Die ho­he Kunst der Be­tei­li­gung

ProZukunft - - Inhalt -

Ei­ne le­ben­di­ge De­mo­kra­tie be­nö­tigt das En­ga­ge­ment der be­trof­fe­nen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Doch Be­tei­li­gung soll­te nicht aus dem Bauch her­aus pas­sie­ren, sie ge­hört prä­zi­se vor­be­rei­tet und ge­plant. Pu­bli­ka­tio­nen zu die­sem The­ma stellt Dag­mar Baum­gart­ner vor.

Ei­ne vi­ta­le und le­ben­di­ge De­mo­kra­tie be­nö­tigt die Ide­en, Mei­nun­gen und das En­ga­ge­ment der be­trof­fe­nen Bür­ger und Bür­ge­rin­nen. Doch Be­tei­li­gung soll­te nicht aus dem Bauch her­aus pas­sie­ren, sie ge­hört prä­zi­se vor­be­rei­tet und gut ge­plant, um ei­nen nach­hal­ti­gen Er­folg für al­le Be­tei­lig­ten zu si­chern. Hilf­rei­che und le­sens­wer­te Pu­bli­ka­tio­nen zu die­sem The­ma stellt Dag­mar Baum­gart­ner vor.

Me­tho­den­hand­buch Bür­ger­be­tei­li­gung

Kaum ein Be­tei­li­gungs­pro­zess gleicht dem an­de­ren, ei­ne dif­fe­ren­zier­te Be­trach­tungs­wei­se, in­di­vi­du­el­le Ziel­for­mu­lie­rung und Pla­nung der be­nö­tig­ten Res­sour­cen sind un­um­gäng­lich. Ein gut vor­be­rei­te­tes Klä­rungs­ge­spräch zu Be­ginn des Auf­trags „ent­schei­det zu ei­nem Drit­tel über den Be­tei­li­gungs­er­folg“(S. 18).

Band 1 der fünf­tei­li­gen Rei­he „Me­tho­den­hand­buch Bür­ger­be­tei­li­gung“prä­sen­tiert zehn Bei­spie­le für Er­he­bungs­und Ana­ly­se­tech­ni­ken. Die ge­nann­ten Er­he­bungs­tech­ni­ken sind be­reits be­kann­te Me­tho­den der So­zi­al­wis­sen­schaft, die Ana­ly­se­tech­ni­ken kennt man vor­wie­gend aus der Wirt­schafts­wis­sen­schaft. So wird die Do­ku­men­ten­ana­ly­se für Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren in der Kom­mu­nal­po­li­tik als Er­he­bungs­tech­nik emp­foh­len. Hier se­hen sich die Ak­teu­re mit ei­ner gro­ßen Men­ge an schrift­li­chen Do­ku­men­ten wie Pro­to­kol­len von Aus­schuss-sit­zun­gen, Be­schluss­vor­la­gen, Me­dien­be­rich­ten etc. kon­fron­tiert. Die Do­ku­men­ten­ana­ly­se soll hel­fen, die Er­geb­nis­se aus den ge­won­ne­nen Da­ten den po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen nach­voll­zieh­bar zu prä­sen­tie­ren, um ge­ziel­te Hand­lungs­stra­te­gi­en ab­zu­lei­ten.

Das Ex­plo­ra­ti­ve In­ter­view wird eben­so als Er­he­bungs­me­tho­de ge­nannt. Die­se Form der Be­fun­dung kann ver­tie­fen­de In­for­ma­tio­nen über ak­tu­el­le Fra­ge­stel­lun­gen, Pro­ble­me, Kon­flik­te oder Span­nungs­fel­der ge­ne­rie­ren. Es geht vor al­lem dar­um, ei­ne brei­te Pa­let­te an Mei­nun­gen, Er­fah­run­gen und vor al­lem re­le­van­ten The­men zu er­he­ben. Die­se Form des In­ter­views ist zwar zeit­in­ten­siv, ver­mag je­doch in

die Tie­fe zu ge­hen, um sich so an die Mei­nung und Po­si­ti­on der Be­tei­lig­ten her­an­zu­tas­ten. Ein­ge­setzt wer­den Ex­plo­ra­ti­ve In­ter­views u. a. im Rah­men von Stadt­teil­ar­beit. Hier kann die Me­tho­de z. B. hel­fen, dem Teil­nah­me­ver­lust an der Stadt­teil­ver­eins­ar­beit auf den Grund zu ge­hen, in­dem die Ge­wohn­hei­ten, Be­dürf­nis­se und In­ter­es­sen von Be­trof­fe­nen im Stadt­teil er­fragt wer­den.

