Im­mer Rich­tung Sü­den

Ver­kehr Über die Os­ter­fei­er­ta­ge wol­len vie­le weg. Ins All­gäu, nach Ös­ter­reich oder an den Gar­da­see. Schon jetzt ist klar: Auf der A 7 wird es wie­der ein­mal eng. Und das be­deu­tet mehr als nur Stau und Blo­ck­ab­fer­ti­gung

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Die Dritte Seite -

Kempten

Pa­pa Wal­ter bremst, blinkt und lenkt den ro­ten VW-Bus in die Park­bucht. Der letz­te Stopp ist ge­ra­de ein­mal zwei­ein­halb St­un­den her. Aber die Kin­der ha­ben Hun­ger, so ist das eben. Al­so parkt Pa­pa das Au­to, Ma­ma Pe­tra holt die Tü­te mit den Sem­meln aus dem Kof­fer­raum. Und Ma­xi­mi­li­an, Ma­rie­la und Jas­par das, was es für ei­ne Brot­zeit braucht. Kä­se, Sa­la­mi und Schin­ken, Eier, Jo­ghurt und die Ther­mos­kan­ne Tee. „Na ja, so rich­tig ein­la­dend sieht das hier nicht aus“, meint die Mut­ter und schnei­det ei­ne Kör­ner­sem­mel auf. Der Tisch ist mit Ed­ding be­krit­zelt, auf der Holz­bank feh­len die Die­len. Und, ja, lei­se ist es auch nicht ge­ra­de, wenn die vor dem Grenz­tun­nel, wer kennt das nicht.

Dag­mar Pau­lus sieht die Blech­la­wi­ne re­gel­mä­ßig von oben. Dann, wenn sie auf dem Rü­cken von San­si­bar sitzt und mit dem Tra­keh­ner über die Au­to­bahn­brü­cke geht, die hier, bei Il­ler­tis­sen, über die A 7 führt. Jetzt, un­ter der Wo­che, ist aus­nahms­wei­se we­nig los auf der Au­to­bahn. „Aber letz­ten Sams­tag war es der Wahn­sinn, da stan­den sie Stoß­stan­ge an Stoß­stan­ge“, er­zählt Pau­lus. Und dass es schon jah­re­lan­ge Übung brau­che, um ein Pferd über die Au­to­bahn zu lei­ten, so, wie Pau­lus das seit 20 Jah­ren macht. „Ich bin auch die Ein­zi­ge, die hier aus­rei­tet“, er­klärt sie und zeigt nach drü­ben, auf das Reit­sport­zen­trum, des­sen Spring­par­cours an die A7 grenzt. „Das ist ein rei­ner Tur­nier­stall, da rei­tet nie­mand aus.“

Aber San­si­bar ist mit sei­nen 25 Jah­ren zu alt, um noch über Hin­der­nis­se zu sprin­gen. Dar­um ge­hen die bei­den je­den zwei­ten Tag die Run­de, erst über die Au­to­bahn­brü­cke, dann den asphal­tier­ten Weg ent­lang, vor­ne über ei­ne an­de­re Au­to­bahn­brü­cke und zu­rück zum Stall. San­si­bar hat sich dar­an ge­wöhnt, dass un­ter ihm Au­tos vor­bei­zi­schen, sagt Pau­lus. Und sie selbst? „Ich muss da nicht so oft drauf, zum Glück.“Na ja, an Os­tern wie­der, die paar Ki­lo­me­ter Rich­tung Nor­den, dann auf die A8 bis Karls­ru­he und ins Saar­land, wo die Fa­mi­lie lebt. „Auch so ei­ne schreck­li­che Au­to­bahn“, sagt Pau­lus.

Die­se Rei­se aber geht wei­ter auf der A7 Rich­tung Sü­den. Au­tos mit hol­län­di­schen und fran­zö­si­schen Kenn­zei­chen, Klein­wa­gen mit voll­ge­stopf­tem Kof­fer­raum, Rei­se­mo­bi­le mit Fahr­rä­dern. Al­le paar hun­dert Me­ter lie­gen vol­le Müll­sä­cke am Stra­ßen­rand. „Stre­cken­rei­ni­gungs­ar­bei­ten“, nennt das Ro­land Im­merz von der Au­to­bahn­di­rek­ti­on Süd­bay­ern, Di­enst­stel­le Kempten. Ein Früh­jahrs­putz, den die Män­ner in Warn­wes­ten ma­chen, die ein paar Ki­lo­me­ter spä­ter am Stra­ßen­rand auf­tau­chen. Sie le­sen auf, was von den Ur­lau­bern bleibt: lee­re Fla­schen, McDo­nald’s-Tü­ten, Zi­ga­ret­ten­schach­teln. Auf 45 Ki­lo­me­tern kom­men da bis zu 400 Sä­cke Müll zu­sam­men, sagt Im­merz.

