Be­tei­li­gung am ge­lin­gen­den Wan­del

Es gibt vie­le For­men der Be­tei­li­gung: die Teil­nah­me an ei­ner De­mons­tra­ti­on, ei­nem Bür­ge­rin­nen­dia­log, dem Boy­kott be­stimm­ter Kon­sum­waren, dem Ver­fas­sen ei­nes Le­ser­brie­fes, der Ab­ga­be un­se­rer Stim­me an der Wahl­ur­ne, Slow Tra­vel­ling, der Mit­glied­schaft bei e

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Be­tei­li­gung als Qua­li­täts­merk­mal von De­mo­kra­tie

An­ge­li­ka Vet­ter und Uwe Re­mer-bol­low, So­zi­al­wis­sen­schaft­le­rin­nen an der Uni­ver­si­tät Stuttgart, fra­gen nach dem Stel­len­wert von Be­tei­li­gung und ih­rer Be­deu­tung für ei­ne vi­ta­le De­mo­kra­tie. Sie the­ma­ti­sie­ren un­ter an­de­rem die po­li­ti­schen und recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen und em­pi­ri­sche Fak­ten zu den ver­schie­de­nen For­men und Mög­lich­kei­ten der Be­tei­li­gung und ih­re je­wei­li­ge struk­tu­rel­le Ein­bet­tung. Die Au­to­rin­nen ver­mit­teln mit die­sem Lehr­buch de­mo­kra­ti­e­theo­re­ti­sches Grund­la­gen­wis­sen und lie­fern ak­tu­el­le Er­geb­nis­se aus der Par­ti­zi­pa­ti­ons­for­schung.

Be­tei­li­gung de­fi­nie­ren die Au­to­rin­nen als ei­ne Form bür­ger­schaft­li­chen En­ga­ge­ments, wel­ches sich in po­li­ti­sche und so­zia­le Be­tei­li­gung un­ter­tei­len lässt: von der de­mo­kra­ti­schen Wahl, Bür­ger­ent­scheid, dem Boy­kott be­stimm­ter Kon­sum­gü­ter bis hin zu Ur­ban Gar­de­ning-pro­jek­ten. Par­ti­zi­pa­ti­on auf sub­na­tio­na­ler Ebe­ne könn­te ei­ne Ant­wort auf die ge­sell­schaft­li­chen und de­mo­kra­tie­po­li­ti­schen Fol­gen von Post­mo­der­ni­tät und Glo­ba­li­sie­rung sein, denn sie wird als „Mög­lich­keit ge­se­hen, trotz der zu­neh­men­den In­di­vi­dua­li­sie­rungs- und Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zes­se wei­ter­hin zu ge­mein­sa­men Pro­blem­lö­sun­gen zu ge­lan­gen“(S. 4). Be­trach­tet man Par­ti­zi­pa­ti­on al­so aus der eu­ro­päi­schen oder so­gar glo­ba­len Per­spek­ti­ve, so zeigt sich ihr ho­her Stel­len­wert: Mehr Be­tei­li­gung könn­te „Ein­fluss­ver­lus­te der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger auf po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen hö­he­rer Sys­te­me­be­nen kom­pen­sie­ren und ih­nen ein Min­dest­maß an Kon­troll­mög­lich­kei­ten ge­gen­über der Po­li­tik si­chern“(S. 4). Die früh­zei­ti­ge Ein­be­zie­hung von Bür­ge­rin­nen dient dem­nach der Vor­beu­gung post­de­mo­kra­ti­scher Zu­stän­de

und der Schaf­fung von Ak­zep­tanz und Le­gi­ti­mi­tät für be­stimm­te Ent­schei­dun­gen mit dem Ziel der „An­er­ken­nung des re­prä­sen­ta­tiv-de­mo­kra­ti­schen Ord­nungs­mo­dells als sol­ches“(S. 5).

