Das En­de der so­zia­len Kämp­fe

ProZukunft - - Inhalt -

Man­che Au­to­ren kri­ti­sie­ren, dass die For­de­rung nach Gleich­heit zu­guns­ten des Schut­zes von „Iden­ti­tä­ten“in den Hin­ter­grund ge­drängt wur­de. An­de­re wie­der­um sind dies­be­züg­lich skep­tisch. Ste­fan Wal­ly und Bir­git Bah­tic-kun­rath zeich­nen die Ar­gu­men­ta­tio­nen nach.

Guil­lau­me Pao­li und Ro­bert Pfal­ler kri­ti­sie­ren, dass die For­de­rung nach Gleich­heit zu­guns­ten des Schut­zes von „Iden­ti­tä­ten“in den Hin­ter­grund ge­drängt wur­de. An­de­re, wie Ar­min Nas­sehi, wür­den an­ge­sichts die­ses Den­kens skep­tisch sein: Die Kom­ple­xi­tät un­se­rer Ge­sell­schaft lässt die Do­mi­nanz ei­nes Haupt­wi­der­spruchs, der un­ser Le­ben prägt, gar nicht zu. Schließ­lich ver­weist Isol­de Cha­rim auf die Tat­sa­che, dass Ge­sell­schaf­ten mitt­ler­wei­le so plu­ra­li­siert sei­en, dass um Iden­ti­tät ge­run­gen wer­den müs­se. Ste­fan Wal­ly und Bir­git Bah­tic-kun­rath zeich­nen die Ar­gu­men­ta­tio­nen nach. Gen­tri­fi­zie­rung der Kul­tur

„Neh­men wir vor­über­ge­hend die­se Be­haup­tung für un­be­zwei­fel­bar: Ei­ne an­thro­po­lo­gi­sche Mu­ta­ti­on ist in vol­lem Gan­ge. In letz­ter Zeit fand ei­ne bra­chia­le Ve­rän­de­rung statt, die die geis­ti­ge Ver­fasst­heit der In­di­vi­du­en be­trifft. Sit­ten und Denk­wei­sen, die vor­mals als selbst­ver­ständ­lich gal­ten, schei­nen nicht mehr nach­voll­zieh­bar, da­für wer­den Zu­stän­de ak­zep­tiert, ge­gen die ver­gan­ge­ne Ge­ne­ra­tio­nen so­fort auf die Bar­ri­ka­den ge­gan­gen wä­ren.“(S. 13) Die­ser Hy­po­the­se haf­te zwar ein „Hauch von Hys­te­rie und, bla­ma­bler noch, von Kul­tur­pes­si­mis­mus an“, Guil­lau­me Pao­li stellt sie den­noch als Be­zugs­punkt in die Mit­te sei­ner Über­le­gun­gen. Das tue ja nicht nur er, auch an­de­re, ein­an­der so­gar ent­ge­gen­ge­setz­te Denk­wei­sen sei­en sich da­rin ei­nig.

Die ei­nen schwär­men von ei­nem nie da ge­we­se­nen Wohl­stand der west­li­chen Ge­sell­schaft, von ei­nem his­to­ri­schen Men­schen­ty­pus, der sich von al­len fal­schen Vor­stel­lun­gen und ab­scheu­li­chen Sit­ten de­fi­ni­tiv ver­ab­schie­det hät­te. Le­dig­lich ei­ni­ge noch nicht Mu­tier­te sei­en noch zu be­keh­ren. Die an­de­ren zeich­nen ein ka­ta­stro­pha­les Bild der Ge­gen­wart. „An­hand zahl­rei­cher Ab­hand­lun­gen über Fle­xi­bi­li­sie­rungs­drang, Selbst­op­ti­mie­rungs­wahn, Kon­sum­sucht, Nar­ziss­mus und De­pres­si­on wird ein Phan­tom­bild des Mu­tan­ten er­stellt, selbst, wenn dies nicht beim Na­men ge­nannt wird.“(S. 20) Im­pli­zit wird ge­hofft,

dass noch ge­nug Noch-nicht-mu­tier­te üb­rig sei­en, die die­se Kri­tik tei­len mö­gen. „Kon­ser­va­ti­ve und Fort­schritts­freun­de ste­hen ein­fach auf ver­schie­de­nen Sei­ten der Met­a­mor­pho­se. Die ei­nen kön­nen den Nut­zen nicht nach­voll­zie­hen, der durch die Mu­ta­ti­on ent­stan­den ist. Die an­de­ren kön­nen nicht er­ken­nen, wel­che Vor­tei­le des Al­ten ver­schol­len ge­gan­gen sein sol­len.“(S. 23)

