Pa­pa al­lein zu Haus

In den Mails aus der Kr­ab­bel­grup­pe wird Mar­tin Ga­bler mit „Lie­be Ma­ma“an­ge­re­det. Ob­wohl in Bay­ern in­zwi­schen gut 40 Pro­zent der Vä­ter in El­tern­zeit ge­hen. Mehr als je zu­vor. War­um es längst noch nicht selbst­ver­ständ­lich ist, dass sich Män­ner in Voll­zeit u

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Die Dritte Seite - VON CHRIS­TI­NA HELLER

Augs­burg In Bay­ern ist die Welt noch in Ord­nung. Da ist sie so, wie vie­le sie ger­ne hät­ten. Die Män­ner er­le­di­gen die Ar­beit. Und die Frau­en küm­mern sich um Kin­der und Er­zie­hung. So je­den­falls se­hen vie­le Nicht-Bay­ern die Men­schen im Frei­staat. Tra­di­ti­ons­be­wusst, kon­ser­va­tiv und – nicht ganz so nett for­mu­liert: rück­stän­dig. Auch die CSU be­dient sich die­ser Kli­schees. Sie hat ein zu­sätz­li­ches, baye­ri­sches Be­treu­ungs­geld für die Müt­ter ein­ge­führt, die ih­re Kin­der nicht in die Ki­ta ge­ben. Spä­ter dann be­kom­men die Frau­en, die sich um ih­ren Nach­wuchs ge­küm­mert ha­ben statt ar­bei­ten zu ge­hen, ei­ne zu­sätz­li­che Müt­ter­ren­te.

Aber gilt die­ses Kli­schee über­haupt noch? Oder ist Bay­ern längst mehr Lap­top als Le­der­ho­sen? Es gibt da ein paar Hin­wei­se, ein paar Fak­ten, dass auch in Bay­ern die Zeit ei­ne an­de­re ge­wor­den ist.

Es ist ein son­ni­ger Vor­mit­tag in der Alt­stadt von Augs­burg. Die Gas­sen lie­gen ru­hig da. Kein Au­to, kein Spa­zier­gän­ger ist zu se­hen. Im ers­ten Stock ei­nes Alt­baus lebt der Wan­del: die Fa­mi­lie Ga­bler. Mar­tin Ga­bler sitzt im Wohn­zim­mer am Ess­tisch und schmiert Frisch­kä­se auf ei­ne hal­be Sem­mel. Es ist kurz nach 10 Uhr. Höchs­te Zeit, dass der fast zwei­jäh­ri­ge Noah sein zwei­tes Früh­stück be­kommt. Noah sitzt im Hoch­stuhl, patscht mit sei­ner Hand auf den lee­ren Tel­ler vor sich und fi­xiert mit sei­nen blau­en Au­gen die Sem­mel­hälf­te. Ga­bler, 31, und sein Sohn sind ge­ra­de vom Spiel­platz zu­rück­ge­kehrt. Wenn das Wetter es zu­lässt, sind sie um die­se Zeit im­mer dort. Und im­mer ei­ne Aus­nah­me. Der Va­ter, der sich vor­mit­tags um sein Kind küm­mert, statt zu ar­bei­ten, ist ei­ne Sel­ten­heit. Oder?

Zu­min­dest den Zah­len nach nicht. Denn in Bay­ern neh­men pro­zen­tu­al so vie­le Vä­ter El­tern­zeit wie in fast kei­nem an­de­ren Bun­des­land. Die ak­tu­ells­ten Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes be­zie­hen sich auf Vä­ter, de­ren Kin­der 2014 ge­bo­ren wur­den. Und die zwi­schen 2014 und 2016 in El­tern­zeit wa­ren. Un­ter ih­nen lag die Quo­te im Frei­staat bei

41,7 Pro­zent. Seit 2008 lie­fert sich Bay­ern ein Du­ell mit Sach­sen, das

2014 den ers­ten Platz be­leg­te. Zum Ver­gleich: Deutsch­land­weit war nur je­der drit­te Va­ter in El­tern­zeit. Ob­wohl es gut 82 Pro­zent der Be­völ­ke­rung gut­hei­ßen, dass sich Vä­ter um die Kin­der­be­treu­ung küm­mern. Das hat das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um für sei­nen Vä­ter­re­port her­aus­ge­fun­den.

