Fai­re Glo­ba­li­sie­rung

Dass die ge­gen­wär­ti­ge Welt­wirt­schafts­ord­nung eher ei­nem Ne­ofeu­dal­sys­tem als ei­ner Welt-de­mo­kra­tie ent­spricht, be­le­gen die mitt­ler­wei­le zu­hauf pu­bli­zier­ten Fak­ten. Zu­neh­men­der Kon­zen­tra­ti­on des Reich­tums bei den We­ni­gen steht die Ver­ar­mung vie­ler Aus­ge­gren

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Ge­gen die kan­ni­ba­li­sche Wel­t­ord­nung

Wer von Je­an Zieg­lers ak­tu­el­lem Buch, er­schie­nen in sei­nem 83sten Le­bens­jahr, al­lein ei­ne Rück­schau auf sein Le­ben er­war­tet, kennt den Au­tor nicht. Auch wenn es dar­in um sei­ne „ge­won­ne­nen und ver­lo­re­nen Kämp­fe“geht, blickt Zieg­ler in die Zu­kunft, zu je­nen Kämp­fen, „die wir ge­mein­sam ge­win­nen wer­den“, wie es im Un­ter­ti­tel des Ban­des heißt.

Zieg­ler ver­fasst ei­ne Art Hom­mage an die Ver­ein­ten Na­tio­nen, der er seit vie­len Jah­ren – zu­nächst als Son­der­be­richt­er­stat­ter für das Recht auf Nah­rung, nun als Vi­ze­prä­si­dent des Be­ra­ten­den Aus­schus­ses des Men­schen­rechts­ra­tes – an­ge­hört. Er sieht durch­aus die Schwä­chen die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on, ist aber über­zeugt, dass es kei­ne Al­ter­na­ti­ve zu ihr gibt, um ge­gen Hun­ger, Ge­walt und Krieg an­zu­ge­hen. Wäh­rend die Neu­ord­nung der Welt 1945 die all­ge­mei­ne Ga­ran­tie der Men­schen­rech­te und die Ver­wirk­li­chung so­zia­ler Ge­rech­tig­keit so­wie der Sou­ve­rä­ni­tät al­ler Völ­ker in Aus­sicht ge­stellt ha­be, sei die­se durch die glo­ba­len Kon­zer­ne und das in­ter­na­tio­na­le Fi­nanz­ka­pi­tal zu­se­hends un­ter­gra­ben wor­den, so Zieg­lers zen­tra­le The­se. Mehr als 54 Mil­lio­nen Men­schen sei­en 2016 auf den „Schlacht­fel­dern des Hun­gers“gestor­ben, fast so vie­le wie in den sechs Jah­ren des Zwei­ten Welt­kriegs. Wie in frü­he­ren Bü­chern spricht Zieg­ler von ei­nem „Drit­ten Welt­krieg ge­gen

die Völ­ker der Drit­ten Welt“und von ei­ner „kan­ni­ba­li­schen Wel­t­ord­nung“. „Die Welt be­fin­det sich in ei­ner Teu­fels­spi­ra­le“, meint er an ei­ner Stel­le und be­legt dies mit Zah­len: „Die Fi­nan­zund Wirt­schafts­kraft der 562 reichs­ten Per­so­nen der Welt ist zwi­schen 2010 und 2015 um 41 Pro­zent an­ge­wach­sen, wäh­rend die der 3 Mil­li­ar­den ärms­ten Men­schen um 44 Pro­zent ab­ge­nom­men hat.“(S. 46)

Als we­sent­li­che Ur­sa­chen der Mi­se­re be­nennt Zieg­ler die Kon­zen­tra­ti­on der Wirt­schaft auf gro­ße Kon­zer­ne, den mo­der­nen Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus so­wie die Ver­schul­dungs­fal­le. Ein ei­ge­nes Kapitel wid­met er den so­ge­nann­ten „Gei­er­fonds“, die in Steu­er­pa­ra­die­sen sit­zen und sich auf den An­kauf von Schuld­ti­teln von Staa­ten zu Ram­sch­prei­sen spe­zia­li­siert ha­ben. Zieg­ler schil­dert, wie ein von ihm für den Men­schen­rechts­bei­rat er­ar­bei­te­ter Ent­wurf zum Ver­bot die­ser Fonds zu Fall ge­bracht wur­de und wie dies mit der Ab­wahl der Links­ko­ali­ti­on in Ar­gen­ti­ni­en 2015 zu­sam­men­hängt (die­se woll­te als ers­tes Land die Be­din­gun­gen der Gei­er­fonds nicht mehr ak­zep­tie­ren). Hef­ti­ge Kri­tik übt Zieg­ler auch an der Eu­ro­päi­schen Uni­on, die an­ders als sich das ih­re Grün­der vor­ge­stellt hat­ten, zu ei­ner „Clea­ring­stel­le“im In­ter­es­se trans­na­tio­na­ler Kon­zer­ne ver­kom­men sei (S. 49). Im Ab­schnitt „Die Im­pe­ria­le Stra­te­gie“legt Zieg­ler die un­rühm­li­che Rol­le der USA in vie­len Kon­flikt­her­den – von Hi­ro­shi­ma und Viet­nam über Latein­ame­ri­ka bis hin zum Na­hen Os­ten – dar. Ins-

„Der In­tel­lek­tu­el­le ist ein Pro­du­zent von sym­bo­li­schen Gü­tern, von Be­wusst­seins­in­hal­ten. In dem Ma­ße, wie sei­ne sym­bo­li­schen Gü­ter – Be­grif­fe, Theo­ri­en, Ana­ly­sen – den Volks­be­we­gun­gen die­nen, ge­winnt er sei­ne Nütz­lich­keit.“