Chris­ti­na Pi­va steht ei­ne hal­be Au­to­stun­de ent­fernt hin­ter der Kas­se und ver­kauft das, was der Mensch auf der Durch­rei­se so braucht. Ben­zin, Ge­trän­ke, Scho­ko­rie­gel, aber auch Han­dy­la­de­ka­bel und Hör­bü­cher, Glück­wunsch­kar­ten und Grill­koh­le, Son­nen­bril­len und be­leg­te Sem­meln. An der Aral-Tank­stel­le di­rekt an der Aus­fahrt Bad Grö­nen­bach ist im­mer viel los. Jetzt, zur Rei­se­zeit, erst recht. „Die Leu­te sind ge­stresst, sie sind schlecht drauf“, sagt die 58-Jäh­ri­ge. Manch ei­ner motzt, weil er war­ten muss, bis er zah­len kann. An­de­re las­sen vor lau­ter Hek­tik die EC-Kar­te lie­gen. Au­to­fah­ren, sagt Pi­va, be­deu­te für vie­le Stress. Da­bei soll­te es doch an­fer­ti­gung ders sein, wenn man Ur­laub hat, die Ber­ge im Blick und die schöns­te Zeit des Jah­res noch vor ei­nem liegt.

Bei den May­er­ho­fers ist es nicht an­ders. In den Som­mer­fe­ri­en will die Fa­mi­lie aus Al­ten­stadt an der Il­ler die A7 hin­un­ter, zum Hop­fen­see. „Der Cam­ping­platz ist schon re­ser­viert“, er­zählt San­dra May­er­ho­fer. An die­sem Tag woll­ten sie, ihr Mann Ro­man und die Kin­der nach Mem­min­gen und dort ei­nen Wohn­wa­gen an­schau­en. Doch dar­aus wird erst ein­mal nichts. Der Sko­da der Fa­mi­lie steht auf dem Pan­nen­strei­fen, der Keil­rie­men ist ge­ris­sen. Jetzt sit­zen die May­er­ho­fers auf Hand­tü­chern im Gras, die Bö­schung hin­un­ter. „Wir ma­chen hier ein Mi­ni-Pick­nick“, er­zählt Fio­na, 7. Ih­re Schwes­ter Ta­mi­na, 5, bie­tet Kek­se und Kin­der-Kau­gum­mi an. Weil es dau­ern kann, bis der „Pfir­sich­wa­gen“kommt. „Das heißt nicht Pfir­sich­wa­gen, das heißt Ab­schlepp­wa­gen“, sagt die Mut­ter und streicht ihr übers Haar.

Und weil die May­er­ho­fers Zeit ha­ben, er­zäh­len sie: dass sie ge­ra­de in Bad Grö­nen­bach beim Bur­ger­Es­sen wa­ren, dass nach ein paar hun­dert Me­tern auf der Au­to­bahn der Wa­gen an­ge­fan­gen ha­be zu pfei­fen und auf ein­mal rauch­te. Dass sie es recht­zei­tig auf den Pan­nen­strei­fen ge­schafft ha­ben. Und dass ja zum Glück nichts pas­siert ist. Dann kommt der Ab­schlepp­dienst. Va­ter Ro­man hilft, das Au­to zu ver­la­den. Und Fio­na er­zählt noch, dass sie jetzt vor­ne mit­fah­ren darf, im Pfir­sich­wa­gen. Dann sind sie auch schon weg, wei­ter auf der A 7, in Rich­tung Rast­stät­te All­gäu­er Tor.