Teil 1 des Bu­ches ver­mit­telt Grund­la­gen­wis­sen zur De­mo­kra­ti­e­theo­rie und be­schäf­tigt sich in Fol­ge mit dem Stel­len­wert von Be­tei­li­gung in der De­mo­kra­tie jen­seits de­mo­kra­ti­scher Wah­len. Die Au­to­rin­nen ge­hen der Fra­ge nach, „wel­che Merk­ma­le aus der Sicht der Po­li­tik­wis­sen­schaft die Qua­li­tät ei­ner De­mo­kra­tie be­stim­men“(S. 15). Ein ein­heit­li­ches De­mo­kra­tie­mo­dell wür­de es nicht ge­ben; viel­mehr un­ter­schie­den sich die De­mo­kra­ti­en in­ner­halb Eu­ro­pas maß­geb­lich in ih­rer Qua­li­tät. Be­tei­li­gung und De­mo­kra­tie be­fin­den sich in ei­nem re­zi­pro­ken Ver­hält­nis und der Stel­len­wert von Bür­ger­be­tei­li­gung könn­te ein Kri­te­ri­um sein, um die Qua­li­tät von De­mo­kra­ti­en zu be­ur­tei­len. Par­ti­zi­pa­ti­ons­for­schung steht im Zen­trum des zwei­ten Teils, in dem di­ver­se For­men von Be­tei­li­gung be­trach­tet, ana­ly­siert und struk­tu­rell zu­ge­ord­net wer­den. Un­ter­schie­den wird et­wa zwi­schen Be­tei­li­gung im Vor­feld po­li­ti­scher Ent­schei­dun­gen und Be­tei­li­gung als po­li­ti­scher Wahl. Auf der ers­ten Ebe­ne zu vero­ten sei et­wa So­zia­les En­ga­ge­ment, wel­ches „für den Zu­sam­men­halt der Ge­sell­schaft und da­mit auch für das po­li­ti­sche Sys­tem“(S. 101) wich­tig ist, je­doch mit ei­ner Dis­tanz zur Po­li­tik statt­fin­det. Nä­her an der eta­blier­ter Po­li­tik an­ge­sie­delt sind hin­ge­gen die mit­ge­stal­ten­den und ko­ope­ra­ti­ven For­men der Bür­ger­be­tei­li­gung, die von der je­wei­li­gen Ver­wal­tung, vor­wie­gend auf lo­ka­ler Ebe­ne, or­ga­ni­siert wer­den. Die­se Ebe­ne der Par­ti­zi­pa­ti­on ist in­for­mell; Bür­ge­rin­nen kön­nen hier Vor­schlä­ge ma­chen und Ide­en ein­brin­gen, da­zu zäh­len dia­lo­gori­en­tier­te For­ma­te wie z. B. Bür­ger­ver­samm­lun­gen, Zu­kunfts­werk­stät­ten, Pla­nungs­zel­len oder Run-

de Ti­sche. Der Bür­ge­rin­nen­pro­test ist ei­ne un­kon­ven­tio­nel­le Be­tei­li­gungs­form und hat in den letz­ten Jah­ren – die Au­to­rin­nen be­zie­hen sich auf Zah­len aus Deutsch­land – wie­der zu­ge­nom­men. De­mons­tra­tio­nen wür­den ei­nen „eta­blier­ten le­gi­ti­men Aus­druck po­li­ti­scher An­lie­gen dar­stel­len, und we­ni­ger Aus­druck ei­nes an­ti­staat­li­chen Ra­di­ka­lis­mus“(S. 166).

Teil drei des Bu­ches be­schäf­tigt sich mit Be­tei­li­gungs­for­men, bei de­nen Bür­ge­rin­nen un­mit­tel­bar in Ent­schei­dun­gen mit ein­be­zo­gen wer­den. So stel­len Wah­len „das zen­tra­le Kenn­zei­chen re­prä­sen­ta­ti­ver De­mo­kra­ti­en“(S. 171) dar und sind auch das Haupt­the­ma des drit­ten Tei­les. Hier wird auf Ur­sa­chen und Aus­wir­kun­gen des Nicht­wäh­lens be­son­de­res Au­gen­merk ge­legt. Das Kon­zept der di­rek­ten De­mo­kra­tie als Er­gän­zung zur re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie wird in die­sem Kon­text eben­falls the­ma­ti­siert. Di­rekt­de­mo­kra­ti­sche Be­tei­li­gungs­for­men soll­ten – so die Emp­feh­lung – wei­ter dis­ku­tiert wer­den, je­doch „soll­ten in je­dem Fall die Licht- und Schat­ten­sei­ten ent­spre­chen­der Re­for­men be­dacht wer­den“(S. 278), da sie die Struk­tur des po­li­ti­schen Pro­zes­ses ver­än­dern wür­den.

