Na­tür­li­che Vor­ga­ben

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Wie sehr sind un­se­re Ge­sprä­che durch ei­ne Uni­ver­sal­gram­ma­tik maß­geb­lich ge­prägt, un­se­re Art zu Le­ben von Kli­ma und Wet­ter? Wel­che na­tür­li­chen Vor­ga­ben gibt es wirk­lich? Oder ist gar nicht die Na­tur, son­dern un­ser Ver­ständ­nis da­von, was „na­tür­lich“be­deu­tet, die größ­te Hür­de, die Ge­sell­schaft zu ge­stal­ten? Ste­fan Wal­ly stellt fünf Bü­cher vor, die das The­ma von un­ter­schied­li­chen Ge­sichts­punk­ten her dis­ku­tie­ren.

Den­ken mit Be­deu­tung

„Was für Le­be­we­sen sind wir?“fragt der ame­ri­ka­ni­sche Lin­gu­ist No­am Chomsky in sei­nem neu­en Buch. Dar­in wer­den vier Tex­te vor­ge­stellt, die dem Le­ser und der Le­se­rin das Den­ken Chomskys nä­her­brin­gen. Chomsky prägt seit Jahr­zehn­ten den kri­ti­schen Dis­kurs in den USA mit. Sei­ne Stim­me hat Ge­wicht, sei­ne Mei­nung wiegt schwer in po­li­ti­schen De­bat­ten.

Das vor­lie­gen­de Buch ist aber vor al­lem für all je­ne nütz­lich, die Chomskys sprach­wis­sen­schaft­li­ches Wir­ken ver­ste­hen wol­len. Im ers­ten Text „Was ist Spra­che?“legt der Au­tor sei­ne Über­le­gun­gen in ei­ner ak­tua­li­sier­ten Ver­si­on vor. Der Text ist les­bar, wenn auch nicht ein­fach. Das Vor­wort von Akeel Bil­gra­mi hilft beim Ver­ständ­nis, wenn man kei­ne sprach­wis­sen­schaft­li­che Vor­bil­dung hat.

Was ist nun Chomskys zen­tra­le The­se? Chomsky be­ob­ach­tet bei Spra­chen, dass es ei­ne Uni­ver­sal­gram­ma­tik zu ge­ben scheint. Dar­un­ter ver­steht er gro­ße Prin­zi­pi­en, die den Gram­ma­ti­ken al­ler Spra­chen zu­grun­de lie­gen.

Er zeigt dies bei­spiel­haft an­hand des Sat­zes „In­stinc­tive­ly, ea­gles that fly swim.“Das Ad­verb „In­stinc­tev­ly“be­zieht sich auf das Verb „swim“. „Das Er­staun­li­che dar­an ist, dass die Be­zie­hung zwi­schen den Ele­men­ten am Satz­an­fang, näm­lich ‘in­stinc­tive­ly’ und ‘can’, und dem frag­li­chen Verb über ei­ne Dis­tanz hin­weg be­steht und auf struk­tu­rel­len Ei­gen­schaf­ten be­ruht, statt ei­ne der nach­bar­schaft­li­chen Nä­he zu sein, die le­dig­lich auf den li­nea­ren Ab­stand ba­siert, let­ze­res ei­ne we­sent­lich sim­ple­re Re­chen­ope­ra­ti­on, die zu­dem für die Sprach­ver­ar­bei­tung op­ti­mal wä­re.“(S. 50) Aber die Spra­che ma­che von ei­ner Ei­gen­schaft der mi­ni­ma­len struk­tu­rel­len Ent­fer­nung Ge­brauch und ver­wen­det nie die we­sent­lich ein­fa­che­re Ope­ra­ti­on der mi­ni­ma­len li­nea­ren Dis­tanz. Die Fra­ge sei, war­um das so ist –„und zwar nicht nur im Eng­li­schen, son­dern in al­len Spra­chen – über ei­ne wei­te Pa­let­te von Kon­struk­tio­nen hin­weg”. Of­fen­sicht­lich sei­en am Er­werb und am Bau­plan der Spra­che we­sent­lich tie­fer ge­hen­de ko­gni­ti­ve Ei­gen­schaf­ten be­tei­ligt.

