Bern­hard Schlink: Die Frau auf der Trep­pe (9)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

Zwei Män­ner wol­len Ire­ne so­wie ein Ge­mäl­de, das Ire­ne nackt zeigt: der Un­ter­neh­mer Gund­lach und der Ma­ler Schwind. Ein An­walt soll ver­mit­teln; er lernt eben­falls, Ire­ne zu lie­ben…

Aus: Bern­hard Schlink Die Frau auf der Trep­pe

Na­tür­lich gab es mit mei­ner Braut und dann Frau und dann mit mei­nen Kin­dern Ta­ge, an de­nen ich nicht ar­bei­te­te. Aber an ih­nen mach­te ich, was ich Braut, Frau und Kin­dern schul­de­te und was der Ge­sund­heit oder Bil­dung oder Stär­kung des Zu­sam­men­halts dien­te. Schö­ne Un­ter­neh­mun­gen, ge­wiss, und an­ge­neh­me Ab­wechs­lun­gen von der Ar­beit. Aber ein­fach sit­zen und schau­en und in die Son­ne blin­zeln und träu­men, St­un­de um St­un­de, dann ein Re­stau­rant fin­den mit gu­tem Es­sen und gu­tem Wein, dann ein biss­chen spa­zie­ren und wie­der ei­nen Platz zum Sit­zen und Schau­en und Blin­zeln und Träu­men fin­den – ich ha­be es da­mals ge­macht und da­nach erst wie­der in Syd­ney.

Ich fra­ge mich, wo­von ich da­mals ge­träumt ha­be. Si­cher vom Le­ben mit Ire­ne. Aber si­cher nicht nur. Wie ich jetzt an die Ver­gan­gen­heit den­ke, ha­be ich viel­leicht auch da­mals an die Ver­gan­gen­heit ge­dacht. Viel­leicht be­kam sie, weil ich drauf und dran war, mein Glück zu fin­den,

ein neu­es Ge­sicht. Viel­leicht fand ich mei­ne Kind­heit bei den Groß­el­tern nicht mehr lieb­los, son­dern ei­nen Weg zur Frei­heit, spür­te bei mei­nem be­ruf­li­chen Weg nicht mehr den Druck, son­dern das Ge­schenk des Er­folgs und sah in mei­nen un­er­füll­ten Be­geg­nun­gen mit Frau­en nicht mehr das Schei­tern, son­dern ein Ver­spre­chen.

Ich kla­ge nicht dar­über, dass ich alt bin. Ich nei­de der Ju­gend nicht, dass sie das Le­ben noch vor sich hat; ich will es nicht noch mal vor mir ha­ben. Aber ich nei­de ihr, dass die Ver­gan­gen­heit, die hin­ter ihr liegt, kurz ist. Wenn wir jung sind, kön­nen wir un­se­re Ver­gan­gen­heit über­schau­en. Wir kön­nen ihr ei­nen Sinn ge­ben, auch wenn es im­mer wie­der ein an­de­rer ist. Wenn ich jetzt auf die Ver­gan­gen­heit zu­rück­schaue, weiß ich nicht, was Last und was Ge­schenk war, ob der Er­folg den Preis wert war und was sich in mei­nen Be­geg­nun­gen mit Frau­en er­füllt und was sich mir ver­sagt hat.

Ich ha­be das Bild auch am Frei­tag wie­der be­sucht. Die Art Gal­le­ry war vol­ler Schü­ler und Schü­le­rin­nen, Leh­rer und Leh­re­rin­nen. Ich moch­te das Ge­räusch der vie­len durch­ein­an­der­re­den­den und -ru­fen­den Stim­men; es er­in­ner­te mich an Pau­sen auf dem Schul­hof und Som­mer­ta­ge im Schwimm­bad. Vor dem Bild stan­den ein paar Halb­wüch­si­ge und dis­ku­tier­ten die Fi­gur der Frau. Wa­ren die Hüf­ten zu breit, die Schen­kel zu dick, die Fü­ße zu klein und sa­ßen die Brust­war­zen falsch? Ich stell­te mich nicht da­zu, stand aber na­he ge­nug, dass ih­nen mei­ne An­we­sen­heit un­an­ge­nehm wur­de und sie wei­ter­gin­gen.

Ich fand kei­nen Ma­kel an der Frau. Aber ich sah sie auch nicht so, wie ich sie beim letz­ten Mal ge­se­hen hat­te. Ja, sie war Sanft­mut, Ver­füh­rung und Hin­ga­be. Sie leis­te­te kei­nen Wi­der­stand mehr. Und hat­te ihn doch nicht wirk­lich auf­ge­ge­ben. In der Hal­tung ih­res Kop­fes, in der Art, wie sie die Au­gen nie­der­ge­schla­gen und den Mund ge­schlos­sen hat­te, la­gen ge­hei­mer Wi­der­stand, Ver­wei­ge­rung, Trotz. Sie wür­de dem, in des­sen Ge­walt sie war, nie ge­hö­ren. Sie wür­de mit­spie­len. Aber sie wür­de sich letzt­lich ent­zie­hen.

Hät­te ich das da­mals schon se­hen und dann wis­sen kön­nen, wie al­les wei­ter­ge­hen wür­de? Ich war nur kurz in Gund­lachs Sa­lon, muss­te ihm zu­hö­ren und konn­te das Bild nicht rich­tig an­schau­en. Wie, wenn ich es län­ger hät­te be­trach­ten kön­nen? Hät­te ich es dann ge­wusst?