Aus­ge­rech­net im tra­di­tio­nel­len Bay­ern al­so scheint sich das Bild ei­ner gleich­be­rech­tig­ten Part­ner­schaft, in der sich Ma­mas und Pa­pas die Kin­der­er­zie­hung und das Geld­ver­die­nen tei­len, ge­lebt zu wer­den. Denn es gibt noch ei­ne an­de­re Zahl: Im Frei­staat ist auch der An­teil der Frau­en, die ar­bei­ten, hö­her als in an­de­ren Bun­des­län­dern. Wie passt das zu­sam­men?

Zu­rück im Wohn­zim­mer. Noah hat die Frisch­kä­se-Sem­mel schon fast ver­tilgt und ver­sucht nun, mit dem Mes­ser sei­nes Pa­pas zu spie­len. Was den gar nicht freut. Er nimmt ihm das Mes­ser ab und gibt ihm ei­nen Schlüs­sel­bund. Wie fühlt man sich als Bay­er und Voll­zeit-Va­ter? Wo­bei Ga­bler in Teil­zeit noch ar­bei­tet. Bei der Deut­schen Bahn, die flexi­b­le Ar­beits­zeit­mo­del­le an­bie­tet. Ga­bler hat noch nie dar­über nach­ge­dacht, ob er ein Kli­schee bricht. Denn für ihn war von An­fang an klar, dass er sich um sei­nen Sohn küm­mern will, wenn der auf der Welt ist. Schon vor Noah ha­ben sich Ga­bler und sei­ne Frau Lo­re­na die Haus­ar­beit ge­teilt.

War­um soll­te sich das durch ein Kind än­dern? Ei­ne Ein­stel­lung, die die meis­ten jun­gen Paa­re in Deutsch­land ha­ben. Wirk­lich um­set­zen tun das aber die we­nigs­ten. So wün­schen sich dem Vä­ter­re­port zu­fol­ge fast zwei Drit­tel der Vä­ter mit un­ter drei­jäh­ri­gen Kin­dern, dass sich bei­de Part­ner gleich­mä­ßig in Be­ruf und Fa­mi­lie ein­brin­gen. Aber nur 14 Pro­zent der Paa­re ver­wirk­li­chen das. Das heißt: Im Nor­mal­fall geht der Va­ter wei­ter­hin in Voll­zeit ar­bei­ten und die Mut­ter küm­mert sich um die Kin­der­er­zie­hung und den Haus­halt.

So­bald die Kin­der drei Jah­re alt sind, ar­bei­ten Müt­ter meist als Zu- ver­die­ner, stellt Jo­han­na Pos­sin­ger in ei­ner Ana­ly­se zur Rol­le von Vä­tern für das Deut­sche Ju­gend­in­sti­tut fest. Die Pro­fes­so­rin be­schäf­tigt sich mit Ge­schlech­ter­fra­gen und Rol­len­ver­tei­lung.

Die Ga­blers sind al­so eher Aus­nah­me als Re­gel­fall. Als die bei­den er­fuh­ren, dass sie ein Kind be­kom­men, steck­te Lo­re­na mit­ten im Staats­ex­amen. Sie wird Leh­re­rin. Und es war klar: Wenn das neue Schul­jahr be­ginnt, fängt ihr Re­fe­ren­da­ri­at an. Al­so nahm Ga­bler ab dem Ge­burts­tag sei­nes Sohns El­tern­zeit – bis heu­te. Auch das ist eher ei­ne Aus­nah­me, sagt Fran­zis­ka Zim­mert. Sie küm­mert sich beim In­sti­tut für Ar­beits- und Be­rufs­for­schung in Nürn­berg um das The­ma El­tern­geld. In Bay­ern, sagt sie, ge­hen zwar vie­le Män­ner in El­tern­zeit. Aber nur für zwei Mo­na­te. Als der Bund 2007 das El­tern­geld ein­führ­te, leg­te er es so an, dass bei­de El­tern ei­ne ge­wis­se Zeit lang im Job pau­sie­ren müs­sen, um die Leis­tung vol­le 14 Mo­na­te lang zu be­kom­men. In­ner­halb die­ser Zeit müs­sen Mut­ter und Va­ter je­weils min­des­tens zwei und höchs­tens zwölf Mo­na­te nicht ar­bei­ten. Wie die Part­ner sich das auf­tei­len, ist ih­nen über­las­sen.

