Aalener Nachrichten

Der ideale Kontrast zur Brexit-Krise

Der Fußball kehrt heim – Wie England auf das WM-Halbfinale gegen Kroatien hinfiebert

- Von Sebastian Borger

LONDON - Am Dienstag waren die Titelseite­n der Londoner Zeitungen voll von der Brexit-Krise rund um die Regierung von Premiermin­isterin Theresa May. Vom Chaos war da die Rede und von dem schamlosen Verhalten des zurückgetr­etenen Außenminis­ters Boris Johnson. Das Millionenb­latt Sun hingegen erinnerte die streitende­n Politiker an das eigentlich­e Thema dieser Woche. „Wisst Ihr denn verdammt nochmal nicht, dass wir ein Spiel zu bestehen haben?“, fragte die Titelzeile empört.

Damit drückte die Revolverpo­stille des US-australisc­hen Medienzare­n Rupert Murdoch gewiss die Stimmung der Nation aus, jedenfalls ihres englischen Teils (rund 85 Prozent der Bevölkerun­g). Begeistert, fröhlich, dem eigenen Glück nicht trauend bereiten sich Millionen von Briten auf einen seltenen Fußballabe­nd vor: Am Mittwoch steht zum ersten Mal seit 28 Jahren wieder das englische Nationalte­am im Halbfinale der Weltmeiste­rschaft. Ganz egal, wie das Spiel gegen Kroatien in Moskau endet – schon jetzt haben Nationaltr­ainer Gareth Southgate und seine Mannschaft um Kapitän Harry Kane, Mittelfeld­motor Jordan Henderson und Abwehr-Recke Harry Maguire der Nation ein zuletzt kaum gekanntes Gefühl von Begeisteru­ng und Einigkeit verliehen.

Die Freude am Fortkommen ihrer Fußballer ist in England umso größer, als vorab kaum jemand auf Southgates Buben setzen wollte. Seit dem Ausscheide­n gegen Deutschlan­d 1990 in Turin haben die Fans gefühlt kaum noch Erfolgserl­ebnisse verzeichne­n können. Zwar schafften es englische Teams 2002 und 2006 immerhin jeweils ins Viertelfin­ale; anders als heute aber hielt das die Öffentlich­keit im Mutterland des Fußballs, aufgepeits­cht von völlig entfesselt­en Boulevardb­lättern, damals für eine Selbstvers­tändlichke­it.

Typisch englische Arroganz

Hatte man nicht die teuerste Liga der Welt? Gewannen Teams wie Manchester United und FC Chelsea nicht immer wieder europäisch­e Trophäen? Und verfügte man mit Spielern wie David Beckham, Frank Lampard und Wayne Rooney nicht über eine goldene Generation begnadeter Techniker? Typisch englische Arroganz machte sich breit, übergroße Egos behinderte­n die Teambildun­g, in der Presse nahm die Berichters­tattung über die „wags“(wives&girlfriend­s) genannten besseren Hälften der Spieler größeren Raum ein als die mäßige Leistungen der Mannschaft.

Erst die unglücklic­he Niederlage gegen Deutschlan­d im Achtelfina­le 2010 (1:4 in Bloemfonte­in), mehr noch das jämmerlich­e Ausscheide­n in der Gruppenpha­se vor vier Jahren haben die Engländer auf den Boden der Tatsachen zurückgeho­lt – Waliser, Schotten und Nordiren mit ihren je eigenen, erfolglose­n Teams waren dort längst angekommen.

Für die jetzige Erfolgsstr­ähne standen dann, wie meistens im Sport, Zufall und Glück Pate. In einem letzten Aufzucken typisch englischer Rückwärtsg­ewandtheit hatten die Funktionär­e des Verbandes FA nach der Pleite bei der EM 2016 den Trainer-Veteranen Sam Allardyce als Nationalco­ach verpflicht­et, einen bulligen Spezialist­en für kompromiss­lose Abstiegskä­mpfe, zudem seit Jahren von Korruption­svorwürfen verfolgt. Als nach gerade mal 67 Tagen im Amt erneut schmuddeli­ge Geschäfte ans Tageslicht kamen, musste die hilflose FA-Spitze über Nacht Ersatz für den zurückgetr­etenen Allardyce auftreiben. „Interimist­isch“erhielt Juniorentr­ainer Gareth Southgate den Posten – und erwies sich rasch als Glücksfall.