Pao­li über­nimmt nun die Idee, dass die Mu­ta­ti­on im Gan­ge sei. Er fragt nach der Trieb­kraft hin­ter dem Ge­sche­hen. Das sei der Neo­li­be­ra­lis­mus, so sei­ne An­nah­me. „Da­mit die Märk­te ih­ren ‚spon­tan‘ ‚na­tür­li­chen‘ Zu­stand er­rei­chen konn­ten, muss­ten die In­di­vi­du­en dis­zi­pli­niert und neu mo­del­liert wer­den.“(S. 31) Schlüs­sel­be­grif­fe bzw. -phra­sen sei­en „Selbst­ver­wirk­li­chung“, „der ei­ge­ne Chef sein“, „Selbst­kon­trol­le“. Im Jahr 1961 hieß es bei der OECD zur Er­klä­rung des Be­griffs „Hu­man­ka­pi­tal“: „Heu­te ver­steht es sich von selbst, dass es ge­nau­so wich­tig ist, Men­schen für die Wirt­schaft vor­zu­be­rei­ten wie Sach­gü­ter und Ma­schi­nen. Das Er­zie­hungs­we­sen steht nun gleich­wer­tig ne­ben Au­to­bah­nen, Stahl­wer­ken und Kunst­dün­ger­fa­bri­ken.“(S. 92) Un­ab­hän­gig von ih­rer Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit ver­su­chen Men­schen die­se Ide­en über das markt­fä­hi­ge Selbst mit Le­ben zu fül­len. Die Klas­sen­un­ter­schie­de wer­den zwar nicht auf­ge­ho­ben, sie wer­den je­doch durch die ver­schie­de­nen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mo­del­le und All­tags­er­fah­run­gen zu­neh­mend ver­wischt. Ar­bei­ter, An­ge­stell­te

und auch Ak­tio­nä­re wer­den zu­sam­men zu Selbst­op­ti­mie­rern. (S. 32)

Der Neo­li­be­ra­lis­mus sei nicht nur ei­ne Ideo­lo­gie, die sich an In­di­vi­du­en ver­schie­de­ner Schich­ten mit Vor­schlä­gen zur Selbst­sicht wen­de. Er ma­te­ria­li­sie­re sich auch in Pro­duk­ten, die selbst dann noch prä­sent sein wer­den, wenn ei­ne Ge­sell­schaft mehr­heit­lich der Ideo­lo­gie ab­schwö­ren wür­de. Ri­ta­lin, Facebook, Fair-tra­de-kaf­fee, Re­al­tity-tv, Leih­müt­ter­schaft und Lot­to­schei­ne sei­en ver­ge­gen­ständ­lich­te Ideo­lo­gie. (S. 33)

Pao­li geht auf die­ser Grund­la­ge zum An­griff auf den Main­stream li­be­ra­len Den­kens über: Bes­ser­ver­die­nen­de und al­le auf­ge­klär­ten Bür­ge­rin­nen teil­ten heu­te die­sel­be to­le­ran­te und welt­of­fe­nen Le­bens­ein­stel­lung. Kon­ser­va­tiv sei­en nur noch die Un­ter­schich­ten, nun wer­de Vor­be­halt ge­gen das li­be­ra­le Sys­tem mit dem An­ti­li­be­ra­lis­mus ei­nes Pu­tin oder Kim Jong-un iden­ti­fi­ziert. In die­ser neu­en Di­cho­to­mie ver­schwin­det die Fra­ge der Klas­sen­un­ter­schie­de in ei­ner dunk­len Ecke.

Die Gen­tri­fi­zie­rung der Kul­tur be­deu­te heu­te, dass das Flut­licht auf zwei sehr mar­gi­na­le Po­le ge­rich­tet wird. „Wir wer­den al­le auf­ge­for­dert, uns mit­tels bi­nä­rer Ka­te­go­ri­en zu po­si­tio­nie­ren, die wir sel­ber nie­mals ge­wählt hät­ten. Sind sie für Glo­ba­li­sie­rung oder Iden­ti­tät? Für Frei­heit oder Gleich­heit? Für Ver­gan­gen­heit oder Ge­gen­wart?“