Wür­de Karl End­res in die­sem Mo­ment aus dem Stall­fens­ter schau­en, könn­te er den Ab­schlepp­wa­gen er­ah­nen. Hö­ren dürf­te er ihn auf al­le Fäl­le. Erst recht, seit die He­cke hin­ter der Rast­stät­te nicht mehr da ist. Sie hat ei­nen Teil des Lärms ge­schluckt, der von dort zu sei­nem Hof her­über­dringt. End­res’ Ein­öd­hof liegt am En­de ei­ner Stich­stra­ße, ir­gend­wo im Nir­gend­wo, be­wacht von ei­nem gro­ßen, schwar­zen Hund. „Jetzt gib scho a Ruah“, schimpft er und sperrt das Tier ins Haus. Dann führt er den Be­su­cher durch den Stall, in dem frü­her mal Kü­he stan­den, und öff­net die Tür.

Von hier aus sind es viel­leicht hun­dert Me­ter Luft­li­nie zur Rast­stät­te – und noch ein paar Me­ter mehr zur Au­to­bahn. „Wir ha­ben heu­te das Zehn­fa­che an Ver­kehr wie vor 20 Jah­ren“, sagt der Bauer, 78. Man hört die Au­tos vor­bei­rau­schen, selbst, wenn heu­te we­nig los ist. Selbst in der Nacht, sagt End­res, röh­ren die Mo­to­ren. Jetzt, in den Fe­ri­en, ist auch der Rast­platz voll. Au­tos, Wohn­wa­gen, Klein­las­ter. Man­che über­nach­ten so­gar in ih­ren Fahr­zeu­gen, schimpft er. Je­den Abend Krach. „Aber was soll man ma­chen?“, sagt End­res und zuckt mit den Schul­tern. „Das ist halt so.“

Es geht wei­ter, vor­bei an Kempten, vor­bei am Drei­eck All­gäu, wo die Ur­lau­ber am Os­ter­wo­chen­en­de wie­der Stoß­stan­ge an Stoß­stan­ge ste­hen dürf­ten. „Der Grün­don­ners­tag ist der Tag, an dem es wirk­lich voll wird“, sagt ADAC-Spre­cher Vog­ler. Weil über die Fei­er­ta­ge vie­le weg­wol­len – die ei­nen auf die A 980, das kur­ze Au­to­bahn­stück, das die A 7 mit der Bun­des­stra­ße nach Oberst­dorf ver­bin­det, die an­de­ren wei­ter über die A7 nach Füs­sen, nach Ös­ter­reich, viel­leicht über den Fern­pass zum Bren­ner. Und das bremst den Ver­kehr am Grenz­tun­nel. Aber was ist das schon, ein biss­chen Blo­ck­ab­fer­ti­gung, mö­gen man­che sa­gen. Denn rund um Füs­sen kennt man auch an­de­re Zei­ten. Vor 2009, als die Au­to­bahn knapp 15 Ki­lo­me­ter vor der Gren­ze en­de­te, als die Ur­lau­ber in Nes­sel­wang

Dag­mar Pau­lus kennt die A 7 von oben. Sie rei­tet re­gel­mä­ßig bei Il­ler­tis­sen über die Au­to­bahn. Ihr Pferd San­si­bar hat sich dar­an ge­wöhnt.

Dia­gno­se: Keil­rie­men ge­ris­sen. Für Ro­man May­er­ho­fer ist die Fahrt nach der Aus fahrt Bad Grö­nen­bach zu En­de. Rechts war­tet schon der Ab­schlepp­wa­gen.

Nur 100 Me­ter hin­ter dem ehe­ma­li­gen Hof von Karl End­res aus Nai­ers, ei­nem Orts­teil von Diet­manns­ried, steht die Rast­stät­te All­gäu­er Tor.

Cam­per Gre­gor Ham­mer aus der Pfalz ist fast die ge­sam­te Stre­cke über Bun­des­s­tra ßen ge­fah­ren. Erst kurz vor Füs­sen ist er auf die Au­to­bahn drauf.

Fotos: Be­ne­dikt Sie­gert

Brot­zeit ne­ben der Müll­ton­ne. Die­se Fa­mi­lie aus Pir­ma­sens macht Rast am Park­platz Lei­bi­see West bei Ner­sin­gen.

Die Aral Tank­stel­le bei Bad Grö­nen­bach. Hier ar­bei­tet Chris­ti­na Pi­va. Sie kann Ge schich­ten er­zäh­len ...

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