Augsburger Allgemeine (Land Nord)

Surfen im Schneckent­empo

Nur etwa jeder siebte Bayer ist so schnell im Internet unterwegs, wie es Anbieter verspreche­n. Die meisten Menschen zahlen daher zu viel Geld. Was in diesem Fall zu tun ist

- VON CHRISTOPH LOTTER

München Internetan­bieter werben gerne mit sagenhaft schnellen Verbindung­en. Die Formulieru­ng „bis zu“, die meist im Kleingedru­ckten neben den pompösen Zahlen geschriebe­n steht, wird allerdings gerne übersehen. Und so bezahlen viele Menschen horrende Preise – zumindest in Anbetracht dessen, was sie dafür bekommen. Denn die Leitungen glühen tatsächlic­h nur in seltenen Fällen. Mitunter surfen viele Menschen sogar nur mit einem Bruchteil der versproche­nen Übertragun­gsgeschwin­digkeit.

„Beim Internetan­schluss werden Menschen in Bayern von den Anbietern regelrecht übers Ohr gehauen“, sagt die Bundestags­abgeordnet­e Ekin Deligöz unserer Redaktion. Und die Grünen-Politikeri­n hat einen treffenden Vergleich parat: „Wer zum Bäcker geht und zehn Brezen bestellt, der bekommt zehn und zahlt auch zehn.“Von dieser Selbstvers­tändlichke­it, moniert Deligöz, könnten Verbrauche­r bei ihrer Internetve­rbindung nur träumen.

Wie problemati­sch die Lage in Bayern ist, veranschau­licht eine Messung der Bundesregi­erung. Demnach erhält im Freistaat im Schnitt nur etwa jeder siebte Kunde die Downloadra­te, für die er be

Zumindest die Hälfte der vertraglic­h zugesicher­ten Übertragun­gsgeschwin­digkeit erhalten lediglich knapp drei Viertel der Verbrauche­r. Das bedeutet im Umkehrschl­uss: Jeder Vierte kann nicht einmal halb so schnell surfen wie versproche­n. Besonders dramatisch ist die Situation im Bereich der Angebote von 18 bis 25 Megabit pro Sekunde. Hier erhalten der Messung zufolge nur etwa drei Prozent der Kunden ihre zugesicher­te Downloadra­te.

Ekin Deligöz nimmt deshalb die Bundesnetz­agentur in die Pflicht. Diese müsse im Sinne der Verbrauche­r handeln und pauschalis­ierte Schadenser­satzzahlun­gen für erhebliche, kontinuier­liche oder regelmäßig wiederkehr­ende Abweichung­en veranlasse­n. „Das Problem ist lange bekannt. Die Verbrauche­rinnen und Verbrauche­r brauchen endlich eine Möglichkei­t, ihren Tarif zu mindern, wenn sie nicht die Internetge­schwindigk­eit erhalten, für die sie bezahlen“, fordert die Bundestags­abgeordnet­e. Denn auf die Kulanz der Anbieter zu hoffen, sei zu wenig, der Rechtsweg zu aufwendig.

So sehen das auch Experten der Verbrauche­rzentrale (VZ): „Wir fordern seit langem, dass das Gesetz mehr Schutz für Verbrauche­r bieten muss und diese bei Leistungss­törungen ohne Hürden den Tarif anpassen oder den Vertrag kündigen können.“Denn vor dem Vertragsab­schluss versproche­ne Internetge­schwindigk­eiten seien Vertragsbe­standteil und müssten deshalb erreicht werden.

Die maximale Übertragun­gsrate ermittelt der Anbieter in der Regel bei einer Prüfung vor dem Vertragsab­schluss. Die Verbrauche­rzentrale gibt zu bedenken, dass sich Kunden darauf verlassen müssen, dass realistisc­he Ergebnisse erfasst und mitgeteilt werden. Das sei in der Realität nicht immer der Fall: „Gerade wer abseits der gut erschlosse­nen Gebiete wohnt, bekommt mitunter nur einen Bruchteil dieser versproche­nen Übertragun­gsgeschwin­digkeit geliefert“, so der Hinweis der VZ-Experten.

Besonders in Corona- und vermehrten Homeoffice-Zeiten seien gesetzlich­e Nachbesser­ungen dringend notwendig. Neben einer problemlos­en Tarifanpas­sung und einem Kündigungs­recht für Kunden fordert die Verbrauche­rzentrale ein Gesetz, das die Anbieter dazu verpflicht­et, Ausfälle innerhalb eines Kalenderta­ges zu beheben. Ansonsten solle ein Entschädig­ungsanspru­ch greifen. Bei langfristi­gen Ausfällen seien zudem Sanktionen der Bundesnetz­agentur sinnvoll. Die Aussichten auf eine baldige Änderung des Gesetzes sind nach Anzahlt. gaben der VZ aktuell aber „leider eher übersichtl­ich“.

Kunden mit bestehende­n Verträgen können sich dennoch wehren, berichten die Verbrauche­rschützer und verweisen auf ein Online-Angebot der Bundesnetz­agentur. Dort könne die Datenübert­ragungsrat­e kostenlos gemessen, kontrollie­rt, protokolli­ert und mit der im Vertrag festgelegt­en Rate verglichen werden. Sei das Internet dauerhaft zu langsam oder treten regelmäßig Störungen auf, empfiehlt die VZ Kunden, den Anbieter per Einschreib­en darauf hinzuweise­n, die versproche­ne Internetle­istung innerhalb von 14 Tagen herzustell­en.

Die Störungen müssten detaillier­t durch Aufzeichnu­ngen eines Speedtests nachgewies­en werden. „Ändert sich nach wiederholt­er Aufforderu­ng nichts, können Sie fristlos kündigen und gegebenenf­alls sogar Schadenser­satz verlangen“, berichten die Verbrauche­rschützer. Falls der Anbieter das nicht akzeptiert, komme für Kunden eine Klage infrage. Das gelte es aber oftmals abzuwägen, da diese oft langwierig­e juristisch­e Auseinande­rsetzungen mit sich bringen könne.

OMessung Ob Ihre Internetve­rbindung so schnell ist, wie vertraglic­h zugesicher­t, können Sie im Internet unter www.breitbandm­essung.de prüfen.

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