Ge­schich­te(n), die die Zu­kunft er­zählt

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Der Blick in die Zu­kunft ist im­mer wie­der ris­kant, vol­ler Span­nung und na­tür­lich auch vol­ler Wi­der­sprü­che. Vor al­lem aber ist er reiz­voll und meist auch er­kennt­nis­reich. Ste­fan Wal­ly hat ei­ni­ge ak­tu­el­le Pu­bli­ka­tio­nen aus dem Feld der Zu­kunfts­for­schung, die die­sen Kri­te­ri­en auf un­ter­schied­li­che Wei­se ge­recht wer­den, un­ter die Lu­pe ge­nom­men und zen­tra­le Be­fun­de zu­sam­men­ge­fasst.

Deutsch­lands Blick in die Zu­kunft

Die Zu­kunfts­for­schung hat ih­re ei­ge­ne Ge­schich­te. Joa­chim Rad­kau hat sich die­se für die Zeit nach 1945 in Deutsch­land ge­nau­er an­ge­se­hen. Was die Le­se­rin und den Le­ser er­war­tet: Ein um­fang­rei­cher Es­say in dem sehr viel Ma­te­ri­al zu sehr ver­schie­de­nen The­men sor­tiert vor­ge­stellt und kom­men­tiert wird. Das hat den Vor­teil, dass man an sehr span­nen­de Wen­dun­gen in der Ge­schich­te der Zu­kunfts­for­schung er­in­nert wird, dass De­bat­ten, die heu­te noch ge­führt wer­den, zu­rück­ver­folg­bar wer­den und dass et­li­che Quel­len er­gänzt wer­den, die bis­lang in wich­ti­gen Wer­ken fehl­ten.

Das Buch ist flüs­sig zu le­sen, man hört Rad­kau zu, wie er aus ei­ner Ge­schich­te er­zählt, in der er ei­ne re­le­van­te Rol­le spiel­te. Rad­kau (Jahr­gang 1943) ver­fass­te zu Be­ginn der 70er-jah­re ein Stan­dard­werk zum Auf­stieg und zur Kri­se der deut­schen Atom­wirt­schaft, war der Um­welt­be­we­gung im­mer ver­bun­den und er­hielt 2012 den Um­welt­me­di­en­preis der Deut­schen Um­welt-hil­fe.rad­kaus lan­ge Er­zäh­lung über die „Pro­gno­sen, Vi­sio­nen, Ir­run­gen in Deutsch­land von 1945 bis heu­te“be­fasst sich in den ers­ten Tei­len mit Pro­gno­sen zum Wie­der­auf­bau und zur Sta­bi­li­sie­rung der Er­näh­rungs­la­ge nach 1945 und zum kal­ten Krieg („Die Rus­sen kom­men“). Im Ablauf der chro­no­lo­gisch ge­ord­ne­ten The­men folgt da­nach die Aus­ein­an­der­set­zung über die Nut­zung der Atom­ener­gie und ei­ne schein­bar dro­hen­de „Bil­dungs­ka­ta­stro­phe“. Es geht im­mer wie­der auch um Be­mü­hun­gen, vor al­lem ab Mit­te der 1960er-jah­re, die Zu­kunfts­for­schung zu in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren. Aus­rei­chend Platz neh­men die De­bat­ten über Uto­pi­en (ge führt ger­ne mit Ernst Bloch) und mög­lichst ex­ak­te Plä­ne über den Ver­lauf der nä­he­ren Zu­kunft ein (man den­ke an die Wirt­schafts­plä­ne der deut­schen Re­gie­rung der 1970er-jah­re). Der Ge­gen­wart nä­hert sich Rad­kau mit der Darstel­lung der De­bat­ten über das deut­sche Kri­sen­emp­fin­den der Jahr­tau­send­wen­de, den Nach­hal­tig­keits­dis­kurs so­wie über Ar­beit 4.0 an. Be­son­ders in­ter­es­sant sind die Ka­pi­tel über den Zu­kunfts­dis­kurs in der DDR, weil die­ser bis­lang weit we­ni­ger re­flek­tiert ist als je­ner in West­deutsch­land.

Es ent­steht ein fast durch­ge­hen­des Bild des Schei­terns der Vor­her­sa­gen. Der Au­tor geht da­bei sehr un­ter­schied­lich streng mit den Au­to­rin­nen und Au to­ren ins Ge­richt. Am En­de je­den­falls be­deu­tet der Ge­samt­be­fund für Rad­kau nicht, dass man die Be­schäf­ti­gung mit der Zu­kunft auf­zu­ge­ben ha­be.

