Ei­ne Be­las­tung für das Herz

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Bayern -

Bei­de Kin­der star­ben. Auch in München wä­re es im ver­gan­ge­nen Som­mer fast zu ei­ner Tra­gö­die ge­kom­men: Dort schlu­gen Po­li­zei­be­am­te das Fens­ter ei­nes Au­tos ein, um ei­nen pa­nisch schrei­en­den und völ­lig de­hy­drier­ten Säug­ling zu ret­ten. Die Groß­mut­ter hat­te das zehn Mo­na­te al­te Mäd­chen auf dem Park­platz ei­nes Ein­kaufs­zen­trums zu­rück­ge­las­sen.

Nicht im­mer liegt es aber an gro­ber Fahr­läs­sig­keit, dass Kin­der in ei­nem ko­chend hei­ßen Au­to fest­sit­zen. Im Augs­bur­ger Stadt­teil Hoch­zoll hat­te ei­ne Mut­ter An­fang Ju­ni ge­ra­de ih­re bei­den Kin­der ins Au­to ge­setzt, als sich ei­nes der bei­den den Schlüs­sel schnapp­te und in dem Mo­ment, als die Mut­ter die Tü­ren schloss, den Wa­gen ver­rie­gel­te. Weil sich die Luft im Au­to we­gen der som­mer­li­chen Hit­ze im­mer wei­ter auf­heiz­te, rief die Mut­ter den No­t­ruf. Die Feu­er­wehr be­frei­te die Kin­der schließ­lich aus dem Fahr­zeug.

Schnell zu han­deln ist in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on enorm wich­tig. Denn die Hit­ze, die sich in ei­nem ab­ge­schlos­se­nen Au­to im­mer wei­ter auf­baut, ist für den Kör­per ei­ne gro­ße Be­las­tung. Das Herz muss kräf­ti­ger pum­pen, gleich­zei­tig fließt der Schweiß in Strö­men – der Kör­per ver­liert Flüs­sig­keit, die das Herz ei­gent­lich braucht, um zu ar­bei­ten. Im schlimms­ten Fall kommt es so zu ei­nem Herz-Kreis­lauf-Still­stand. „Und dann sind die Über­le­bens­chan­cen re­la­tiv schlecht“, sagt Kin­der­kli­nik-Arzt Bu­hei­tel. Wenn man nicht ge­ra­de in der Nä­he ei­nes Kran­ken­hau­ses ist, liegt die Chan­ce zu über­le­ben ge­ra­de ein­mal bei zehn Pro­zent.

Ei­gent­lich soll­te es ei­nem der ge­sun­de Men­schen­ver­stand sa­gen, dass man ein Kind nicht in ei­nem ab­ge­stell­ten Au­to in der Hit­ze zu­rück­las­sen soll­te, fin­det Tho­mas Rieger vom Po­li­zei­prä­si­di­um Schwa­ben Nord. „Aber das Le­ben spielt eben manch­mal an­ders“, fügt er hin­zu. Glück­li­cher­wei­se kom­me es in sei­nem Ein­satz­ge­biet sehr sel­ten vor, dass die Po­li­zei we­gen ei­nes Kin­des im hei­ßen Au­to ge­ru­fen wird – ein­ge­sperr­te Hun­de ge­be es aber im­mer wie­der. „Man muss die Si­tua­ti­on dann ge­nau ein­schät­zen. Ist der Be­sit­zer nur kurz im Su­per- markt und kommt gleich wie­der? Oder ist er zum Ba­den an den See ge­gan­gen?“, er­läu­tert Rieger. „Wir schau­en uns das Tier ge­nau an und prü­fen, wie es ihm geht. Dann ver­su­chen wir, den Hal­ter zu er­mit­teln.“Wenn das nicht klappt und es dem Tier schlecht geht, wird die Schei­be ein­ge­schla­gen. „Das ist der letz­te Schritt“, sagt Rieger.

In Füs­sen et­wa ist die Po­li­zei im ver­gan­ge­nen Som­mer die­sen Schritt ge­gan­gen. Wäh­rend das Herr­chen im See ba­den ging, muss­te der Hund im Au­to war­ten. Zwei St­un­den lang. Ein Pas­sant hat­te das Tier, das he­chelnd im Fuß­raum lag, be­merkt und die Po­li­zei ge­ru­fen, die dann die Schei­be des Wa­gens ein­schlug.

Im Ge­gen­satz zum Men­schen ha­ben Hun­de kei­ne Schweiß­drü­sen auf der Haut und kön­nen nur über die Zun­ge oder die Pfo­ten schwit­zen. Bei zu gro­ßer Hit­ze be­kom­men sie schnell Or­gan­schä­den oder ei­nen Herz­still­stand, warnt die Tier­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Pe­ta. Auch ein Schat­ten­park­platz oder ein leicht ge­öff­ne­tes Fens­ter sei­en an hei­ßen Ta­gen kein aus­rei­chen­der Schutz.

Man­fred Gott­schalk vom Po­li­zei­prä­si­di­um Schwa­ben Nord emp­fiehlt, un­ter der Num­mer 110 den No­t­ruf zu wäh­len, wenn Kin­der oder Tie­re bei gro­ßer Hit­ze im Au­to ein­ge­schlos­sen sind. Da­von, die Schei­be ein­zu­schla­gen, rät er ab – es sei denn, das Kind oder das Tier ist schon in ei­nem enorm schlech­ten Zu­stand. Hin­ter­her muss dann ju­ris­tisch ge­prüft wer­den, ob es wirk­lich zwin­gend war, die Schei­be ein­zu­schla­gen – und ob auf den, der es gut ge­meint hat, Kos­ten zu­kom­men. Schlägt die Po­li­zei die Schei­be ein, muss der Au­to­fah­rer zah­len.

Ju­ris­tisch auf­ge­ar­bei­tet wird auch das Ver­hal­ten von El­tern und Tier­hal­tern: Wer ein Tier im hei­ßen Au­to lässt, muss mit ei­ner An­kla­ge we­gen ei­nes Ver­sto­ßes ge­gen das Tier­schutz­ge­setz rech­nen. Wer sei­ne Kin­der im Fahr­zeug sit­zen lässt, muss sich min­des­tens we­gen fahr­läs­si­ger Kör­per­ver­let­zung ver­ant­wor­ten. »Kommentar

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