Die Kunst des Los­las­sens

Nach­lass Der gro­ße Zeich­ner Karl Bohr­mann ar­bei­te­te vir­tu­os zwi­schen Him­mel und Er­de

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton - VON MICHAEL SCHREINER

München

Weg­las­sen ist Kunst. Im Ver­zicht zeigt sich der Meis­ter. Karl Bohr­mann wuss­te das. Und er konn­te das. Ei­ner der größ­ten Zeich­ner des Lan­des, ei­ner, der den Leer­raum be­herrsch­te wie we­ni­ge an­de­re. Ei­ner, der den Bild­raum of­fen, in der Schwe­be hal­ten konn­te zwi­schen Him­mel und Er­de. „Nicht das, was er füllt, macht sein Kön­nen aus, son­dern was er of­fen­lässt, öff­net“, schrieb Karl Bohr­mann über sein Ver­ständ­nis des Künst­lers als „Meis­ter“.

Bohr­mann starb 1998 im Al­ter von 70 Jah­ren nach lan­ger Krank­heit, die sei­nen Be­we­gungs­ra­di­us vie­le Jah­re stark ein­ge­schränkt hat­te. Doch ge­ar­bei­tet hat Karl Bohr­mann Tag für Tag in sei­nem klei­nen Sou­ter­rain-Ate­lier in Köln. Ber­ge von Zeich­nun­gen und Col­la­gen fin­den sich in sei­nem Nach­lass, den die Er­ben nun für ei­ne Aus­stel­lung in der Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te in München ge­sich­tet ha­ben. „In der Luft“heißt die Ver­samm­lung wun­der­bar zar­ter, meist klein­for­ma­ti­ger Pa­pier­ar­bei­ten aus Bohr­manns letz­ten 20 Le­bens­jah­ren, die in der Re­si­denz zu se­hen sind – zum Glück aber auch in ei­nem Ka­ta­log­buch vor­lie­gen. Auf sei­nen Blät­tern schafft Karl Bohr­mann mit traum­wand­le­ri­scher Si­cher­heit „Luf­träu­me“, durch die Bal­lo­ne, Fall­schir­me, Dra­chen, Flug­zeu­ge, un­be- kann­te Ob­jek­te und Vö­gel flie­gen. Sie sin­ken, sie stei­gen, sie schwe­ben, sie wei­ten den Raum ins Zeit­lo­se.

Die Selbst­ge­wiss­heit, mit der Bohr­mann sei­nen Strich setzt und Pa­pie­re col­la­giert, ist frap­pie­rend. Das sieht leicht und spie­le­risch aus, im­pro­vi­siert – und ist doch Aus­weis ei­ner im­men­sen zeich­ne­ri­schen Er­fah­rung, ja: Weis­heit. Bohr­mann ist ein Vir­tuo­se des Los­las­sens.

Der Him­mel ist bei ihm ei­ne Unend­lich­keit auf 20 cm Brei­te. Sei­ne Land­schaf­ten sind nicht voll (das schon gar nicht) und nicht leer, son­dern im Gleich­ge­wicht des We­sent­li­chen. „Die Kunst ist eben ein Ge­wich­te­los­wer­den“, hat Karl Bohr­mann no­tiert. Das be­zeugt sein noch im­mer zu we­nig be­kann­tes Werk auf be­rüh­ren­de Wei­se. OBis

11. De­zem­ber, Di. bis So., 11 bis 16 Uhr. Ka­ta­log­buch „In der Luft“, Sie veking Ver­lag, 176 Sei­ten, 49,90 Eu­ro

Fo­to: Sie­veking Ver­lag

Karl Bohr­mann: Land­schaft (Brü­cke, Flug­ob­jek­te), 1989.

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