„Brau­chen wir über­haupt all­zu kon­kre­te Bil­der von der Zu­kunft? Geht es nicht auch oh­ne? Reicht die Ge­gen­wart nicht aus? Das klingt wie ei­ne recht ein­fach zu be­ant­wor­ten­de Fra­ge - selbst­ver­ständ­lich brau­chen wir ein Bild von der Zu­kunft (...). Doch wenn die Ge­gen­wart die­ses Bild so do­mi­niert wie un­se­re, wenn wir uns in der Escher’schen Ge­dan­ken­schlei­fe hoff­nungs­los ver­rant ha­ben, dann ist es viel­leicht bes­ser, sich für ei­ne Wei­le von der Zu­kunft ab­zu­wen­den und auf das zu bli­cken, was jetzt ge­schieht, in die­sem Mo­ment, nicht ‘vor’, son­dern ‘ne­ben’ uns.” (Sa­scha Mamcz­ak in 79 , S. 106f.)

„Eins ist vor­weg si­cher, nach all den Er­fah­run­gen mit Fehl­pro­gno­sen: Die per­fek­te Pro­gno­se gibt es nicht.“(S. 430) Rad­kau for­mu­liert zehn The­sen am En­de des Bu­ches, die den Kern sei­ner Er­kennt­nis­se dar­stel­len sol­len. Dem­nach dür­fe man die Of­fen­heit gro­ßer Fra­gen nicht leug­nen und dür­fe kei­ne Zu­kunfts­si­cher­heit vor­täu­schen. Da­mit ver­bun­den müs­se die Be­reit­schaft für Dis­kus­si­on und Selbst­über­prü­fung – vor al­lem auch der Prä­mis­sen der Vor­her­sa­gen – sein. Im­mer ist die Ver­wur­ze­lung der Ent­wür­fe in der Ge­gen­wart zu re­flek­tie­ren und auch das Uner­war­te­te zu (be)den­ken. Rad­kau be­tont die Not­wen­dig­keit, ge­wünsch­te und wahr­schein­li­che Zu­künf­te nicht zu ver­wech­seln. Er­war­te­te Ent­wick­lun­gen apo­ka­lyp­tisch zu über­zeich­nen sei ge­fähr­lich, weil es die Be­reit­schaft auf Bot­schaf­ten zu hö­ren lang­fris­tig re­du­zie­re – wenn sich die rea­len Ve­rän­de­run­gen als im Ver­gleich zur Vor­her­sa­ge we­ni­ger dra­ma­tisch her­aus­stel­len. Gleich­zei­tig müs­se man in der Re­zep­ti­on von Zu­kunfts­vor­aus­sa­gen so­wohl Uto­pi­en als auch ka­ta stro­pha­len Sze­na­ri­en Auf­merk­sam­keit schen­ken, denn im­mer wie­der war aus ih­nen viel zu ler­nen. Und als Hand­lungs­an­lei­tung bei Ge­fah­rensze­na­ri­en schlägt Rad­kau vor, im Zwei­fels­fall „auf der si­che­ren Sei­te“zu blei­ben.

Ro­bert Jungk spiel­te in der Ge­schich­te der Zu­kunfts­for­schung ei­ne be­deu­ten­de Rol­le. Rad­kau an­er­kennt dies, spricht von Jungk als dem po­pu­lärs­ten deut­schen Zu­kunfts-pu­bli­zis­ten, der mit dem Stil der Re­por­ta­ge die Zu­kunft in der Ge­gen­wart auf­zu­spü­ren ver­such­te. (S. 100) In die­ser Be­schrei­bung steckt aber auch die Kri­tik, die Rad­kau an Jungk übt. Im­mer wie­der weist der Au­tor auf Wen­dun­gen in Jung­ks Den­ken hin, die er mal als „ver­wir­rend“(S. 101) mal als Ver­kör­pe­rung „des Zick­zack der Zu­künf­te“(S. 166) be­schreibt. In die­sen Pas­sa­gen schwebt ein An­spruch mit, dem Rad­kau ei­gent­lich selbst ei­ne Ab­fuhr er­teilt: Die Idee, dass Men­schen, die sich mit der Zu­kunft aus­ein­an­der­set­zen, Jah­re oder gar Jahr­zehn­te lang kon­sis­ten­te Aus­sa­gen tref­fen sol­len. Ge­ra­de im Fal­le Jung­ks ist aber die Ge­bun­den­heit sei­ner Zu­kunfts­aus­sa­gen ganz of­fen­sicht­lich in der je­wei­li­gen Zeit zu se­hen, in den Dis­kur­sen, in de­nen er sich be­weg­te, den Er­fah­run­gen die er mach­te. Die Wen­dun­gen sind schön do­ku­men­tier­bar, da Jungk sich nach der Ver­öf­fent­li­chung um­fang­rei­cher Tex­te nicht jah­re­lang zu­rück­zog, son­dern per­ma­nent pu­bli­zier­te, um – so sein An­spruch – in den Lauf der Ge­schich­te ein­zu­grei­fen. Jungk re­flek­tier­te dies üb­ri­gens auch: So­wohl sei­ne Ein­stel­lung zur Atom­ener­gie als auch zur Zu­kunfts­for­schung än­der­te sich im Lauf sei­nes Le­bens und im­mer wie­der schreibt er selbst über sein Ver­wer­fen al­ter Ide­en und das Auf­grei­fen neu­er Über­le­gun­gen.