Am Abend des Tages, an dem wir uns ge­trof­fen hat­ten, kam sie nicht. Ich nahm auch den nächs­ten Tag frei; ich woll­te zu Hau­se sein, wenn sie kä­me und den Schlüs­sel bräch­te. Ich ging früh ein­kau­fen und schau­te, als ich wie­der zu­rück­kam, ängst­lich in den Brief­kas­ten. Sie hat­te den Schlüs­sel noch nicht ein­ge­wor­fen. Ich bin ein or­dent­li­cher oder so­gar ein pe­dan­ti­scher Mensch und muss­te die Woh­nung für Ire­ne Gund­lach nicht auf­räu­men.

Aber ich ha­be Blu­men in die Va­se ge­stellt und Obst in die Schüs­sel ge­legt. Weil ich Angst hat­te, dass sie pe­dan­ti­sche Men­schen nicht mö­gen wür­de, ließ ich ein paar Äp­fel von der Schüs­sel auf den Tisch rol­len, ver­teil­te Bü­cher und Zeit­schrif­ten ne­ben dem Ses­sel auf dem Bo­den und brei­te­te auf mei­nem Schreib­tisch das Ma­nu­skript ei­nes Auf­sat­zes aus.

Sie kam am Sams­tag. Sie klin­gel­te, und oh­ne aus dem Fens­ter zu se­hen, wuss­te ich, dass sie es war, drück­te nicht auf den Knopf, rann­te die Trep­pe hin­un­ter und mach­te die Haus­tür auf.

„Ich woll­te nur…“Sie hat­te den Schlüs­sel in der Hand.

„Komm kurz hoch. Wir müs­sen re­den.“

Sie ging vor mir die Trep­pe hin­auf, mit schnel­lem Tritt, und ich sah auf ih­re Fü­ße in fla­chen Schu­hen, ih­re blo­ßen Wa­den, ih­re Schen­kel und ih­ren Po in en­ger Ho­se, die un­ter dem Knie en­de­te. Ich hat­te mei­ne Woh­nungs­tür offen ge­las­sen, und sie ging hin­ein, lang­sam, sah sich um, aber ging hin­ein, als ver­ste­he es sich von selbst. Sie ging in das gro­ße Zim­mer, das ich als Ar­beits- und Wohn­zim­mer nutz­te, trat zu­erst ans Fens­ter, sah auf die Stra­ße, dann an den Schreib­tisch und sah auf das Ma­nu­skript. „Was schreibst du?“

„Der Bun­des­ge­richts­hof hat ei­ne Ent­schei­dung zum Ur­he­ber­recht…“Ich konn­te nicht wei­ter­spre­chen. Ich hat­te sie un­ten nicht in die Ar­me ge­nom­men und hät­te es jetzt ger­ne ge­tan, kam mir aber so falsch vor, mein Lä­cheln oh­ne Charme, mei­ne Ar­me zu lang und Hän­de zu groß, mei­ne Be­we­gun­gen sper­rig, dass ich mich nicht trau­te.

„Ur­he­ber­recht … Wor­über müs­sen wir noch re­den?“

„Willst du dich nicht set­zen? Magst du Tee oder Kaf­fee oder?…“

„Nichts, dan­ke, ich muss gleich wie­der weg.“Aber sie setz­te sich auf den Ses­sel, den ich mit Bü­chern und Zeit­schrif­ten um­ge­ben hat­te, und ich setz­te mich auf den Ses­sel ge­gen­über.

„Wenn ich mor­gen zu Gund­lachs Haus ge­he … Es ist ein rei­ches Vier­tel. Fällt mein Au­to auf, wenn ich es in ei­ner Stra­ße par­ke? Fal­le ich auf, wenn ich durch die Stra­ßen lau­fe? Ken­nen sich die Leu­te und mer­ken sie sich ei­nen Frem­den?“

„Lass das Au­to im Dorf, durch das du musst, wenn du zu Gund­lach willst. Von dort läufst du ei­ne hal­be St­un­de, nicht mehr. Hast du Angst?“Sie sah mich prü­fend an.

Ich schüt­tel­te den Kopf. „Ich bin froh. Dass du und ich… Was ich vor zwei Ta­gen gesagt ha­be… Ich ha­be dich da­mit über­fal­len. Ich wür­de es ger­ne noch mal und dies­mal bes­ser sa­gen, aber ich fürch­te, dass ich dich da­mit wie­der über­fal­len wür­de, und war­te lie­ber, bis wir al­le Zeit der Welt ha­ben. Nein, ich ha­be kei­ne Angst. Du?“

Sie lach­te. „Dass es nicht ge­lingt? Dass ich be­schimpft wer­de? Dass ich ver­schleppt wer­de?“

„Ich weiß nicht. Was hast du mit dem Bild vor?“

„Nichts, so­lan­ge ich es noch nicht ha­be.“Sie stand auf. „Ich muss los.“Wo­hin, hät­te ich ger­ne ge­fragt, und ob sie mich auch lie­be oder doch ei­nes Tages lie­ben wer­de und ob sie noch mit Karl Schwind schla­fe und wie es am Sonn­tag ge­hen wer­de, wenn wir mit dem Bild im Au­to sä­ßen. Ich frag­te sie nichts da­von. »10. Fort­set­zung folgt

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