na­tio­na­len Exe­ku­tiv­de­mo­kra­tie dras­tisch: „In der os­ten­ta­ti­ven Un­ter­drü­ckung des grie­chi­schen Volks­wil­lens und im Dik­tat ei­nes Spar­kur­ses wi­der je­de öko­no­mi­sche Ver­nunft funk­tio­nier­te er; bei der Ver­tei­lung von Flücht­lings­kon­tin­gen­ten ver­sagt er.“(S. 158) Sei­ner An­sicht nach wer­den die Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen nicht ab­rei­ßen und lei­der wer­den wir auch nicht in den Blick be­kom­men, „dass der Wes­ten selbst teil­wei­se die Ur­sa­chen schafft, mit de­ren Wir­kun­gen er nicht fer­tig wird: Krie­ge und Bür­ger­krie­ge.“(S. 159f.) Als das fa­tals­te Er­geb­nis der Kri­se für Eu­ro­pa (und na­tür­lich auch für Ös­ter­reich) er­ach­tet Thurn­her, „dass men­schen­recht­li­che Stan­dards ge­gen­über ego­is­ti­schen In­ter­es­sen zu­rück­tre­ten“(S. 160). Nach­voll­zieh­bar ar­bei­tet er ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen der Kri­se der EU und dem Na­tio­na­lis­mus der Un­zu­frie­de­nen mit dem dro­hen­den Ab­stieg des Mit­tel­stands und der Ar­bei­ter­klas­se her­aus. „Die EU kas­siert die Rech­nung für ih­re po­li­ti­sche Aus­rich­tung auf den ge­mein­sa­men Markt und auf ein ge­mein­sa­mes Fi­nanz­re­gime, das die Idee ei­ner So­zi­al­uni­on in den 1990er Jah­ren un­ter ih­ren Maas­tricht-kri­te­ri­en be­grub.“(S. 167) Was den Auf­stieg rech­ter, au­to­ri­tä­rer, na­tio­na­lis­ti­scher Be­we­gun­gen und Re­gimes be­trifft, er­in­nert Thurn­her an un­se­re Si­tua­ti­on – un­ter an­de­ren kom­mu­ni­ka­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen, oh­ne Mas­sen­elend im Wes­ten – in den 1920er und 1930er Jah­ren.

Was wä­re zu tun? Nach dem En­de der Er­folgs­ge­schich­te des neo­li­be­ra­len Mo­dells braucht es Ide­en. Ei­ne fin­det Thurn­her in der Ge­mein­woh­löko­no­mie Chris­ti­an Fel­bers. Ein wei­te­res Mo­dell wä­re die ös­ter­rei­chi­sche So­zi­al­part­ner­schaft, die ak­tua li­siert wer­den könn­te. So könn­te ein in­sti­tu­tio­na­li­sier­ter, kom­pro­miss­be­rei­ter Dia­log zwi­schen Ar­beit und Ka­pi­tal, zwi­schen Schuld­nern und Gläu­bi­gern auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne mit mehr Öf­fent­lich­keit Platz fin­den. Höchst an der Zeit wä­re es auch, Steu­er­schlupf­lö­cher ein für al­le­mal zu schlie ßen, den Wachs­tums­zwang aus­zu­set­zen und zu ver­su­chen, Märk­te wie­der so­zi­al zu ord­nen (S. 169f.). Zur Weltret­tung braucht es nach Mei­nung Thurn­hers nicht viel: die Ent­mach­tung des neo­li­be­ra­len Denk­kol­lek­tivs, ei­ne Wie­der­ein­füh­rung der Uni­ver­si­tät im Sin­ne Wil­helm v. Hum­boldts, die Neu­er­fin­dung von So­zia­lis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus, die Neu­ord­nung von In­ter­es­sen­ver­tre­tun­gen, ein öf­fent­lich-recht­li­ches Internet, ei­ne ge­rech­te Be­steue­rung der Us-me­di­en­kon­zer­ne, ganz an­de­re Schu­len und die Re­kon­struk­ti­on der Öf­fent­lich­keit. Die­se Auf­zäh­lung klingt ein­fach, ist es aber nicht. Eu­ro­pa könn­te aber von die­sen „Lek­tio­nen aus der Al­pen­re­pu­blik“durch­aus An­re­gun­gen für Re­form­vor­ha­ben ent­neh­men. Ver­gnüg­lich zu le­sen sind sie al­le­mal. Ös­ter­reich: Eu­ro­pa