(Je­an Zieg­ler in 134 , S. 92)

„Um ein zu gro­ßes Aus­ein­an­der­drif­ten von Arm und Reich zu kor­ri­gie­ren, ist ei­ne pro­gres­si­ve Be­steue­rung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen, und zwar der in­di­vi­du­el­len, welt­wei­ten Ein­kom­men und Ver­mö­gen, un­er­läss­lich.” (Gerd Mül­ler in 135 , S. 150)

be­son­de­re ei­ne Schlüs­sel­fi­gur der Us-au­ßen­po­li­tik wird da­bei mit ei­nem har­ten Ur­teil ver­se­hen: „Nach al­len Kri­te­ri­en des in­ter­na­tio­na­len Rechts, der Men­schen­rech­te und des Hu­ma­ni­tä­ren Völ­ker­rechts ist Hen­ry Kis­sin­ger ein Kriegs­ver­bre­cher. Ei­ner der schlimms­ten sei­ner Ge­ne­ra­ti­on.“(S. 115)

Im Kapitel über sei­ne Sicht­wei­se zu den Kon­flik­ten im Na­hen Os­ten (und der trotz al­ler Wid­rig­kei­ten po­si­ti­ven Rol­le der Un-blau­hel­me) geht Zieg­ler auch auf das ihm mehr­fach vor­ge­wor­fe­ne Na­he­ver­hält­nis zu Sad­dam Hus­sein und Mu­ha­mar Gad­da­fi ein. Er schil­dert de­ren Wan­del von Re­vo­lu­tio­nä­ren und Gestal­tern ih­rer Län­der zu ag­gres­si­ven und selbst­süch­ti­gen Dik­ta­to­ren, von de­nen er sich früh dis­tan­ziert hat.

Re­sü­mee: Das Buch gibt Ein­blick in das En­ga­ge­ment ei­nes gro­ßen Hu­ma­nis­ten und Kämp­fers für die Men­schen­rech­te. Es lebt von den po­li­ti­schen Ana­ly­sen und den Schil­de­run­gen Zieg­lers so­zu­sa­gen aus „ers­ter Hand“als Un-mit­ar­bei­ter. Da­bei er­fährt man auch das ei­ne oder an­de­re Per­sön­li­che, et­wa über Zieg­lers frü­he Be­ein­flus­sung durch Je­an Paul Sart­re und dass Si­mo­ne de Be­au­voir sein ers­tes Buch kri­tisch lek­t­o­riert hat. Von ei­ner Jour­na­lis­tin kurz vor Er­schei­nen sei­nes (bis­lang) letz­ten Bu­ches dar­auf an­ge­spro­chen, war­um er für ei­ne der­art wi­der­sprüch­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on wie die UNO ar­bei­te, ant­wor­te­te Zieg­ler, dass er „sub­ver­si­ve In­te­gra­ti­on“(S. 91) prak­ti­zie­re. Ei­ne tref­fen­de Be­schrei­bung ei­nes In­tel­lek­tu­el­len und Po­li­ti­kers, der als mah­nen­des Ge­wis­sen un­se­rer Wohl­stands­zi­vi­li­sa­ti­on in die Ge­schich­te ein­ge­hen wird. Men­schen­rech­te

134 Zieg­ler, Je­an: Der schma­le Grat der Hoff­nung. Mei­ne ge­won­ne­nen und ver­lo­re­nen Kämp­fe und die, die wir ge­mein­sam ge­win­nen wer­den. Mün­chen: Ber­tels­mann, 2017. 320 S., € 19,90 [D], 20,60 [A] ISBN 978-3-570-10328-9

Ge­rech­te Glo­ba­li­sie­rung

„Wir soll­ten die Glo­ba­li­sie­rung dort vor­an­trei­ben, wo es sinn­vol­le Sy­ner­gie­ef­fek­te gibt. Wo das nicht der Fall, soll­ten wir na­tio­na­le und re­gio­na­le Struk­tu­ren nut­zen“, so Gerd Mül­ler, seit 2013 deut­scher Bun­des­mi­nis­ter für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung, in dem Band „Un­fair. Für ei­ne ge­rech­te Glo­ba­li­sie­rung“(Zi­tat S. 60). Mül­ler be­schreibt dar­in sei­ne Er­fah­run­gen als „Ent­wick­lungs­mi­nis­ter“so­wie sei­nen An­satz ei­ner nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung. Das glo­ba­le Agro­busi­ness ge­hört für ihn nicht da­zu, wie er am Bei­spiel „So­ja­pro­duk­ti­on“in Latein­ame­ri­ka und sei­nem Pen­dant, der in­dus­tri­el­len Fleisch­pro­duk­ti­on, be­schreibt. Und auch nicht die mo­der­ne Ver­schleiß­wirt­schaft und au­to­zen­trier­te Mo­bi­li­tät. Bei­des sei nicht glo­ba­li­sier­bar. Mül­ler schil­dert Al­ter­na­tiv­an­sät­ze: et­wa ei­ne Initia­ti­ve des Ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­ums „für ei­ne neue Mo­bi­li­tät“, in der Städ­te des Sü­dens in der Um­set­zung ei­nes für al­le leist­ba­ren öf­fent­li­chen Ver­kehrs un­ter­stützt wer­den. Tech­no­lo­gie­trans­fer soll den Län­dern des Sü­dens den Ein­stieg in er­neu­er­ba­re Ener­gi­en er­mög­li­chen, wie das Bei­spiel ei­nes gro­ßen So­lar­parks in Ma­rok­ko zeigt.