Auch der Um­gang mit der Ver­gan­gen­heit ist um­kämpft. An­schei­nend be­ste­he in Zei­ten der Mu­ta­ti­on aber die ein­zig le­gi­ti­me Ver­bin­dung in die Ver­gan­gen­heit in der The­ma­ti­sie­rung ei­nes er­lit­te­nen oder ge­erb­ten Un­rechts. Zu­ge­las­sen sei nur die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Ver­folg­ten und Er­mor­de­ten der Welt­ge­schich­te, ge­nau­so wie der ge­gen­wär­ti­ge Pro­test auf par­ti­ku­la­re Dis­kri­mi­nie­run­gen fo­kus­siert sei. Ein brei­te­rer Win­kel wür­de das Leid nur ba­ga­tel­li­sie­ren, so das herr­schen­de Ar­gu­ment. Im Er­geb­nis pro­du­zie­re das Feh­len des brei­te­ren Win­kels je­doch „ein un­ent­wirr­ba­res Durch­ein­an­der von zu­sam­men­hang­lo­sen Er­eig­nis­sen und ir­ra­tio­na­len Hys­te­ri­en, schick­sal­haf­ten Un­fäl­len und ob­sku­ren Ver­schwö­rungs­ver­mu­tun­gen, apo­ka­lyp­ti­schen Pro­phe­zei­un­gen und from­men Er­lö­sungs­wün­schen”. Die Mög­lich­keit kol­lek­ti­ver so­zia­ler Ve­rän­de­run­gen sei blo­ckiert. Zu­dem feh­le ein kon­kre­ter Raum, im Rah­men des­sen sich Ko­ope­ra­tio­nen und Ri­va­li­tä­ten ab­spie­len könn­ten. Der su­pra­na­tio­na­le Raum sei un­er­reich­bar, der na­tio­na­le durch die Ge­schich­te des Na­tio­na­lis­mus ver­gif­tet. Ein­zig auf lo­ka­ler Ebe­ne kön­ne sich noch ein al­ter­na­ti­ves Pro­jekt über die Gren­zen hin­weg bil­den. Da­zu be­dür­fe es aber ei­ner star­ken sub­jek­ti­ven Zu­ge­hö­rig­keit zu dem Raum. Selbst das sei zu­neh­mend als lo­kal­pa­trio­tisch ver­pönt und au­ßer­dem ei­ne lokale Zu­ge­hö­rig­keit bloß ei­ne be­lie­bi­ge Sta­ti­on im ei­ge­nen no­ma­di­schen Le­bens­lauf (vgl. S. 176). Der so­zia­le Kampf fällt aus. Auch das post­mo­der­ne Denken leis­te da­zu ei­nen Bei­trag: „Wäh­rend die Welt in tau­send klei­ne pe­ri­phe­re Do­mä­nen de­kon­stru­iert wor­den ist, bleibt das gro­ße so­zia­le Kon­strukt des Ka­pi­tals im to­ten Win­kel – was ihm den Sta­tus ei­ner zwei­ten Na­tur ver­leiht, ei­nen un­ver­än­der­li­chen Hin­ter­grund, vor dem sich der Mas­ken­ball der Sub­jek­ti­vi­tä­ten ab­spielt.“(S. 72) Und trotz­dem ist die Welt nach der Mu­ta­ti­on nicht sta­bil. „Jetzt kommt die dia­lek­ti­sche Po­in­te: Ge­ra­de die­ser jüngs­te Sieg des Ka­pi­tals über sei­ne Geg­ner könn­te der An­fang sei­nes Ruins sein“(S. 202). In dem die so­zia­len Ge­gen­kräf­te des Ka­pi­ta­lis­mus mar­gi­na­li­siert wur­den, ist die­ser jetzt auf sich selbst ge­stellt. „Aber, je we­ni­ger Geld die Men­schen ha­ben, je ver­nach­läs­sig­ter öf­fent­li­che In­fra­struk­tu­ren sind, des­to si­che­rer kol­la­bie­ren mit­tel­fris­tig die Märk­te.“(S. 203) Letzt­lich hät­ten post­mo­der­nes Denken und die kul­tu­ra­lis­ti­sche Lin­ke doch sub­ver­siv ge­wirkt: „In­dem sie da­zu bei­tru­gen, den Ge­dan­ken des so­zia­len Kamp­fes aus­zu­mer­zen, ha­ben sie die Selbst­zer­stö­rungs­ma­schi­nen schön ge­schmiert.“(S. 203) S. W. Ge­sell­schafts­kri­tik

Pao­li, Guil­lau­me: Die lan­ge Nacht der Met­a­mor­pho­se. Über die Gen­tri­fi­zie­rung der Kul­tur. Ber­lin: Mat­thes und Seitz, 2018. 218 S., € 20,- [D], 20,60 [A] ISBN 978-3-95757-474-9

Er­wach­se­nen­spra­che

Ro­bert Pfal­lers Ar­gu­men­ta­ti­on be­ginnt mit dem Hin­weis auf die (vor­sich­tig for­mu­liert) Gleich­zei­tig­keit des Be­ginns der De­fen­si­ve des Wohl­fahrts­staa­tes und dem Be­deu­tungs­ge­winn post­mo­der­ner Iden­ti­täts­kon­zep­tio­nen. „Die post­mo­der­nen Po­li­ti­ken der klei­nen Un­ter­schie­de sind kei­ne Fol­ge der durch das mo­der­ne Ver­spre­chen von Gleich­heit ge­weck­ten Sen­si­bi­li­tä­ten. Es ver­hält sich viel­mehr um­ge­kehrt: Die post­mo­der­nen Po­li­ti­ken wur­den aus­ge­ru­fen, als die he­ge­mo­nia­len Grup­pen die Ver­spre­chen der Mo­der­ne von Gleich­heit preis­ga­ben. In dem Mo­ment, als sich die Ein­kom­mens­un­ter­schie­de wie­der dra­ma­tisch ver­schärf­ten und glei­ches Recht für al­le von den neo­li­be­ra­len Eli­ten nicht ein­mal mehr als Uto­pie fest­ge­hal­ten wur­de, ent­stand die Pro­pa­gan­da un­ter­schied­li­chen Rechts für Di­ver­se.“(S. 25)