In der Pra­xis sieht das so aus: Meist neh­men die Müt­ter ein Jahr lang ei­ne Aus­zeit. Die Vä­ter für zwei Mo­na­te – und die­se dann oft gleich­zei­tig mit den Müt­tern. „Fast 85 Pro­zent der baye­ri­schen Vä­ter ge­hen zwei Mo­na­te in El­tern­zeit“, sagt Zim­mert. Nur knapp un­ter drei Pro­zent der Vä­ter küm­mern sich – wie Ga­bler – ein Jahr oder län­ger um ihr Kind. Das hat Fol­gen, hat So­zio­lo­gie-Pro­fes­so­rin Pos­sin­ger her­aus­ge­fun­den: Denn die Rol­len­ver­tei­lung in der Fa­mi­lie bleibt die al­te. Frau­en ar­bei­ten im Haus­halt, Män­ner ver­die­nen das Geld – ob­wohl das bei­de Part­ner un­zu­frie­den macht.

Na­tür­lich ste­hen hin­ter die­ser Ent­schei­dung oft fi­nan­zi­el­le Grün­de. Wie hoch das El­tern­geld aus­fällt, wird auf der Grund­la­ge des Net­toEin­kom­mens vor der Ge­burt des Kin­des be­rech­net. Es be­trägt min­des­tens 300 und höchs­tens 1800 Eu­ro im Mo­nat. Meist wird je­doch nicht das vol­le Ein­kom­men er­setzt. Des­halb kön­nen es sich vie­le Fa­mi­li­en schlicht nicht leis­ten, dass der Haupt­ver­die­ner – und das sind im­mer noch mehr­heit­lich die Män­ner – über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum we­ni­ger ver­dient. Die Er­war­tung, ih­re Fa­mi­lie al­lei­ne er­näh­ren zu müs­sen, setzt Vä­ter laut Pos­sin­ger un­ter Druck. Sie ver­brin­gen meist so­gar mehr Zeit in der Ar­beit als ih­re männ­li­chen Kol­le­gen oh­ne Kin­der.

Die Ga­blers ha­ben ei­nen an­de­ren Plan: „Lo­re­na soll ihr Re­fe­ren­da­ri­at so gut wie mög­lich ma­chen. Da­für schaf­fe ich ihr den Frei­raum“, sagt ihr Mann. „Wenn sie ir­gend­wann Be­am­tin wird, ist sie die Haupt­ver­die­ne­rin in der Fa­mi­lie.“Mar­tin Ga­bler hat da­mit kein Pro­blem. Und merkt gleich­zei­tig, dass die Ge­sell­schaft mehr­heit­lich von ei­ner an­de­ren Rol­len­ver­tei­lung aus­geht. Kürz­lich war der 31-Jäh­ri­ge mit ei­ner Freun­din in ei­nem Augs­bur­ger Ca­fé ver­ab­re­det. Er kam mit Noah im Bug­gy an, öff­ne­te die Tür und blick­te auf ein Schild mit der Auf­schrift: „Lie­be Ma­mas, lasst eu­re Kin­der­wa­gen bit­te drau­ßen ste­hen. Dan­ke!“Ei­ne Auf­for­de­rung, die der Be­sit­zer ver­mut­lich oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken auf­ge­hängt hat.