Rad­kaus Buch ist le­sens­wert, es ist ein wert­vol­ler Bei­trag zur Ge­schich­te der Zu­kunfts­for­schung und sei­ne ab­schlie­ßen­den The­sen pas­sen auch zum Ka­non der heu­te sehr zu­rück­hal­ten­den und selbst­kri­ti­schen aka­de­mi­schen Zu­kunfts­for­schung. Dass in ei­ni­gen Ne­ben­sät­zen et­was zu schnell über Ak­teu­rin­nen und Ak­teu­re ge­ur­teilt wird, soll nie­man­den ab­hal­ten, das Buch zur Hand zu neh­men.

Zu­kunfts­for­schung 78 Rad­kau, Joa­chim: Die Ge­schich­te der Zu­kunft. Pro­gno­sen, Vi­sio­nen, Ir­run­gen in Deutsch­land von 1945 bis heu­te. Mün­chen: Han­ser, 2016. 544 S.,

€ 28,- [D], 28,80 [A] ; ISBN 978-3-446-25463-3

Zu­kunft be­fragt

Sa­scha Mamcz­ak kann schrei­ben. Sein Büch­lein „Die Zu­kunft - Ei­ne Ein­füh­rung“bringt der Le­se­rin und dem Le­ser ein äu­ßerst kom­ple­xes The­ma wun­der­bar sor­tiert, Schritt für Schritt nä­her. Da­bei ist das nicht ein­fach. Denn die Zu­kunft und das Den­ken und Schrei­ben über sie ha­ben ei­ne lan­ge Ge­schich­te. Und die­se Ge­schich­te hat kei­nes­wegs da­zu ge­führt, dass heu­te al­les klar wä­re. So sind es auch Fra­gen, die das Ter­rain be­rei­ten. Wol­len wir wirk­lich wis­sen, was in der (vor al­lem un­se­rer ei­ge­nen) Zu­kunft pas­siert? Ist es über­haupt denk­bar, die Zu­kunft ei­ni­ger­ma­ßen (oder ganz) prä­zi­se vor­her­zu­sa­gen? Und wenn nicht: Kom­men wir we­nigs­ten mit „Big Da­ta“der Be­stim­mung der zu­künf­ti­gen Rea­li­tät im­mer nä­her?

Mamcz­ak macht es sich nicht ein­fach und be­lässt es bei den Fra­gen. Er re­flek­tiert den Be­griff der Zu­kunft, un­ter­schei­det zwi­schen Zu­kunft und zu­künf­ti­gen Er­eig­nis­sen. Er be­ob­ach­tet, wie über Zu­kunft ge­spro­chen wird: Ist die Zu­kunft et­was, das sich er­eig­net, das wir be­wäl­ti­gen müs­sen? Oder ist Zu­kunft et­was, das wir er­zeu­gen, ma­chen, zu­min­dest auch ein Stück weit ge­stal­ten?

In dem Buch fin­den wir auch ei­ne ers­te Über­sicht über die Ge­schich­te der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Zu­kunft, er­fah­ren viel über ein­ge­trof­fe­ne und nicht ein­ge­trof­fe­ne Vor­her­sa­gen, über die Ent­wick­lung von Me­tho­den und die sie her­vor­brin­gen­den Pa­ra­dig­men. Das Zu­kunfts­den­ken wird bis in die frü­hes­ten Kul­tu­ren zu­rück­ver­folgt, der Zu­sam­men­hang zwi­schen Re­li­gi­on und Zu­kunfts­den­ken wer­den re­flek­tiert, Uto­pi­en ein­ge­ord­net. Ab­schlie­ßend sieht Mamcz­ak nach, wie es um die Zu­kunft heu­te steht. Da­bei stellt er fest, dass jun­ge Leu­te sich heu­te kaum noch ein brei­tes ge­sell­schaft­li­ches Zu­kunfts­bild aus­ma­len. Ge­ra­de un­ter ih­nen schei­ne ei­ne Art „Zu­kunfts­stress“vor­zu-

herr­schen: das boh­ren­de Ge­fühl, stän­dig Wei­chen stel­len zu müs­sen, um nicht den An­schluss an et­was zu ver­lie­ren, wovon man nur ei­ne dif­fu­se Vor­stel­lung hat. (S. 106). Zu­kunfts­den­ken

