Bern­hard Sch­link: Die Frau auf der Trep­pe (37)

Augsburger Allgemeine (Land Nord) - - Wetter | Roman -

Gut“, sag­te ich, und wir fuh­ren hin­un­ter an die Küs­te und an der Küs­te ent­lang nach San Fran­cis­co. Ire­ne hat­te Die Vö­gel ge­se­hen, und in Bo­de­ga zeig­te ich ihr das Schul­haus aus dem Film.

Dann gin­gen wir an den Strand und am Meer ent­lang, und ich er­zähl­te ihr von den Wel­len, die sich über­ra­schend aus dem ru­hi­gen Was­ser auf­bäu­men und den, der zu na­he am Was­ser läuft, weg­rei­ßen und nicht mehr her­ge­ben.

Auf ein­mal hat­te ich Angst um sie. Sie hat­te kei­ne Wahl, sie muss­te na­he an der Ge­fahr lau­fen, und der Krebs wür­de sie weg­rei­ßen und nicht mehr her­ge­ben.

Als wir über die Gol­den-Ga­teB­rü­cke fuh­ren, ging die Son­ne un­ter. Sie tauch­te in den Ne­bel ein, und von ei­nem Mo­ment auf den an­de­ren lag der Pa­zi­fik grau, un­barm­her­zig, ab­wei­send. Aber die Stadt leuch­te­te noch, und ich hät­te ger­ne ge­habt, dass im Ra­dio das Lied spielt, das ich ein­mal ge­hört und ge­mocht ha­be und in dem es um San

Fran­cis­co oder Ka­li­for­ni­en oder bei­des geht, kam aber nicht auf den Ti­tel und er­in­ner­te mich nur noch an Bruch­stü­cke der Me­lo­die. Ich sang sie Ire­ne vor, und auch sie kann­te das Lied, er­in­ner­te sich aber auch nicht mehr an den Ti­tel. Aber sei’s drum – wir wa­ren an­ge­kom­men.

„Wir sind da.“Ich lä­chel­te Ire­ne an.

„Ja“, lä­chel­te sie zu­rück, „wir sind da.“

Ich war in mei­nem Le­ben nicht oft krank. Wenn ich es war, ha­be ich mich so ver­hal­ten, wie mei­ne Groß­el­tern es mich ge­lehrt ha­ben: mög­lichst we­nig Ar­beit ma­chen, mög­lichst we­nig brau­chen, mög­lichst we­nig wün­schen. Es ist schlimm ge­nug, dass man, wenn krank, nicht funk­tio­niert; das Funk­tio­nie­ren der an­de­ren soll da­durch nicht mehr als nö­tig be­ein­träch­tigt wer­den. So ha­ben mei­ne Frau und ich es auch in un­se­rer Fa­mi­lie ge­hal­ten. Und ha­ben wir nicht al­len Grund, zu­frie­den und dank­bar zu sein, wenn wir krank im Bett lie­gen dür­fen, statt, wie die Men­schen im Krieg, krank in nas­sen Schüt­zen­grä­ben kämp­fen oder in Schnee und Eis flie­hen oder in kal­ten Kel­lern auf die Bom­ben war­ten zu müs­sen?

An­fangs war Ire­ne ähn­lich. Sie bat mich nur, wenn sie an­ders tat­säch­lich hilf­los war, und war dann sicht­lich ver­le­gen, ent­schul­dig­te sich und be­dank­te sich. Mit je­dem Tag wur­de mei­ne Hil­fe selbst­ver­ständ­li­cher und hat­te Ire­ne mehr Be­dürf­nis­se und mehr Wün­sche. Statt drei­er gro­ßer Mahl­zei­ten vie­le klei­ne, statt der Al­ter­na­ti­ve des Betts im Schlaf­zim­mer und des Betts auf dem Bal­kon auch das Bett auf die­ser und auf je­ner Sei­te des Bal­kons und un­ter dem Vor­dach des Hau­ses am Strand und un­ter der Aka­zie ne­ben der Trep­pe, statt der Bit­te um das Glas Was­ser „ich bin durs­tig“und statt „dan­ke“ein Lä­cheln oder auch nichts. Wenn ihr übel war, das Er­bre­chen kei­ne Er­leich­te­rung brach­te, sie wei­ter wür­gen und spu­cken muss­te und der Ei­mer zu weit weg stand oder kein Ta­schen­tuch be­reit­lag oder ich sie nicht rich­tig stütz­te, fuhr sie mich an.

Ich tat mich da­mit nicht leicht. Ich konn­te mir nicht vor­stel­len, dass sie so be­han­delt wer­den woll­te. Wie kam sie da­zu, mich so zu be­han­deln? Ge­ben ei­nem Krebs oder der na­he Tod be­son­de­re Rech­te? Ich sah es nicht ein, und ich blei­be auch ent­schlos­sen, in ent­spre­chen­der La­ge kei­ne be­son­de­ren Rech­te zu be­an­spru­chen. Aber vi­el­leicht konn­te ich nicht, wie ich es ge­tan hat­te, ih­re ver­le­ge­nen Bit­ten und ih­ren ver­le­ge­nen Dank ab­weh­ren und sa­gen, al­les sei selbst­ver­ständ­lich, und mich dann nicht beim Wort neh­men las­sen. Vi­el­leicht war es schön, dass mei­ne Hil­fe ihr selbst­ver­ständ­lich ge­wor­den war. Vi­el­leicht ist Fair­ness nicht im­mer das Wich­tigs­te.

