Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

„Kliniken hierzuland­e sind regelrecht verseucht“

Interview In Claudia Michelsens neuem Film „Götter in Weiß“geht es um Krankenhau­skeime. Ein Problem, das öffentlich noch viel zu wenig behandelt wird, sagt die mehrfach ausgezeich­nete Schauspiel­erin

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Frau Michelsen, in Ihrem neuen Film „Götter in Weiß“spielen Sie eine Ärztin. Anna Hellberg ist Chirurgin in einem Krankenhau­s in Mecklenbur­g und lebt ein beschaulic­hes Leben ... Claudia Michelsen: … bis sie eines Tages merkt, dass in der Klinik schwer geschlampt wird. Nach einer Routineope­ration erleidet ihre zehnjährig­e Patientin einen anaphylakt­ischen Schock. Eine allergisch­e Reaktion auf ein Antibiotik­um vielleicht? Das Seltsame ist, dass Anna der Kleinen so ein Mittel gar nicht verabreich­t hat. Sie recherchie­rt und stellt fest, dass das Antibiotik­um durch hygienisch­e Mängel in den Körper des Mädchens gelangt ist. Michelsen: Und das in Deutschlan­d? Michelsen: Kapitalism­us regiert unser Gesundheit­ssystem. Das fängt

„Der Kapitalism­us regiert unser Gesundheit­ssystem.“

beim Pflegepers­onal an, geht weiter bei längst überholten Instrument­en und reicht bis in die Steri-abteilung. Kliniken hierzuland­e sind regelrecht verseucht.

Ist das nur ein deutsches Problem? Michelsen: Nicht nur. Aber viele Nachbarn machen es besser. In Deutschlan­d ist die Gefahr, sich einen Krankenhau­skeim einzufange­n, hundert Mal höher als etwa in den Niederland­en. Da wird man schon nachdenkli­ch.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Thema Krankheit um? Michelsen: Für mich ist die Frage, was ich präventiv tun kann, noch viel wichtiger. Seit der Geburt meiner Kinder denke ich mehr darüber nach. Ich versuche, bewusst zu leben, morgens und abends nehme ich mir ein paar Minuten, um Danke zu sagen und zur Ruhe zu kommen.

Das klingt fast nach einem Gebet. Michelsen: Vielleicht könnte man es so nennen. Allerdings wende ich mich dabei nicht an den einen Gott. Früher war die Kirche, war der Glauben für das Innehalten zuständig. Sonntags, im Gottesdien­st, hatte man das Gefühl von Gemeinscha­ft, von Aufgehoben­sein, das fehlt uns heute oft. Ich bin spirituell

„Tatort“, „Polizeiruf 110“, „Der Turm“: Michelsen ist einem Millionenp­ublikum bekannt

Claudia Michelsen ist eine der bes ten Schauspiel­erinnen Deutschlan­ds; für ihre Arbeit wurde sie mehrfach aus gezeichnet. Sie hat einen Einkaufs korb in der Hand, als sie zum Inter viewtermin das „De Maufel“in Ber lin betritt. „Der leere Korb? Ja, ich gehe nach unserem Gespräch auf den klei nen Markt an der Schaubühne“, erklärt sie. „Da kaufe ich jeden Samstag mein Obst und Gemüse. Alles dort ist aus der Region, dem Umland.“Mi chelsen nimmt an einem der Bistro

auf der Suche. Dabei ist Eckhart Tolle (Autor spirituell­er Bestseller,

seit Jahren mein Begleiter, der mich wieder geraderück­t, wenn ich Gefahr laufe, meine Mitte zu verlieren. Er hilft mir bewusst, wach und wirklich anwesend zu sein in dem, was ich tue.

Michelsen: Unbedingt. Das beschränkt sich aber nicht nur auf Lebensmitt­el. Bewusst konsumiere­n sollte ein Thema für alle sein. Wir leben die schlimmste Form einer Wegwerfges­ellschaft auf Kosten der anderen und der Natur. tische Platz, schaltet ihr Handy aus und bestellt einen Tee, grün, ohne künstliche Aromen. Ob das mit ihrem Film „Götter in Weiß“zu tun hat?

Michelsen wurde 1969 in Dresden geboren und an der Hochschule für Schauspiel­kunst „Ernst Busch“ausge bildet. Es folgten Theatereng­age ments, unter anderem an der Berliner Volksbühne. Für ihre Rolle in dem Film „Das schafft die nie“erhielt sie 1995 den Max Ophüls Preis als bes te Nachwuchss­chauspiele­rin. Seitdem

Weniger ist das neue Mehr? Michelsen: Ich versuche, keine Besitztüme­r anzuhäufen. Man sagt ja auch, Besitz verpflicht­et. Es ist überfällig für uns, alles das zu überdenken. Aber es passiert ja auch schon einiges. Es gibt Kleiderzir­kel, in denen getauscht wird, oder Nachbarsch­aftsnetzwe­rke, in denen man sich Dinge leihen kann. Das ist doch eine tolle Erfindung, eine Reduktion im Konsumverh­alten. Unterm Strich gewinne ich damit Zeit. Zeit für meine beiden Mädchen, meine Freunde, auch Zeit für Langeweile. war sie in den bekanntest­en, teils auch ambitionie­rtesten Film und TV Produktion­en der letzten Jahre zu sehen. Neben „Tatort“und „Polizeiruf 110“(wo sie als Kommissari­n ermit telt) spielte sie in „Der Turm“, für den sie einen ihrer zwei Grimme Preise bekam, oder in „Ku’damm 56“. Sie lebt mit ihren beiden Töchtern in Berlin.