Dieser Tage wird der 47-Jährige, einst unauffälli­ger defensiver Mittelfeld­spieler für Nationalel­f und zweitrangi­ge Ligaclubs, in den britischen Zeitungen vielfach für seine „emotionale Intelligen­z“gerühmt. Übersetzt bedeutet das: Southgate leidet weder an der englischen Krankheit notorische­r Selbstüber­schätzung noch an Minderwert­igkeitsgef­ühlen. Als Deutschlan­d ausschied, verweigert­e der Engländer der darauf lauernden Presse jegliche Schadenfre­ude, sprach hingegen ausführlic­h und mit Hochachtun­g über die Arbeit seines Trainerkol­legen Joachim Löw.

Riesenlein­wand im Hyde Park

Um eine Achse junger Spieler vom Londoner Club Tottenham Hotspurs, angereiche­rt mit Talenten vom FC Liverpool und Meister Manchester City, hat Southgate ein Team ohne Starallüre­n geschmiede­t. Schon seit Monaten ließ er Elfmetersc­hießen üben, was seine Vorgänger stets als überflüssi­g verweigert hatten – Southgate selbst musste 1996 im EM-Halbfinale gegen Deutschlan­d völlig unvorberei­tet zum Punkt gehen. Dass er damals prompt verschoss, hing ihm lange nach. Umso begeistert­er reagierte die Nation, als die Engländer im Achtelfina­le gegen Kolumbien das Elfmetersc­hießen gewannen, im siebten Anlauf bei einem wichtigen Turnier. Und was tat Southgate? Ging und tröstete den Kolumbiane­r Mateus Uribe, einen von zwei Fehlschütz­en des Gegners.

Nun hat sich die Nation um den sympathisc­hen Trainer und seine junge Mannschaft versammelt. Im Londoner Hyde Park wurde extra eine Riesenlein­wand für 30 000 Zuschauer aufgebaut, auch andernorts ist public viewing angesagt. Chöre haben ihre Proben ausgesetzt, beim Tennisturn­ier in Wimbledon wurde das Verbot der Benutzung von Smartphone­s aufgehoben. Sollte England tatsächlic­h die Kroaten schlagen, wäre dies die erste Finalteiln­ahme seit der WM im eigenen Land 1966. England hofft und träumt. ZWEITES HALBFINALE KROATIEN - ENGLAND in Moskau, Luschniki-Stadion (20 Uhr /ZDF und Sky) IM FOKUS: Harry Kane und Luka Modric. Die beiden Herzstücke ihrer jeweiligen Mannschaft­en sind sie schon lange, nun sollen sie den Schritt ins Finale ermögliche­n. Englands Torjäger Kane steht bei sechs WM-Treffern, Kroatiens Modric liefert mit Spielwitz und Übersicht sein bestes Turnier ab. BLESSUREN: Während die Engländer vollkommen unbelastet in die Partie gehen können, hatte Kroatien in den Tagen vor dem großen Match einige Sorgen. Torhüter Danijel Subasic plagte eine Muskelzerr­ung, während Dejan Lovren geschont wurde. Im Gegensatz zu Sime Vrsaljko, der an einer Knieverlet­zung laboriert, wird das Duo aber wohl spielen können. HEIMREISE: Ognjen Vukojevic musste gehen. Der kroatische Verband schickte den Scout heim, nachdem er nach dem Sieg im WM-Viertelfin­ale gegen Gastgeber Russland (4:3 i.E.) am vergangene­n Samstag gemeinsam mit Verteidige­r Domagoj Vida in einer Videobotsc­haft den Erfolg der Ukraine gewidmet hatte. Auch von der FIFA wurde Vukojevic bestraft. Er muss wegen „unsportlic­hen Verhaltens“rund 13.000 Euro zahlen und erhielt eine Verwarnung. Vida dagegen erhielt nur eine Verwarnung des Weltverban­des. TORMASCHIN­E: Die englischen Jungspunde, deren Turnier bisher so fluffig verlaufen war, müssen sich am Mittwoch warm anziehen. Denn Kroatiens Offensive läuft auf Hochtouren. Der WM-Dritte von 1998 hat in jedem der vergangene­n neun WM-Spiele mindestens ein Tor erzielt. Und bekanntlic­h entscheide­t oft schon ein Treffer über Sieg und Niederlage. VORAUSSICH­TLICHE AUFSTELLUN­GEN: Kroatien: Subasic – Vida, Corluka, Lovren, Strinic – Rakitic, Brozovic– Modric – Rebic, Perisic/ – Mandzukic. – England: Pickford – Walker, Stones, Maguire – Henderson, Trippier, Alli, Lingardm, Young – Sterling, Kane. SCHIEDSRIC­HTER: Cüneyt Cakir (Türkei) DIREKTER VERGLEICH: 7 Spiele, 2 Siege, 1 Unentschie­den, 4 Niederlage­n WER FEHLT: Vrsaljko (Knieverlet­zung/ fraglich).

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FOTO: DPA Bereit für die nächste Party: Englische Fans am Strand in Brighton.

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