Wie bleibt die Pfar­rei le­ben­dig?

Am 25. Fe­bru­ar wer­den in Bay­ern die Pfarr­ge­mein­de­rä­te ge­wählt. Ein Pfar­rer und ei­ne en­ga­gier­te Ka­tho­li­kin er­klä­ren, war­um die­ses Gre­mi­um so wich­tig für die Zu­kunft der Kir­che ist

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Bayern - Ein Pfarr­ge­mein­de­rats­mit­glied ist al­so Küm­me­rer und Kum­mer­kas­ten. Wenn sich Kirch­gän­ger auf­re­gen soll­ten, dass Pfar­rer Ratz­in­ger mal wie­der viel zu lan­ge ge­pre­digt hat ... Oder ein In­ter­view ge­ben müs­sen.

Herr Pfar­rer Ratz­in­ger, was wä­ren Sie oh­ne Ih­ren Pfarr­ge­mein­de­rat?

Hu­bert Ratz­in­ger: Ein ar­mer Hund! Die Mit­glie­der des Pfarr­ge­mein­de­rats en­ga­gie­ren sich in der Pfar­rei und tra­gen kirch­li­ches Le­ben in die Pfar­rei. Dank des Pfarr­ge­mein­de­rats weiß ich auch als Pfar­rer bes­ser, was bei den Gläu­bi­gen an­kommt. Oder was da­ne­ben­geht.

Frau Steid­le, Sie sind Pfarr­ge­mein­de­rats­vor­sit­zen­de in der Pfar­rei St. Ni­ko­laus Groß­ait­in­gen in der Nähe von Augs­burg. Ha­ben Sie das Ge­fühl, dass Pfar­rer Ratz­in­ger Ih­re An­re­gun­gen oder Ih­re Kri­tik an­nimmt?

Ri­ta Steid­le: Ja. Wir ha­ben mit ihm zum Glück ei­nen Pfar­rer, der uns för­dert und for­dert.

Was for­dern Sie denn, Herr Ratz­in­ger?

Ratz­in­ger: Ach, das war mir noch gar nicht so be­wusst. Na ja, ich er­war­te schon von Pfarr­ge­mein­de­rä­ten, dass sie sich ein­brin­gen ...

... gera­de auch bei strit­ti­gen Themen wie den Got­tes­dienst­zei­ten? St. Ni­ko­laus ist ja Teil ei­ner Pfar­rei­en­gemein­schaft. Die be­steht seit 2012 aus vier ehe­mals ei­gen­stän­di­gen Pfar­rei­en und ei­ner Fi­li­al­ge­mein­de.

Steid­le: Wir muss­ten den Ge­mein­de­mit­glie­dern ver­mit­teln, dass nicht mehr je­der Ort ei­ne Früh- oder Spät­mes­se ha­ben kann. Wir ha­ben al­so über­legt: Wel­cher Got­tes­dienst kann zu wel­cher Uhr­zeit wo an­ge­bo­ten wer­den? Da muss­te manch ei­ner al­te Ge­wohn­hei­ten auf­ge­ben. Das führ­te auch zu Ver­stim­mun­gen. So et­was muss man als Pfarr­ge­mein­de­rat aus­hal­ten kön­nen. Man muss dann eben mit den Leu­ten spre­chen und sa­gen: Wir ha­ben nun mal nicht mehr so vie­le Pries­ter wie frü­her. Ratz­in­ger: Ich bin den Pfarr­ge­mein­de­rats­mit­glie­dern da­für sehr dank­bar.

Sind die so et­was wie Ih­re Botschafter?

Ratz­in­ger: Auf je­den Fall. Sie sind auch Mul­ti­pli­ka­to­ren und Im­puls­ge­ber. Und sie sind über­aus wich­tig für die Zu­kunft ei­ner Pfar­rei, denn un­se­re Seel­sor­ge wird nicht mehr so Pfar­rer-zen­triert sein kön­nen wie in der Ver­gan­gen­heit. Die Fra­ge ist doch: Wie be­werk­stel­li­gen wir es, dass ei­ne Pfar­rei auch künf­tig als Pfar­rei le­ben­dig bleibt?

Die Kir­che muss im Dorf blei­ben?

Ratz­in­ger: Ge­nau. Des­halb ha­ben wir sehr be­wusst je­der Pfar­rei ih­ren Pfarr­ge­mein­de­rat ge­las­sen und kei­nen Ge­samt­pfarr­ge­mein­de­rat ge­bil­det. Und des­halb spielt auch der

pries­ter­lo­se Got­tes­dienst ei­ne im­mer grö­ße­re Rol­le. Wir ha­ben seit 2012 in unseren Pfar­rei­en frei­tag­abends Wort­got­tes­fei­ern. Zwei Pfar­rei­en wech­seln sich bei­spiels­wei­se ab: In der ei­nen Wo­che gibt’s ei­ne Mes­se, in der an­de­ren ei­ne Wort­got­tes­fei­er, die von aus­ge­bil­de­ten Pfarr­ge­mein­de­rä­ten und an­de­ren Ge­mein­de­mit­glie­dern ge­hal­ten wird. Steid­le: Klar, ein Pfarr­ge­mein­de­rat soll ja sei­ne Pfarr­ge­mein­de ver­tre­ten. Und da geht es eben auch um Sor­gen und Nö­te. Das kön­nen per­sön­li­che Ver­let­zun­gen sein. Oder Pro­ble­me, die bei der Or­ga­ni­sa­ti­on von ei­nem Fest auf­tre­ten oder mit dem re­li­giö­sen Le­ben all­ge­mein zu

tun ha­ben. Manch­mal sitzt man zwi­schen den Stüh­len. Steid­le (lacht): ...dann könn­te ich oder der Pfarr­ge­mein­de­rat ihm das durch­aus so sa­gen.