Als wei­te­re Er­he­bungs­tech­nik am Be­ginn von Be­tei­li­gungs­pro­zes­sen ist die Feld­be­ob­ach­tung Ge­gen­stand des Bu­ches. Sie er­laubt un­ter an­de­rem ei­ne sys­te­ma­ti­sche und ob­jek­ti­ve Wahr­neh­mung so­zia­ler In­ter­ak­ti­on. „Be­ob­ach­tun­gen sind in ih­ren ver­schie­de­nen Va­ri­an­ten seit den An­fän­gen sys­te­ma­ti­scher Da­ten­er­he­bung die wich­tigs­ten Ver­fah­ren zur Wis­sens- und Er­kennt­nis­ge­win­nung.“(S. 59) Es wird un­ter­schie­den zwi­schen der of­fe­nen und der ver­deck­ten Be­ob­ach­tung.

Um ei­nem dif­fu­sen Be­tei­li­gungs­pro­zess vor­zu­beu­gen, in dem die Mit­wir­ken­den in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen steu­ern, wird zu Be­ginn ein Ziel­fin­dungs­work­shop emp­foh­len. „Wie ein­zel­ne Per­so­nen, so kön­nen auch Grup­pen, oder Ge­mein­schaf­ten nur dann struk­tu­riert han­deln, wenn sie ein ge­mein­sa­mes Ziel ver­fol­gen.“(S. 91)

Un­ter dem Mot­to „Vor­sor­ge ist bes­ser als hei­len“(S. 113) wird die Ri­si­ko­ana­ly­se als Ana­ly­se­tech­nik für ei­nen ge­lun­ge­nen Pro­zess emp­foh­len. Das Pro­jek­t­ri­si­ko wird als Fak­tor aus der Ein­ritts­wahr­schein­lich­keit und der er­war­te­ten Aus­wir­kung be­rech­net; prä­ven­ti­ve Maß­nah­men kön­nen dem­ent­spre­chend ge­plant wer­den.

Als Me­tho­de feh­len darf na­tür­lich auch nicht die be­kann­te Swot-analyse, die da­zu bei­trägt, ei­ne um­si­cher­ten

fas­sen­de und prä­zi­se Si­tua­ti­ons­er­he­bung durch­zu­füh­ren und im An­schluss dar­an Hand­lungs­emp­feh­lun­gen ab­zu­lei­ten. „Die Vor­tei­le der Swo­tana­ly­se lie­gen ins­be­son­de­re in ih­rer Ein­fach­heit und der Be­son­der­heit, dass sehr vie­le Aspek­te und un­ter­schied­li­che Ge­sichts­punk­te in die Be­trach­tung ein­flie­ßen. Be­schrie­ben und be­wer­tet wer­den dar­über hin­aus noch die Ur­sa­che-wir­kung-analyse, die Nutz­wert- und die Sta­ke­hol­der-analyse.

