Man prü­gelt sich, man küm­mert sich

Li­te­ra­tur Der Schrift­stel­ler Phil­ipp Winkler hat ei­nen Ro­man über Hoo­li­gans ge­schrie­ben. Trotz­dem geht es nicht nur um Ge­walt

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton Regional - VON ALEX­AN­DER RUPFLIN

Erst ein­mal 45 Mi­nu­ten Ver­spä­tung we­gen ei­nes Baums auf den Glei­sen. Zu­min­dest die zwei­te Halb­zeit aber wird ge­spielt. Au­tor Phil­ipp Winkler tritt auf im Grand­ho­tel Cos­mo­po­lis mit Roy­al-Ant­wer­pen-Tri­kot, Turn­schu­hen und über die Knö­chel ge­zo­ge­nen schwar­zen Pu­ma-So­cken. Und auch wenn BR-Mo­de­ra­tor Achim Bog­dahn gleich ver­spricht, in Wink­lers Ro­man „Hool“ge­he es nicht nur um Hoo­li­gans und Schlä­ge­rei­en: In der ers­ten Sze­ne, die Winkler liest, wird aus­gie­big ge­prü­gelt. Die Reiz­wör­ter der ers­ten Sei­ten hei­ßen „Blut“und „Fäus­te“. Winkler fängt die Spra­che der Out­laws ein. Die Ver­ab­re­dung zu Schlä­ge­rei­en an ver­las­se­nen Or­ten hei­ßen „Mat­ches“, ein Schlag ins Ge­sicht „Ba­cken­fut­ter“, und der­je­ni­ge, der un­ter Schmer­zen zu­sam­men­bricht, „macht den Klap­per­mann“.

Mit „Hool“stand Winkler 2016 auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses. Der Au­tor ge­hör­te zu den Schreib­schü­lern aus Hil­des­heim. „Hool“ist sei­ne Ab­schluss­ar­beit. Mit dem Schrei­ben an­ge­fan­gen, so sagt er, ha­be er erst, als er sich für Hil­des­heim mit Text­pro­ben be­wor­ben ha­be. Da­vor sei da nichts ge­lau­fen, ge­le­sen ha­be er so­wie­so nicht. Und dann kam sei­ne Mut­ter, mein­te, ihr Sohn sei doch ein „so krea­ti­ver Typ“, und er­zähl­te ihm von der Mög­lich­keit, man kön­ne krea­ti­ves Schrei­ben stu­die­ren. Und weil Winkler dach­te, da lie­ße sich mit ge­rin­gem Auf­wand ei­nem Stu­di­um nach­ge­hen, be­warb er sich al­so in Hil­des­heim und wur­de an­ge­nom­men. So weit der Grün­der­my­thos.

Die Le­sung an die­sem Abend fin­det im Rah­men des Frie­dens­fes­tes statt. Dass man in die­sem Kon­text dar­auf kommt, ei­nen Au­tor mit sei­nem Buch über Hoo­li­gans, die dar­in zwar kei­nes­falls ei­ne Glo­ri­fi­zie­rung, durch­aus aber Ak­zep­tanz er­fah­ren, ein­zu­la­den, ist we­ni­ger ab­we­gig, als es zu­nächst er­scheint. Denn in „Hool“geht es vor al­lem um Freund­schaft, Fa­mi­lie und den Zu­sam­men­halt nicht trotz, son­dern ge­ra­de we­gen pre­kä­rer Um­stän­de, in de­nen die han­deln­den Fi­gu­ren auf­wach­sen. So liest Winkler dann auch vor, wie der Ich-Er­zäh­ler Hei­ko sich rüh­rend um den Gei­er küm­mert, den sein Kum­pel in der Woh­nung auf­zieht, oder wie es war, frü­her, als Hei­ko zum ers­ten Mal mit sei­nem Va­ter zum Fa­mi­li­en­ver­ein Han­no­ver 96 ins Sta­di­on ge­gan­gen ist.

Winkler gibt den la­pi­da­ren Ton­fall des Bu­ches größ­ten­teils in ei­nem Rhyth­mus wie­der, der dem Text ei­ne Mu­si­ka­li­tät zu­ge­steht, die die­ser nicht im­mer in sich trägt. Da­für er­ahnt der Zu­hö­rer be­reits in kur­zen vor­ge­tra­ge­nen Ab­schnit­ten ei­ne Mi­lieu-Be­schrei­bung, die über ei­ne rei­ne Stu­die hin­aus­geht. Da ist der Ver­gleich mit Cle­mens Mey­ers „Als wir träum­ten“nicht fern. Auch der Au­tor räumt ein, die­sen Be­zug nach­zu­voll­zie­hen, se­he sich selbst aber nicht in die­ser Tra­di­ti­on. „Wir sind halt bei­de tä­to­wiert, das reicht oft schon, um zu­sam­men­ge­bracht wer­den.“

Die Fra­gen, die das Pu­bli­kum im An­schluss stellt, be­fas­sen sich dann haupt­säch­lich mit dem Hoo­li­ga­nis­mus, we­ni­ger mit dem Buch „Hool“und gar nicht mit dem Schrei­ben. Winkler ver­wei­gert aber die Ex­per­ten­rol­le. Wie­der­holt mehr­fach, dass er nur sei­ne ei­ge­ne Mei­nung und Er­fah­rung zum Bes­ten ge­ben kön­ne – und die­se be­schrän­ke sich auf sei­nen frü­he­ren Freun­des­kreis in Ha­gen­burg bei Han­no­ver. Weil sich das In­ter­es­se der Zu­schau­er aber so sehr auf die Hoo­li­gan-Sub­kul­tur be­schränkt, be­tont Winkler zum Ab­schluss: „Ich wer­de das Buch nie­mals als Fuß­ball­ro­man be­zeich­nen. Es ist auch kein Män­ner­ro­man. Auch kein Frau­en­ro­man. Es ist ein Ro­man.“

Fo­to: Wolf­gang Die­kamp

Der Schrift­stel­ler Phil­ipp Winkler hat im Grand­ho­tel Cos­mo­po­lis aus sei­nem Ro­man über Hoo­li­gans ge­le­sen.

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