Ei­nen ge­wich­ti­gen Teil des Bu­ches wid­met Mül­ler den glo­ba­len Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen, in de­nen er ei­ne der zen­tra­len Her­aus­for­de­run­gen des 21. Jahr­hun­derts sieht – eben, weil sie auch die rei­chen Län­der tan­gie­ren. Der Mi­nis­ter for­dert von den Län­dern der Eu­ro­päi­schen Uni­on mehr Be­reit­schaft, Kriegs­flücht­lin­ge auf­zu­neh­men. Der Sog, der aus den Un­ter­schie­den zwi­schen Arm und Reich ent­steht, kön­ne aber nicht mit of­fe­nen Gren­zen ge­löst wer­den: „Un­ab­hän­gig da­von, ob wir die ‘Ober­gren­ze’ bei 200.000, bei ei­ner Mil­li­on oder fünf Mil­lio­nen se­hen, löst dies das Pro­blem von Flucht und Ver­trei­bung nicht.“(S. 44) Die­se Pro­ble­me sei­en nur durch ei­ne „neue Di­men­si­on der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit“(S. 46) an­zu­ge­hen. Ge­mein­sam mit dem Se­nat für Wirt­schaft, mit dem das Buch er­stellt wur­de, schlägt Mül­ler ei­nen „Glo­bal Mar­shall Plan mit Afri­ka“vor. Sein Ziel lau­tet: „Wert­schöp­fung vor Ort statt Aus­beu­tung des Kon­ti­nents.“(S.116) Afri­kas Ju­gend be­nö­ti­ge je­des Jahr 20 Mil­lio­nen Ar­beits­plät­ze, so Mül­ler, dies schaf­fe nicht die staat­li­che Sei­te, „son­dern letzt­lich nur die Wirt­schaft“in Ver­bin­dung mit ei­nem „fai­ren Han­del“(ebd.). Dass wir bis­her weit da­von ent­fernt sind, be­stä­tigt auch Mül­ler in sei­nem Aus­blick auf ei­ne welt­wei­te öko­so­zia­le Markt­wirt­schaft. Die mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne müss­ten viel mehr in die Pflicht ge­nom­men wer­den und die ge­sam­ten Wert­schöp­fungs­ket­ten zer­ti­fi­zie­ren und kon­trol­lie­ren las­sen. Zu­dem sei es Auf­ga­be der Staa­ten­ge­mein­schaft, ein trans­pa­ren­tes welt­wei­tes Steu­er­kon­troll­sys­tem um­zu­set­zen.

Franz-jo­sef Radermacher setzt in der Ein­lei­tung zum Buch dar­auf, dass die Welt­fi­nanz­kri­se ein Um­den­ken er­mög­li­chen kön­ne. Mitt­ler­wei­le wer­de im öf­fent­li­chen Raum wie­der aus­ge­spro­chen, „was in der Sa­che schon im­mer klar war, dass wir näm­lich ei­nen star­ken Staat und ei­ne ord­nen­de Hand für die Wirt­schaft brau­chen“(S. 8). Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit glei­che heu­te ei­ner „nach­ge­ord­ne­ten Re­pa­ra­tur­werk­statt“, die „Pflas­ter auf Wun­den klebt, die wir zu­vor auf-

ge­ris­sen ha­ben“(S. 9). Wie die der­zei­ti­ge in­ter­na­tio­na­le Fi­nanz­ar­chi­tek­tur Kor­rup­ti­on und In­trans­pa­renz un­ter­stützt, macht Radermacher an dem Um­stand deut­lich, dass „je­des Jahr mehr als 50 Mil­li­ar­den Us-dol­lar über il­le­ga­le Ka­pi­tal­flüs­se aus Afri­ka in Steu­er­pa­ra­die­se hin­aus­ge­schleust wer­den“(S. 9).

Ein wich­ti­ges Buch mit den rich­ti­gen An­sät­zen, die wohl nur ei­ne Um­set­zungs­chan­ce ha­ben, wenn der zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Druck welt­weit wächst, die vie­len Klein- und Mit­tel­un­ter­neh­men ein­ge­schlos­sen, die nach wie vor das Rück­grat der re­gio­na­len Wirt­schaft bil­den. Glo­ba­li­sie­rung

135 Mül­ler, Gerd: Un­fair. Für ei­ne ge­rech­te Glo­ba­li­sie­rung. Hamburg: Mur­mann, 2017. 191 S., € 19,90 [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-86774-579-6

Ethi­scher Welt­han­del

Was Franz Jo­sef Radermacher oben an­deu­tet, führt Chris­ti­an Fel­ber in sei­nem neu­en Buch an­hand ei­ner auf­schluss­rei­chen Ana­ly­se über die Ge­schich­te des Frei­han­dels aus: al­le heu­te er­folg­rei­chen Volks­wirt­schaf­ten hät­ten sich in der An­fangs­pha­se mit Zöl­len ge­gen Bil­lig­kon­kur­renz des Aus­lan­des ge­schützt. Nun wür­den die rei­chen Staa­ten, ver­kör­pert durch die WTO, von den är­me­ren for­dern, ih­re Märk­te zu öff­nen: „Wein pre­di­gen, Was­ser trin­ken“nennt Fel­ber die­se Dop­pel­mo­ral.

Fel­ber wi­der­legt die Dog­men der „Frei­han­dels­re­li­gi­on“(S. 18), et­wa die Theo­rie der kom­pa­ra­ti­ven Kos­ten­vor­tei­le (ein Bei­spiel: „mehr als die Hälf­te des Welt­han­dels [ist] Red­un­danz­han­del. Ex­port und Im­port von Au­tos von und nach Ja­pan, Deutsch­land, Frank­reich und den USA“, S. 28), und er zeigt Schwach­stel­len auf, et­wa die Leug­nung un­glei­cher Han­dels­bi­lan­zen als Pro­blem-ver­schär­fer („2015 hat­ten welt­weit 62 Län­der ei­nen Han­dels­bi­lanz-über­schuss, 123 Län­der ein De­fi­zit.“S. 39). Ganz zu schwei­gen von den öko­lo­gi­schen Kos­ten et­wa durch die ex­plo­die­ren­den Trans­port­vo­lu­mi­na (der Welt­han­del ist von 1950 bis 2002 um das 22-fa­che ge­stie­gen bei ei­ner Ver­sie­ben­fa­chung der Welt­wirt­schafts­leis­tung, S. 44).