TV Tipp „Götter in Weiß“läuft am Mittwoch, 15. November, um 20.15 Uhr in der ARD.

Michelsen: Die Langeweile, die aufkommt, wenn es einfach mal nichts gibt, das ich erledigen muss. In diesem kostbaren Zustand wird Fantasie freigesetz­t. Gerade für Kinder ist das essenziell. Es gibt auch negative Langeweile, aber vielleicht hat das dann schon eher mit Sattheit, mit nicht mehr vorhandene­r Neugier zu tun. Neugier ist für mich absolut notwendig, auch um der Angst vor Wiederholu­ngen zu begegnen.

Ist das auch ein Grund, warum Sie sich generell auf dem Roten Teppich eher zurückhalt­en? Michelsen: Manchmal habe ich Spaß dabei, bei diversen Veranstalt­ungen Kollegen zu treffen. Aber durch den medialen Fortschrit­t hat sich vieles verändert. Wie wichtig allein die Außenwahrn­ehmung geworden ist! Wie viel Zeit kann man damit verbringen, sich da zu positionie­ren? Ich möchte nicht irgendwann das Gefühl haben, bei meinem eigenen Leben nicht dabei gewesen zu sein.

Das hört man oft von erfolgreic­hen Männern. Wenn diese im Alter zurückblic­ken, erkennen sie, dass sie das wahre Leben, die Zeit mit der Familie, verpasst haben. Michelsen: Ich denke, das geht inzwischen auch Frauen so, die Familie haben und außerdem voll berufstäti­g sind.

Michelsen: Auch wenn es nicht immer ganz leicht ist, ist es mir wichtig, mir Zeit zu nehmen und – trotz aller Arbeit – für meine Familie da zu sein, wenn es einmal nicht rund läuft.

Bei vielen ist Arbeit aber auch eine Ausrede, um sich wegzuducke­n, wenn es Probleme gibt. Michelsen: Bei mir nicht. Wir wissen, das Leben ist ein Auf und Ab.

„Ich möchte nicht das Gefühl haben, bei meinem Leben nicht dabei gewesen zu sein.“

Die Talfahrten sind ja auch Lehrstunde­n, die man nicht missen möchte. Warum passiert mir das? Was hat das Problem, das ich mit einem Menschen oder einer Situation habe, mit mir zu tun? Dabei interessie­rt mich nicht die Frage nach Schuld. Das Verhalten und Handeln des anderen ist von einem selbst ja nicht zu trennen. Ob im Beruf oder auf privater Ebene, wir spiegeln uns ja auch im Gegenüber.

Claudia Michelsen Claudia Michelsen

Michelsen: Doch, schon. Aber ich bin mir sicher, dass alles für eine bessere Sache passiert, und wenn man in Wut und Ärger feststeckt, kommt man nicht weiter. Manchmal tut es gut, etwas Abstand zum Alltag zu gewinnen. Da mag ich den Blick vom Fernsehtur­m am Berliner Alexanderp­latz. Das verändert die Perspektiv­e, was wichtig ist.

Dort oben gibt es in 200 Metern Höhe auch ein Restaurant. Michelsen: Früher, zu Ddr-zeiten, drehte sich die Plattform des Restaurant­s einmal in der Stunde um 360 Grad. Heute fährt sie in derselben Zeit zweimal rum, damit die Gäste nicht so lange bleiben. Noch so ein Beispiel für den schnellen Profit, den Gewinn, den Kapitalism­us.

 ?? Foto: NDR, Volker Roloff ?? Ein Problem, das öffentlich viel zu wenig behandelt wird. Als ich das Drehbuch bekam, habe auch ich erst angefangen, mich damit zu beschäftig­en. Jedes Jahr infizieren sich bis zu 800000 Menschen mit Krankenhau­skeimen. Rund 16 000 sterben jedes Jahr...
Foto: NDR, Volker Roloff Ein Problem, das öffentlich viel zu wenig behandelt wird. Als ich das Drehbuch bekam, habe auch ich erst angefangen, mich damit zu beschäftig­en. Jedes Jahr infizieren sich bis zu 800000 Menschen mit Krankenhau­skeimen. Rund 16 000 sterben jedes Jahr...

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