Er ret­te­te Straß­berg

Se­rie Der Pi­lot Lud­ger Höl­ker starb, als er sein ab­stür­zen­des Flug­zeug über den Ort zog

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Augsburger Land - VON JÜR­GEN DILLMANN

Ei­ne In­fla­ti­on der Su­per­la­ti­ve be­stimmt heu­te un­se­re Um­gangs­spra­che – al­les ist gleich „ge­ni­al“und Sport­ler wer­den als „Licht­ge­stal­ten“oder gar „Göt­ter“be­zeich­net. Aber es gibt auch Men­schen, für die un­se­re Spra­che kaum aus­reicht, um die au­ßer­ge­wöhn­li­che Leis­tung zu wür­di­gen. Auf die Per­son, mit der wir uns heu­te be­schäf­ti­gen, trifft das zu: Lud­ger Höl­ker gilt als Held, völ­lig zu Recht, denn die Men­schen des Bo­bin­ger Orts­teils Straß­berg ha­ben ihm un­end­lich viel zu ver­dan­ken.

Es war am 15. Sep­tem­ber 1964, als ein Schul­flug­zeug vom Typ Lock­heed des Jagd­bom­ber­ge­schwa­ders im Lech­feld mit zwei Per­so­nen an Bord zu ei­nem Übungs­flug star­te­te. Im vor­de­ren Cock­pit der 30-jäh­ri­ge Ober­leut­nant Lud­ger Höl­ker, da­hin­ter der 42-jäh­ri­ge Ma­jor Wal­ter Süt­ter­lin. Nach über ei­ner St­un­de sank beim Ra­dar­an­flug zur Lan­dung im Lech­feld die Trieb­werks­leis­tung. Ver­su­che, sie wie­der zu er­hö­hen, schei­ter­ten. Höl­ker über­nahm die Füh­rung der Ma­schi­ne und be­schloss, den Schleu­der­sitz nicht zu be­tä­ti­gen, um das Luft­fahr­zeug im Sink­flug erst über Bo­bin­gen und Straß­berg hin­weg kon­trol­liert zu steu­ern, galt es doch, ei­nen Ab­sturz in be­sie­del­tes Ge­biet zu ver­hin­dern. Der über­le­ben­de Süt­ter­lin be­rich­te­te spä­ter, dass Höl­ker den Aus­stieg be­wusst ver­zö­ger­te: „Noch nicht! Erst müs­sen wir über die Häu­ser weg!“, zi­tier­te er den Ka­me­ra­den.

Und so nutz­ten die bei­den Pi­lo­ten erst am nord­öst­li­chen Rand von Straß­berg in nied­ri­ger Hö­he die Schleu­der­sit­ze.

Höl­ker prall­te ge­gen ei­nen Baum und starb kurz da­nach im Kran­ken­haus. Er hat­te das ris­kan­te Flug­ma­nö­ver ge­schafft und die Be­woh­ner Straß­bergs vor ei­ner Ka­ta­stro­phe be­wahrt und da­für sein Leben ge­ge­ben, für­wahr ein Held.

Wer war Lud­ger Höl­ker? Er stamm­te aus Bil­ler­beck bei Müns­ter, war der Sohn ei­nes Land­wirts. Im Jahr 1949 muss­te er als 15-Jäh­ri­ger die Re­al­schu­le ver­las­sen, um den Hof des er­krank­ten Va­ters zu ver­wal­ten.

Nach ei­ner Leh­re zum Schmied ging er auf die Be­rufs­schu­le in Coes­feld, die er mit der mitt­le­ren Rei­fe ab­schloss. 1958 trat er in die neu ge­grün­de­te Luft­waf­fe der Bun­des­wehr ein. Zu Be­ginn der 1960erJah­re wur­de er in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zum Dü­sen­jä­ger-Pi­lot aus­ge­bil­det. An­schlie­ßend war er als Pi­lot auf dem Lech­feld sta­tio­niert, wo er ne­ben der Flie­ge­rei Abend­kur­se be­such­te, um das Abitur nach­zu­ho­len. Kurz vor sei­nem tra­gi­schen Tod hei­ra­te­te er ei­ne an­ge­hen­de Leh­re­rin an der Schwab­münch­ner Mit­tel­schu­le. Der Na­me der ört­li­chen Grund­schu­le und ei­ne Stra­ße er­in­nern an ihn. Höl­ker und sei­ne auf­op­fern­de Tat wer­den nie in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten.

Fo­to: Stadt­ar­chiv Bo­bin­gen

Lud­ger Höl­ker starb vor 46 Jah­ren beim Ab­sturz sei­nes Mi­li­tär­jets bei Straß­berg. Er hät­te sich mit dem Schleu­der­sitz ret­ten kön­nen. Statt­des­sen lenk­te er die Ma­schi­ne vom Ort weg.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.