79 Mamcz­ak, Sa­scha: Die Zu­kunft. Ei­ne Ein­füh­rung. Mün­chen: Heyne, 2014. 112 S., € 8,99 [D], 9,30 [A] ISBN 978-3-453-31595-2

Zu­kunfts­per­spek­ti­ven in Theo­rie und Pra­xis

El­mar Schüll ist ei­ne der trei­ben­den Kräf­te im „Netz­werk Zu­kunfts­for­schung“. In die­sem Netz­werk ha­ben sich die Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler aus dem deutsch­spra­chi­gen Raum zu­sam­men­ge­schlos­sen, die um me­tho­di­sche Klar­heit bei der Be­fas­sung mit der Zu­kunft rin­gen. Schüll leis­tet da­zu seit Jah­ren wich­ti­ge Bei­trä­ge. Er bleibt aber nicht bei der Be­fas­sung mit der Me­tho­dik ste­hen, son­dern wid­met sich auch der An­wen­dung. In sei­ner Stu­die „Per­spek­ti­ven und Her­aus­for­de­run­gen der ös­ter­rei­chi­schen Fach­hoch­schu­len“wird dies do­ku­men­tiert.

Nicht je­den wer­den die ös­ter­rei­chi­schen Fach­hoch­schu­len als The­ma in­ter­es­sie­ren. War­um der Band aber trotz­dem auch für vie­le sehr le­sens­wert ist, liegt an der sys­te­ma­ti­schen und um­fas­sen­den Ent­wick­lung des me­tho­di­schen An­sat­zes der Stu­die. Schüll nimmt die Mü­he auf sich, die Gren­zen und Mög­lich­kei­ten der zu­kunfts­be­zo­ge­nen For­schung dar­zu­stel­len, um die Re­le­vanz und Aus­sa­ge­kraft der Er­geb­nis­se in den rich­ti­gen Kon­text zu set­zen.

Schüll de­kli­niert auch die Ein­wän­de ge­gen das Vor­her­wis­sen her­un­ter. Die ein­ge­schränk­ten Kon­troll­mög­lich­kei­ten bei Zu­kunfts­vor­aus­sa­gen, die ho­he Kom­ple­xi­tät in den So­zi­al­wis­sen­schaf­ten, das Feh­len so­zi­al­wis­sen­schaft­li­cher Ge­set­ze, der Mensch als lern­fä­hi­ger Vor­aus­sa­ge­ver­hin­de­rer und die Ef­fek­te der Vor­aus­sa­gen selbst auf ih­re Ma­te­ria­li­sie­rung wer­den u. a. an­ge­führt. „Ent­schei­dend für die wis­sen­schaft­li­che Va­li­di­tät ent­spre­chen­der Zu­kunfts­aus­sa­gen ist dann nicht mehr, ob die vor­aus­ge­sag­ten Er­eig­nis­se in ei­ner zu­künf­ti­gen Ge­gen­wart wie be­schrie­ben ein­tref­fen, son­dern wie gut sie in der Ge­gen­wart ar­gu­men­ta­tiv ab­ge­si­chert sind.“(S. 55) Zu­kunfts­aus­sa­gen ha­ben des­we­gen grund­sätz­lich ei­ne kon­di­tio­na­le Struk­tur. Schüll er­in­nert an die Stan­dards und Gü­te­kri­te­ri­en, die für Zu­kunfts­for­schung in An­schlag ge­bracht wer­den: Kon­sis­tenz (in sich wi­der­spruchs­frei), in­ter­ne Ko­hä­renz (die Aus­sa­gen wer­den Wech­sel­wir­kun­gen ge­recht), Ad­äquat­heit der Sys­tem­gren­zen und ex­ter­ne Ko­hä­renz (kla­re De­fi­ni­ti­on des Ge­gen­stands­be­reichs und Ab­gren­zung auf die Sys­tem­um­welt) so­wie Trans­pa­renz der Prä­mis­sen, An­nah­men und Wert­vor­stel­lun­gen. Zu­kunfts­wis­sen ist aber auch bei Ein­hal­tung die­ser Stan­dards im Pro­zess der Ge­ne­se im­mer vor­läu­fig, fra­gil und zeit­ge­bun­den. (S. 63) Im kon­kre­ten Fall ent­wi­ckelt Schüll drei Sze­na­ri­en für die Zu­kunft des Fach­hoch­schul­sek­tors in Ös­ter­reich. Ei­nes be­zieht sich auf die Um­set­zung der Ide­al­vor­stel­lung des Ös­ter­rei­chi­schen Wis­sen­schafts­ra­tes, ei­nes schreibt die ge­gen­wär­ti­ge Ent­wick­lung wei­ter und das drit­te Sze­na­rio greift die Ent­wick­lung auf, die laut ei­ner Del­phi-be­fra­gung mehr­heit­lich als wün­schens­wert ein­ge­stuft wur­de.