Chomsky zieht zwei Gren­zen, ge­nau­er ge­sagt spricht er von Schnitt­stel­len. Die­se sind die sen­so­mo­to­ri­sche Schnitt­stel­le für die Ex­ter­na­li­sie­rung und die kon­zep­tu­ell-in­ten­tio­na­le für geis­ti­ge Pro­zes­se. An der geis­ti­gen Schnitt­stel­le wir­ken die tie­fer lie­gen­den ko­gni­ti­ven Ei­gen­schaf­ten als Den­ken. Wenn wir spre­chen, ist dies le­dig­lich die sen­so­mo­to­ri­sche Ar­ti­ku­la­ti­on die­ses Den­kens. Um klar­zu­ma­chen, dass dies ei­ne Ve­rän­de­rung der Per­spek­ti­ve be­deu­tet: Bei der Spra­che han­delt es sich nicht um Lau­te mit Be­deu­tung, son­dern um Be­deu­tung mit Lau­ten. Die­ses ex­ter­na­li­sie­ren­de Spre­chen ha­be dann gar nicht so ei­ne gro­ße Wich­tig­keit: „Es ist auch der Er­wäh­nung wert, dass von der Ex­ter­na­li­sie­rung sel­ten Ge­brauch ge­macht wird. Der bei wei­tem größ­te Teil des Ge­brauchs der Spra­che wird nie ex­ter­na­li­siert. Er ist ei­ne Art von in­ne­rem Di­a­der

„Wenn all dies ge­ne­rell rich­tig ist, gibt es gu­te Grün­de, zu ei­ner tra­di­tio­nel­len Auf­fas­sung der Spra­che als ‘Werk­zeug des Den­kens’ zu­rück­zu­keh­ren und das Dik­tum von Aris­to­te­les ent­spre­chend zu re­vi­die­ren ... “

(No­am Chomsky in , S. 55f.)

log, und das We­ni­ge, das es zu die­sem The­ma an For­schung gibt (…) be­stä­tigt das, was die In­tro­spek­ti­on – zu­min­dest mei­ne – na­he­legt: Das, was das Be­wusst­sein er­reicht, sind ver­streu­te Frag­men­te. Manch­mal er­schei­nen voll­stän­dig ge­form­te Aus­drü­cke ganz plötz­lich in­tern, zu rasch, um durch die Sprech­werk­zeu­ge ar­ti­ku­liert zu wer­den oder wohl auch um über­haupt erst In­struk­tio­nen an sie zu sen­den.“(S. 56) Spra­che wird hier zu ei­nem un­ter­ge­ord­ne­ten Pro­zess, des­sen Ei­gen­schaf­ten ei­ne Wi­der­spie­ge­lung des weit­ge­hend oder voll­stän­dig un­ab­hän­gi­gen ko­gni­ti­ven Sys­tems sind. Chomsky ge­steht aber auch ein, was das Pro­blem die­ser sei­ner Sicht ist: Vie­le die­ser in­ter­nen geis­ti­gen Pro­zes­se sind für uns ver­schlos­sen und wir ha­ben nur un­zu­rei­chen­de Me­tho­den, sie zu er­for­schen.

Chomskys The­sen sind nicht un­um­strit­ten un­ter Lin­gu­is­ten. Ih­re Be­deu­tung ist aber über das Fach hin­aus klar: Wenn un­se­re Sprech­ak­te auf ei­ner Uni­ver­sal­gram­ma­tik ba­sie­ren, die un­ser Den­ken prägt, so ist un­ser ge­sell­schaft­li­cher Aus­tausch we­ni­ger durch ge­mein­sa­me Ent­wick­lung der Kom­mu­ni­ka­ti­on präg­bar, son­dern hängt stark von (bio­lo­gisch) vor­ge­ge­be­nen Struk­tu­ren des Den­kens ab, die nicht zur Dis­kus­si­on ste­hen. Das ge­reicht dem Ein­zel­nen zur Eh­re, der Ve­rän­der­bar­keit der Welt aber zum Nach­teil.

