Bun­des­prä­si­dent: Zu­kunfts­hoff­nung im Kri­sen­fall

Die Ös­ter­rei­cher hal­ten ihr Staats­ober­haupt für ei­nen sal­bungs­vol­len Sonn­tags­red­ner. Zu Un­recht.

Salzburger Nachrichten - - ÖSTERREICH - WWW.REIN­HOLD-POPP.AT

Trotz sin­ken­der Ten­denz be­wegt sich die Wahl­be­tei­li­gung in Ös­ter­reich noch im­mer auf ei­nem hö­he­ren Ni­veau als in vie­len an­de­ren Län­dern. So be­tei­lig­te sich et­wa an man­chen Prä­si­dent­schafts­wah­len in den USA nicht ein­mal die Hälf­te der Wahl­be­rech­tig­ten. Hier­zu­lan­de ver­lo­ren vor al­lem die Wah­len zum Bun­des­prä­si­den­ten im­mer mehr an Be­deu­tung. Dies lässt sich nur zum klei­ne­ren Teil da­durch er­klä­ren, dass 2007 die Wahl­pflicht ab­ge­schafft wur­de. Der wich­ti­ge­re Grund für den Ver­zicht auf das Wahl­recht liegt am Image die­ses Am­tes. Of­fen­sicht­lich hal­ten vie­le Men­schen ih­ren Prä­si­den­ten bes­ten­falls für ei­nen freund­li­chen Staats­no­tar, der au­ßer sal­bungs­vol­len Sonn­tags­re­den, ge­le­gent­li­chen mo­ra­li­schen Ap­pel­len und re­prä­sen­ta­ti­ven Staats­be­su­chen nicht viel zur Zu­kunft des Lan­des bei­tra­gen kann. Vie­le Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wis­sen nicht, dass die ös­ter­rei­chi­sche Ver­fas­sung das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten mit ei­ner sehr gro­ßen po­li­ti­schen Macht aus­stat­tet. Im Not­fall könn­te der Prä­si­dent bzw. die Prä­si­den­tin für ei­ne be­grenz­te Zeit so­gar die po­li­ti­sche Steue­rung des Lan­des an sich zie­hen. So viel Macht er­for­dert be­son­ders viel Ver­trau­en. Des­halb wird der Bun­des­prä­si­dent – im Ge­gen­satz zur Bun­des­re­gie­rung – vom Volk di- rekt ge­wählt. Bis­her schöpf­te frei­lich kein Prä­si­dent sei­ne Macht­fül­le aus. Denn in ei­nem de­mo­kra­ti­schen Sys­tem sind trag­fä­hi­ge po­li­ti­sche Kom­pro­mis­se zwi­schen un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen­grup­pen der Nor­mal­fall und prä­si­dia­le De­kre­te nur der sel­te­ne Son­der­fall. Es ist zu hof­fen, dass der de­mo­kra­ti­sche Kon­flikt­aus­gleich im ope­ra­ti­ven All­tag des Par­la­ments und der Re­gie­rung auch zu­künf­tig funk­tio­niert. Aber im Fal­le ei­ner durch­aus mög­li­chen Staats­kri­se kann der prä­si­dia­le Griff zur po­li­ti­schen Not­brem­se ei­ne zu­kunfts­si­chern­de Chan­ce sein.

Rein­hold Popp

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