Ein Buch, das für je­den, der Zu­kunfts­for­schung ak­tiv be­trei­ben will, ein gu­ter Be­zugs­punkt bei Fra­gen der Me­tho­dik dar­stellt und für je­den, der sich mit der Ent­wick­lung der Wis­sen­schaft bzw. der ös­ter­rei­chi­schen Fach­hoch­schul­land­schaft be­schäf­tigt, ei­ne span­nen­de Lek­tü­re ist.

Zu­kunfts­for­schung 80 Schüll, El­mar: Per­spek­ti­ven und Her­aus­for­de­run­gen der ös­ter­rei­chi­schen Fach­hoch­schu­len. Ei­ne Vor­aus­schau. (Schrif­ten­rei­he zum Bil­dungs­recht und zur Bil­dungs­po­li­tik; 15). Wi­en: Verl. Ös­ter­reich, 2016. 397 S., € 89,- [A] ; ISBN 978-3-7046-7586-6

Me­tho­den­dis­kur­se

Über wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche und me­tho­do­lo­gi­sche Pro­blem­la­gen der Zu­kunfts­for­schung geht es auch im Band 5 der Rei­he „Zu­kunft und For­schung“un­ter dem Ti­tel „Em­pi­ri­sche Pro­gno­se­ver­fah­ren in den So­zi­al­wis­sen­schaf­ten“. In 13 Bei­trä­gen wer­den ver­schie­de­ne Aspek­te der Pro­gnos­tik dis­ku­tiert, em­pi­ri­sche Bei­spie­le der Pro­gno­se­er­stel­lung ge­zeigt, aber auch die Ge­schich­te der Pro­gnos­tik und der Um­gang der Po­li­tik mit Pro­gno­sen dis­ku­tiert. Gleich im Ein­gangs­ka­pi­tel spricht Jus­tin Stagl auch ein Di­lem­ma der Pro gnos­tik an: „Pro­gnos­ti­ker stre­ben nach Gründ­lich­keit und le­gen sich un­gern fest, die Adres­sa­ten je­doch er­war­ten ra­sche und kla­re Ori­en­tie­run­gen.“(S. 20).

Die Her­aus­ge­ber be­to­nen die heu­te er­kenn­ba­re Viel­fäl­tig­keit in den me­tho­di­schen Zu­gän­gen, die auch in die­sem Sam­mel­band of­fen­sicht­lich wird. Die Zu­kunft der Zu­kunfts­for­schung se­hen sie da­her in der me­tho­di­schen Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät. Mit die­sem Band will man Grund­la­gen­ar­beit leis­ten: „Zum ei­nen sol­len Ent­wick­lun­gen in die­sem Me­tho­den­feld auf­ge­zeigt und ak­tu­el­le An­sät­ze zu Pro­gnos­tik und Pro­gno­se­me­tho­do­lo­gie in den So zi­al­wis­sen­schaf­ten dar­ge­stellt, sys­te­ma­ti­siert und

„Das zen­tra­le Er­geb­nis der Dis­kus­si­on zu den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der wis­sen­schaft­li­chen Vor­aus­schau lau­te­te, dass sich zu­künf­ti­ge Ent­wick­lun­gen grund­sätz­lich nicht im Vor­aus wis­sen las­sen - zu­min­dest nicht, wenn das weit­hin ver­brei­te­te Ver­ständ­nis von Wis­sen als ver­läss­li­ches, em­pi­risch va­li­dier­tes Wis­sen an­ge­legt wird. (...) Die Zu­kunft der ös­ter­rei­chi­schen Fach­hoch­schu­len stellt sich als of­fen dar. Ge­ra­de des­halb ist sei­ne zu­künf­ti­ge Ent­wick­lung auch in ho­hem Ma­ße ge­stalt­bar.”