Der ers­te Band der Rei­he „Bür­ger­be­tei­li­gung“ist durch­aus zu emp­feh­len und die Par­ti­zi­pa­ti­ons­per­spek­ti­ve in al­len der emp­foh­le­nen Me­tho­den ist durch­aus in­ter­es­sant. Je­de der ins­ge­samt zehn Er­he­bungs­und Ana­ly­se­tech­ni­ken wird aus­führ­lich be­schrie­ben, Bei­spie­le wer­den ge­nannt und die je­wei­li­gen Zie­le und Vor­aus­set­zun­gen be­schrie­ben. Be­din­gun­gen ei­ner pro­fun­den Vor­be­rei­tung und ein Vor­schlag für ei­nen er­folg­rei­chen Ablauf wer­den ge­bo­ten und wei­ter­füh­ren­de Li­te­ra­tur zum The­ma be­reit­ge­stellt. Par­ti­zi­pa­ti­on: Me­tho­den

108 Me­tho­den­hand­buch Bür­ger­be­tei­li­gung. Be­tei­li­gungs­pro­zes­se er­folg­reich pla­nen. Band 1. Hrsg. v. Pe­ter Pat­ze-dior­diy­chuk ... München: oe­kom, 2017. 205 S., € 24,95 [D], 25,70 [A] ; ISBN 978-3-86581-833-1

Ge­lun­ge­ne Bür­ger­be­tei­li­gung.

Was be­nö­tigt ein ge­lun­ge­ner Be­tei­li­gungs­pro­zess, was sind die Er­war­tun­gen der Bür­ger und Bür­ge­rin­nen an die Po­li­tik und wel­che Her­aus­for­de­run­gen er­war­ten uns? Chris­ti­na Be­nig­haus, Gi­se­la Wa­chin­ger und Ort­win Renn ver­su­chen die­se bren­nen­den Fra­gen, auf­bau­end auf wis­sen­schaft­li­chen und prak­ti­schen Er­fah­run­gen, zu be­ant­wor­ten. Das ist ih­nen durch­aus ge­lun­gen. Die­ses Buch ver­bin­det Theo­rie und Pra­xis und bie­tet prak­ti­sche An­lei­tun­gen und kon­zep­tio­nel­le Hil­fe­stel­lun­gen für al­le, die Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­zes­se in­iti­ie­ren, kon­zi­pie­ren und gestal­ten wol­len. Ne­ben ei­ner theo­re­ti­schen Ein­füh­rung zu den un­ter­schied­li­chen For­men, An­wen­dungs­be­rei­chen, Ver­fah­ren, Me­tho­den und de­ren Ein­satz­be­rei­che fin­den sich Pra­xis­bei­spie­le. Das Werk schließt mit der Ein­füh­rung in die ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten der Eva­lua­ti­on von Par­ti­zi­pa­ti­ons­for­ma­ten und den aus den eva­lu­ier­ten Fall­stu­di­en ge­zo­ge­nen Leh­ren.

