Nur wenn wir an­de­re ver­ste­hen, ver­ste­hen wir uns

Wenn wir über The­men wie „kor­rek­te Spra­che“oder Sym­bo­le strei­ten, geht es nicht nur um Be­find­lich­kei­ten. Es geht um Re­spekt – der in al­le Rich­tun­gen gel­ten muss

Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt) - - Meinung & Dialog - VON GREGOR PE­TER SCHMITZ gps@augs­bur­ger‰all­ge­mei­ne.de

Ha­ben wir denn ge­ra­de kei­ne an­de­ren Pro­ble­me? Der Satz ist häu­fig zu hö­ren, wenn ein Ho­tel um­be­nannt wird – wie vor kur­zem das „Drei Moh­ren“in Augs­burg –, wenn die Fra­ge auf­kommt, wel­ches Denk­mal noch „po­li­tisch kor­rekt“ist oder ob ei­ne Krip­pen­fi­gur aus­ge­tauscht wer­den soll­te, weil sie ei­nen dun­kel­häu­ti­gen Kö­nig mit schwüls­ti­gen Lip­pen zeigt. Geht es dann noch um die Fra­ge, ob künf­tig Spra­che im­mer „ge­schlech­ter­ge­recht“sein sol­le, wird der Auf­schrei oft noch lau­ter: Jetzt über­trei­ben Sie es aber!

Über­trei­ben wir al­so, wenn wir die­sem The­ma un­se­ren Schwer­punkt in die­ser Zei­tung wid­men? Ich glau­be nicht. Na­tür­lich ent­schei­den die­se Fra­gen kaum über Le­ben und Tod, sie be­sche­ren uns kei­nen Co­ro­na-impf­stoff und den Kli­ma­wan­del wird es auch nicht auf­hal­ten, wenn wir an­ders spre­chen, an­de­re Be­grif­fe wäh­len oder auf Denk­mä­ler an­ders bli­cken. In­so­fern könn­te man schon von Lu­xus­pro­ble­men spre­chen. Doch geht es bei der­lei De­bat­ten um et­was, das gar nicht Lu­xus ist, son­dern sys­tem­re­le­vant – und durch die Co­ro­na-kri­se ganz neu im Mit­tel­punkt steht. Denn die wich­tigs­te Er­kennt­nis lau­tet: Wir müs­sen auf­ein­an­der acht­ge­ben, und da­für müs­sen wir uns in die La­ge an­de­rer hin­ein­ver­set­zen kön­nen.

Da­zu ge­hört et­wa die Ein­sicht, dass das, was uns ganz selbst­ver­ständ­lich oder un­pro­ble­ma­tisch er­schei­nen mag, an­de­re ganz an­ders emp­fin­den kön­nen. Vom „ob­jek­ti­ven Emp­fän­ger­ho­ri­zont“spricht der Ge­setz­ge­ber – da­bei geht es um die Fra­ge, wie je­mand et­was auf­fas­sen könn­te. Aber im Le­ben geht es oft weit sub­jek­ti­ver zu, und weit per­sön­li­cher.

Wenn Po­li­ti­ker de­kre­tie­ren, sie hät­ten Ras­sis­mus von Po­li­zis­ten ja nicht er­lebt, hat das fast ko­mi­sche Zü­ge – na­tür­lich kann je­mand, der dunk­le Haut und ei­nen aus­län­di­schen Nach­na­men hat, dies ganz an­ders er­le­ben und emp­fin­den. Auch die Fra­ge „Wo kom­men Sie denn her?“mag harm­los ge­meint sein. Doch wer als Deut­scher ei­ni­ge Jah­re in ei­nem an­de­ren Land ge­lebt hat und sich bes­tens in­te­griert wähnt, könn­te die­se auch als Be­lei­di­gung emp­fin­den. Wer wie „an­ders“ist, emp­fin­det je­der im­mer ganz per­sön­lich.

Müs­sen wir des­halb über­vor­sich­tig sein, gilt wirk­lich die­ser Satz, dass man man­ches nicht mehr sa­gen darf? Na­tür­lich nicht. Aber wie bei ei­nem gu­ten Ge­spräch funk­tio­niert ge­sell­schaft­li­cher Dia­log nur wirk­lich, wenn man sich in die Per­spek­ti­ve des an­de­ren hin­ein­ver­setzt. Der Phi­lo­soph Mar­tin Bu­ber hat in sei­nen Schrif­ten zur „Ich-du-be­zie­hung dar­ge­legt, dass al­les wirk­li­che Le­ben Be­geg­nung sei. Er schrieb: „Wenn der ei­ne sich für ei­nen ein­fa­chen Men­schen hält und der an­de­re des­glei­chen, kön­nen sie ein­an­der be­geg­nen. Wenn aber der ei­ne sich für ei­nen ho­hen Berg hält und der an­de­re des­glei­chen, kön­nen sie ein­an­der nicht be­geg­nen.“

Frei­lich gilt die­se Auf­for­de­rung zum Dia­log in bei­de Rich­tun­gen. Wer sich – völ­lig zu Recht– dar­über auf­regt, dass Frau­en her­ab­ge­setzt, Aus­län­der pau­schal be­ur­teilt oder se­xu­el­le Aus­rich­tun­gen von Men­schen nicht aus­rei­chend sen­si­bel be­han­delt wer­den, kann nicht gleich­zei­tig pau­schal „al­te wei­ße Män­ner“ver­spot­ten oder Po­li­zis­ten auf Müll­kip­pen ent­sor­gen wol­len. Nur weil je­mand ei­ner Grup­pe an­ge­hört, die lan­ge Pri­vi­le­gi­en ge­nos­sen hat, ist er oder sie kein Frei­wild.

Es hilft nicht wei­ter, wenn sich je­mand ei­ner Sa­che so si­cher ist, dass je­des Mit­tel recht scheint und al­ler Re­spekt über­flüs­sig. Auch wir er­le­ben in un­se­rer Bran­che, dass Jour­na­lis­ten nicht mehr schrei­ben wol­len, was ist – son­dern was aus ih­rer Sicht sein soll­te. Doch Fu­ror führt nur da­zu, dass sich Fron­ten fu­ri­os ver­här­ten. Im Kern geht es im­mer um Re­spekt, und zwar in al­le Rich­tun­gen.

Al­les wirk­li­che Le­ben ist Be­geg­nung

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