Sprach­wis­sen­schaf­ten 65 Chomsky, No­am: Was für Le­be­we­sen sind wir. Ber­lin: Surhkamp, 2017. 249 S., € 26,00 [D], 26,80 [A] ISBN 978-3-518-58694-5

Wet­ter­ge­schich­ten

Das Wet­ter macht Ge­schich­te. Das weist auf 281 Sei­ten der His­to­ri­ker und Jour­na­list Ro­nald Gers­te nach: An­hand von vie­len Bei­spie­len zeich­net er die Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen kli­ma­ti­schen Ve­rän­de­run­gen und ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen nach.

Die Ef­fek­te des Wet­ters auf die Welt­ge­schich­te wa­ren na­tür­lich vor al­lem über die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on ver­mit­telt. Aber auch mit­tel­fris­ti­ge Ef­fek­te auf mi­li­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen ga­ben der Ge­schich­te oft ei­nen Stoß in ei­ne an­de­re Rich­tung. Sand­stür­me, be­son­ders kal­te Win­ter, ver­eis­te Flüs­se be­deu­te­ten mehr als ein­mal, dass Feld­zü­ge mög­lich wur­den oder schei­ter­ten. Auch tech­ni­sche Er­run­gen­schaf­ten und die aus ih­nen fol­gen­den Mög­lich­kei­ten ha­ben ei­nen Zu­sam­men­hang mit dem Wet­ter. Die be­rühm­te stei­ner­ne Brü­cke bei Re­gens­burg wur­de in ei­ner Wär­me­pe­ri­ode ge­baut, als die Do­nau kaum Was­ser führ­te.

Vor al­lem Vul­kan­aus­brü­che hat­ten im­mer wie­der gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen. Die da­bei aus­ge­sto­ße­nen Staub­mas­sen ver­dun­kel­ten im­mer wie­der mo­na­te­lang den Him­mel. Der lan­ge vor Chris­tus aus­ge­bro­che­ne Vul­kan To­ba hat­te ver­hee­ren­de Ef­fek­te, der Vul­kan­aus­bruch von 535 in Pa­pua Neu­gui­nea ver­dun­kel­te noch in Ita­li­en den Him­mel und sorg­te für schlech­te Ern­ten.

Gro­ße Ver­schie­bun­gen wie die mit­tel­al­ter­li­che Wär­me­pe­ri­ode von 950/1000 bis 1300 er­mög­lich­ten bes­se­re Ern­ten und da­mit die Bil­dung von Städ­ten, weil die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on dies un­ter­stütz­te.

29 Bei­spie­le wie die­se führt Gers­te auf, er­zählt die Zu­sam­men­hän­ge und macht so­mit deut­lich, dass man über das Wet­ter re­den soll­te. Vor al­lem wird klar, dass die kli­ma­ti­schen Ve­rän­de­run­gen nicht nur par­al­le­le, klar vor­her­seh­ba­re Ve­rän­de­run­gen brin­gen. Sie kön­nen da­zu füh­ren, dass vor­erst schein­bar un­wich­ti­ge Ne­ben­ef­fek­te über Kau­sal­ket­ten gro­ße Fol­gen aus­lö­sen. Das ist wahr­schein­lich die wich­tigs­te Leh­re aus der Be­fas­sung mit der Wet­ter­ge­schich­te.