(El­mar Schüll in , S. 365)

in ih­ren Ab­läu­fen ver­glei­chen wer­den. Ak­tu­el­le Stu­di­en sol­len zur Be­rei­che­rung und Ver­an­schau­li­chung bei­tra­gen. Er­klär­tes Ziel des Ban­des ist es, den Pro­zess der Pro­gno­se in sei­ner meist trans­dis­zi­pli­nä­ren me­tho­di­schen Kon­zep­ti­on und Ein­bet­tung aus ei­ner me­tho­do­lo­gi­schen Per­spek­ti­ve dar­zu­stel­len.“(S.10)

Zu­kunfts­for­schung: Me­tho­den 81 Em­pi­ri­sche Pro­gno­se­ver­fah­ren in den So­zi­al­wis­sen­schaf­ten. Wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche und me­tho­do­lo­gi­sche Pro­blem­la­gen. Hrsg. v. Reinhard Bach­leit­ner ... (Zu­kunft und For­schung; Bd. 5). Wiesbaden: Sprin­ger, 2016. 329 S., € 51,39 [D],

ISBN 978-3-658-11931-7

Sze­na­rio Ma­nage­ment

Eben­falls mit Me­tho­den der Zu­kunfts­for­schung be­schäf­tigt sich das Buch von Alex­an­der Fink und Andre­as Sie­be über Sze­na­rio Ma­nage­ment. Die Ziel­grup­pe die­ses Ban­des sind vor al­lem Ent schei­der in Or­ga­ni­sa­tio­nen, sei­en es Fir­men oder an­de­re Ein­rich­tun­gen. Dem­zu­fol­ge wird das The­ma auch gut les­bar ein­ge­führt, an­hand von Bei­spie­len il­lus­triert und kann als Hand­buch durch­ge­hen.

Die Au­to­ren re­flek­tie­ren wich­ti­ge Er­fah­run­gen der Zu­kunfts­for­schung, ei­ni­ge De­bat­ten über die Me­tho­dik, aber schwen­ken dann sehr schnell auf die kon­kre­te An­wen­dung des Sze­na­rio-ma­nage­ments ein. Da­bei fo­kus­sie­ren sie im­mer wie­der auf die be­triebs­wirt­schaft­li­che Ein­setz­bar­keit. Wo ent­ste­hen Märk­te, wie kann man mit ih­nen um­ge­hen, wie kön­nen Pro­duk­te in der Zu­kunft best­mög­lich plat­ziert wer­den?

Sze­na­rio­tech­nik 82 Fink, Alex­an­der; Sie­be, Andre­as: Sze­na­rio Ma­nage­ment. Von stra­te­gi­schem Vor­aus­den­ken zu zu­kunfts­ro­bus­ten Ent­schei­dun­gen. Frank­furt: Cam­pus, 2016. 342 S.. € 64,- [D], 65,80 [A]

ISBN 978-3-593-50603-6

Zwi­schen Ge­sell­schaft und For­schung keimt die Zu­kunft

Wie ver­än­dern kol­lek­ti­ve Be­dürf­nis­se die Zu­kunft Deutsch­lands? Wie wer­den die­se durch For­schung und In­no­va­tio­nen be­frie­digt wer­den kön­nen? Und wel­che Aus­wir­kun­gen wird das dann wie­der­um ha­ben? Von 2012 bis 2014 lief die Er­he­bung der Stu­die Fo­re­sight-zy­klus II und ver­such­te Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen für die deut­sche Re­gie­rung zu fin­den. My­ri­am Preiss und Mag­da­le­na Eder (Stu­den­tin­nen des Mas­ter­stu­di­en­gangs „Zu­kunfts­for­schung” an der FU Ber­lin) ha­ben die drei Er­geb­nis­bän­de durch­ge­ar­bei­tet.

