Aichacher Nachrichten

Die Kathedrale anschauen? Vielleicht am Wochenende

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dem Schoß fortbewege­n. Allein Google-Maps findet sich hier noch problemlos zurecht. Die andere Möglichkei­t ist: Sich treiben lassen, sich ständig verlaufen, um ständig Neues zu sehen. Das wird selbst nach zwei Wochen nicht langweilig. Diese Altstadt ist fantastisc­h.

Ja, es könnte so entspannen­d sein in Sevilla. Stattdesse­n bekommen die Urlaubstag­e ein festes Gerüst. Vier Stunden Unterricht von 9 bis 13 Uhr, danach eine Stunde Konversati­on. Das macht zusammen fünf Stunden auf Spanisch. Und wer danach die Schule verlässt, dem schwirren die Sinne, weil es so viele neue Wörter waren. Danach die große Kathedrale anschauen? Vielleicht am Wochenende … Jetzt erst einmal einen Rotwein in einer Bar, bevor im Apartment weitergele­rnt wird. Nachmittag­ssonne und frische Luft, um alles zu verarbeite­n.

Denn Schule ist ja nie nur Lernstoff, Schule ist immer auch ein Schmelztie­gel des Menschlich­en – neue Mitschüler, neue Lehrer und damit neue Geschichte­n, die wiederum der Sprachunte­rricht in Rekordtemp­o zutage fördert. Denn alle in der Klasse sind Anfänger, das heißt, dass noch niemand die hohe Kunst des Sprechens versteht – nur das von sich preiszugeb­en, was man auch preisgeben möchte. Niemand in der Klasse ist ein Meister des Tarnens und Täuschens, alle sagen, wie es ist.

Was das heißt? Die Lehrerin María spricht in der Konversati­onsklasse über Häuser und Gärten. Neil – ein Spitzengit­arrist in einem großen Orchester in London – muss zwei-

erzählen, dass er die Gartenarbe­it liebe, denn sein Spanisch ist kaum vom Englischen zu unterschei­den. Danach will María von Peter wissen, ob er zu Hause auch einen Garten habe? Und Peter, nun ja, er kommt auch aus Deutschlan­d und ist speziell: Arbeitet in einem Landratsam­t, isst immer um fünf, macht sich alles in der Mikrowelle warm. Peter und ein Garten? Nein! Und Pflanzen? Ja, habe er – aber nur aus Plastik. Die Klasse lacht.

In diesem Klassenzim­mer, das zwei Wochen lang zur zweiten Heimat wird, öffnen sich ständig neue Ausblicke. Leone erzählt, dass er als Bäcker in Brasilien arbeitet. Tessa und Rivka haben ihr Studium gerade beendet, die beiden kommen aus Holland. Und dann gibt es da noch Cliff, der ausschaut, als sei er gerade 40 Jahre alt geworden. Er scheint die Rezeptur für diesen Trank der ewigen Jugend zu kennen. Seine Eltern kommen aus Jamaika, er ist in London aufgewachs­en, hat aber lan- in Hongkong gelebt und gearbeitet und spricht Kantonesis­ch. Was Cliff jetzt mache, möchte Moises, ein Lehrer, wissen? „Ich bin im Ruhestand.“Wie bitte? „Retired.“Wie bitte? Ja, Cliff sei in Rente, pensionier­t, arbeite nicht mehr. Und er sei auch nicht 40 Jahre alt, wie Moises meine, sondern 54 – und im Ruhestand. Unfassbar.

Das Gros der Sprachschü­ler ist jung. Viele kommen direkt nach ihrem Abitur und bleiben nicht nur zwei Wochen, sondern zwei Monate. Cliff ist in dem Wohnheim der Schule so etwas wie das Familienob­erhaupt. In der Klasse erzählt er Geschichte­n. Wie lange seine „Kinder“gestern wieder Party gefeiert haben; dass sie morgen alle zusammen mit den Fahrrädern einen Ausflug machen wollen. Bitte mitkommen!

Es ist erstaunlic­h, wie die Sprache Menschen, die im normalen Leben womöglich keine zwei Stunden miteinande­r aushalten würden, innermal ● Kosten ● Dialekt halb kürzester Zeit zusammenbr­ingt. Nach ein paar Tagen ist man Teil des Schultreib­ens, ohne selbst einen Platz im Wohnheim zu haben. Junge Schüler, ältere Schüler, das alles spielt keine große Rolle.

Wenn die Lehrer anfangen, ihre Geschichte­n zu erzählen, bekommen Sevilla, Andalusien und Spanien neue Facetten hinzugefüg­t. Begonia zum Beispiel ist es ein Herzensanl­iegen, dass die Franco-Diktatur nicht vergessen wird. Das versteht man auch als Sprachanfä­nger. Überall im Land werden immer noch neue Gruben gefunden, in denen Opfer der Diktatur verscharrt worden sind. Bei Granada zum Beispiel ist der Dichter Federico García Lorca 1936 ermordet worden – zusammen mit drei anderen. Bis heute weiß niemand, wo der Leichnam vergraben worden ist.

Moises erzählt, dass der Regen in dieser Sonnen- und Hitzestadt Sevilla zwar immer bitter nötig ist, von den Sevillanos immer als ein himmge

 ??  ?? In Sevilla listet das Instituto Cervantes sieben Sprachschu­len, unter anderem die Schule „Enforex“, die für diese Rei segeschich­te besucht wurde.
Kurse werden ab 170 Euro pro Woche (20 Unterricht­sstunden) angeboten. Hinzu kommen eine Anmel degebühr...
In Sevilla listet das Instituto Cervantes sieben Sprachschu­len, unter anderem die Schule „Enforex“, die für diese Rei segeschich­te besucht wurde. Kurse werden ab 170 Euro pro Woche (20 Unterricht­sstunden) angeboten. Hinzu kommen eine Anmel degebühr...

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