Gers­te sel­ber sys­te­ma­ti­siert die­se Er­fah­run­gen nicht. Er lässt die Bei­spie­le ne­ben­ein­an­der ste­hen und auf den Le­ser oder die Le­se­rin wir­ken. Kli­ma­wan­del, das zeigt die Ge­schich­te, kann ei­ne Viel­zahl von Grün­den ha­ben, die meis­ten da­von ge­hen nicht auf den Men­schen zu­rück. Gers­tes Per­spek­ti­ve auf den Kli­ma­wan­del hat ih­re Be­rech­ti­gung und nie­mand be­strei­tet, dass Kli­ma­ver­än­de­rung vie­le Ur­sa­chen ha­ben kann. Die Ge­fahr die­ser Hin­wei­se be­steht al­ler­dings dar­in, dass sie zu Ph­leg­ma­tis­mus füh­ren könn­ten, dass man die an­pack­ba­ren of­fen­sicht­li­chen Her­aus­for­de­run­gen scheut. Gers­te ist sen­si­bel ge­nug, um die­se Ge­fahr zu um­schif­fen: In sei­nem Epi­log geht er auf die Fra­ge des ak­tu­el­len, durch Men­schen ver­ur­sach­ten An­teils am Kli­ma­wan­del ein. „Na­tür­lich ist der Au­tor die­ser Zei­len da­von über­zeugt, dass glo­bal war­ming re­al und zu­min­dest par­ti­ell an­thro­po­gen ist – über­zeugt ge­nug, um sich zu wün­schen, dass die von Re­gie­run­gen ver­kün­de­ten Re­duk­ti­on­zie­le Rea­li­tät und mög­lichst über­bo­ten wer­den mö­gen, dass kli­ma­freund­li­che Tech­no­lo­gi­en in al­len Le­bens­be­rei­chen ei­nen Durch­bruch er­zie­len und dass je­der Ein­zel­ne das in sei­nen Kräf­ten Ste­hen­de tun mö­ge, um die­sen klei­nen, zer­brech­li­chen und vol­len Pla­ne­ten zu be­wah­ren.“(S. 281)

Kli­ma­wan­del: Ge­schich­te Gers­te, Ro­nald D.: Wie das Wet­ter Ge­schich­te macht. Ka­ta­stro­phen und Kli­ma­wan­del von der

An­ti­ke bis heu­te. Stutt­gart: Klett-cot­ta, 2015.

288 S., € 19,95 [D], 20,50 [A]

ISBN 978-3-608-94922-3

„Na­tür­lich ist auch der Au­tor die­ser Zei­len da­von über­zeugt, dass glo­bal war­ming re­al und zu­min­dest par­ti­ell an­thro­po­gen ist - über­zeugt ge­nug, um sich zu wün­schen, dass die von Re­gie­run­gen ver­kün­de­ten Re­duk­ti­ons­zie­le Rea­li­tät und mög­lichst über­bo­ten wer­den mö­gen (...) und dass je­der Ein­zel­ne das in sei­nen Kräf­ten Ste­hen­de tun mö­ge, um die­sen klei­nen, zer­brech­li­chen und so vol­len Pla­ne­ten zu be­wah­ren.” (Ro­nald D. Gers­te in 66 , S. 280f.)

Kli­ma­ef­fek­te

Wie ver­än­dert sich un­ser Le­ben, wenn sich das Kli­ma ver­än­dert? In sei­nem Buch „Die Welt aus den An­geln“schil­dert Phil­ipp Blom kennt­nis­reich, wie sich Eu­ro­pa un­ter dem Druck ei­ner „klei­nen Eis­zeit“in den Jah­ren 1570 bis 1700 ver­än­der­te. Die durch­schnitt­li­che Tem­pe­ra­tur sank da­mals um zwei Grad und kehr­te die Strö­mun­gen der Ozea­ne um, stör­te kli­ma­ti­sche Kreis­läu­fe und ver­ur­sach­te ex­tre­me Wet­te­rer­eig­nis­se. Frost im Win­ter und Dür­re im Som­mer füh­ren auf der gan­zen Welt zu Hun­ger und Not.

Blom bleibt aber nicht bei den di­rek­ten Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels ste­hen. Er zeigt, wie die Men­schen und gan­ze Ge­sell­schaf­ten dar­auf re­agier­ten, sich neue We­ge bahn­ten. Da­bei ging es ge­nau­so um die Or­ga­ni­sa­ti­on des pri­va­ten Le­bens wie um ein neu­es Den­ken, das den neu­en Her­aus­for­de­run­gen ge­recht wur­de.