Ins­ge­samt knapp 600 Sei­ten For­schungs­be­richt­er­stat­tung – leich­te Kost wiegt we­ni­ger. Den­noch oder ge­ra­de des­halb lohnt der Blick in die Zu­kunfts­stu­die Bmbf-fo­re­sight-zy­klus II von Pro­jekt­lei­ter Axel Zweck, Pro­fes­sor an der RWTH Aa­chen und Ab­tei­lungs­lei­ter am Vdi-tech­no­lo­gie­zen­trum, und sei­nem Team von Wis­sen­schaft­lern des VDI TZ und des Fraun­ho­fer ISI. Es ist sel­ten, dass die Er­geb­nis­se von mehr­jäh­ri­ger Auf­trags­zu­kunfts­for­schung so ein­fach und um­fas­send zu­gäng­lich sind wie im Fall eben­die­ser Vor­aus­sicht­pro­zes­se, die das deut­sche BMBF (Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung) tur­nus­mä­ßig an ex­ter­ne Di­enst­leis­ter ver­gibt. Zu­dem sind ge­ra­de die­se Er­kennt­nis­se be­son­ders span­nend, ist es doch ihr Sinn „Ori­en­tie­rungs­wis­sen für stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen zu ge­ne­rie­ren“(Bd. 1, S. 9) – und spe­zi­ell For­schungs­po­li­tik darf als durch­aus wich­tig für ein Land wie Deutsch­land gel­ten. Zu­kunfts­for­schung wird hier pri­mär durch­ge­führt, um den Ak­teu­ren des Mi­nis­te­ri­ums neue po­ten­ti­el­le Schwer­punk­te für ih­ren Zu­stän­dig­keits­be­reich auf­zu­zei­gen, die es dann zu be­ob­ach­ten, zu för­dern und ge­ge­be­nen­falls zu re­gu­lie­ren gilt. Der ge­setz­te Zeit­ho­ri­zont: 15 Jah­re. Zweck und sei­ne Kol­le­gin­nen schau­en mit ih­rer Ar­beit al­so bis ins Jahr 2030 vor­aus und ver­su­chen Ant­wor­ten auf die Fra­gen zu fin­den: Wel­che heu­te schon iden­ti­fi­zier­ba­ren Be­dar­fe und Wün­sche der Ge­sell­schaft wer­den un­ser zu­künf­ti­ges Le­ben prä­gen? Und wel­che Tech­no­lo­gi­en und In­no­va­tio­nen ha­ben das Po­ten­ti­al, uns bei der Be­wäl­ti­gung neu­er ge­sell­schaft­li­cher Her­aus­for­de­run­gen zu hel­fen? Die ers­te Fra­ge wird in Band 1 „Ge­sell­schaft­li­che Ve­rän­de­run­gen 2030“be­han­delt, Band 2 „For­schungs­und Tech­no­lo­gie­per­spek­ti­ven 2030“be­schäf­tigt sich mit der Be­ant­wor­tung der zwei­ten und ba­siert zum Groß­teil auf den ak­tua­li­sier­ten Er kennt­nis­sen des vor­an­ge­gan­ge­nen Fo­re­sight-zy­klus I, der ei­nen rein tech­ni­schen Fo­kus hat­te. In Band 3 „Ge­schich­ten aus der Zu­kunft“wer­den schließ­lich die Er­geb­nis­se aus den bei­den vor­he­ri­gen Bän­den mit­ein­an­der ver­bun­den.

Ein we­nig sper­rig zu le­sen ist das Werk stel­len­wei­se, es schwankt zwi­schen ei­ner klas­sisch wis­sen­schaft­li­chen Ver­öf­fent­li­chung, die ei­ni­ges an Vor­wis­sen vor­aus­setzt – das trifft be­son­ders auf Band 1 und mehr noch auf Band 2 zu – und leicht les­ba­ren eher po­pu­lär­wis­sen­schaft­lich ge­hal­te­nen Ab­schnit­ten, wie fast der ge­sam­te Band 3. Al­len Bän­den ist ge­mein, dass vor der Darstel­lung der Er­geb­nis­se je­weils ein recht aus­führ­li­cher Me­tho­den­teil steht, der das Vor­ge­hen skiz­ziert. Hier ge­wäh­ren die Au­to­ren Ein­blick in ihr For-