An vie­len Bei­spie­len legt Fel­ber dar: „Frei­han­del zwi­schen Un­glei­chen ver­grö­ßert die Un­gleich­heit“(S. 46) – und zwar zwi­schen den Staa­ten und in­ner­halb die­ser. Der Stand­ort­wett­be­werb füh­re zu ei­ner Ab­wärts­spi­ra­le: „Nicht Un­ter­neh­men kon­kur­rie­ren um die bes­te Qua­li­tät und den nied­rigs­ten Preis, son­dern Ge­mein­we­sen (Staa­ten, De­mo­kra­ti­en) um die güns­tigs­ten Be­din­gun­gen

für In­ves­to­ren.“(S. 54) Dies füh­re zu ei­ner his­to­risch ein­ma­li­gen Macht­kon­zen­tra­ti­on und der Aus­hö­hung der De­mo­kra­ti­en, was der Au­tor an be­ste­hen­den (et­wa Mer­co­sur) und ge­plan­ten Frei­han­dels­ab­kom­men (TTIP und CETA) aus­führt. Fel­bers Fa­zit: „Nicht Län­der sind die Ge­win­ner des glo­ba­len Ge­gen­ein­an­ders, son­dern trans­na­tio­na­le Un­ter­neh­men und ver­mö­gen­de Eli­ten, wel­che die­se kon­trol­lie­ren und zu­neh­mend kon­zen­triert be­sit­zen.“(S. 60)

Kri­te­ri­en für ethi­schen Welt­han­del

Was wä­ren die Al­ter­na­ti­ven? Fel­ber nennt zwölf Be­din­gun­gen für ein funk­tio­nie­ren­des Frei­han­dels­sys­tem (S. 71f.): glo­ba­le Pro­duk­ti­ons­pla­nung und aus­ge­gli­che­ne Han­dels­bi­lan­zen, sta­bi­le Wech­sel­kur­se und ein­ge­schränk­ter Ka­pi­tal­ver­kehr, glei­che Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen (sprich glei­che „Trans­ak­ti­ons­kos­ten“, z. B. an­ge­mes­se­ne Glo­bal-löh­ne) und öko­lo­gi­sche Kos­ten­wahr­heit zäh­len da­zu eben­so wie Nicht-re­zi­pro­zi­tät („Län­der mit ge­rin­ge­rem Ent­wick­lungs­stand müs­sen ih­re Gren­zen nicht im glei­chen Ma­ße öff­nen

„Der freie Ka­pi­tal­ver­kehr – ge­nau das, was Ri­car­do nicht mit­be­dach­te – ist das mäch­tigs­te Er­pres­sungs­in­stru­ment der Kon­zer­ne.“(Chris­ti­an Fel­ber in 136 , S. 57)

„Nicht Län­der sind die Ge­win­ner des glo­ba­len Ge­gen­ein­an­ders, son­dern trans­na­tio­na­le Un­ter­neh­men und ver­mö­gen­de Eli­ten, wel­che die­se kon­trol­lie­ren und zu­neh­mend kon­zen­triert be­sit­zen.“(Chris­ti­an Fel­ber in 136 ,S. 60)

wie hoch­in­dus­tria­li­sier­te Län­der“), ver­bind­li­che Um­ver­tei­lungs­maß­nah­men, „die das Über­schrei­ten ei­nes de­fi­nier­ten Ma­ßes an Un­gleich­heit in je­dem Land ver­hin­dern“so­wie ge­mein­sa­me Ar­beits­und So­zi­al­stan­dards, um Stand­ort­wett­be­werb zu ver­hin­dern. Wei­ters zum Ka­non fai­rer Han­dels­be­din­gun­gen ge­hö­ren laut Fel­ber stren­ge Kar­tell-ge­set­ze so­wie „Ober­gren­zen für Markt­an­tei­le und Grö­ße von Un­ter­neh­men“. Der „Schutz lo­ka­ler und na­tio­na­ler Wirt­schafts­zwei­ge zum Er­halt kul­tu­rel­ler und öko­no­mi­scher Viel­falt und Resi­li­enz“so­wie die Be­gren­zung der Ar­beits­tei­lung sol­len schließ­lich sinn­vol­le Ar­beit für al­le er­mög­li­chen. Wür­den die­se Kri­te­ri­en ein­ge­hal­ten, so räumt Fel­ber ein, bräuch­te man aber gar nicht mehr von ei­nem „Frei­han­dels­sys­tem“spre­chen. Er schlägt da­her ei­nen „ethi­schen Welt­han­del“vor, der Han­del als Mit­tel, nicht je­doch als Ziel sieht. Auf­zu­hö­ren sei mit der Un­ter­stel­lung, dass Frei­han­dels­geg­ner ge­gen Frei­heit sind („Nach der Lo­gik, Men­schen, die es vor­zie­hen, kein Fleisch zu es­sen, als ´Er­näh­rungs­geg­ner´ zu be­zeich­nen.“[S. 75])

Neue Ge­set­zes­vor­ha­ben müss­ten auf ih­re Kon­for­mi­tät mit Men­schen­rech­ten und Um­welt­schutz, nicht je­doch auf „Frei­han­dels­kon­for­mi­tät“ge­prüft wer­den.