Der Kli­ma­wan­del traf auch die mit­tel­al­ter­li­che Form des Wirt­schaf­tens ins Mark. „Das so­zia­le und wirt­schaft­li­che Sys­tem des feu­da­len Eu­ro­pa ba­sier­te ganz auf Land­be­sitz und lo­ka­ler Ge­trei­de­pro­duk­ti­on. Dies war der zen­tra­le, ver­wund­ba­re Punkt. Als die Tem­pe­ra­tu­ren weit ge­nug ab­ge­sun­ken wa­ren, um die Ge­trei­de­pro­duk­ti­on oft und emp­find­lich zu stö­ren, ge­riet die wirt­schaft­li­che Grund­la­ge und mit ihr die ge­sam­te Ord­nung Eu­ro­pas ins Wan­ken. Die Eu­ro­pä­er wa­ren ge­zwun­gen, Al­ter­na­ti­ven zu ei­ner Le­bens­wei­se zu fin­den, die sich seit mehr als ei­nem Jahr­tau­send kaum ver­än­dert hat­te.“(S. 98) Blom be­schreibt dann, wie die­ser Druck neue For­men des Han­dels, un­ter an­de­rem mit Ame­ri­ka, und der Pro­duk­ti­on her­vor­brach­ten. Auch in der Landwirtschaft kam es zur Ein­füh­rung neu­er Tech­ni­ken. Schließ­lich war ei­ne neue Form des Den­kens ge­fragt, die gro­ßen Fra­gen wur­den nicht mehr theo­lo­gisch be­ant­wor­tet, die Auf­klä­rung mit dem Im­pe­ra­tiv der Ver­nunft brach sich ih­ren Weg.

„Wir kön­nen die ad­ap­ti­ve Leis­tung be­wun­dern, die eu­ro­päi­sche Ge­sell­schaf­ten auf evo­lu­tio­nä­re Art, al­so un­ge­plant und oh­ne vor­her de­fi­nier­tes Ziel voll­brach­ten: Sie schu­fen ei­ne neue öko­no­mi­sche Ord­nung, den frü­hen Ka­pi­ta­lis­mus; ei­ne bür­ger­li­che Mit­tel­schicht be­gann sich durch­zu­set­zen; die kul­tu­rel­len Aus­drü­cke des ei­ge­nen Le­bens­ge­fühls än­der­ten sich; zu­sam­men mit ei­ner Öf­fent­lich­keit wur­den neue Denk­mög­lich­kei­ten ge­schaf­fen und ver­brei­tet. Aus ei­ner spät­feu­da­len Zeit ent­stan­den in we­ni­gen Jahr­zehn­ten zu­min­dest für ur­ba­ne Eu­ro­pä­er das Le­ben und Den­ken der frü­hen Mo­der­ne.“(S. 236)

Blom fragt die Epo­che auch dar­auf ab, was sie uns zu un­se­rem ak­tu­el­len, mensch­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del zu sa­gen hat. Wir sei­en die ers­te Ge­ne­ra­ti­on der Mensch­heits­ge­schich­te, die ei­ne re­la­tiv kla­re Kon­zep­ti­on da­von hat, was ihr Er­be an die Zu­kunft sein wird: Wir wis­sen um den be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wan­del, sei­nen Ur­sprung, und wis­sen, dass wir sei­ne po­ten­ti­ell ka­ta­stro­pha­len Aus­wir­kun­gen zu­min­dest min­dern kön­nen. Doch die Par­al­le­le zur „klei­nen Eis­zeit“ist er­nüch­ternd: „Wir re­agie­ren auf den Kli­ma­wan­del kaum ef­fi­zi­en­ter als un­se­re Vor­fah­ren, die ihn nicht ver­stan­den: chao­tisch, im­pro­vi­sie­rend, ge­trie­ben von im­mer häu­fi­ge­ren ka­ta­stro­pha­len Er­eig­nis­sen und im­mer kon­trol­liert von dem ab­so­lu­ten Nah­ziel, dass un­se­re Wirt­schaft wach­sen muss, dass un­ser ei­ge­ner Wohl­stand er­hal­ten blei­ben muss.“(S. 245) Wir sei­en uns da­bei kaum be­wusst, dass wir uns wie al­le Or­ga­nis­men an die neue Um­ge­bung an­pas­sen müs­sen, und dass wir vor Trans­for­ma­tio­nen ste­hen, die al­le Be­rei­che un­se­res Den­kens und Le­bens be­tref­fen wer­den. Un­ser Vor­teil: Wir könn­ten die­sen Wan­del pla­nend an­ge­hen.