Die­se Po­li­ti­ken ha­be sich auch die So­zi­al­de­mo­kra­tie zu Ei­gen ge­macht. Mit To­ny Blair und Ger­hard Schrö­der ha­be man sich Re­gie­rungs­äm­ter um den Preis er­kämpft, auf die Aus­glei­chung von Klas­sen­un­ter­schie­den zu ver­zich­ten. Man ver­la­ger­te die Agen­da auf „Frau­en­po­li­tik statt Klas­sen­po­li­tik, und da lie­ber auf Po­li­tik für Ho­mo­se­xu­el­le oder Queers

„ „Wir se­hen al­le gleich in­di­vi­du­ell aus und tan­zen zu der­sel­ben Mu­sik. (...) Die kul­tur­li­be­ra­le An­glei­chung be­deu­te aber nicht, dass die Ta­ge der Klas­sen­ver­ach­tung vor­über sei­en: die­se hat sich nur um­ge­polt. Sie rich­tet sich fort­an auf die­je­ni­gen, die sich in der glo­ba­len, of­fe­nen Welt nicht zu­recht­fin­den.“(Guil­lau­me Pao­li in ,S. 46f.)

als Frau­en­po­li­tik und über­haupt am liebs­ten ‚di­ver­si­ty‘“(S. 41). „Die­se Feh­l­ein­schät­zung be­zie­hungs­wei­se Fehl­de­kla­ra­ti­on von post­mo­der­ner Pseu­do­po­li­tik als lin­ke Po­li­tik ist es, die ge­gen­wär­tig mas­sen­haft ehe­ma­li­ge so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Stamm­wäh­ler ins La­ger der neu­en Rech­ten (oder auch in das im­mer grö­ßer wer­den­de der Nicht­wäh­ler) über­lau­fen lässt.“(S. 41f.)

Die­se „Iden­ti­ty Po­li­tics“ha­ben kei­ne gu­ten Kar­ten bei Pfal­ler: Be­nach­tei­lig­te al­ler Miss­stän­de der Miss­ach­tung von Iden­ti­tä­ten be­hand­le man seit­dem so, als ob sie kei­ne an­de­ren Sor­gen hät­ten, als mit ei­nem spe­zi­el­len, meist zart­be­sai­te­ten Na­men be­zeich­net zu wer­den. In ei­ner Art von ma­gi­scher Welt­auf­fas­sung be­haup­te die mit sol­chen Maß­nah­men be­trau­te Bü­ro­kra­tie, dass mit den bes­se­ren Na­men auch bes­se­re Tat­be­stän­de her­bei­ge­führt wer­den könn­ten (S. 164). Die Ak­zep­tanz der an­de­ren Iden­ti­tät steht für Pfal­ler durch­aus zur Dis­po­si­ti­on. Er er­klärt dies an­hand der vom Ko­mi­ker Sacha Ba­ron Co­hen ent­wi­ckel­ten idio­ti­schen Fi­gu­ren „Ali G“und „Bo­rat“. Die­se wer­den in den Fil­men in al­ler Re­gel von ih­ren Ge­gen­über ge­dul­dig „ak­zep­tiert“. „Wenn man den an­de­ren so be­han­delt, als ob er nichts an­de­res wä­re als sei­ne idio­ti­sche Iden­ti­tät (...), dann ist man buch­stäb­lich ras­sis­tisch. Der post­mo­der­ne Ras­sis­mus be­steht da­rin, den an­de­ren auf des­sen blo­ße Iden­ti­tät zu be­schrän­ken, mit­hin nicht das Ge­rings­te von ihm zu er­war­ten und ihn zum Idio­ten zu ho­mo­ge­ni­sie­ren – zum kul­tur­fer­nen Ka­sa­chen; zum un­end­lich dum­men Rap­per; oder zum por­no­gra­phi­schen Un­ter­schicht­ler, zum bil­dungs­fer­nen Stu­die­ren­den, (...).” (S. 173)

In ei­ner Schlüs­sel­stel­le des Bu­ches setzt sich Pfal­ler mit der Idee der In­klu­si­on so­wie der Idee der Uni­ver­si­tät als „sa­fe space“aus­ein­an­der, in der die Emp­fin­dun­gen der Be­tei­lig­ten zu be­rück­sich­ti­gen sei­en. Be­kannt sind die Über­le­gun­gen, zu­min­dest „trig­g­er­warnings“aus­zu­spre­chen, wenn Din­ge ge­zeigt oder an­ge­spro­chen wer­den, die bei An­we­sen­den Aus­lö­ser von Trau­ma­ti­sie­run­gen sein könn­ten. Für Pfal­ler wird hier deut­lich, dass In­klu­si­on Aus­wir­kung auf das Sag­ba­re hat. Und er meint des­we­gen: „In­klu­si­on, wört­lich Ein­schlie­ßung, ist das ge­naue Ge­gen­teil des Prin­zips der Of­fe­nen Ge­sell­schaft.“(S. 50)