Zum Ab­schluss dis­ku­tie­ren die Au­to­rin­nen die Be­tei­li­gungs­qua­li­tät in Zei­ten der Eu­ro­päi­sie­rung und die da­mit ver­bun­de­ne Ab­nah­me des Ein­flus­ses durch den/die Bür­ge­rin auf po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen. Hier be­dür­fe es neu­er Mo­del­le der Im­ple­men­tie­rung auf na­tio­nal­staat­li­cher Ebe­ne. Zur Dis­kus­si­on et­wa steht die Mög­lich­keit der In­te­gra­ti­on dia­lo­gori­en­tier­ter Be­tei­li­gungs­for­ma­te in das be­ste­hen­de re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie­mo­dell. Denn das Ziel soll­te sein, das „Han­deln der Re­prä­sen­tan­ten (Agen­ten) in ei­ne mög­lichst gro­ße Über­ein­stim­mung mit den In­ter­es­sen der Re­prä­sen­tier­ten (Prin­zi­pal)“(S. 305) zu brin­gen.

Ein fun­dier­tes und um­fang­rei­ches Lehr­buch für al­le, die sich zum The­ma Par­ti­zi­pa­ti­on in­for­mie­ren möch­ten. Bür­ger­be­tei­li­gung: De­mo­kra­tie

130 Vet­ter, An­ge­li­ka ; Re­mer-bol­low, Uwe: Bür­ger und Be­tei­li­gung in der De­mo­kra­tie. Ei­ne Ein­füh­rung. Wies­ba­den: Sprin­ger, 2017. 331 S., € 29,99 [D], 30,83 [A] ; ISBN 978-3-658-13721-2

Wie wol­len wir le­ben?

Bar­ba­ra No­theg­ger er­zählt mit „Sie­ben Stock Dorf“die Ge­schich­te ei­nes al­ter­na­ti­ven Wohn­pro­jekts in Wi­en aus per­sön­li­cher Er­fah­rung; sie bie­tet da­mit ei­ne Fül­le kri­ti­scher und brauch­ba­rer In­for­ma­tio­nen. Groß­ge­wor­den ist die Au­to­rin in ei­nem ober­ös­ter­rei­chi­schen Dorf und in ei­nem el­ter­li­chen Be­trieb. Trotz der we­ni­gen Zeit, die ih­re El­tern für sie hat­ten, er­fuhr sie als Kind Frei­heit und gleich­zei­tig Ge­bor­gen­heit durch die Dorf­ge­mein­schaft. Als ihr ers­tes Kind un­ter­wegs war, träum­te sie von die­sem dörf­li­chen Le­ben mit Spiel- und Frei­zeit­mög­lich­kei­ten, ab­seits vom städ­ti­schen Ver­kehr. Die ur­ba­ne Alt­bau­woh­nung im Zen­trum Wi­ens war von nun an nicht mehr der idea­le Le­bens­ort, doch den Plan aufs Land zu zie­hen, ga­ben sie und ihr Part­ner bald auf. Zu­fäl­lig er­fuhr die Wirt­schafts­und Im­mo­bi­li­en­jour­na­lis­tin von ei­nem ge­plan­ten Wohn­pro­jekt am Ge­län­de des auf­ge­las­se­nen Wie­ner Nord­bahn­ho­fes. Die­ses Pro­jekt wür­de – so stell­te sie fest – ih­ren Vor­stel­lun­gen ent­spre­chen: ein be­wuss­tes Le­ben im Kol­lek­tiv, nach­hal­tig, öko­lo­gisch und res­sour­cen­scho­nend, mit viel Platz für Kin­der. Seit 2013 lebt sie nun mit ih­rer Fa­mi­lie im „Wohn­pro­jekt Wi­en“im zwei­ten Be­zirk, das ein Vor­zei­ge­pro­jekt für ko­ope­ra­ti­ves Woh­nen im deutsch­spra­chi­gen Raum dar­stellt.