Kli­ma­wan­del: Ge­schich­te 67 Blom, Phil­ipp: Die Welt aus den An­geln. Ei­ne Ge­schich­te der Klei­nen Eis­zeit von 1570 bis 1700. Mün­chen: Han­ser, 2017. 302 S., € 24,00 [D], 24,70 [A] ISBN 978-3-446-25458-9

Dy­na­mi­sche Na­tur

Un­se­re Sehn­sucht nach Über­sicht­lich­keit und Kon ti­nui­tät pro­ji­zie­ren wir oft auf die Na­tur der na­hen Um­ge­bung: Der Fle­cken Er­de, der noch ge­nau­so aus­sieht wie vor Jahr­hun­der­ten. Fred Pe­ar­ce er­laubt uns kei­ne ro­man­ti­sche Schwär­me­rei. In sei­nem Buch „Die neu­en Wil­den“ver­sucht er zu zei­gen, dass auch die Na­tur sich im­mer ver­än­dern wird. Mehr noch: Die­se Ve­rän­de­run­gen brin­gen oft Gu­tes. Pe­ar­ce geht es da­bei aber nicht um die Men­schen, die be­to­nie­ren oder zu­min­dest ro­den. Es geht ihm um „bio­lo­gi­sche Aben­teu­rer“, im­por­tier­te Tier­ar­ten, neue Pflan­zen, die ver­meint­lich das öko­lo­gi­sche Gleich­ge­wicht ins Wan­ken brin­gen. Aber die­ses Bild gibt die Wirk­lich­keit nicht rich­tig wie­der, sagt Pe­ar­ce.

Pe­ar­ce hat für das Buch die Spu­ren von frem­den Ar­ten auf sechs Kon­ti­nen­ten ver­folgt. Im ers­ten Teil des Bu­ches be­rich­tet Pe­ar­ce über Ge­gen­den, auf de­nen sich dra­ma­ti­sche Ent­wick­lun­gen voll­zo­gen hat­ten, nach­dem Men­schen neue Ar­ten in die Öko­sys­te­me ein­führ­ten. Ein Bei­spiel: Der bo­ta­nische Gar­ten in Bo­gor auf Ja­va hat­te un­er­wünsch­te Was­ser­hya­zin­then ein­fach in den nächs­ten Fluss ent­sorgt. Dort brei­te­te sich das Un­kraut im­mer wei­ter aus, Flüs­se und Se­en wur­den von der Pflan­ze be-

„Die al­te Wild­nis ist tot. Aber die neue Wild­nis blüht und ge­deiht, und das um­so mehr, wenn wir ihr ih­ren Wil­len las­sen. Sie ist in hy­bri­di­sie­ren­den Rho­do­dend­ren zu fin­den, in sel­te­nen Bie nen und Spin­nen, die in­mit­ten der In­dus­trie­bra­chen der Städ­te auf­tau­chen, auf dem Green Mou­tain auf As­cen­si­on Is­land, in der Sperr­zo­ne von Tscher­no­byl, im Bu­sch­land des tro­pi­schen Afri­ka und in den nach­wach­sen­den Re­gen­wäl­dern Bor­ne­os ...” (Fred Pe­ar­ce in , S. 295)