53 Thurn­her, Ar­min: Ach, Ös­ter­reich! Eu­ro­päi­sche Lek­tio­nen aus der Al­pen­re­pu­blik. Wi­en: Zsol­nay, 2016. 170 S., € 16,- [D], 16,50 [A] ; ISBN 978-3-552-05830-9

Eu­ro Trash

Wenn über Eu­ro­pa ge­spro­chen wird, geht es oft um Lam­pe­du­sa, Mi­gra­ti­on und die eu­ro­päi­schen Gren­zen, um Steu­er­po­li­tik, Schul­den, Kor­rup­ti­on und den Krieg in der Ukrai­ne. Meist über­wiegt ei­ne ne­ga­ti­ve Dik­ti­on, die we­nig Raum lässt für kon­struk­ti­ve Au­f­ar­bei­tung. Dem Ti­tel fol­gend, geht es in „Eu­ro Trash“aber nicht um Müll und Ent­sor­gung, son­dern eher um Wie­der­auf­be­rei­tung und Rück­ge­win­nung. Bei den hier ver­sam­mel­ten Tex­ten, teils erst­mals in deut­scher Spra­che zu­gäng­lich, teils neue Es­says, Auf­sät­ze, In­ter­ven­tio­nen und Ge­sprä­che, han­delt es sich nicht um ei­ne der üb­li­chen Ge­brauchs­an­wei­sun­gen für Eu­ro­pa. Zu Wort kom­men be­kann­te und we­ni­ger be­kann­te jün­ge­re lin­ke Theo­re­ti­ker, die sich kri­tisch mit ei­ner im­mer we­ni­ger funk­tio­nie­ren­den EU aus­ein­an­der­set­zen. Da­bei schla­gen sie ei­nen wei­ten his­to­ri­schen Bogen von der po­li­ti­schen Analyse der Nach­kriegs­zeit bis her­auf zu zeit­ge­nös­si­scher Phi­lo­so­phie und zur Pop­kul­tur. Zum Buch er­schien zu­dem ein Mu­sik­stück auf „sound­cloud“von Car­los Souffront „Eu­ro­pe from De­troit“[ sound­cloud.com/mer­ve­ber­lin/car­loss­ouffront-eu­ro­pe-from-de­troit], wohl auch, um da­mit ein jün­ge­res Pu­bli­kum an­zu­spre­chen.

Der Band be­ginnt mit ei­nem kur­zen Bei­trag des rus­sisch-fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Alex­and­re Ko­jè­ve, be­kannt ge­wor­den v. a. durch sei­ne vor dem 2. Welt krieg ge­hal­te­nen He­gel-vor­le­sun­gen. In ei­nem Ak­ten­ver­merk mit dem Ti­tel „No­tiz für die Mensch­heit der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts“, im vor­lie­gen­den Band zum ers­ten Mal ver­öf­fent­licht, ent­wi­ckelt Ko­jè­ve be­reits 1950 die Grund­li­ni­en ei­ner eu­ro­päi­schen Wäh­rungs­uni­on. Dar­in geht es vor al­lem dar­um, die vor­han­de­nen Un­gleich­ge­wich­te der na­tio­na­len Märk­te ab­zu­schaf­fen.

„Frie­de ist ei­ne je­ner In­ten­tio­nen der EU, die sich noch nicht in ihr Ge­gen­teil ver­kehrt ha­ben. Dar­an än­dert auch die Teil­nah­me an mi­li­tä­ri­schen Mis­sio­nen au­ßer­halb Eu­ro­pas nichts; die be­waff­ne­ten Na­tio­nal­staa­ten der EU ha­ben stets für ih­re In­ter­es­sen ge­schos sen und ge­bombt. (...) Zur Bil­dung ei­ner Ver­tei­di­gungs uni­on ist es noch ein wei­ter Weg, und in der Nato ge­ben die USA den Ton an. Sie för­der­ten im Kal­ten Krieg die Grün­dung der EU, weil sie der Ein­he­gung der So­wjet­uni­on dien­te; sie ha­ben In­ter­es­se an ei­nem Part­ner Eu­ro­pa, den sie kon­trol­lie­ren kön­nen, nicht aber an ei­nem un­ab­hän­gi­gen Ge­gen­spie­ler.“(Ar­min Thurn­her in 53 , S. 158)