Si­tua­tio­nen wie die­se gibt es vie­le: Mal lau­tet die An­re­de ei­ner E-Mail der Kr­ab­bel­grup­pe „Lie­be Ma­mas“– ob­wohl der Va­ter re­gel­mä­ßig mit Noah dort­hin geht. Mal will er zu­sam­men mit Noahs Oma ei­nen Kin­der­sitz kau­fen und die Ver­käu­fe­rin spricht aus­schließ­lich mit der Oma – ob­wohl Ga­bler die Fra­gen stellt. Und mal gibt ihm die Hel­fe­rin beim Kin­der­arzt Tipps, was er mit sei­nem Bu­ben in der War­te­zeit ma­chen soll. Es sind Klei­nig­kei­ten, die ihn nicht är­gern, sich aber ein­prä­gen. Sie spie­geln wi­der: Pa­pas, die sich um ih­re Kin­der küm­mern, sind nicht das, was er­war­tet wird. Auch Ga­bler selbst sagt: „Ich war, ehr­lich ge­sagt, da­von über­rascht, dass in Bay­ern so vie­le Vä­ter in El­tern­zeit ge­hen.“Im All­tag nimmt er sie sel­ten wahr. „Noah und ich ge­hen öf­ter in den

Noah ist mit dem Pa­pa je­den Tag auf dem Spiel­platz

Wol­len es die Frau­en vi­el­leicht gar nicht an­ders?

Zoo. Und mir fällt in der gan­zen Zeit ein an­de­rer Va­ter ein, dem ich dort be­geg­net bin“, er­in­nert er sich.

Wor­an liegt das al­so, dass Vä­ter zwar ger­ne, aber nur kurz El­tern­zeit neh­men? Dass Frau im­mer noch für Er­zie­hung und Haus­halt zu­stän­dig sind? Das Geld ist die ei­ne Er­klä­rung. Die an­de­re lau­tet: Die Müt­ter wol­len es so. „Frau­en se­hen die Sor­ge­ar­beit als ihr Re­vier an und wa­chen über die Be­tei­li­gung des Va­ters, den sie oft nur als Mit­hel­fer ak­zep­tie­ren“, lau­tet Pos­sin­gers Ur­teil. Sich um Kin­der zu küm­mern, zu put­zen und Wä­sche zu wa­schen – das al­les wird in der Ge­sell­schaft als weib­li­che Fä­hig­keit be­trach­tet. Und die­se Vor­stel­lung ist fest in den Köp­fen ver­an­kert.

Und so fin­det der Rol­len­wan­del in Bay­ern auch eher in der Stadt statt als auf dem Land. Die Zah­len zei­gen: Vä­ter, die in der Stadt woh­nen, nut­zen län­ger oder über­haupt die El­tern­zeit. Am höchs­ten sind die Quo­ten in mit­tel­gro­ßen Uni­ver­si­täts­städ­ten wie Würz­burg oder Er­lan­gen. „Von die­sen Städ­ten ha­ben wir in Bay­ern re­la­tiv vie­le“, sagt die IAB-For­sche­rin Zim­mert. „Das lässt den bay­ern­wei­ten Schnitt an­stei­gen.“

Die­se Vä­ter ha­ben das Po­ten­zi­al, Vor­rei­ter zu sein, wie an­de­re Da­ten aus dem Vä­ter­re­port zei­gen. Denn Män­ner, die in El­tern­zeit wa­ren, sind durch­schnitt­lich zu­frie­de­ner – und auch ih­re Part­ne­rin­nen sind es. Sie ver­brin­gen au­ßer­dem, selbst wenn sie wie­der ar­bei­ten, mehr Zeit mit ih­ren Kin­dern.

Fo­to: Ul­rich Wa­gner

Mar­tin Ga­bler mit sei­nem Sohn Noah: Der 31 Jäh­ri­ge hat El­tern­zeit ge­nom­men, wäh­rend sei­ne Frau ih­re Aus­bil­dung zur Leh­re­rin ab­schließt. Da­mit ist er in gu­ter Ge­sell­schaft: Denn mehr als 40 Pro­zent al­ler baye­ri­schen Män­ner küm­mern sich in­zwi­schen für meh­re­re Mo­na­te um ih­ren Nach­wuchs.

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