Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (2)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

Ei­ne für Ver­spre­cher, ei­ne für kör­per­li­che Miss­ge­schi­cke, ei­ne für ge­schei­ter­te Plä­ne, ei­ne für Aus­rut­scher in Ge­sell­schaft und so wei­ter. Mit der Zeit kon­zen­trier­te sich mein In­ter­es­se auf die Slap­stick­si­tua­tio­nen des All­tags­le­bens. Nicht nur auf die un­zäh­li­gen Ma­le, wo ich über ir­gend­et­was ge­stol­pert war oder mir ir­gend­wo den Kopf ge­sto­ßen hat­te, nicht nur dar­auf, dass mir im­mer wie­der die Bril­le aus der Hemd­ta­sche rutsch­te, wenn ich mich bück­te, um mir die Schu­he zu bin­den (ge­folgt von der zu­sätz­li­chen De­mü­ti­gung, die Bril­le durch ei­nen un­ge­schick­ten Schritt nach vorn zu zer­tram­peln), son­dern auch auf die sel­ten däm­li­chen Pat­zer, die mir seit frü­hes­ter Kind­heit im­mer wie­der un­ter­lau­fen wa­ren. Zum Bei­spiel, wie ich 1952 bei ei­nem Pick­nick am La­bor Day gäh­nen muss­te und mir ei­ne Bie­ne in den auf­ge­ris­se­nen Mund flog, die ich, von Pa­nik und Ekel über­wäl­tigt, her­un­ter­schluck­te, statt sie aus­zu­spu­cken; oder, noch un­wahr­schein­li­cher, wie ich

vor sie­ben Jah­ren, ge­schäft­lich un­ter­wegs, mei­ne Bord­kar­te auf dem Weg ins Flug­zeug lo­cker zwi­schen Dau­men und Mit­tel­fin­ger hal­tend, von hin­ten an­ge­sto­ßen wur­de, so­dass mir die Kar­te ent­glitt und ge­nau auf den Schlitz zwi­schen Gang­way und Flug­zeug­tür zu­tru­del­te – die denk­bar schmals­te Lü­cke, höchs­tens ein paar Mil­li­me­ter breit –, um so­dann zu mei­ner äu­ßers­ten Ver­blüf­fung ge­ra­de­wegs durch die­sen en­gen Spalt zu se­geln und sie­ben Me­ter tie­fer auf der Roll­bahn zu lan­den.

Das sind nur ein paar Bei­spie­le. In den ers­ten zwei Mo­na­ten schrieb ich Dut­zen­de sol­cher Ge­schich­ten auf, und so­sehr ich mich um ei­nen lau­ni­gen, leich­ten Ton be­müh­te, stell­te ich bald fest, dass das nicht im­mer mög­lich war. Je­der Mensch hat sei­ne düs­te­ren An­wand­lun­gen, und ich ge­ste­he, dass ich nicht sel­ten von Ein­sam­keit und Nie­der­ge­schla­gen­heit heim­ge­sucht wur­de. Ich hat­te den Groß­teil mei­nes Be­rufs­le­bens mit dem Tod zu tun ge­habt und da­bei wahr­schein­lich so vie­le schlim­me Din­ge zu hö­ren be­kom­men, dass ich mir die Ge­dan­ken dar­an, wenn ich oh­ne­hin schon ge­drück­ter Stim­mung war, nicht ein­fach aus dem Kopf schla­gen konn­te. Die vie­len Men­schen, die ich im Lauf der Jah­re auf­ge­sucht hat­te, die vie­len Po­li­cen, die ich ver­kauft hat­te, die Angst und Ver­zweif­lung, die ich beim Ge­spräch mit mei­nen Kun­den ken­nen ge­lernt hat­te. Schließ­lich füg­te ich mei­ner Samm­lung ei­ne wei­te­re Schach­tel hin­zu. Auf das Eti­kett schrieb ich „Grau­sa­me Schick­sa­le“, und die ers­te Ge­schich­te, die dort hin­ein­kam, war die von Jo­nas Wein­berg, dem ich 1976 ei­ne Le­bens­ver­si­che­rung über ei­ne Mil­li­on Dol­lar ver­kauft hat­te - da­mals ein au­ßer­or­dent­lich ho­her Be­trag. Ich er­in­ne­re mich, dass er ge­ra­de sei­nen sech­zigs­ten Ge­burts­tag ge­fei­ert hat­te, dass er In­ter­nist am Co­lum­bia-Pres­by­te­ri­an Ho­s­pi­tal war und Eng­lisch mit leicht deut­schem Ak­zent sprach. Wer Le­bens­ver­si­che­run­gen ver­kauft, muss sich auf Emo­tio­nen ge­fasst ma­chen, und ein gu­ter Ver­tre­ter soll­te in der La­ge sein, bei den oft­mals schwie­ri­gen, quä­len­den Dis­kus­sio­nen mit sei­nen Kun­den ei­nen kla­ren Kopf zu be­hal­ten. Die Aus­sicht auf den Tod lenkt die Ge­dan­ken au­to­ma­tisch auf erns­te Din­ge, und mag es bei dem Job auch haupt­säch­lich ums Geld ge­hen, kommt man doch an den da­mit ver­bun­de­nen schwer­wie­gen­den me­ta­phy­si­schen Fra­gen nicht vor­bei. Was ist der Sinn der Exis­tenz? Wie lan­ge ha­be ich noch zu le­ben? Was kann ich nach mei­nem Tod für die Men­schen tun, die ich lie­be? Dr. Wein­berg hat­te auf­grund sei­nes Be­rufs ein schar­fes Ge­spür für die Zer­brech­lich­keit des mensch­li­chen Le­bens, da­für, wie we­nig es braucht, un­se­ren Na­men aus dem Buch der Le­ben­den zu strei­chen. Wir tra­fen uns in sei­ner Woh­nung am Cen­tral Park West, und nach­dem ich ihm die Vor- und Nach­tei­le der ver­schie­de­nen Po­li­cen er­läu­tert hat­te, be­gann er mir aus sei­ner Ver­gan­gen­heit zu er­zäh­len. Er war 1916 in Berlin zur Welt ge­kom­men, er­fuhr ich; sein Va­ter fiel in den Grä­ben des Ers­ten Welt­kriegs, und so wuchs er bei sei­ner Mut­ter auf, ei­ner Schau­spie­le­rin, ein­zi­ges Kind ei­ner enorm auf Un­ab­hän­gig­keit be­dach­ten und manch­mal sehr ei­gen­wil­li­gen Frau, der es nie mehr in den Sinn ge­kom­men war, sich wie­der zu ver­hei­ra­ten.