Die­se post­mo­der­ne To­le­ranz und das Nicht-an­grei­fen von Iden­ti­tä­ten sei da­bei, „je­ne Be­rei­che der Ge­sell­schaft zu zer­stö­ren, in de­nen oh­ne­an­se­hen der Per­son ge­spro­chen und ge­han­delt wer­den kann.“(S. 203). Er hält die­sem wech­sel­sei­ti­gen Schutz durch Zu­rück­hal­tung die „Er­wach­se­nen­spra­che“ent­ge­gen. Das sei ei­ne Hal­tung, er­klärt Pfal­ler, die be­deu­tet, „man­che Una­nehm­lich­kei­ten oder Übel eben­so als not­wen­di­ge Be­gleit­erschei­nun­gen des Le­bens zu er­ken­nen wie die ei­ge­nen Mög­lich­kei­ten, sie zu er­tra­gen oder zu über­win­den. Nur auf die­sem Weg las­sen sich von die­sen Übeln an­de­re un­ter­schei­den, die im so­zia­len Le­ben be­wäl­tigt wer­den müs­sen und für die die Po­li­tik zu­stän­dig ist” (S. 10).

„Das ent­schei­den­de po­li­ti­sche Pro­blem der nächs­ten Zu­kunft west­li­cher Ge­sell­schaf­ten wird die Fra­ge sein, ob die Em­pö­rung und Ver­zweif­lung der auf­grund neo­li­be­ra­ler Po­li­tik um ele­men­ta­re Le­bens­stan­dards ge­brach­ten und zu­neh­men­de ver­ar­men­den Be­völ­ke­rungs­grup­pen ei­nen Aus­druck fin­den kann – und zwar ei­nen an­de­ren als je­nen, den rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei­en ihr ge­ben wol­len.“(S. 202) So­lan­ge aber post­mo­der­ne Iden­ti­täts-po­li­tik die Po­li­tik der Gleich­heit über­de­cke, wer­de man kei­nen Er­folg ha­ben, dass je­mand an­de­rer als Rechts­po­pu­lis­ten die­se Antwort ge­ben. S. W. Po­li­tik: Iden­ti­tä­ten

Pfal­ler, Ro­bert: Er­wach­se­nen­spra­che. Über ihr Ver­schwin­den aus Po­li­tik und Kul­tur. Frankfurt/m.: Fi­scher, 2018. 247 S., € 14,99 [D], 15,50 [A]

ISBN 978-5-596-29877-8

Der Kom­ple­xi­tät ge­recht wer­den

Ar­min Nas­sehi ist So­zio­lo­ge an der LMU in Mün­chen und seit 2012 Her­aus­ge­ber des Kurs­bu­ches. In dem Buch „Die letz­te St­un­de der Wahr­heit“will er uns hel­fen, mit der Kom­ple­xi­tät un­se­rer Ge­sell­schaf­ten zu­ran­de zu kom­men. Die mo­der­ne Ge­sell­schaft in ih­rer ganz ei­ge­nen Form der Kom­ple­xi­tät sei da­von ge­prägt, „dass es kei­nen Ort gibt, von dem her man sie kon­kur­renz­los und gül­tig be­schrei­ben kann. Mehr noch: Sie kennt kei­nen Ort, der es er­mög­licht, auf die Ge­sell­schaft zu­zu­grei­fen. Man kann nicht durch­re­gie­ren, man muss viel­mehr ler­nen, dass sich die Ge­sell­schaft dem re­gu­lie­ren­den Zu­griff schon des­we­gen ent­zieht, weil Un­ter­schied­li­ches gleich­zei­tig ab­läuft und nir­gend­wo ein He­bel zu fin­den ist, von dem her sie wirk­lich be­ein­flusst wer­den kann. Und das gilt fol­ge­rich­tig auch für ih­re Be­schrei­bung“(S. 9). Ver­ein­fach­te Ant­wor­ten auf die Her­aus­for­de­run­gen ei­ner kom­ple­xen Rea­li­tät brin­gen uns nicht wei­ter. Der Po­pu­lis­mus ist für Nas­sehi auch aus der Kom­ple­xi­tät der Ge­sell­schaf­ten zu er­klä­ren. Er sei „ge­wis­ser­ma­ßen der na­tür­li­che Geg­ner ei­nes kom­ple­xi­täts­sen­si­blen Den­kens” (S. 22). In wei­te­rer Fol­ge will der Au­tor„ei­ne Den­kungs­art be­reit­stel­len, die da­zu ver­hilft, die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len. Ich bin da­von über­zeugt, dass uns die Lö­sung der an­ste­hen­den Pro­ble­me nur mit ei­nem Pa­ra­dig­men­wech­sel ge­lin­gen wird, nur mit der Um­stel­lung un­se­rer Den­kungs­ar­ten auf ein ver­netz­tes Denken, für das uns manch­mal die Ka­te­go­ri­en, vor al­lem aber die Aus­drucks­for­men feh­len“(S. 5). Er zeigt sich ver­wun­dert, dass bei die­ser Auf­ga­be noch so viel zu er­le­di­gen ist. „War­um gibt es kei­ne Be­schrei­bungs­tra­di­ti­on für Kom­ple­xi­tät, al­so für ein Phä­no-