Der fran­zö­si­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Céd­ric Du­ran zeich­net nach, auf wel­chen Grund­la­gen der Eu­ro schließ­lich ein­ge­führt wur­de. „Sein [Durans] mar­xis­ti­scher An­satz ver­or­tet die Ein­heits­wäh­rung im Kon­text lang­fris­ti­ger Ve­rän­de­run­gen des glo­ba­len Ka­pi­ta­lis­mus.“(S. 11) Du­ran hält ei­ne Neu­aus­rich­tung der Eu­ro­zo­ne für un­wahr­schein­lich, wenn nicht so­gar für un­mög­lich, hofft aber auf den Druck von der Stra­ße, der stän­dig wächst und den drin­gen­den kol­lek­ti­ven Wunsch nach ei­ner Al­ter­na­ti­ve zum Aus­druck bringt. Der Öko­nom Tho­mas Pi­ket­ty hält im Ge­spräch mit den Her­aus­ge­bern die Rück­kehr zu mo­ne­tä­rer Kle­in­staa­te­rei für kon­tra­pro­duk­tiv und plä­diert nicht zu­letzt des­halb für ei­ne Re­form der Eu­ro­zo­ne. Der Chef­kom­men­ta­tor der Fi­nan­ci­al Ti­mes, Mar­tin Wolf, drängt auf ein be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men, denn nur so kön­ne man mit­tel­fris­tig auf die Au­to­ma­ti­sie­rungs­pro­zes­se ad­äquat re­agie­ren. Ein wei­te­rer al­ter Be­kann­ter, der Phi­lo­so­pha­lain Ba­diou, kann sich we­der mit dem klas­si­schen Na­tio­nal­staat noch mit der su­pra­na­tio­nal or­ga­ni­sier­ten EU an­freun­den. Er plä­diert für ei­ne ge­nui­ne geis­ti­ge Neu­schöp­fung. Ein er­nüch­tern­des Bild der EU zeich­net schließ­lich auch der Phi­lo­soph Da­mir Ar­sen­i­je­vic, der über die Pro­tes­te be­rich­tet, die im Fe­bru­ar 2014 Bos­ni­en-her­ze­go­wi­na auf­wühl­ten. Da­bei geht er mit NGOS und der EU glei­cher­ma­ßen hart ins Ge­richt, wenn er bei­den vor­wirft, sie wür­den eth­ni­sche Trenn­li­ni­en nicht über­win­den, son­dern noch ver­fes­ti­gen. Ab­schlie­ßend kommt der Sci­ence-fic­tion-au­tor Ar­thur C. Clar­ke mit ei­nem kur­zen Text zu Wort, in dem es um ei­nen Welt­raum­lift geht, der Men­schen und Wa­ren zwi­schen Erd­ober­flä­che und Erd­um­lauf­bahn hin- und her be­för­dern kann. Dies wä­re dann wohl die letz­te Op­ti­on, näm­lich „Raus aus Eu­ro­pa, rein in den Welt­raum“(S. 22). So­weit soll­te es nicht kom­men! Eu­ro­pa: Phi­lo­so­phie

54 Eu­ro Trash. Hrsg. v. Sven­ja Brom­berg … Ber­lin: Mer­ve-verl., 2016. 232 S., € 20,- [D], 20,60 [A]

ISBN 978-3-88396-357-0

Die let­zen Ta­ge Eu­ro­pas

Nein, es han­delt sich nicht um ei­nen Tipp­feh­ler und es geht nicht um Karl Kraus. Der Ti­tel be­zieht sich auf Eu­ro­pa und ver­heißt nichts Gu­tes. Der Klap­pen­text un­ter­stützt die­ses Ge­fühl, wenn die Emp­feh­lung aus­ge­spro­chen wird, die­ses Buch nicht am Stück zu le­sen, da dies die Ge­sund­heit ge­fähr­den könn­te. Hen­drik M. Bro­der spricht da­von, was ihn an der eu­ro­päi­schen Idee ab­stößt und ir­ri­tiert. Für ihn ist Eu­ro­pa ein gro­ßes La­bor, in dem wir al­le Ver­suchs­ka­nin­chen ei­nes Ex­pe­ri­ments sind: Er­schaf­fung ei­ner eu­ro­päi­schen Iden­ti­tät (vgl. S. 194). Sehr poin­tiert, mit­un­ter sar­kas­tisch, aber im­mer ver­sucht, sich auf Tat­sa­chen zu stüt­zen, kri ti­siert er die Eu-bü­ro­kra­tie, sinn­lo­se Ver­ord­nun­gen, den För­derd­schun­gel und vie­les mehr. Er bringt nicht zu­letzt das un­gu­te Ge­fühl zum Aus­druck, dass vie­le Men­schen ha­ben, wenn sie an die Brüs­se­ler Bü­ro­kra­tie den­ken. Nach ei­ge­nen An­ga­ben geht es ihm nur um ei­ne Be­stands­auf­nah­me, ge­schrie­ben im Wis­sen um die Un­mög­lich­keit, mit der Ak­tua­li­tät Schritt zu hal­ten.