Falls ich sei­ne Be­mer­kun­gen nicht über­in­ter­pre­tie­re, schien mir Dr. Wein­berg an­deu­ten zu wol­len, dass sei­ne Mut­ter lie­ber mit Frau­en als mit Män­nern zu­sam­men war, und in den chao­ti­schen Jah­ren der Wei­ma­rer Re­pu­blik hat sie die­ser Nei­gung of­fen­bar ziem­lich frei­en Lauf ge­las­sen. Im Ge­gen­satz zu sei­ner ei­gen­wil­li­gen Mut­ter war der klei­ne Jo­nas ein stil­ler Jun­ge, der gern las, ein gu­ter Schü­ler war und da­von träum­te, Wis­sen­schaft­ler oder Arzt zu wer­den. Er war sieb­zehn, als Hit­ler an die Macht kam, und we­ni­ge Mo­na­te spä­ter traf sei­ne Mut­ter Vor­be­rei­tun­gen, ihn au­ßer Lan­des zu brin­gen. In New York leb­ten Ver­wand­te sei­nes Va­ters, und die wa­ren ein­ver­stan­den, ihn bei sich auf­zu­neh­men. Im Früh­jahr 1934 reis­te er ab, wäh­rend sei­ne Mut­ter, die doch so früh­zei­tig die den Nich­ta­ri­ern im Drit­ten Reich dro­hen­den Ge­fah­ren er­kannt hat­te, sich hart­nä­ckig wei­ger­te, die­se Ge­le­gen­heit zu nut­zen und selbst das Land zu ver­las­sen. Ih­re Fa­mi­lie sei seit Jahr­hun­der­ten deutsch ge­we­sen, er­klär­te sie ih­rem Sohn, und sie wer­de den Teu­fel tun, sich von ir­gend­ei­nem her­ge­lau­fe­nen Ty­ran­nen ins Exil ja­gen zu las­sen. Kom­me, was da wol­le, sie sei ent­schlos­sen, das durch­zu­ste­hen.

Wie durch ein Wun­der ge­lang ihr das tat­säch­lich. Dr. Wein­berg er­wähn­te we­nig Ein­zel­hei­ten (mög­lich, dass er die Ge­schich­te selbst nie voll­stän­dig er­fah­ren hat), aber an­schei­nend gab es ei­ne Grup­pe von Chris­ten, die sei­ner Mut­ter aus meh­re­ren kri­ti­schen Si­tua­tio­nen half, und 1938 oder 1939 ge­lang es ihr, sich fal­sche Aus­weis­pa­pie­re zu be­schaf­fen. Sie ver­än­der­te ihr Aus­se­hen ra­di­kal - nicht schwer für ei­ne Schau­spie­le­rin, de­ren Spe­zia­li­tät ex­zen­tri­sche Cha­rak­ter­rol­len wa­ren; ver­klei­det als un­schein­ba­re Blon­di­ne mit Bril­le, ge­lang­te sie mit ih­rem neu­en Na­men an ei­nen Job als Buch­hal­te­rin in ei­nem Tex­til­ge­schäft in ei­ner Kle­in­stadt vor den To­ren Ham­burgs. Als der Krieg im Früh­jahr 1945 en­de­te, hat­te sie ih­ren Sohn seit elf Jah­ren nicht mehr ge­se­hen. Jo­nas Wein­berg war in­zwi­schen En­de zwan­zig, ein fer­tig aus­ge­bil­de­ter Arzt, der ge­ra­de sei­ne As­sis­tenz­zeit am Bel­le­vue Ho­s­pi­tal ab­schloss; so­bald er er­fuhr, dass sei­ne Mut­ter den Krieg über­lebt hat­te, be­gann er mit den Vor­be­rei­tun­gen, sie zu ei­nem Be­such nach Ame­ri­ka zu ho­len.

Al­les war bis ins kleins­te De­tail ge­plant. Das Flug­zeug wür­de um die und die Zeit lan­den, an dem und dem Ga­te par­ken, und dort wür­de Jo­nas Wein­berg sei­ne Mut­ter ab­ho­len. Ge­ra­de als er zum Flug­ha­fen fah­ren woll­te, wur­de er je­doch zu ei­ner No­tope­ra­ti­on ins Kran­ken­haus ge­ru­fen. Er hat­te kei­ne Wahl. Er war Arzt, und so­sehr er sich da­nach sehn­te, sei­ne Mut­ter nach so vie­len Jah­ren wie­der­zu­se­hen, galt doch sei­ne ers­te Pflicht den Pa­ti­en­ten. In al­ler Ei­le wur­de ein neu­er Plan ein­ge­fä­delt.

»3. Fort­set­zung folgt

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Werner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.