deckt, für die ört­li­che Fi­sche­rei­wirt­schaft be­deu­tet der Neu­ling ein mas­si­ves Pro­blem. Ro­den klapp­te nicht, das Vor­drin­gen der Pflan­ze schien un­auf­halt­bar. Doch plötz­lich be­gan­nen sich die Hya­zin­then­tep­pi­che zu­rück­zu­bil­den. Der Grund: Die Ab­wäs­ser zwei­er gro­ßer Städ­te wur­den nun bes­ser ge rei­nigt in die Ge­wäs­ser ab­ge­las­sen. „Im­mer wie­der stell­te ich fest, dass sich an­geb­lich bös­ar­ti­ge In­va­so­ren le­dig­lich Öko­sys­te­me zu­nut­ze mach­ten, die be­reits vom Men­schen mas­siv ge­stört wa­ren. Sie wa­ren Op­por­tu­nis­ten und zu­gleich Er­neue­rer der Na­tur, und sie über­nah­men oft Auf­ga­ben, die die hei­mi­schen Ar­ten nicht be­wäl­ti­gen konn­ten.“(S. 25) Pe­ar­ce kommt zu dem Er­geb­nis, dass die Dä­mo­ni­sie­rung ein­wan­dern­der Pflan­zen­ar­ten mehr über uns und un­se­re Angst vor Ve­rän­de­run­gen aus­sagt als über sie und ihr Ver­hal­ten. Man müs­se sich von der Vor­stel­lung ver­ab­schie­den, dass die Na­tur sta­bil sei oder ei­ner Ver­voll­komm­nung zu­stre­be. Pe­ar­ce re­det ei­ner neu­en Ver­wil­de­rung der Welt das Wort. Er meint al­ler­dings, dass dies nicht be­deu­ten kön­ne, dass man das Rad der Zeit zu­rück­dre­hen kann. „Die­se neue Wild­nis wird ei­ne völ­lig an­de­re sein als die al­te.“(S. 20) Sie blü­he und ge­dei­he, und das um­so mehr, wenn wir ihr ih­ren Wil­len las­sen. Pe­ar­ce meint, sie sei in hy­bri­di­sie­ren­den Rhodond­ren zu fin­den, in sel­te­nen Bie­nen und Spin­nen, die in­mit­ten von In­dus­trie­bra­chen der Städ­te auf­tau­chen, auf dem Green Moun­tain auf As­cen­si­on Is­land, in der Sperr­zo­ne von Tscher­no­byl, im Bu­sch­land des tro­pi­schen Afri­ka und in den nach­wach­sen­den Re­gen­wäl­dern Bor­ne­os so­wie an vie len an­de­ren Or­ten. „Die Na­tur kehrt nie um, sie schrei­tet im­mer wei­ter vor­an. Frem­de Spe­zi­es, die Va­ga­bun­den, sind in die­ser stän­di­gen Er­neue­rung die Pio­nie­re und Siedler. Ih­re In­va­sio­nen sind für uns viel­leicht nicht im­mer an­ge­nehm, aber die Na­tur wird sich auf ih­re ei­ge­ne Wei­se zu­rück­ver­wil­dern.“(S. 295) Öko­sys­te­me

68 Pe­ar­ce, Fred: Die neu­en Wil­den. Wie es mit frem­den Tie­ren und Pflan­zen ge­lingt, die Na­tur zu ret­ten. Mün­chen: Oe­kom, 2015. 330 S., € 22,95 [D], 23,60 [A] ISBN 978-3-86581-768-6

Ideo­lo­gi­sche „Na­tur“

Wenn wir über „Na­tur“und „Öko­lo­gie“re­den, sind wir oft­mals sehr un­ge­nau. Das könn­te Ti­mo­thy Mor­ton nicht pas­sie­ren. In sei­nem phi­lo­so­phi­schen Buch „Öko­lo­gie oh­ne Na­tur: Ei­ne neue Sicht der Um­welt“wirft er ei­nen ge­wis­sen­haf­ten Blick dar­auf, wie wir über Na­tur, Na­tür­lich­keit und Öko­lo­gie den­ken und die Be­grif­fe ver­wen­den. Mor­ton hat Eng­li­sche Li­te­ra­tur stu­diert und un­ter­rich­tet an ver­schie­de­nen ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten, seit 2012 an der Ri ce Uni­ver­si­ty. Er kom­bi­niert die Wis­sens­be­rei­che Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft, Öko­lo­gie und Phi­lo­so­phie. Er ar­gu­men­tiert, dass in ei­nem öko­lo­gi­schen Sta­di­um der mensch­li­chen Ge­sell­schaft der Be­griff ‘Na­tur’ wird ver­küm­mern müs­sen. Er be­ginnt mit dem Nach­er­zäh­len, wie der ak­tu­el­le Na­tur­ge­dan­ke ent­stan­den ist, und wel­chen Ein­fluss er auf Kunst und Kul­tur hat­te. Mor­ton kri­ti­siert, dass man das, was ge­mein­hin Na­tur ge­nannt wird, auf ein Pie­des­tal ge­stellt hat und von Wei­tem be­wun­dert, Na­tur wur­de so zu ei­nem tran­szen­den­ta­len Prin­zip. Im Na­men all des­sen, was man an Na­tur schät­ze, un­ter­sucht er, wie Na­tur als tran­szen­den­ta­le, ein­heit­li­che und un­ab­hän­gi­ge Ka­te­go­rie ent­ste­hen konn­te.