Fel­ber schlägt ein ethi­sches Welt­han­dels­sys­tem un­ter der Ägi­de der UNO vor. Des­sen Kern könn­te in ei­ner Ta­xa­tiv-lis­te von Un-ab­kom­men lie­gen, de­ren Nicht-ra­ti­fi­ka­ti­on zu Zoll­auf­schlä­gen ge­gen­über den Ra­ti­fi­zie­ren­den führt: „Am En­de muss es Teil­neh­mer am Welt­han­del auf dem ´ebe­nen Spiel­feld´ teu­rer kom­men, dass sie fou­len, nicht bil­li­ger.“(S. 95) „Asym­me­tri­sche Grenz­öff­nun­gen“bzw. ei­ne „In­fant In­dus­try Po­li­cy“, die be­reits der weit­ge­hend ver­ges­se­ne Öko­nom des 19. Jahr­hun­derts Fried­rich List vor­ge­schla­gen hat­te, der Er­lass von Fi­nanz-schul­den („In­sol­venz­recht für Staa­ten“) so­wie Hil­fe beim Auf­bau funk­tio­nie­ren­der In­fra­struk­tu­ren wä­ren laut Fel­ber auch die bes­se­re Ent­wick­lungs­hil­fe. Der Au­tor nimmt auch die Un­ter­neh­men in die Pflicht: CSR müss­te stren­ger ge­fasst wer­den, um die „Struk­tur der Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit“bzw. der „Ar­chi­tek­tur der Straf­lo­sig­keit“(S. 150) zu über­win­den. Ver­bind­li­che Un-nor­men für trans­na­tio­na­le Un­ter­neh­men sei­en nö­tig. Fel­ber ver­weist da­bei auf 2003 pu­bli­zier­te „Norms on the Re­s­pon­si­bi­li­ties of Trans­na­tio­nal Cor­po­ra­ti­ons and Ot­her Bu­si­ness En­ter­pri­ses with Re­gard to Hu­man Rights“ei­ner Un-sub­kom­mis­si­on, die dem un­ver­bind­li­chen „Glo­bal Com­pact“von Ko­fi Ann­an Zäh­ne ver­lei­hen soll­ten, was je­doch von den Kon­zern­lob­bys ver­hin­dert wur­de (S. 151). Die in­ter­na­tio­na­le Be­we­gung der Ge­mein­woh­löko­no­mie könn­te – so der Au­tor – Vor­bild für ganz­heit­li­che Un­ter­neh­mens­bi­lan­zen wer­den.

Schließ­lich plä­diert Fel­ber für die Stär­kung von re­gio­na­len Wirt­schafts­struk­tu­ren und „öko­no­mi­scher Sub­si­dia­ri­tät“(S. 143). Er wird da­bei fün­dig auch bei John May­nard Keynes, der 1933 ge­schrie­ben hat: „Ich sym­pa­thi­sie­re mit de­nen, die öko­no­mi­sche Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Na­tio­nen mi­ni­mie­ren statt zu ma­xi­mie­ren. Ide­en, Wis­sen, Wis­sen­schaft und Gast­freund­schaft, Rei­sen – die­se Din­ge soll­ten auf­grund ih­rer Na­tur in­ter­na­tio­nal sein. Aber las­sen wir Wa­ren haus­ge­macht sein, wo im­mer das ver­nünf­tig, zweck­mä­ßig und mög­lich ist.“(zit. S. 145)

Das Buch macht deut­lich, wem der ge­gen­wär­ti­ge ´Frei­han­del´ nützt, und es ent­hält ei­ne Fül­le an plau­si­blen Vor­schlä­gen, wie in­ter­na­tio­na­le Wirt­schaft an­ders und fai­rer or­ga­ni­siert wer­den könn­te. Bleibt die Fra­ge, wie der Wan­del ge­lin­gen soll. Fel­ber plä­diert ana­log zu den in sei­nem Buch über die Ge­mein­woh­löko­no­mie vor­ge­schla­ge­nen Wirt­schafts­kon­ven­ten für han­dels­po­li­ti­sche Kon­ven­te, in de­nen ein neu­es „Wirt­schafts-völ­ker­recht“er­ar­bei­tet wer­den soll. Ein ers­ter Schritt dort­hin wä­re völ­li­ge Trans­pa­renz im Be­reich der Ver­hand­lung von Frei­han­dels­ab­kom­men und de­ren Ab­stim­mung durch den Sou­ve­rän. Po­li­ti­scher Druck hier­für wird wohl ent­schei­dend sein, um die Wei­chen neu zu stel­len.

Welt­han­del: ethi­scher 136 Fel­ber, Chris­ti­an: Ethi­scher Welt­han­del. Al­ter­na­ti­ven zu TTIP, WTO & Co. Wi­en: Deu­ti­cke, 2017. 223 S., € 18,- [D], 18,50 [A] ; ISBN 978-3-552-06338-9

Zi­vi­li­sie­rungs­pro­jekt Wel­tu­n­ord­nung

Ex­akt 40 Bei­trä­ge ent­hält ei­ne Fest­schrift zum 90. Ge­burts­tag ei­nes ös­ter­rei­chi­schen Po­li­ti­kers, der (s)ei­ne Vi­si­on wahr wer­den ließ, näm­lich auf ei­ner Burg an der Gren­ze zwi­schen Un­garn und Österreich ein Frie­dens­for­schungs­zen­trum zu er­rich­ten. Die Re­de ist von Ge­rald Ma­der, der 1982 als An­ti­po­de zum Kal­ten Krieg und ato­ma­ren Wett­rüs­ten den Grund­stein für das Ös­ter­rei­chi­sche Stu­di­en­zen­trum für Frie­den und Kon­flikt­for­schung (ÖSFK) auf der Burg Sch­lai­ning leg­te. Ob die Aus­bil­dungs­pro­gram­me für zi­vi­le Kon­flikt­be­ar­bei­tung oder die jähr­li­chen Som­mer­aka­de­mi­en, an de­nen auch der Re­zen­sent meh­re­re Ma­le mit­wir­ken konn­te – das ÖSFK ge­nießt in­ter­na­tio­na­len Ruf. Die Bei­trä­ge der Fest­schrift für den Grün­der, al­le­samt von Re­fe­rie­ren­den und Mit­ar­bei­ten­den des Zen­trums ver­fasst