Das mehr­fach preis­ge­krön­te Wohn­pro­jekt wur­de un­ter der Fe­der­füh­rung ei­nes Ar­chi­tek­ten ge­plant, der die rund 100 Be­woh­ner und Be­woh­ne­rin­nen von An­fang an in die Pla­nung mit ein­be­zo­gen hat. Die Woh­nun­gen ste­hen im Ei­gen­tum des „Ver­eins für nach­hal­ti­ges Le­ben“, dem al­le Mie­te­rin­nen an­ge­hö­ren. Auf die­se Wei­se will man ga­ran­tie­ren, dass die Woh­nun­gen dau­er­haft fern vom frei­en Im­mo­bi­li­en­markt ge­hal­ten wer­den. Die Qua­drat­me­ter­prei­se sind mo­de­rat, da­für muss ein Haus­halt je­weils 11 St­un­den pro Mo­nat für das kol­lek­ti­ve Zu­sam­men­le­ben bei­tra­gen, was die Be­triebs­kos­ten deut­lich ver­rin­gert. Die Woh­nun­gen selbst sind nicht groß, doch den Be­dürf­nis­sen der Be­woh­ne­rin­nen an­ge­passt. Es gibt zahl­rei­che Ge­mein­schafts­räu­me und -flä­chen, ein Car­sha­ring­sys­tem und ge­mein­sam nutz­ba­re Las­ten­rä­der. Be­reits in der Pla­nungs­pha­se war die Ge­mein­schaft so­zio­kra­tisch or­ga­ni­siert, da­her gibt es auch kla­re Zu­stän­dig­kei­ten. Ent­schei­dun­gen wer­den meist nicht in der Ge­samt­grup­pe, son­dern in spe­zi­el­len Ar­beits­krei­sen be­spro­chen, die Lei­te­rin­nen der je­wei­li­gen Ar­beits­krei­se brin­gen das Be­spro­che­ne in den Lei­tungs­kreis, wo die Ent­schei­dun­gen letzt­end­lich ge­trof­fen wer­den.

„Sie­ben Stock Dorf“bie­tet viel Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on über die Ent­ste­hung des Wohn­pro­jek­tes Wi­en. Die Au­to­rin stellt Ver­glei­che zu an­de­ren, ähn­li­chen Wohn­pro­jek­ten her, be­schreibt die Schwie­rig­kei­ten, die es in der Pla­nungs-, Bau und ers­ten Wohn­pha­se ge­ge­ben hat, und zwar in pla­ne­ri­scher, tech­ni­scher, fi­nan­zi­el­ler und zwi­schen­mensch­li­cher Hin­sicht. Sie schil­dert un­ter­halt­sam und hu­mor­voll ih­re Eu­pho­rie, aber auch per­sön­li­che Her­aus­for­de­run­gen, ih­re Zwei­fel und Ängs­te. No­theg­ger ro­man­ti­siert nicht, sie hebt Vor- und Nach­tei­le her-

„Wäh­rend die ak­tu­el­le Dis­kus­si­on über Bür­ger­be­tei­li­gung vor­wie­gend Be­tei­li­gungs­mo­di dis­ku­tiert, die dem par­ti­zi­pa­ti­ven De­mo­kra­tie­mo­dell zu­ge­rech­net wer­den kön­nen, ma­chen die­se Über­le­gung deut­lich, dass die Dis­kus­si­on um die mit dem re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie­mo­dell kor­re­s­po­nie­ren­den Be­tei­li­gungs­mo­di nicht ver­nach­läs­sigt wer­den darf.“

(A. Vet­ter u. U. Rem­mer-bol­low in 130 ,S. 308)

vor, the­ma­ti­siert das Ri­si­ko ei­ner „öko­lo­gi­schen Dik­ta­tur“und die Son­nen- und Schat­ten­sei­ten des Wohn­pro­jek­tes als „ku­sche­li­gem Rück­zugs­ort der Mit­tel­schicht“(S. 153). Auch zu an­de­ren Wohn­pro­jek­ten hat sie re­cher­chiert und lie­fert so­mit ei­nen gu­ten Ein­blick und sym­pa­thi­schen Weg­wei­ser in die Welt al­ter­na­ti­ver Wohn­for­men. Sehr le­sens­wert! Wohn­ex­pe­ri­men­te

131 No­theg­ger, Bar­ba­ra: Sie­ben Stock Dorf. Wohn­ex­pe­ri­men­te für ei­ne bes­se­re Zu­kunft. Wi­en: Re­si­denz-verl., 2017. 175 S., € 19,- [D, A]

ISBN 9783701734092

Zu­kunfts­al­ma­nach 2017/18

58 Ge­schich­ten des Ge­lin­gens über en­ga­gier­te Men­schen, die den Wan­del nicht auf der Wohn­zim­mer­couch her­bei­seh­nen, son­dern ihn ak­tiv vor­an­trei­ben. In­di­vi­du­ell be­trach­tet sind es kei­ne Me­ga-pro­jek­te, doch die Sum­me all die­ser Ge­schich­ten ist we­sent­lich und ih­re Krea­ti­vi­tät hin­ter­lässt über­wie­gend ein Ge­fühl des Stau­nens. Der Zu­kunfts­al­ma­nach will in­spi­rie­ren und Nach­ah­mer ge­win­nen.