„Ge­ra­de un­ter dem Vor­wand des Schut­zes und der Ein­be­zie­hung von Min­der­hei­ten ver­nich­tet schein­bar pro­gres­si­ve, neo­li­be­ra­le Po­li­tik die Räu­me der Öf­fent­lich­keit, des of­fe­nen Aus­tau­sches von Ar­gu­men­ten und der Gleich­heit.“(Ro­bert Pfal­ler in , S. 203)

men, das sich der Gestal­tungs­mög­lich­keit durch ei­nen sou­ve­rä­nen Kon­struk­teur ge­ra­de­zu ent­zieht? (…) Es geht dar­um, ei­ne Spre­cher­po­si­ti­on zu ent­wi­ckeln, die eben nicht der prä­skrip­ti­ven Selbst­über­schät­zung auf den Leim geht.“(S. 19) Der ein­zi­ge­ap­pell sei tat­säch­lich der: „Pro­blem­lö­sungs­tools und Ver­su­che der Ein­wir­kung in kom­ple­xe Dy­na­mi­ken und Pro­zes­se soll­ten mit dem Pro­blem der Kom­ple­xi­tät rech­nen und da­rin ei­ne neue Form der Ex­per­ti­se ent­de­cken. Die­se muss heu­te wohl die mo­de­rie­ren­de Ex­per­ti­se sein, die die Mul­ti­pli­zi­tät von Ex­per­ti­sen er­kennt, auch das Fak­tum, dass es kei­ne letz­ten Lö­sun­gen gibt.“(S. 201) Da­mit klingt be­reits an, dass Nas­sehi ver­gleichs­wei­se ent­spannt mit un­se­ren ge­rin­gen Er­fol­gen im Um­gang mit Kom­ple­xi­tät zu­recht­zu­kom­men ver­steht. Der Grund liegt da­rin, dass er Kom­ple­xi­tät nicht als et­was Fra­gi­les sieht. „Die ge­sell­schaft­li­che Mo­der­ne ist durch ei­ne wirk­lich ku­rio­se Ei­gen­tüm­lich­keit ge­prägt: Ge­ra­de auf­grund ih­rer Struk­tur ver­teil­ter In­tel­li­genz und ge­ra­de we­gen ih­rer Kom­ple­xi­tät und Dy­na­mik ist sie letzt­lich durch so et­was wie Zu­grif­fe und Ein­grif­fe kaum aus der Ru­he zu brin­gen, eben weil jeg­li­cher Zu­griff im­mer von ei­ner kon­kre­ten Po­si­ti­on aus er­folgt und die Fan­ta­sie ih­rer Um­ge­stal­tung und Kri­ti­sier­bar­keit kaum Adres­sa­ten fin­det.” (S. 186) Die­se ei­ge­ne Kraft zei­ge sich auch da­rin, dass Kom­ple­xi­tät mit Plu­ra­li­tät zu­sam­men­zu­hän­gen scheint. All die­se Bei­spie­le wei­sen für Nas­sehi auf die Selbstan­pas­sung mo­der­ner Ge­sell­schaf­ten an Kom­ple­xi­tät und Per­spek­ti­ven­dif­fe­renz hin. Sie al­le sei­en Be­le­ge da­für, wie sich un­ter­schied­li­che Spre­cher eta­blie­ren, vor al­lem aber: wie die Ge­sell­schaft die Un­ter­schied­lich­keit der Per­spek­ti­ven zu ent­dra­ma­ti­sie­ren, in Form zu brin­gen und da­mit um­zu­ge­hen ver­su­che (vgl. S. 206). S. W. Kom­ple­xi­tät

Nas­sehi, Ar­min: Die letz­te St­un­de der Wahr­heit. Kurs­buch.edi­ti­on. Ham­burg: Mur­mann, 2017. 215 S., € 20,- [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-946514589.

Das Ich in der Ge­sell­schaft

Die Wie­ner Phi­lo­so­phin Isol­de Cha­rim hat sich in ei­nem klu­gen und wich­ti­gen Buch Ge­dan­ken darüber ge­macht, wie Men­schen in ei­ner plu­ra­li­sier­ten Ge­sell­schaft mit ei­ner Viel­zahl von – häu­fig schwam­mi­gen und un­be­stän­di­gen – Iden­ti­täts­ent­wür­fen le­ben, und wie sich In­di­vi­du­um und Ge­sell­schaft im Plu­ra­lis­mus völ­lig neu ord­nen.