Am Abend nach un­se­rer An­kunft in San Fran­cis­co war sie wie­der an­ders. Sie bat, wenn ihr et­was fehl­te, und dank­te, wenn sie es be­kam, und ent­schul­dig­te sich für die Mü­he, die sie mach­te. Es war, als wol­le sie wie­der Dis­tanz zwi­schen uns schaf­fen und mich zum Ge­gen­über ma­chen, mit dem sie nicht schon ver­bun­den war und dem sie sich auch ent­zie­hen konn­te.

Sie er­in­ner­te mich an mei­ne klei­ne Toch­ter, die im Som­mer im Fe­ri­en­la­ger ge­lernt hat­te, dass sie auch oh­ne uns zu­recht­kam, und uns nach der Rück­kehr spü­ren ließ, dass sie selb­stän­dig war und dass wir ih­re Zu­ge­hö­rig­keit nicht als Selbst­ver­ständ­lich­keit neh­men soll­ten. Ire­ne frem­del­te.

„Ich schaf­fe es al­lei­ne“, sag­te sie, als sie nach dem Abend­es­sen auf­stand und zur Trep­pe ging.

„Wo willst du schla­fen?“ „Auf dem Bal­kon.“

Sie ging die Trep­pe hoch, lang­sam, schwer­fäl­lig, vorn­über­ge­beugt, mit den Hän­den auf die Stu­fen ge­stützt. Ich stand be­reit, ihr bei­zu­sprin­gen, aber sie brauch­te mich nicht.

Ich spül­te das Ge­schirr ab, räum­te die Kü­che auf und deck­te den Tisch für den Mor­gen. Dann schenk­te ich mir den Rest aus der Fla­sche ein und ging mit dem Glas auf den Bal­kon. Ich hör­te Ire­ne vom Schlaf­zim­mer ins Ba­de­zim­mer ge­hen, du­schen und ins Schlaf­zim­mer zu­rück­keh­ren. Es war heiß, wie den Tag über und die Nacht da­vor und den Tag da­vor, und ich merk­te, dass ich die Hit­ze der Nacht moch­te. Die Hit­ze, die ih­re Ag­gres­si­vi­tät ab­ge­legt hat und nicht ge­rin­ger, aber gleich­mü­tig ge­wor­den ist.

Dann hör­te ich Ire­ne ru­fen und ging in die Kü­che.

Sie kam die Trep­pe her­ab. Mit der rech­ten Hand be­rühr­te sie tas­tend die Wand, um sich stüt­zen zu kön­nen, wenn sie es brau­chen soll­te, aber sie hielt sich auf­recht und setz­te si­cher Fuß vor Fuß. Sie trug den Kopf leicht ge­neigt und sah mich an. Sie war nackt.

Was ging mir in den Se­kun­den, in de­nen sie die Trep­pe her­ab­kam, nicht al­les durch den Kopf! Dass sie ihr letz­tes Ko­ka­in ge­nom­men ha­ben muss­te.

Wie blass, to­ten­blass ihr Kör­per ne­ben dem Son­nen­braun von Ge­sicht, Hals und Ar­men aus­sah. Wie mü­de er war, mit den mü­den Brüs­ten und der mü­den Haut um den Bauch, und zu­gleich wie schön und dass mü­de Schön­heit doch Schön­heit bleibt.

Was die Halb­wüch­si­gen in der Art Gal­le­ry über ih­re Hüf­ten, Schen­kel und Fü­ße ge­sagt hat­ten und wie falsch es war. Was ich über Sanft­mut und Ver­füh­rung, Wi­der­stand und Ver­wei­ge­rung phan­ta­siert hat­te und dass sie ein­fach ei­ne Frau mit ei­nem ei­ge­nen Le­ben war. Wie mu­tig sie ihr Le­ben ge­lebt hat­te und wie ängst­lich ich mei­nes. Dass sie den Kin­dern, die sie auf­ge­nom­men hat­te, mehr Lie­be er­wie­sen hat­te als ich mei­nen. Dass die Mü­dig­keit ih­res Kör­pers mich rühr­te. Wie na­he Rüh­rung und Be­geh­ren wa­ren.

Sie sprach mit den Au­gen. Dass sie ei­ne Rol­le für mich spiel­te, aber nicht Thea­ter, dass wir bei­de wuss­ten, dass sie nicht die jun­ge, son­dern ei­ne al­te Ire­ne war, wie ich nicht jung war, son­dern alt, dass sie an die­sem Punkt in ih­rem Le­ben nicht mehr viel ge­ben konn­te au­ßer Lie­be und dass sie mich ein­lud, das auch zu tun und mir ein­zu­ge­ste­hen, dass es das war, was ich woll­te. Dass sie aber auch das Spiel ge­noss, das Selbst­zi­tat, mei­nen be­wun­dern­den Blick. »38. Fort­set­zung folgt

Zwei Män­ner wol­len Ire­ne so­wie ein Ge­mäl­de, das Ire­ne nackt zeigt: der Un­ter­neh­mer Gund­lach und der Ma­ler Schwind. Ein An­walt soll ver­mit­teln; er lernt eben­falls, Ire­ne zu lie­ben… Aus: Bern­hard Sch­link Die Frau auf der Trep­pe

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