Mor­ton meint, dass die Na­tur ein no­to­risch schlüpf­ri­ger Be­griff ge­wor­den sei. In sei­ner Wei­ge­rung, ir­gend­ei­ne Kon­sis­tenz bei­zu­be­hal­ten, war „Na­tur“Ideo­lo­gi­en al­ler Art dien­lich. (S. 26) Schlim­mer noch: Kon­sis­tenz weist da­ge­gen der Be­griff „un­na­tür­lich“auf. Wenn man sa­ge, et­was sei un­na­tür­lich, meint man, dass es kei­ner Norm ent­spricht, die so ‘nor­mal’ wä­re, dass sie in das Ge­fü­ge der Din­ge ein­ge­baut ist.

Mor­ton un­ter­schei­det die Sub­stanz und die Es­senz der Na­tur. Un­ter­schied­li­che Um­welt­vor­stel­lun­gen zie­hen un­ter­schied­li­che Ge­sell­schafts­for­men nach sich. Sub­stan­zia­lis­ti­sche Vor­stel­lun­gen ei­ner greif ba­ren, ein­deu­ti­gen Na­tur, die zu­min­dest in ei­nem tat­säch­lich exis­tie­ren­den Phä­no­men zum Aus­druck kommt, er­zeu­gen au­to­ri­tä­re For­men kol­lek­ti­ver Or­ga­ni­sa­ti­on. Vor­stel­lun­gen ei­ner Na­tur, die nicht als Bil­der wie­der­ge­ge­ben wer­den kön­nen, die al­so es­sen­zia­lis­ti­sche sind, un­ter­stüt­zen da­ge­gen ega li­tä­re For­men.

„Die Na­tur als Idee ist nur all­zu re­al und sie hat ei­ne all­zu rea­le Wir­kung auf all­zu rea­le Glau­bens­vor­stel­lun­gen, Hand­lungs­wei­sen und Ent­schei­dun­gen in ei­ner all­zu rea­len Welt. Es stimmt, ich be­haup­te, es gä­be nichts der­glei­chen wie Na­tur, wenn wir un­ter Na­tur et­was Sin­gu­lä­res, Un­ab­hän­gi­ges und Dau er­haf­tes ver­ste­hen. Aber es gibt ver­blen­de­te Ide­en und ideo­lo­gi­sche Fi­xie­run­gen. Na­tur ist ein Brenn­punkt, der uns zwingt be­stimm­te Hal­tun­gen ein­zu­neh­men. Und der ge­gen­über die­sem fas­zi­nie­ren­den Ob­jekt ein­ge­nom­me­nen Hal­tung wohnt Ideo­lo­gie in­ne. In­dem wir das Ob­jekt auf­lö­sen, ma­chen wir die ideo­lo­gi­sche Fi­xie­rung un­wirk­sam.“(S. 34) So sieht denn Mor­ton auch nichts Pa­ra­do­xes dar­in im Na­men der Öko­lo­gie aus­zu­ru­fen: „Nie­der mit der Na­tur!” Öko­phi­lo­so­phie

Mor­ton, Ti­mo­thy : Öko­lo­gie oh­ne Na­tur. Ei­ne neue Sicht der Um­welt. Ber­lin: Mat­thes u.seitz, 2016. 351 S., € 30,- [D], 30,90 [A] ; ISBN 978-3-95757-255-4

„Wenn Öko­lo­gie über­haupt et­was be­deu­tet, dann muss sie uns leh­ren, oh­ne Na­tur zu sein. Wenn wir Na­tur ge­gen un­se­re ideo­lo­gi­schen In­ter­es­sen in die vor­ders­te Li­nie brin­gen, hört sie auf, ei­ne Welt zu sein, in die wir ein­tau­chen kön­nen.” (Ti­mo­thy Mor­ton in 69 , S. 311)

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