Wa­ren die al­ten Na­tio­nal­staa­ten re­la­tiv ho­mo­gen, le­ben wir nun in ei­ner zu­neh­mend plu­ra­li­sier­ten Ge­sell­schaft, die un­ser „Ich“für im­mer ver­än­dert: „Es gibt kei­ne selbst­ver­ständ­li­che Kul­tur, kei­ne selbst­ver­ständ­li­che Zu­ge­hö­rig­keit mehr. Und das ist ei­ne wirk­lich ein­schnei­den­de Ve­rän­de­rung“(S. 31). Die Au­to­rin spricht von ei­ner nicht-vol­len Zu­ge­hö­rig­keit zur Ge­sell­schaft: Nie­mand ist mehr voll­stän­dig und um­fas­send Teil ei­ner Ge­mein­schaft bzw. ist Zu­ge­hö­rig­keit nicht mehr selbst­ver­ständ­lich.

Die­se Plu­ra­li­sie­rung ver­än­dert un­se­re Iden­ti­tät, in­dem wir kei­ne klar de­fi­nier­ten Ge­stal­ten in Ge­mein­schaft mit an­de­ren mehr sind (et­wa: Staats­bür­ge­rin). Die­ser al­te, „ers­te“In­di­vi­dua­lis­mus wur­de schon im Zu­ge der 68er­re­vo­lu­ti­on in Fra­ge ge­stellt, wo Iden­ti­täts­po­li­tik – die Rol­le in­di­vi­du­el­ler Iden­ti­tät für po­li­ti­sches Han­deln – erst­mals die Büh­ne be­trat. Der „zwei­te In­di­vi­dua­lis­mus“zeich­net sich durch fle­xi­ble po­li­ti­sche Zu­ge­hö­rig­keit aus, wäh­rend er selbst Iden­ti­tät als un­ver­än­der­bar be­greift: man ist un­ver­än­der­lich schwarz, ho­mo­se­xu­ell oder ei­ne Frau (vgl. S. 40f.).auch die­se Form von In­di­vi­dua­lis­mus ist laut Cha­rim über­holt. Sie spricht vom mitt­ler­wei­le „drit­ten In­di­vi­dua­lis­mus“, der in der plu­ra­li­sier­ten Ge­sell­schaft wur­zelt. Die­ser ist im Kon­text ero­die­ren­der Be­zugs­sys­te­me zu ver­ste­hen: als „We­ni­ger-ich“, ein ge­spal­te­nes In­di­vi­du­um in ei­ner Ge­sell­schaft mit mul­ti­plen Op­tio­nen, wel­ches in stän­di­ger Un­ge­wiss­heit und Of­fen­heit lebt. „Das ver­langt dem Ein­zel­nen viel ab: Er muss sich sei­ner ei­ge­nen Iden­ti­tät ver­si­chern. Wir müs­sen uns selbst stän­dig un­se­rer ei­ge­nen Iden­ti­tät ver­si­chern“(S. 47) – ein iden­ti­tä­res Pre­ka­ri­at, wel­ches von je­dem an­ders er­lebt wird und ein Ne­ben­ein­an­der von Le­bens­wel­ten statt ein Mit­ein­an­der be­dingt.

Die Kon­se­quen­zen ei­ner plu­ra­li­sier­ten Ge­sell­schaft mit „nicht-vol­len In­di­vi­du­en“zei­gen sich vor al­lem in neu de­fi­nier­ten Rol­len von Re­li­gi­on, Kul­tur und der Po­li­tik. Cha­rim ar­gu­men­tiert, dass es zwar ei­ne Rück­kehr der Re­li­gi­on gibt (vor al­lem in Hin­blick auf den Is­lam), dass aber Re­li­gi­on trotz­dem voll­kom­men neu zu ver­ste­hen sei: Frü­her wa­ren Ge­sell­schaf­ten re­li­gi­ös ho­mo­gen; nun ste­hen ei­ne Viel­zahl von Glau­bens­for­men (und auch Nicht-glau­ben) ein­an­der ge­gen­über. Da­mit re­la­ti­viert sich auch der Glau­be, da er letzt­end­lich ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung der Gläu­bi­gen dar­stellt (S. 66). Im Be­reich Kul­tur kon­sta­tiert Cha­rim ei­ne Rück­kehr der Tra­di­ti­on als Form der­ab­wehr ge­gen­über der plu­ra­li­sier­ten Ge­sell­schaft. Das Über­be­to­nen von Tra­di­ti­on zeigt sich in is­la­mis­ti­schen Strö­mun­gen, die ver­su­chen, ei­ne Or­tho­do­xie zu re­kon­stru­ie­ren und da­mit Iden­ti­tät zu stär­ken, eben­so in Dis­kus­sio­nen rund um die Leit­kul­tur, der Rück­kehr der Tracht und des „hei­mat­tü­meln­den“Schla­gers. Da­mit sol­len die „pre­ka­ri­sier­ten Iden­ti­tä­ten“mit Si­cher­heit ver­sorgt wer­den.