– kön­nen hier nur kur­so­risch er­wähnt wer­den. Der von Tho­mas Roith­ner und Ur­su­la Gamaufe­ber­hardt her­aus­ge­ge­be­ne Band the­ma­ti­siert viel­fäl­ti­ge Aspek­te von Frie­dens­for­schung und Frie­dens­ar­beit: das „Zi­vi­li­sie­rungs­pro­jekt Wel­tu­n­ord­nung“– El­mar Alt­va­ter ver­weist da­bei auf die Ge­waltstruk­tu­ren des ge­gen­wär­ti­gen Welt­wirt­schafts­sys­tems – so­wie die am­bi­va­len­te „Frie­dens­macht Eu­ro­pa“(u. a. mit ei­ner kri­ti­schen Ana­ly­se von Ek­ke­hart Krip­pen­dorff) wer­den eben­so an­ge­spro­chen wie öko­lo­gi­sche Her­aus­for­de­run­gen (Hel­ga Kromp-kolb und Wolf­gang Kromp le­gen ein­drucks­voll die epo­cha­le Her­aus­for­de­rung des Kli­ma­wan­dels dar) und die Wachs­tums­gren­zen des Ka­pi­ta­lis­mus (Bir­git Mahn­kopf) so­wie der Kri­sen­fak­tor des ent­fes­sel­ten Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus (Ste­fan Schul­meis­ter schreibt über den „Lern­wi­der­stand der Eli­ten in ei­ner gro­ßen Kri­se“).

Wei­te­re Ab­schnit­te the­ma­ti­sie­ren die Rol­le von „Recht und Un-recht“, die Chan­cen und Gren­zen von Frie­dens­ar­beit und zi­vi­ler Kon­flikt­be­ar­bei­tung so­wie die Rol­le von Re­li­gio­nen als Kriegs­trei­ber und Frie­dens­stif­ter (mit ei­nem er­hel­len­den Bei­trag von Su­per­in­ten­dent Micha­el Bün­ker). Der kroa­ti­sche Phi­lo­soph Zar­ko Pu­hovs­ky zeigt am Bei­spiel post­kom­mu­nis­ti­scher Staa­ten, dass De­mo­kra­tie und Frie­den nicht im­mer gleich­zu­set­zen sind. So hät­ten die Un­ab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen in den ju­go­sla­wi­schen Teil­re­pu­bli­ken di­rekt in den Na­tio­na­lis­mus und Krieg ge­führt. Pu­hovs­ky spricht von „in­sta­bi­len Gleich­ge­wich­ten“, die sich bei de­ren Stö­rung in Ge­walt ent­la­den kön­nen. Ei­ne Ana­ly­se, die wohl auf zahl­rei­che so ge­nann­te „fai­led sta­tes“zu­trifft.

Frie­dens­for­schung 137 Am An­fang war die Vi­si­on vom glo­ba­len Frie­den. Hrsg. v. Tho­mas Roith­ner ... Wi­en: Kre­mayr & Sche­ri­au, 2016. 592 S., € 27,- [A, D]