Das Buch deckt vie­les ab, was man über ei­ne fai­re und fun­dier­te Bür­ge­rin­nen­be­tei­li­gung wis­sen soll­te. Es lie­fert ei­ne De­fi­ni­ti­on von Be­tei­li­gung als Be­rei­che­rung des Pla­nungs­pro­zes­ses, wo „Per­so­nen au­ßer­halb der po­li­ti­schen Man­dats­trä­ger oder der ih­nen zu­ge­ord­ne­ten Be­hör­den und In­sti­tu­tio­nen an der kol­lek­tiv wirk­sa­men Wil­lens- und Ent­schei­dungs­fin­dung ak­tiv mit­wir­ken.“(S. 33) Es geht der Fra­ge nach, war­um mehr Bür­ge­rin­nen­be­tei­li­gung be­nö­tigt wird und wo die De­fi­zi­te in der heu­ti­gen po­li­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­ons­pra­xis zu fin­den sind. Ge­ra­de „Stuttgart 21“hat ei­ni­ges ge­lehrt, auch zum The­ma Ak­zep­tanz für Groß­pro­jek­te. Ak­zep­tanz kann dem­nach in drei Stu­fen ein­ge­teilt wer­den: To­le­ranz von Pla­nungs­vor­ha­ben, ei­ne po­si­ti­ve Ein­stel­lung zum Pla­nungs­ge­gen­stand und schließ­lich das ak­ti­ve Ein­tre­ten für Pla­nungs­vor­ha­ben. Doch „Stuttgart 21“und an­de­re Pro­test­be­we­gun­gen zei­gen uns vor al­lem ei­nes: die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie stößt zu­se­hends an ih­re Gren­zen. Die Pro­tes­te rich­ten sich, so die Er­fah­rung, ge­gen die Er­war­tung, den ge­mein­schaft­li­chen Nut­zen über die per­sön­li­chen An­nehm­lich­kei­ten zu stel­len und sie sind als Kri­tik an der In­trans­pa­renz und Un­durch­sich­tig­keit der je­wei­li­gen Pla­nungs­ver­fah­ren zu ver­ste­hen. Die Au­to­rin­nen bli­cken auf die Rol­le der Bür­ge­rin­nen und der Ver­ant­wort­li­chen der Po­li­tik, de­ren Er­war­tun­gen und die un­ter­schied­li­che Rea­li­tät von for­mel­len und in­for­mel­len Ver­fah­ren. Was sind die Spiel­re­geln und die Vor­aus­set­zun­gen für ge­lun­ge­ne Be­tei­li­gung und wie kann ein in­klu­si­ves Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren kon­zi­piert und um­ge­setzt wer­den? Je­des An­lie­gen und je­de Ziel­grup­pe be­dür­fen un­ter­schied­li­cher For­ma­te und De­signs. Da­für gibt es zahl­rei­che Bei­spie­le und Vor­schlä­ge, struk­tu­riert auf­be­rei­tet nach Funk­tio­nen und Zie­len. Ge­ra­de der Vor­be­rei­tung, dem De­sign und der Aus­wahl der Me­tho­den soll­te viel Auf­merk­sam­keit ge­schenkt wer­den, da ver­schie­de­ne Aspek­te in ein Ver­fah­ren ein­flie­ßen, die in der Pla­nungs- und Kon­zep­ti­ons­pha­se zu be­rück­sich­ti­gen sind. Je­des Vor­ha­ben und je­der Pro­zess hat in­di­vi­du­el­le Ziel­grup­pen und Ak­teu­rin­nen, die un­ter­schied­li­che und in­di­vi­du­el­le In­ter­es­sen ver­fol­gen. Als Pla­nungs­me­tho­de wird da­her ei­ne Ziel- und Kon­text­ana­ly­se und dar­auf auf­bau­end die Fest­le­gung des Ver­fah­rens­de­signs emp­foh­len. Da­zu bie­tet der Band über­zeu­gen­de Bei­spie­le und An­re­gun­gen für ei­ne ge­lin­gen­de Pro­zess­ge­stal­tung.

Nach­dem im ers­ten Teil des Bu­ches die theo­re­ti­schen Grund­la­gen von Bür­ge­rin­nen­be­tei­li­gung the­ma­ti­siert wer­den, wid­met sich der zwei­te Teil den Fall­bei­spie­len. Die­se wer­den un­ter­teilt in Ver­mitt­lungs­und Wis­sens-, Re­fle­xi­ons-, Gestal­tungs-, Hand­lungs- und Kon­flikt­lö­sungs­dis­kur­se. Die ins­ge­samt 22 Bei­spie­le rei­chen von ei­nem Bür­ger­fo­rum zur Pla­nung ei­nes Wohn­heims für Flücht­lin­ge über ein par­ti­zi­pa­tiv er­stell­tes Ener­gie­kon­zept in Lud­wigs­burg bis hin zu zwei Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­jek­ten mit Kin­dern und Ju­gend­li­chen in Ge­or­gi­en in Zu­sam­men­ar­beit mit der Ge­sell­schaft für Tech­ni­sche Zu­sam­men­ar­beit (GTZ). Zu je­dem Fall­bei­spiel

„In par­ti­zi­pa­ti­ven Ver­fah­ren wird die Bür­ger­schaft zum Mit­ge­stal­ter, zum Ex­per­ten für Bür­ger­fra­gen, ein­ge­bun­den in ein Sys­tem der mit­wir­ken­den In­sti­tu­tio­nen, be­ste­hend aus Wirt­schaft, Po­li­tik, Ver­wal­tung und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen

(NGOS). Sie bil­den ei­ne Netz­struk­tur, wel­che die For­men der ko­ope­ra­ti­ven Po­li­tik und des Dis­kur­ses, al­so die ge­gen­sei­ti­ge Ver­stän­di­gung zwi­schen Ak­teu­ren, ver­knüpft.“

(Chr. Be­nig­haus ... in 109 , S. 34)

fin­det man In­for­ma­tio­nen zu den Hin­ter­grün­den, dem Ablauf, den ver­wen­de­ten Me­tho­den (von Fo­kus­grup­pen, Open Space bis Zu­kunfts­werk­statt) und den Er­geb­nis­sen des je­wei­li­gen Pro­zes­ses.

Un­ter dem Mot­to „Was hat sich be­währt?“(S. 299) wid­met sich der drit­te Teil der Eva­lua­ti­on von For­ma­ten und Ver­fah­ren, de­ren Zie­len, Funk­tio­nen und Wir­kung so­wie den ge­eig­ne­ten em­pi­ri­schen Me­tho­den. Das vier­te und letz­te Ka­pi­tel zieht Bi­lanz und for­mu­liert Emp­feh­lun­gen für die Pra­xis. Zum Ab­schluss bie­ten die Au­to­rin­nen ei­nen pra­xis­ori­en­tier­ten Leit­fa­den für die Vor­be­rei­tung von Par­ti­zi­pa­ti­ons­ver­fah­ren und ein Fa­zit, das da­vor warnt, in­sze­nier­te und nicht ernst­ge­mein­te Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren zu­zu­las­sen: „Ge­nau das wol­len wir nicht. Das be­deu­tet, lie­ber kei­ne Be­tei­li­gung, als ei­ne, die nur in­sze­niert ist. Ver­pflich­tung zur Rück­kop­pe­lung und zur ernst­haf­ten Prü­fung al­ler Er­geb­nis­se des Ver­fah­rens ge­hört zu den zen­tra­len Be­din­gun­gen für das Ge­lin­gen von Bür­ger­be­tei­li­gung.“(S. 345) Al­len, die sich mit Par­ti­zi­pa­ti­on be­schäf­ti­gen, ist die­ses Buch ans Herz zu le­gen. Den Au­to­rin­nen ist hier ein groß­ar­ti­ger und fun­dier­ter Weg­wei­ser ge­lun­gen. Bür­ger­be­tei­li­gung

109 Be­nig­haus, Chris­ti­na; Wa­chin­ger, Gi­se­la; Renn, Ort­win: Bür­ger­be­tei­li­gung. Kon­zep­te und Lö­sungs­we­ge für die Pra­xis. Frankfurt/m.: Metz­ner, 2016. 351 S., € 49,95 [D], 51,50 [A] ; ISBN 978-3-8031-2749-5

Ju­gend.stadt.la­bor.