Was Po­li­tik an­be­langt, hat sich das Kon­zept der Par­ti­zi­pa­ti­on fun­da­men­tal ver­än­dert: Par­ti­zi­pa­ti­ons­for­men im drit­ten In­di­vi­dua­lis­mus sind kurz­le­big, flu­id, un­hier­ar­chisch, fle­xi­bel. Die Oc­cu­py Be­we­gung ist ex­em­pla­risch da­für. Da­zu kommt ein grund­sätz­li­ches Miss­trau­en ge­gen­über In­sti­tu­tio­nen und Par­tei­en, wäh­rend po­li­ti­sches Han­deln zu­neh­mend von Emo­tio­nen ge­trie­ben wird – vor al­lem von Em­pö­rung, aber auch vom

„Man kann die kur­ze Ge­schich­te der Mo­der­ne als ei­ne Eta­b­lie­rung von Spre­chern und Spre­cher­po­si­tio­nen re­kon­stru­ie­ren. Die De­mo­kra­tie lässt die Geg­ner der Re­gie­rung spre­chen, die Wis­sen­schaft eta­bliert den Streit un­ter­schied­li­cher Lö­sun­gen, das Recht bringt An­ti­po­den im Ge­richts­saal zu­sam­men. Bil­dungs­pro­gram­me ver­glei­chen Un­ter­schied­li­ches und ma­chen mit den Er­fah­run­gen an­de­rer ver­traut.“(Ar­min Nas­sehi in , S. 205)

Be­geh­ren nach An­er­ken­nung. Zwangs­läu­fig wer­den po­li­ti­sche „Le­bens­läu­fe“da­mit bun­ter; Loya­li­tä­ten ver­schwin­den – man folgt al­lein dem ei­ge­nen spon­ta­nen mo­ra­li­schen An­spruch, und er­war­tet die Um­set­zung po­li­ti­scher Glücks­ver­spre­chen oh­ne Auf­schub. „Po­li­ti­scher He­do­nis­mus“nennt Cha­rim die­ses Ver­hal­ten (S. 128). Da­mit lei­tet die Au­to­rin zum The­ma Po­pu­lis­mus über, des­sen Er­folg dar­auf be­ruht, (ne­ga­ti­ve) Emo­tio­nen zu ka­na­li­sie­ren und so­ge­nann­te un­teil­ba­re Kon­flik­te (je­ne um Iden­ti­tä­ten, Kul­tur, Wer­te) zu he­gen (S. 149). Da­zu kommt ein von Po­pu­lis­ten neu in­sze­nier­ter Po­li­ti­ker­ty­pus: der Nar­zist, des­sen At­trak­ti­on auf Wäh­ler al­lein dar­auf be­ruht, sich Din­ge her­aus­zu­neh­men, die man sich sel­ber wün­schen wür­de – ein Stell­ver­tre­ter und kei­ne über­ge­ord­ne­te Au­to­ri­tät mehr. Po­pu­lis­tin­nen tre­ten zu­dem als ent­schie­de­ne Geg­ne­rin­nen lin­ker Iden­ti­täts­po­li­ti­ken auf und punk­ten da­mit bei den Wäh­le­rin­nen. Tat­säch­lich ist vor al­lem in den USA die ur­sprüng­lich eman­zi­pa­to­ri­sche Iden­ti­täts­po­li­tik ge­kippt, in ei­ne „höchst ge­stei­ger­te Emp­find­sam­keit“mit ei­nem „stra­te­gi­schen Vor­teil des Op­fer­sta­tus, aus dem nun­mehr An­spruch auf Be­vor­zu­gung und mo­ra­li­sche Über­le­gen­heit ab­ge­lei­tet wird“(S. 187). Im Grun­de ist die­se ge­kipp­te Iden­ti­täts­po­li­tik ei­ne Ab­wehr ge­gen die plu­ra­li­sier­te Ge­sell­schaft, nur eben von Sei­ten der Lin­ken: Man hält an un­ver­än­der­ba­ren, fi­xen Iden­ti­tä­ten fest und stei­gert sie ins Maß­lo­se. Was tun, fragt die Au­to­rin am Schluss – nur um zu be­mer­ken, dass man nichts tun kann: „Die Fra­ge Was tun? gibt sich der ir­ri­gen Hoff­nung hin, es gä­be ei­ne Antwort, es gä­be ei­ne kon­kre­te An­lei­tung.“(S. 216) Das Buch en­det oh­ne kon­kre­te Lö­sung oder Emp­feh­lung – und da­mit mit ei­ner Ver­wei­ge­rung ein­fa­cher Re­zep­te. Es wä­re frei­lich span­nend, auch die kom­pli­zier­ten We­ge aus­zu­lo­ten. B. B.-K.

Plu­ra­li­sie­rung Cha­rim, Isol­de: Ich und die An­de­ren. Wie die neue Plu­ra­li­sie­rung uns al­le ver­än­dert. Wi­en: Zsol­nay, 2018.

223 S., €22,- [D], 22,70 [A] ; ISBN 978-3-553-05666-0

„Es ist auch die Rea­li­tät der Teil­ha­be selbst, die sub­jek­ti­ve Wirk­lich­keit der Par­ti­zi­pa­ti­on: das sub­jek­ti­ve Ge­fühl, gehört zu wer­den, an­er­kannt zu wer­den, sich ge­meint füh­len“(Isol­de Cha­rim in , S. 111).

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