ISBN 978-3-2180-1037-5

Zi­vi­le Kon­flikt­be­ar­bei­tung

Auf ei­ne der letz­ten Som­mer­aka­de­mi­en des ÖSFK geht der Band „Zi­vil­ge­sell­schaft im Kon­flikt“zu­rück. Be­schrie­ben wer­den dar­in die Chan­cen und Gren­zen, Pra­xis­er­fah­run­gen und theo­re­ti­schen Grund­la­gen zi­vi­ler Kon­flikt­be­ar­bei­tung. Gleich zu Be­ginn er­in­nert Ul­rich Men­zel dar­an, dass die Zu­nah­me von Ge­walt und die Ero­si­on staat­li­cher Struk­tu­ren in vie­len Re­gio­nen nicht nur Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit, son­dern auch zi­vi­le Kon­flikt­be­ar­bei­tung des­avou­ie­re. Ein zen­tra­les Pro­blem sieht er im Feh­len ei­ner bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft in vie­len Staa­ten, in de­nen nicht wirt­schaft­li­cher Er­folg, son­dern Macht über den Zu­gang zu Res­sour­cen ent­schei­de: „Vie­le Kon­flik­te, selbst wenn sie re­li­gi­ös oder ethisch grun­diert wer­den, sind Kon­flik­te zwi­schen Frak­tio­nen der Eli­te um den Zu­griff auf die Ren­te, mit der auch die ei­ge­ne Kli­en­tel be­dient wird.“(S. 34) Ka­rin Fi­scher macht in der Fol­ge deut­lich, dass es kei­nen ein­heit­li­chen Be­griff von Zi­vil­ge­sell­schaft ge­ben kön­ne. An­sät­ze, die sich auf ka­pi­ta­lis­ti­sche Struk­tu­ren stüt­zen (im Sin­ne der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft von Men­zel), sind eben­so denk­bar wie eman­zi­pa­to­ri­sche Be­we­gun­gen, die an­de­re For­men ko­ope­ra­ti­ven Wirt­schaf­tens er­pro­ben, oder In­ter­es­sens­ver­bän­de wie Ge­werk­schaf­ten oder Be­rufs­ver­bän­de. Als Bei­spiel nennt Fi­scher Hand­werks­ver­bän­de in den Städ­ten der is­la­mi­schen Welt, die ei­ne wich­ti­ge zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Funk­ti­on hät­ten (S. 46). Til­man Evers geht auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zi­vi­ler Kon­flikt­be­ar­bei­tung ein und zeigt an­hand ei­ner Ana­ly­se über 40 Frie­dens­schlüs­se seit 1990, dass je­ne un­ter Be­tei­li­gung zi­vil­ge­sell­schaft­li­cher Ak­teu­re halt­ba­rer und leich­ter um­zu­set­zen wa­ren als sol­che, die die Streit­par­tei­en nur un­ter sich aus­mach­ten (S. 67). Wei­te­re Bei­trä­ge wid­men sich den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen zi­vil-mi­li­tä­ri­scher Ko­ope­ra­ti­on, dem von Wil­fried Graf und Gu­drun Kra­mer ent­wi­ckel­ten An­satz „In­ter­ak­ti­ver Kon­flikt­trans­for­ma­ti­on“(mit ei­nem Fall­bei­spiel aus dem Ta­mi­len­kon­flikt), ei­nem 7-Pha­sen­mo­dell der Kon­flikt­be­ar­bei­tung in An­leh­nung an Gal­tungs Skpprin­zip (dem­ge­mäß Kon­flik­te im­mer struk­tu­rel­le, kul­tu­rel­le und per­sön­li­che Ur­sa­chen ha­ben) so­wie zur Po­li­ti­schen Bil­dung als Frie­dens­ar­beit (Mag­da­le­na Freu­den­schuss). Auf­hor­chen lässt ein Bei­trag über so ge­nann­te „Non­war Com­mu­nities“, Zo­nen des Frie­dens in­ner­halb von Kon­flikt­re­gio­nen. Die­se zeich­nen sich aus durch die Fä­hig­keit, sich aus Kon­flik­ten her­aus­zu­hal­ten, nicht aus pa­zi­fis­ti­schen, son­dern aus prag­ma­ti­schen Über­le­bens­mo­ti­ven, wie Chris­ti­na Sau­lich und Sascha Wer­thes be­rich­ten. Als Bei­spiel nen­nen sie Tuz­la, in dem auch wäh­rend des Krie­ges bos­ni­sche, ser­bi­sche und kroa­ti­sche Grup­pen zu­sam­men­ge­ar­bei­tet und ih­re Stadt ge­mein­sam ge­gen An­grif­fe der ser­bi­schen Frei­schär­ler ver­tei­digt ha­ben. Cha­ris­ma­ti­sche Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten und nicht-hier­ar­chi­sche Ge­mein­schafts­struk­tu­ren ma­chen die bei­den u. a. als Be­din­gun­gen sol­cher „Pe­ace So­cie­ties“aus. Kon­flikt­be­ar­bei­tung: zi­vi­le

138 Zi­vil­ge­sell­schaft im Kon­flikt. Vom Ge­lin­gen und Schei­tern in Kri­sen­ge­bie­ten. Hrsg. v. Ma­xi­mi­li­an La­kitsch ... Wi­en: LIT-VERL., 2016. 211 S.,

€ 9,80 [D, A] ; ISBN 978-3-643-50728-0

Märk­te, Macht und Mus­keln

Seit vie­len Jah­ren ver­sucht der Frie­dens­for­scher Tho­mas Roith­ner durch pu­bli­zis­ti­sche Bei­trä­ge den Dis­kurs über si­cher­heits­po­li­ti­sche The­men mit­zu­be­stim­men. Ak­tu­el­le Ar­ti­kel sind in dem Band „Märk­te, Macht und Mus­keln“ge­sam­melt er­schie­nen. Wie der Ti­tel des Buchs an­deu­tet, ana­ly­siert Roith­ner ins­be­son­de­re die Zu­sam­men­hän­ge von „Si­cher­heits­po­li­tik“und öko­no­mi­schen In­ter­es­sen. Er warnt vor ei­ner „Ver­si­cher­heit­li­chung“der Au­ßen­po­li­tik und ei­ner Mi­li­ta­ri­sie­rung der Eu­ro­päi­schen Uni­on, wirft die­ser vor, im Be­reich Waf­fen­han­del mit zwei­er­lei Maß zu mes­sen und in­sis­tiert auf ei­nem um­fas­sen­den Frie­dens­be­griff (“Frie­de ist be­deu­tend mehr, als mi­li­tä­risch nicht be­droht zu wer­den“, S. 49). Roith­ner er­in­nert dar­an, dass die nu­klea­re Abrüs­tung trotz En­de des Kal­ten Krie­ges nicht wirk­lich klappt, und er ap­pel­liert – mit Blick auch auf Österreich – an die ak­ti­ve Rol­le, die neu­tra­le Staa­ten in der Kon­flikt­be­ar­bei­tung ein­neh­men kön­nen. Ein in­for­ma­ti­ver Band mit streit­ba­ren Bei­trä­gen für ein er­wei­ter­tes Si­cher­heits­ver­ständ­nis. Un­ter­mau­ert mit dem Hin­weis, dass wir längst in ei­ne mul­ti­po­la­re Welt ein­ge­tre­ten sind, wie et­wa der Um­stand zeigt, dass mitt­ler­wei­le 45 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung aus den Brics­staa­ten kom­men. Kon­flikt­be­ar­bei­tung: zi­vi­le