Ratz­in­ger: Für mich ist es selbst­ver­ständ­lich, dass es auch Platz für Kri­tik ge­ben muss. Ich war sie­ben Jah­re lang in der Ju­gend­seel­sor­ge. Die Ju­gend­li­chen ha­ben mir im­mer ge­ra­de­her­aus ge­sagt, wenn sie et­was stör­te. Das war mir ei­ne gro­ße Hil­fe. Ich will ei­nen Pfarr­ge­mein­de­rat, in dem of­fen ge­spro­chen wer­den kann. Sonst wä­re das doch schreck­lich! Wir wol­len schließ­lich mit­ein­an­der bes­ser wer­den.

Frau Steid­le, was stört Sie an Pfar­rer Ratz­in­ger?

Steid­le (lacht): Es stört mich ei­gent­lich nicht, es ist ei­ne char­man­te Ei­gen­schaft von ihm: Er kann sehr spon­tan sein. Wäh­rend ei­ner Ver­an­stal­tung kann er plötz­lich sa­gen: Sie über­neh­men bitte die Be­grü­ßung. Frü­her dach­te ich dann: O Gott! Was sag’ ich jetzt? In­zwi­schen macht mir das nicht mehr viel aus. Das hab’ ich von ihm ge­lernt.

Und was ha­ben Sie von Frau Steid­le ge­lernt, Herr Ratz­in­ger?

Ratz­in­ger: Da ich ja zö­li­batär le­be, bin ich auf Men­schen an­ge­wie­sen, die Er­fah­run­gen ma­chen, die ich nicht ma­che – Frau Steid­le et­wa mit ih­ren En­kel­kin­dern. Von ih­ren Er­fah­run­gen pro­fi­tie­re ich auch.

Der Pfarr­ge­mein­de­rat von St. Ni­ko­laus be­steht aus zwölf Mit­glie­dern, die nun wie­der- oder neu ge­wählt wer­den. Ha­ben Sie Nach­wuchs­sor­gen?

Steid­le: Wenn Mit­glie­der aus­schei­den, muss man sehr vie­le Leu­te fragen, bis man ei­ne Zu­sa­ge be­kommt. Al­le sind be­reit, mal mit­zu­hel­fen – beim Pfarr­fest, beim Le­on­har­di­ritt. Aber sie scheu­en sich da­vor, sich vier Jah­re lang als Pfarr­ge­mein­de­rats­mit­glied zu bin­den. Das ist ein gro­ßes Pro­blem. Da­mit sind wir al­ler­dings nicht al­lein: Auch un­se­re Ver­ei­ne tun sich im­mer schwe­rer, Men­schen zu fin­den, die sich für ei­ne ge­wis­se Zeit zu et­was ver­pflich­ten.

Wie viel Ih­rer Zeit be­an­sprucht Ihr Eh­ren­amt als Pfarr­ge­mein­de­rä­tin denn, Frau Steid­le?

Steid­le: Das kommt auf ei­nen sel­ber an. Auch dar­auf, in wel­chen Ar­beits­krei­sen man ist; ob man sich et­wa im lit­ur­gi­schen oder ka­ri­ta­ti­ven Be­reich en­ga­giert. Es gibt Wo­chen, in de­nen ich je­den Tag ak­tiv bin.

Ratz­in­ger: Fünf St­un­den die Wo­che wer­den es bei Ih­nen sein, oder? Steid­le: Bestimmt.

Ratz­in­ger: Aber Sie sind ja auch ei­ne be­son­de­re Frau!

Seit wann sind Sie über­haupt im Pfarr­ge­mein­de­rat, Frau Steid­le? Steid­le: Seit 20 Jah­ren. Und war­um?

Steid­le: Ja, war­um? Das hab’ ich mich selbst oft gefragt. Ganz ehr­lich? Es ist mir ein Her­zens­an­lie­gen. Ich ha­be mich durch die­se Tä­tig­keit wei­ter­ent­wi­ckelt, auch im Glau­ben. Vor 20 Jah­ren wä­re ich vor Auf­re­gung noch tot um­ge­fal­len, hät­te ich öf­fent­lich et­was sa­gen müs­sen.

Steid­le: Ein biss­chen ner­vös bin ich schon noch.

Was ist das nächs­te grö­ße­re Pro­jekt des Pfarr­ge­mein­de­rats? Steid­le: Soll ich das wirk­lich sa­gen? Bitte!

Steid­le: Wir star­ten jetzt mit den Vor­be­rei­tun­gen für den run­den Ge­burts­tag von Pfar­rer Ratz­in­ger. Ratz­in­ger: Ach! Wis­sen Sie, ich wer­de in die­sem Jahr 60. »Kom­men­tar In­ter­view: Da­ni­el Wir­sching Ri­ta Steid­le, 59, aus Groß­ait­in­gen ar­bei­tet als Se­kre­tä­rin. Sie ist Vor­sit zen­de des Pfarr­ge­mein­de­ra­tes von St. Ni ko­laus Groß­ait­in­gen. Hu­bert Ratz­in ger, der in Lin­dau ge­bo­ren wur­de, ist seit 2010 Pfar­rer der Pfar­rei­en­gemein schaft Groß­ait­in­gen.

Fo­to: Mar­cus Merk

Oh­ne den Pfarr­ge­mein­de­rat wä­re er „ein ar­mer Hund“, sagt Pfar­rer Hu­bert Ratz­in­ger aus Groß­ait­in­gen im Kreis Augs­burg. En ga­gier­te Lai­en wie Ri­ta Steid­le hel­fen ihm bei der Lei­tung der Ge­mein­den sei­ner Pfar­rei­en­gemein­schaft.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.