Die ho­he Kunst er­folg­rei­cher Be­tei­li­gungs­po­li­tik be­steht dar­in, je­ne Men­schen zu er­rei­chen, die noch ent­fernt von zi­vil­ge­sell­schaft­li­chem En­ga­ge­ment und Po­li­tik sind. Be­dürf­nis­ori­en­tier­te und ziel­grup­pen­spe­zi­fi­sche Ge­mein­we­sen­ar­beit könn­te den Zu­gang zu die­sen Ziel­grup­pen er­leich­tern. Ge­ra­de Ju­gend­li­che sind schwer für par­ti­zi­pa­ti­ve Pro­ze­se zu ge­win­nen, doch sie wol­len be­we­gen, ver­än­dern und ha­ben ei­nen an­de­ren Blick auf räum­li­che und städ­ti­sche Rea­li­tä­ten. Ent­schei­dun­gen, die in der Stadt- und Raum­pla­nung ge­trof­fen wer­den, un­ter­schei­den sich oft stark von den Vor­stel­lun­gen jun­ger Men­schen. Wie Wün­sche, Ide­en und For­de­run­gen von jun­gen Men­schen nicht nur be­rück­sich­tigt, son­dern pro­ak­tiv in ei­nen par­ti­zi­pa­ti­ven Pro­zess mit ein­ge­bun­den wer­den kön­nen, zeigt die Pu­bli­ka­ti­on Ju­gend.stadt.la­bor des Bun­des­in­sti­tuts für Bau-, Stadt- und Raum­for­schung (BBSR). Die­ses „Ma­ni­fest für of­fe­ne Räu­me“be­stä­tigt die Wich­tig­keit des Do-it-yours­elf An­sat­zes als Bei­trag zur Selbst­er­mäch­ti­gung. Ju­gend.stadt.la­bor ist ein For­schungs­feld im Pro­gramm Ex­pe­ri­men­tel­ler Woh­nungs- und Städ­te­bau (Ex­wost), und die­se Pu­bli­ka­ti­on ist das Er­geb­nis ei­ner mehr­jäh­ri­gen For­schungs­rei­he. Der Fo­kus die­ses For­schungs­pro­jek­tes liegt auf der Bil­dung ei­ner Platt­form für jun­ge Stadt­ent­wick­lung, die städ­te­über­grei­fend ge­nutzt wer­den kann. Ver­schie­de­ne An­sät­ze vor­an­ge­gan­ge­ner Pro­jek­te wer­den hier zu­sam­men­ge­führt, wie et­wa die Stadt­vi­sio­nen von Young Ener­gies, die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Rau­man­eig­nung aus Ju­gend be­lebt Leer­stand, die Ak­ti­vie­rung durch Im­puls­pro­jek­te aus dem Ak­ti­ons­fonds und die Ver­knüp­fung mit der Stadt­pla­nung aus Ju­gend macht Stadt. Sie­ben Jah­re lang hat das BBSR im Auf­trag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Um­welt, Na­tur­schutz, Bau und Re­ak­tor­si­cher­heit (BMUB) das Ge­lin­gen von Ju­gend­par­ti­zi­pa­ti­on un­ter­sucht. Vor­ge­stellt wer­den in die­ser Pu­bli­ka­ti­on ins­ge­samt acht rich­tungs­wei­sen­de Pro­jek­te, die in ver­schie­de­nen deut­schen Städ­ten durch­ge­führt wur­den.

Das En­ga­ge­ment von Ju­gend­li­chen kann für ei­ne nach­hal­ti­ge Stadt- und Quar­tier­s­ent­wick­lung ge­nutzt wer­den, wenn Pro­zes­se rich­tig kon­zi­piert und be­glei­tet und vor al­lem in ein funk­tio­nie­ren­des Netz­werk im­ple­men­tiert wer­den. Un­ter­schied­li­che Mo­del­le und Bot­tom-up An­sät­ze wur­den im Rah­men der vor­ge­stell­ten Pro­jek­te er­probt und um­ge­setzt, mit dem Ziel, ei­ne vi­ta­le und fa­cet­ten­rei­che Ju­gend­be­tei­li­gungs­kul­tur auf­zu­bau­en. Da­bei wur­den zum ei­nen die Be­trof­fe­nen selbst, zum an­de­ren lo­ka­le Ak­teu­re, Ver­wal­tung und Po­li­tik mit ein­be­zo­gen. Ent­stan­den ist da­durch in Sum­me ei­ne sta­bi­le Pro­jekt­platt­form „in Ver­bin­dung mit dy­na­mi­schen Im­puls­pro­jek­ten, die An­sprü­che so­wohl von Ju­gend­li­chen als auch von Ver­wal­tun­gen be­rück­sich­tigt und so neue Schnitt­stel­len für ei­ne dau­er­haf­te Zu­sam­men­ar­beit im Sin­ne ko-pro­duk­ti­ver Stadt­ent­wick­lung er­zeugt.“(S. 7). Ei­ne he­te­ro­ge­ne Struk­tur un­ter­schied­li­cher Ak­teu­rin­nen aus Wirt­schaft, Ver­wal­tung, Po­li­tik und So­zi­al­ein­rich­tun­gen för­dert die so­zia­le In­te­gra­ti­on auf­grund des Zu­sam­men­tref­fens un­ter­schied­li­cher so­zia­ler Grup­pen und Ge­ne­ra­tio­nen. Ge­ra­de Städ­te, die von der Ab­wan­de­rung jun­ger Men­schen be­son­ders be­trof­fen sind, kön­nen von der­ar­ti­gen Initia­ti­ven pro­fi­tie­ren, da die­se die Bin­dung an das ge­gen­wär­ti­ge Le­bens­um­feld för­dern. Der ju­gend­li­che Blick ist un­um­gäng­lich für die Vi­ta­li­sie­rung städ­ti­scher De­mo­kra­tie. Par­ti­zi­pa­ti­on er­mög­licht lo­ka­le Rea­li­tä­ten ken­nen­zu­ler­nen und sie mit­zu­ge­stal­ten. So sind im Rah­men von Ju­gend. Stadt.la­bor De­mo­kra­tie­pro­jek­te ge­gen den Rechts­ruck, die Er­schlie­ßung neu­er Räu­me für Kul­tur, Sport und Be­geg­nung, die Im­ple­men­tie­rung von Re­pair­ca­fés, par­ti­zi­pa­ti­ve Fahr­rad­werk­stät­ten, Zwi­schen­nut­zung von Leer­stän­den und vie­les mehr ent­stan­den. Die­se Pu­bli­ka­ti­on zeigt das gro­ße Po­ten­zi­al und die schier un­end­li­che Krea­ti­vi­tät von jun­gen Men­schen, die Ge­hör, Res­sour­cen und An­er­ken­nung er-

