Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (40)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

Dann ließ sie da­von ab, und die lin­ke Hand schoss wie­der nach oben. Dies­mal hielt sie zwei Fin­ger hoch. Wie zu­vor stieß sie sie mit er­bit­ter­tem Nach­druck in die Luft. Erst ei­nen, jetzt zwei. Was woll­te sie mir da­mit sa­gen? Ich konn­te mir nicht si­cher sein, ver­mu­te­te aber, es ging um Zeit, um die Zahl von Ta­gen, die noch ver­ge­hen muss­ten, bis sie wie­der spre­chen durf­te. Beim Auf­wa­chen wä­re es nur noch ein Tag ge­we­sen, aber da sie sich jetzt ver­se­hent­lich ein paar Wor­te hat­te ent­schlüp­fen las­sen, muss­te sie zur Stra­fe noch ei­nen Tag län­ger schwei­gen. Aus eins war da­her zwei ge­wor­den.

„Stimmt das?“, frag­te ich. „Willst du mir sa­gen, dass du in zwei Ta­gen zu re­den an­fängst?“

Kei­ne Re­ak­ti­on. Ich wie­der­hol­te die Fra­ge, aber Lu­cy hat­te nicht vor, ihr Ge­heim­nis preis­zu­ge­ben. Kein Ni­cken, kein Kopf­schüt­teln. Ich setz­te mich ne­ben sie und strich ihr über die Haa­re.

„Hier, Lu­cy“, sag­te ich und

reich­te ihr den Oran­gen­saft. „Wird Zeit, dass du früh­stückst.“

DNach Nor­den

as Au­to war ein Re­likt aus mei­nem frü­he­ren Le­ben. In New York konn­te ich da­mit nichts an­fan­gen, war aber zu faul ge­we­sen, mir die Mü­he zu ma­chen, es zu ver­kau­fen, und so stand es seit mei­nem Um­zug nach Brook­lyn in ei­nem Park­haus an der Uni­on Street zwi­schen der Sixth und Seventh Ave­nue, oh­ne dass ich es je ge­fah­ren oder auch nur an­ge­se­hen hät­te. Ein li­mo­nen­grü­ner Olds­mo­bi­le Cut­lass Bau­jahr ‘94, ei­ne Kar­re von er­schre­cken­der Häss­lich­keit. Aber der Wa­gen tat, was von ihm er­war­tet wur­de, und nach zwei lan­gen Mo­na­ten des Nichts­tuns sprang der Mo­tor gleich beim ers­ten Dre­hen des Zünd­schlüs­sels an.

Tom saß am Steu­er, ich auf dem Bei­fah­rer­sitz, Lu­cy hin­ten. Trotz al­lem, was ich ihr am Abend zu­vor ver­spro­chen hat­te, woll­te sie im­mer noch nichts von Pa­me­la und Ver­mont wis­sen und nahm es uns sehr übel, dass wir sie ge­gen ih­ren Wil­len dort hin­brach­ten. Lo­gisch be­trach­tet hat­te sie Recht. Da die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung bei ihr lag - wel­chen Sinn hat­te es, sie mehr als drei­hun­dert Mei­len dort hin­zu­fah­ren, wenn schon vor­her fest­stand, dass wir sie an­schlie­ßend die­sel­be Stre­cke wie­der zu­rück­fah­ren wür­den? Ich hat­te ihr ge­sagt, sie müs­se dem Ex­pe­ri­ment mit Pa­me­la we­nigs­tens ei­ne Chan­ce ge­ben. Dar­auf war sie zwar vor­geb­lich ein­ge­gan­gen, aber ich wuss­te, sie hat­te sich be­reits ent­schie­den, und nichts wür­de dar­an et­was än­dern. Jetzt saß sie mür­risch und in sich ge­kehrt auf der Rück­bank, ein schmol­len­des, un­schul­di­ges Op­fer un­se­rer grau­sa­men Ma­chen­schaf­ten. Als wir auf der I-95 durch die Au­ßen­be­zir­ke von Bridge­port fuh­ren, schlief sie ein, bis da­hin aber starr­te sie fast nur aus dem Fens­ter, zwei­fel­los in fins­te­re Ge­dan­ken über ih­re bei­den fie­sen On­kels ver­sun­ken. Wie sich spä­ter her­aus­stell­te, hat­te ich sie falsch ein­ge­schätzt. Lu­cy war viel ein­falls­rei­cher, als ich ge­dacht hat­te, und statt nur da­zu­sit­zen und sich ih­rer Wut hin­zu­ge­ben, bas­tel­te sie be­reits an ei­ner In­tri­ge, ge­brauch­te ih­re be­trächt­li­che In­tel­li­genz, um ei­nen Plan aus­zu­he­cken, der den Spieß um­dre­hen und ihr die Kon­trol­le über ihr Schick­sal zu­rück­ge­ben soll­te. Die Sa­che war bril­lant aus­ge­heckt, wenn ich das so sa­gen darf, ein ech­tes Schel­men­stück, und vor ei­ner so auf die Spit­ze ge­trie­be­nen Raf­fi­nes­se kann man nur den Hut zie­hen. Aber mehr dar­über in Bäl­de.