schungs­de­sign; an­schau­lich er­klärt und bei­spiel­haft für mo­der­ne Zu­kunfts­for­schung wird et­wa der ihr ein­ge­bet­te­te Par­ti­zi­pa­ti­ons­an­spruch er­läu­tert. Die­ser Ge­dan­ke stand wohl auch Pa­te für Band 3 der Pu­bli­ka­ti­on – ‚nur‘ 97 Sei­ten kurz und für ein brei­tes Pu­bli­kum bes­tens ge­eig­net, um in die Ma­te­rie ein­zu­stei­gen. Hier wird ei­ne Viel­zahl von kon­kre­ten Zu­kunfts­bil­dern für das Jahr 2030 in leicht les­ba­ren Kurz­ge­schich­ten ent­wor­fen – die se wer­den als ‚In­no­va­ti­ons­kei­me‘ be­zeich­net. Da zu ge­stellt sind je­weils Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu sich er­ge­ben­den Im­pli­ka­tio­nen. Na­tur­ge­mäß spie­len in je­der die­ser Ge­schich­ten ne­ben den fik­ti­ven Haupt­per­so­nen die Er­kennt­nis­se aus der vor­an­ge­gan­ge­nen Zu­kunfts­for­schung die Haupt­rol­le. Rent­ner Tho­mas bei­spiels­wei­se ist Held der Ge­schich­te „Da­ten­in­ten­si­ve Go­ver­nan­ce – Um­gang mit Mas­sen­da­ten 2030“. Er be­fin­det sich auf dem Weg zu ei­ner Bür­ger­ver­samm­lung zum The­ma „Stra­te­gi­en ge­gen Fett­lei­big­keit […] op­ti­mie­ren – und zwar durch die Kom­bi­na­ti­on von Ge­sund­heits-, Ein­kom­mens- und Mo­bi­li­täts­da­ten so­wie In­for­ma­tio­nen zu Freund­schafts­net­zen und vor­her­sa­gen­der Ver­hal­tens­for­schung“(Bd. 3, S. 51). Sehr dicht sind hier die In­for­ma­tio­nen ge­packt: die neu­en tech­ni­schen Ho­ri­zon­te, die In­no­va­tio­nen im Be­reich „Me­di­zin­tech­nik und Ehe­alth“er­öff­nen, stam­men aus Band 2 (S. 62) und wur­den kom­bi­niert mit meh­re­ren der ins­ge­samt 60 in Band 1 be­schrie­be­nen Ge­sell­schaft­s­trends, zum Bei­spiel „Neue Ar­chi­tek­tu­ren des Re­gie­rens: die Hand­lungs­fä­hig­keit der Po­li­tik in der Post­de­mo­kra­tie“(S. 144).

Es ist be­dau­er­lich, dass in­ter­es­sier­te Le­ser die­se Ver­bin­dung hin­ein in den ers­ten und zwei­ten Band selbst her­stel­len müs­sen, Be­zug­nah­men feh­len völ­lig. Noch stö­ren­der aber sind die höl­zer­nen For­mu­lie­run­gen der Ge­schich­ten selbst, sie in­spi­rie­ren viel­leicht Ar­bei­te­rin­nen in Mi­nis­te­ri­en, aber sie re­gen nicht ge­ra­de zum Träu­men an. Ein pro­fes­sio­nel­les Lek­to­rat hät­te hier gut ge­tan. Als letz ter Kri­tik­punkt sei noch er­wähnt, dass die ge­sam­te Pu­bli­ka­ti­on ex­trem zu­rück­hal­tend ist, wenn es da rum geht, kon­kre­te Hand­lungs­an­wei­sun­gen oder auch nur Ge­wich­tun­gen der Er­geb­nis­se un­ter­ein­an­der zu lie­fern be­zie­hungs­wei­se den Le­se­rin­nen ei­ne ge­wis­se Dring­lich­keit zu ver­mit­teln. So bleibt es je­dem of­fen, ei­ge­ne Schlüs­se zu zie­hen. Das mag sei­nen ei­ge­nen Reiz ha­ben, den­noch fühlt man sich ge­le­gent­lich durch die schie­re Mas­se an In­for­ma­ti­on über­for­dert, et­was mehr Ex­per­ten­ein­schät­zung wä­re wün­schens­wert ge­we­sen. Trotz die­ser Man­kos ist die Pu­bli­ka­ti­on ei­ne ex­trem span­nen­de Lek­tü­re, die aus vie­len Blick­win­keln in­ter­es­san­te Lich­ter auf mög­li­che Zu­künf­te Deutsch­lands wirft. Sie sei al­len Bür­ge­rin­nen emp­foh­len, als Ba­sis, um über die Zu­kunft zu sin­nie­ren oder sie ak­tiv zu ge­stal­ten. Denn wel­che die­ser Zu­kunfts­bil­der Rea­li­tät wer­den, liegt – De­mo­kra­tie sei Dank – in un­ser al­ler Hand.

Zu­künf­te: Deutsch­land Er­geb­nis­bän­de 1-3 zur Such­pha­se von Bmbf-fo­re­sight Zy­klus II. Zweck, Axel (u. a.)

Bd. 1 Ge­sell­schaft­li­che Ve­rän­de­run­gen 2030 (237 S.). Bd. 2 For­schungs- und Tech­no­lo­gie­per­spek­ti­ven 2030 (281 S.). Bd. 3 Ge­schich­ten aus der Zu­kunft (79 S.). Düs­sel­dorf: VDI TZ, 2015. Gra­tis.

ISSN 1436-5928

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