„In den Ju­gend. Stadt.la­bo­ren wer­den Kon­zep­te ent­wi­ckelt, mit de­nen Bran­chen, Leer­stän­de, Quar­tie­re und Re­gio­nen an­ge­eig­net und für jun­ge Men­schen nutz­bar ge­macht wer­den. Da­bei ent­ste­hen Räu­me, die ein be­wuss­tes Mit­ein­an­der för­dern und ei­ne Stär­kung der Stadt, der Kom­mu­nen und der Re­gi­on er­mög­li­chen. Die­se in­halt­lich of­fe­nen Or­te mit mul­ti­funk­tio­na­ler Nut­zung bie­ten Chan­cen für ge­sell­schaft­li­che Er­neue­rungs­pro­zes­se – für vie­le Ge­ne­ra­tio­nen und Wel­t­an­schau­un­gen.“(Ju­gend.stadt.la­bor in 110 , S. 62)

hal­ten. Sie be­nö­ti­gen in ers­ter Li­nie Räu­me, über die sie selbst­be­stimmt ver­fü­gen kön­nen, ob für kul­tu­rel­le und sport­li­che Zwe­cke oder le­bens­na­he, au­ßer­schu­li­sche Bil­dungs­pro­zes­se. Und ge­ra­de die­se Mög­lich­keit zur Selbst­be­stim­mung wür­de das En­ga­ge­ment der Ju­gend­li­chen er­heb­lich för­dern.

Die Pu­bli­ka­ti­on Ju­gend.stadt.la­bor bie­tet auf je­den Fall neue An­re­gun­gen und macht Mut und Lust für die Par­ti­zi­pa­ti­ons­ar­beit mit Ju­gend­li­chen. On­line ver­füg­bar un­ter www.bbsr.bund.de/bbsr/ De/vero­ef­fent­li­chun­gen/son­der­vero­ef­fent­li­chun­gen/2016/ju­gend-stadt-la­bor-dl.pdf

Ju­gend: Par­ti­zi­pa­ti­on 110 Ju­gend.stadt.la­bor. Wie jun­ge Men­schen

Stadt gestal­ten. Hrsg. v. Bun­des­in­sti­tut für Bau-,

Stadt- und Raum­for­schung im Bun­des­amt für Bau­we­sen und Raum­ord­nung. Bonn: Ur­ban

Ca­ta­lyst Stu­dio, 2016. 111 S.

ISBN 978-3-87994-178-0

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