Wäh­rend Lu­cy sich im Halb­schlaf ih­ren Gr­ü­be­lei­en hin­gab, spra­chen Tom und ich mit­ein­an­der. Er hat­te nicht mehr am Steu­er ei­nes Au­tos ge­ses­sen, seit er im Ja­nu­ar sei­nen Ta­xi­job ge­kün­digt hat­te, und die blo­ße Tat­sa­che, dass er wie­der fuhr, schien sei­nen gan­zen Or­ga­nis­mus zu be­le­ben. Ich war in den letz­ten zwei Wo­chen fast täg­lich mit ihm zu­sam­men ge­we­sen, und nicht ein ein­zi­ges Mal hat­te ich ihn so un­be­schwert und glück­lich er­lebt wie an die­sem Mor­gen An­fang Ju­ni. Nach­dem er uns durch den Stadt­ver­kehr ge­steu­ert hat­te, ge­lang­ten wir auf den ers­ten von meh­re­ren High­ways, die uns nach Nor­den brin­gen soll­ten, und dort, end­lich auf frei­er Stre­cke, fiel al­les von ihm ab, die Span­nung, die gan­ze Last sei­nes Elends und sein Hass auf die Welt.

Ein ent­spann­ter Tom war ein ge­sprä­chi­ger Tom. So war es auch frü­her schon im­mer bei ihm ge­we­sen, und von et­wa halb neun bis weit nach Mit­tag un­ter­brach nichts sei­nen Re­de­fluss – ei­ne wah­re Flut von Ge­schich­ten, Wit­zen und Vor­trä­gen zu ak­tu­el­len und ob­sku­ren The­men.

Es be­gann mit ei­ner Be­mer­kung über das Buch mensch­li­cher Tor­hei­ten, mein klei­nes, di­let­tan­ti­sches work in pro­gress. Er er­kun­dig­te sich, wie es da­mit ste­he, und als ich ihm er­zähl­te, dass noch kein En­de ab­zu­se­hen sei, dass je­de Ge­schich­te, die ich schrieb, ei­ne wei­te­re her­vor­zu­brin­gen schien, und dann noch ei­ne und noch ei­ne, klopf­te er mir mit der rech­ten Hand auf die Schul­ter und ver­kün­de­te das ver­blüf­fen­de Ur­teil: „Du bist ein Schrift­stel­ler, Nat­han. Du ent­wi­ckelst dich zu ei­nem ech­ten Schrift­stel­ler.“

„Nein, nein“, sag­te ich. „Ich bin bloß ein ehe­ma­li­ger Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­tre­ter, der nichts Bes­se­res mit sich an­zu­fan­gen weiß. Das Schrei­ben ver­treibt mir die Zeit, sonst nichts.“

„Du irrst dich, Nat­han. Nach­dem du jah­re­lang in der Wüs­te um­her­ge­irrt bist, hast du end­lich zu dei­ner wah­ren Be­ru­fung ge­fun­den. Jetzt, wo du nicht mehr für Geld zu ar­bei­ten brauchst, machst du die Ar­beit, für die du von An­fang an be­stimmt warst.“

„Lä­cher­lich. Kein Mensch wird mit sech­zig zum Schrift­stel­ler.“

Der ehe­ma­li­ge Stu­dent und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler räus­per­te sich und sag­te, da sei er aber an­de­rer Mei­nung. Beim Schrei­ben ge­be es kei­ne Re­geln, sag­te er. Wenn man sich mit dem Le­ben von Dich­tern und Ro­man­au­to­ren be­schäf­ti­ge, sto­ße man im­mer wie­der auf das rei­ne Cha­os, das sei ein un­end­li­cher Dschun­gel von Aus­nah­men. Das lie­ge dar­an, dass das Schrei­ben ei­ne Krank­heit sei, fuhr er fort, man kön­ne ge­ra­de­zu von ei­ner In­fek­ti­on oder Grip­pe des Geis­tes spre­chen, und da­her kön­ne je­der­mann je­der­zeit da­von be­trof­fen wer­den. Die Jun­gen und die Al­ten, die Star­ken und die Schwa­chen, die Trin­ker und die Ent­halt­sa­men, die geis­tig Ge­sun­den und die Wahn­sin­ni­gen. Stu­die­re man die Lis­te der Gi­gan­ten und Halb­gi­gan­ten, sto­ße man auf Schrift­stel­ler je­der denk­ba­ren se­xu­el­len Nei­gung, je­der po­li­ti­schen Ori­en­tie­rung; hier sei­en al­le mensch­li­chen Ei­gen­schaf­ten zu fin­den - vom pa­the­tischs­ten Idea­lis­mus bis zur übels­ten Ver­wor­fen­heit. Un­ter Schrift­stel­lern fin­de man Kri­mi­nel­le und An­wäl­te, Spio­ne und Ärz­te, Sol­da­ten und al­te Jung­fern, Rei­sen­de und Bett­lä­ge­ri­ge. Wenn man nie­man­den aus­schlie­ßen kön­ne, was sol­le dann ei­nen fast sech­zig­jäh­ri­gen ehe­ma­li­gen Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­tre­ter dar­an hin­dern, in ih­re Rei­hen ein­zu­tre­ten? Wel­ches Ge­setz wol­le Nat­han Glass ver­bie­ten, sich von die­ser Krank­heit an­ste­cken zu las­sen? Ich zuck­te die Schul­tern.

»41. Fort­set­zung folgt

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

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