Die Stif­tung für Zu­kunfts­fä­hig­keit FUTURZWEI prä­sen­tiert mit ih­rem drit­ten Zu­kunfts­al­ma­nach Mut ma­chen­de und mo­ti­vie­ren­de Pro­jek­te aus der gan­zen Welt. Der Fo­kus des Ban­des liegt auf dem The­ma Stadt. Vor­ge­stellt wer­den be­reits um­ge­setz­te Pro­jek­te des ge­lin­gen­den Wan­dels aus Deutsch­land, Österreich und der Schweiz. Da FUTURZWEI mit dem Goe­the-in­sti­tut das in­ter­na­tio­na­le Pro­jekt FUTURPERFECT in­iti­iert hat, wer­den in die­ser Aus­ga­be erst­mals auch Pro­jek­te an­de­rer Län­der vor­ge­stellt, da­bei ver­las­sen wir den eu­ro­päi­schen Kon­ti­nent und be­ge­ben uns nach Ägyp­ten, Aus­tra­li­en, Nord- und Süd­ame­ri­ka und nach Chi­na. Vor den Vor­hang ge­holt wer­den Initia­ti­ven ge­gen die zu­neh­men­de Gen­tri­fi­zie­rung, die Zu­nah­me des In­di­vi­du­al­ver­kehrs und ge­gen ei­ne Stadt­pla­nung ab­seits von Par­ti­zi­pa­ti­on und Nach­hal­tig­keit. Im Mit­tel­punkt die­ser Ge­schich­ten des Ge­lin­gens ste­hen Mensch und Na­tur. Al­ter­na­ti­ve Wirt­schafts- und Wohn­mo­del­le, Ur­ban Gar­de­ning und Slow Tra­vel­ling-initia­ti­ven aus nah und fern. Trotz zu­neh­men­der Di­gi­ta­li­sie­rung wür­den die Men­schen ana­lo­ge We­sen blei­ben, die in ei­nem Aus­tausch mit Na­tur­res­sour­cen exis­tie­ren, so Ha­rald Wel­zer, Mit­her­aus­ge­ber des Zu­kunfts­al­ma­nachs 2017/18. Die 58 Ge­schich­ten für ei­nen ge­lin­gen­den Wan­del lie­fern den Be­weis. Zi­vil­ge­sell­schaft­li­ches En­ga­ge­ment be­nö­tigt die pas­sen­den Rah­men­be­din­gun­gen, ei­ne de­mo­kra­tisch-li­be­ra­le Ge­sell­schafts­struk­tur ist Vor­aus­set­zung für fried­li­ches En­ga­ge­ment. „Frei­heit ist der Aus­gangs­punkt für je­des En­ga­ge­ment“(S. 14). Da­mit un­se­re ge­sell­schaft­li­chen und so­zia­len Struk­tu­ren, De­mo­kra­tie, Rechts­staat­lich­keit und Frei­heit in der ge­gen­wär­ti­gen Form zu­min­dest er­hal­ten wer­den kön­nen, braucht es ei­ne neue Form des wirt­schaft­li­chen Han­delns, so Wel­zer.

Stadt­ent­wick­lung: Pro­jek­te 132 FUTURZWEI Zu­kunfts­al­ma­nach 2017/18. Ge­schich­ten vom gu­ten Um­gang mit der Welt. Hrsg. v. Da­na Gies­ecke ... Frankfurt/m.: Fi­scher, 2016. 496 S., € 16,99 [D], 17,50 [A] ; ISBN 978-3-596-03693-6

Nach­hal­ti­ge Kom­mu­nal­po­li­tik

Das ur­ba­ne Flä­chen­wachs­tum und der Aus­stoß gif­ti­ger Ab­ga­se be­dür­fen drin­gend ei­ner Be­gren­zung, um un­se­re na­tür­li­chen Le­bens­grund­la­gen zu be­wah­ren. Hier sind die Stadt- und Raum­pla­nung und die po­li­ti­sche Ebe­ne ge­for­dert, den Weg für pro­gres­si­ve und nach­hal­ti­ge Kon­zep­te zu be­rei­ten. Die Be­völ­ke­rung un­ter dem Aspekt der Mo­bi­li­tät, Be­dürf­nis­viel­falt und ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fen­der Le­bens­qua­li­tät mit ein­zu­be­zie­hen, er­scheint hier un­um­gäng­lich.