Bro­der steht da­bei der eu­ro­päi­schen Idee kei­nes­wegs ab­leh­nend ge­gen­über. Bei nä­he­rer Be­trach­tung ist das „Pro­jekt Eu­ro­pa“aber in sei­nen Au­gen „ein Ko­loss auf tö­ner­nen Fü­ßen, ei­ne li­te­ra­ri­sche Fik­ti­on wie Ju­le Ver­nes ‚Rei­se zum Mit­tel­punkt der Er­de‘, ei­ne Ge­brauchs­an­wei­sung für Me­ga­lo­ma­nen, ein po­tem­kin­sches Dorf, das Re­make der Ge­schich­te vom Ikarus“(S. 212). Bro­der be­schwert sich auch über die Be­lang­lo­sig­kei­ten di­ver­ser Eu-gip­fel­tref­fen. Am Schluss be­kennt er of­fen, kei­ne Lö­sung zu ha­ben, er wol­le aber auch nicht ste­hen las­sen, dass es „kei­ne Al­ter­na­ti­ve“gibt. Wie Hans-wer­ner Sinn emp­fiehlt er ein Mo­ra­to­ri­um, „ei­ne Aus­zeit, in der nichts be­schlos­sen und nichts ver­kün­det wird“(S. 221). Die­ser Vor­schlag wird wohl un­ge­hört in den Gän­gen der Eu-bü­ro­kra­tie in Brüssel ver­hal­len – und das muss man nicht un­be­dingt be­dau­ern. Eu­ro­pa: Kri­tik

55 Bro­der, Hen­drik M.: Die letz­ten Ta­ge Eu­ro­pas. Mün­chen: Kn­aus, 2013. 222 S., € 19,99 [D], 20,60 [A], ISBN 978-3-8135-0567-2

Eu­ro­päi­sche Ge­schich­te

Wil­fried Loth schil­dert in die­sem groß an­ge­leg­ten, fak­ten­rei­chen Werk, wie die Eu­ro­päi­sche Uni­on ent­stand und sich über Jahr­zehn­te hin­weg zu ei­nem Wirt­schafts- und Wäh­rungs­raum ent­wi­ckelt hat. Auch bei ihm ist zu le­sen, dass Kri­sen ei­ne stän­di­ge Be­gleit­erschei­nung der Ent­ste­hung und Ent­wick­lung der EU wa­ren. Für Loth stellt die EU letzt­lich „ei­nen Ver­such dar, die zi­vi­li­sa­to­ri­schen Er­run­gen­schaf­ten des de­mo­kra­ti­schen Na­tio­nal­staats un­ter den Be­din­gun­gen zu­neh­men­der Glo­ba­li­sie­rung zu er­hal­ten und wei­ter­zu­ent­wi­ckeln“(S. 417). In Zu­kunft wird es in ganz ent­schei­den­dem Ma­ße da­von ab­hän­gen, wie weit es ge­lingt, Ent­schei­dun­gen in der EU trans­pa­rent, kon­trol­lier­bar und kor­ri­gier­bar zu ma­chen.

Eu­ro­pa: his­to­risch Loth, Wil­fried: Eu­ro­pas Ei­ni­gung. Ei­ne un­voll­ende­te Ge­schich­te. Frank­furt/m.: Cam­pus-verl., 2014. 512 S., € 34,99 [D], 36,- [A] ; ISBN 978-3-593-50077

„Den Ame­ri­ka­nern ist es ge­lun­gen, sich über­all auf der Welt ver­hasst zu ma­chen, und sie ha­ben es auch wirk­lich dar­auf an­ge­legt; es wä­re ziem­lich dumm, da­von nicht pro­fi­tie­ren zu wol­len. Ich glau­be, die­se Aus­ein­an­der­set­zung wird hef­tig und sie kommt schnel­ler auf uns zu, als uns lieb ist. Um es ganz klar zu sa­gen: Ich hof­fe, dass wir ge­win­nen.” (Mi­chel Hou­el­l­e­becq in , S. 141)

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