139 Roith­ner, Tho­mas: Märk­te, Macht und Mus­keln. Die Au­ßen-, Si­cher­heits- und Frie­dens­po­li­tik Ös­ter­reichs und der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Wi­en: my­mo­ra­wa, 2017. 129 S., € 12,99 [D, A]

ISBN 978-3-99057-541-3

At­las der Um­welt­mi­gra­ti­on

Die sich ver­schär­fen­den Kon­flik­te auf­grund von Krieg, Ge­walt, Hun­ger- und Na­tur­ka­ta­stro­phen füh­ren zu ei­nem Phä­no­men, das nun auch die rei­chen Staa­ten tan­giert, näm­lich die Zu­nah­me der Mi­gra­ti­on. 60 Mio. Flücht­lin­ge welt­weit schätzt UNHCR für das Jahr 2016. Die Zahl der grenz­über­schrei­ten­den Mi­gran­tin­nen hat sich im Lau­fe der letz­ten 30 Jah­re mehr als ver­dop­pelt. Noch viel grö­ßer ist die Bin­nen­mi­gra­ti­on. Laut UN sol­len welt­weit 763 Mio. Men­schen au­ßer­halb ih­rer Hei­mat­re­gi­on le­ben. Vie­le da­von, weil sie zu­hau­se kei­ne wirt­schaft­li­chen Über­le­bens­grund­la­gen vor­fin­den, vie­le weil sie auf­grund von Krieg und Ge­walt flie­hen muss­ten, und im­mer mehr auch, die auf­grund von In­fra­struk­tur­groß­pro­jek­ten wie Stau­däm­men ver­trie­ben wer­den. 15 Mio. Men­schen sol­len in den letz­ten Jah­ren aus die­sem Grund um­ge­sie­delt wor­den sein. So­weit ei­ni­ge Da­ten, die in ei­nem „At­las der Um­welt­mi­gra­ti­on“von ei­nem Ex­per­tin­nen­team – zu­sam­men­ge­stellt wur­den.

Die Au­to­rin­nen um Dia­na Io­ne­so, Lei­te­rin der Ab­tei­lung für Mi­gra­ti­on, Umwelt und Kli­ma­wan­del der In­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­ti­on für Mi­gra­ti­on (IOM), be­to­nen, dass die Un­ter­schei­dung in Wirt­schafts-, Umwelt- und laut Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on an­er­kann­te Flücht­lin­ge der Si­tua­ti­on nicht mehr ge­recht wer­de. Das Pro­blem: „Na­tur­ka­ta­stro­phen, Um­welt­zer­stö­rung und Kli­ma­wan­del gel­ten dem­nach nicht als Ver­fol­gung.“(S. 35) Na­tür­lich gä­be es er­zwun­ge­ne und frei­wil­li­ge Mo­bi­li­tät. Ob Men­schen ab­wan­dern oder nicht, hän­ge von drei Fak­to­ren ab: „Der Not­wen­dig­keit, dem Wunsch und der Fä­hig­keit zur Mi­gra­ti­on.“(S. 44) Da­her sei auch die „er­zwun­ge­ne Im­mo­bi­li­tät“zu be­den­ken. Es gibt Be­droh­te, die es sich ein­fach nicht leis­ten kön­nen, ih­re Hei­mat zu ver­las­sen.

Der At­las bie­tet ei­ne Fül­le an In­for­ma­tio­nen. Un­ter­teilt in die Ab­schnit­te „Mi­gra­ti­on und Um­welt­mi­gra­ti­on heu­te“, „Fak­to­ren der Um­welt­mi­gra­ti­on“, „Her­aus­for­de­run­gen und Chan­cen“so­wie „Steue­rungs­maß­nah­men und po­li­ti­sche Lö­sun­gen“wer­den die Ur­sa­chen und Aus­for­mun­gen von Flucht und Mi­gra­ti­on, die bis­he­ri­gen Ak­ti­vi­tä­ten der in­ter­na­tio­na­len Staa­ten­ge­mein­schaft so­wie Lö­sungs­an­sät­ze vor­ge­stellt. Be­rich­tet wird et­wa von Be­stre­bun­gen, Um­welt­flücht­lin­ge im Kon­text des Kli­ma­wan­dels bes­se­ren Schutz zu ge­wäh­ren und Mi­gra­ti­on als An­pas­sungs­maß­nah­me an­zu­er­ken­nen. Zu­dem sol­le der öko­no­mi­sche Nut­zen von Mi­gra­ti­on für die Auf­nah­me- wie die Ur­sprungs­län­der stär­ker be­tont wer­den. So ma­chen die Rück­über­wei­sun­gen von Ar­beits­mi­gran­ten in vie­len Län­dern mitt­ler­wei­le 10 bis 15 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes aus.

Der von ‚Brot für die Welt‘ und Mi­se­re­or ge­mein­sam mit der IOM in deut­scher Fas­sung her­aus­ge­ge­be­ne At­las ist ein pro­fun­des Nach­schla­ge­werk über al­le Aspek­te von Mi­gra­ti­on. Als ein zen­tra­les Di­lem­ma ma­chen die Ex­per­tin­nen aus, dass die Mehr­zahl der Staa­ten sich wei­gert, ver­bind­li­che Ver­trä­ge über Um­welt­flücht­lin­ge ab­zu­schlie­ßen, so­dass wohl auch in Zu­kunft auf frei­wil­li­ge Ver­ein­ba­run­gen ge­setzt wer­den müs­se. Mi­gra­ti­on: Um­welt­zer­stö­rung

140 Io­nesco, Di­na; Mokhnache­va, Da­ria; Ge­men­ne, Fran­cois: At­las der Um­welt­mi­gra­ti­on. Mün­chen: oe­kom-verl., 2017. 169 S., € 22,- [D], 22,70 [A]

ISBN 978-3-86581-837-9

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