Jo­han­nes Mey­er, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Städ­te­bau an der Uni­ver­si­tät Wup­per­tal, be­schäf­tigt sich mit ent­spe­ch­en­den Städ­te­pla­nungs­kon­zep­ten und bie­tet mit sei­ner jüngs­ten Ver­öf­fent­li­chung in­ter­es­san­te Lö­sungs­an­sät­ze, Kon­zep­te und Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on für ei­ne nach­hal­ti­ge Stadt- und Ver­kehrs­pla­nung. Ei­ne Pla­nung oh­ne Nicht­ein­be­zie­hung der Bür­ge­rin­nen ist per Ge­setz kaum mög­lich und wenn doch, dann fol­gen meist Pro­tes­te. Zu­min­dest die be­trof­fe­nen Grund­ei­gen­tü­mer ha­ben die Mög­lich­keit, an Bau­leit­plä­nen mit­zu­wir­ken. Sie sind in ei­nem re­la­tiv frü­hen Sta­di­um über Um­fang, Ziel und Zweck des Bau­vor­ha­bens zu in­for­mie­ren. Als In­stru­ment der Be­tei­li­gung wird ger­ne die Bür­ger­an­hö­rung ein­ge­setzt, in der Bür­ge­rin­nen zu­erst in­for­miert wer­den und dann die Mög­lich­keit für Fra­gen und Kri­tik ge­ge­ben ist, so Mey­er. Be­den­ken und Wün­sche kön­nen im wei­te­ren Pla­nungs­ver­lauf be­rück­sich­tigt wer­den, müs­sen sie aber nicht: „ein Recht auf Be­rück­sich­ti­gung ih­rer Ein­ga­ben ha­ben die Bür­ger eben­so we­nig wie die am Ver­fah­ren be­tei­lig­ten Be­hör­den“(S. 63). Die ge­sam­te Pla­nung und Durch­füh­rung wird von Sei­ten der Ge­mein­den meist den Bau­trä­gern über­las­sen, Bür­ger und Bür­ge­rin­nen wür­de zwar Ge­le­gen­heit ge­ge­ben Stel­lung zu be­zie­hen, in der Pra­xis wä­ren je­doch meist die Fris­ten da­für zu knapp. Ur­sprüng­lich war die Be­tei­li­gung der Öf­fent­lich­keit an der Er­stel­lung von Bau­leit­plä­nen als Ge­le­gen­heit für die Bür­ge­rin­nen­schaft ge­dacht, sich zu be­tei­li­gen und Ei­ge­nin-

„Das Le­ben ist zu kurz, um schnell zu rei­sen. Doch lan­ge ge­nug, um rie­si­ge öko­lo­gi­sche Fuß­ab­drü­cke zu hin­ter­las­sen.” (FUTURZWEI in 132 , S. 156)

ter­es­sen vor­zu­brin­gen. Die Rea­li­tät zei­ge je­doch, dass Par­ti­zi­pa­ti­on mehr in Form mas­sen­haf­ter Bür­ger­pro­tes­te, z. B. ge­gen Land­schafts­zer­stö­rung statt­fin­det, so der Au­tor. Mit­wir­kungs­rech­te der Öf­fent­lich­keit in der Bau­pla­nung wur­den in Deutsch­land in den 1990er Jah­ren ein­ge­schränkt, Ge­set­ze ma­chen es der Be­völ­ke­rung zu­neh­mend schwe­rer, sich an Pla­nungs­pro­zes­sen zu be­tei­li­gen, die öf­fent­li­chen Aus­le­gun­gen fin­den oft­mals re­la­tiv kurz­fris­tig statt, so­dass ei­ne pro­fes­sio­nel­le Stel­lung­nah­me sei­tens der Bür­ge­rin­nen­in­itia­ti­ven fast un­mög­lich sei. Be­dingt durch die Durch­set­zung der Ener­gie­wen­de wür­den Bür­ger­pro­tes­te in Zu­kunft auf­grund vie­ler zu­sätz­li­cher Hoch­span­nungs­lei­tun­gen und Was­ser­kraft­wer­ke nicht ab-, son­dern eher zu­neh­men, ist Mey­er über­zeugt.

Stadt­ent­wick­lung: Nach­hal­tig­keit 133 Mey­er, Jo­han­nes : Nach­hal­ti­ge Kom­mu­nal­po­li­tik ist mög­lich. Zur Durch­set­zung ei­ner nach­hal­ti­gen Stadt- und Ver­kehrs­pla­nung. Mün­chen: oe­kom­verl., 2017. 134 S., € 22,95 [D], 23,60 [A]

ISBN 978-3-96006-002-4

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