PLA­NET ERDE 2

EI­NE ERDE, VIE­LE WEL­TEN

Blu-ray Magazin - - Vorderseite - 79

Wenn ein er­folg­rei­ches Pro­jekt vie­le Jah­re spä­ter wie­der auf­ge­nom­men wird, lei­det dar­un­ter oft die Qua­li­tät. Ganz an­ders sieht das bei „Pla­net Erde II“aus: Hier be­gibt man sich mit neu­es­ter Ka­me­ra­tech­nik auf Au­gen­hö­he mit den Tie­ren und er­schafft auch ein zwei­tes Mal Ma­gie.

Et­wa ein Jahr­zehnt ist es her, seit die BBC-Se­rie „Pla­net Erde“mit ih­rer um­fas­sen­den Darstel­lung un­se­res Pla­ne­ten be­geis­tert hat. Da­vid Fo­ther­gills welt­weit er­folg­rei­che Se­rie er­laub­te sei­nem Pu­bli­kum da­mals, 2006, ei­nen Blick auf die Viel­falt und ge­wal­ti­ge Schön­heit der Erde. In elf Fol­gen ge­währ­te er Ein­bli­cke in die Na­tur un­ter­schied­lichs­ter Um­ge­bun­gen, von Berg­wel­ten, Was­ser­wel­ten, Höh­len, Wäl­dern bis hin zur Tief­see. Zehn Jah­re spä­ter pro­du­zier­te BBC Earth ei­ne zwei­te Staf­fel: „Pla­net Erde II“. Ist das denn nö­tig, nach ei­nem so um­fang­rei­chen Erst­ling? Ab­so­lut ja. Seit 2006 ist näm­lich viel pas­siert, ins­be­son­de­re im Be­reich der Tech­nik. Die neu­en sechs Fol­gen ver­spre­chen fan­tas­ti­sche Bil­der und nie da ge­we­se­ne Ein­bli­cke in un­se­re Na­tur. Man kann gleich zu Be­ginn sa­gen, dass die­se Ver­spre­chen ein­ge­hal­ten und teils so­gar über­trof­fen wer­den.

Al­te und neue Wel­ten

Wie schon in der Ori­gi­nal­se­rie ent­führt uns „Pla­net Erde II“in die Ber­ge, den Dschun­gel, in Wüs­ten und Gras­land­schaf­ten, aber auch auf ent­le­ge­ne In­seln und zu­letzt in un­se­re ei­ge­ne ur­ba­ne Welt, die Städ­te. Die Epi­so­de „In­seln“zeigt uns

ver­schie­dens­te Tie­re, die gera­de durch die Iso­la­ti­on auf der In­sel über­le­ben. Vom Faul­tier, dass schwim­mend in Pa­na­ma dem ver­füh­re­ri­schen Lock­ruf ei­nes Weib­chens folgt und da­bei fast so et­was wie Tem­po vor­legt, bis zu den Le­mu­ren Ma­da­gas­kars, die sich ra­sant von Ast zu Ast schwin­gen oder den dra­chen­haf­ten Ko­mo­do­wa­ra­nen auf Ko­mo­do & Rin­ca in In­do­ne­si­en, die ge­walt­sam um ein Weib­chen buh­len wird der Zu­schau­er auf ei­ne fas­zi­nie­ren­de Rei­se mit­ge­nom­men. Da­bei gibt es so viel zu se­hen, dass man gar nicht weiß, wer der ei­gent­li­che Star ist: Sind es die Tie­re an sich, ih­re mit der Ka­me­ra ein­ge­fan­ge­nen Ver­hal­tens­wei­sen oder viel­leicht doch die groß­ar­ti­ge, bis ins kleins­te De­tail im Bild fest­ge­hal­te­ne Land­schaft? Zu­sam­men er­ge­ben die Kom­po­nen­ten ein im­po­san­tes Ge­samt­bild, das für St­un­den um St­un­den zu be­geis­tern und zu fas­zi­nie­ren weiß. Das kann schon mal zu ei­ner kur­zen ko­gni­ti­ven Dis­so­nanz füh­ren: Wenn die Ka­me­ra den Kehl­streif­pin­gui­nen auf der Za­vo­dov­ski Is­land in der Ant­ark­tis folgt, wie sie sich to­des­mu­tig zur Fut­ter­be­schaf­fung in die Wel­len wer­fen und da­bei auch ge­gen Fels­wän­de tref­fen, dann weiß man ei­nen Mo­ment lang nicht, ob man be­trof­fen über das har­te Los der Fe­der­tie­re sein soll oder be­geis­tert da­von, wie je­der Was­ser­trop­fen per­fekt dar­ge­stellt wird.

Atem­be­rau­bend und tie­risch lus­tig

Man sitzt auf­recht im Ses­sel wäh­rend klei­ne St­ein­bö­cke die denk­bar steils­ten Fels­wän­de auf der Ara­bi­schen Halb­in­sel in Is­ra­el er­klim­men auf der Flucht vor ei­nem Fuchs, wenn zwei St­ein­ad­ler in den Fran­zö­si­schen Al­pen um ih­re Nah­rung kämp­fen oder ei­ne Schnee­leo­par­din zwi­schen zwei wü­ten­de Männ­chen ge­rät. Es gibt aber auch Mo­men­te des In­ne­hal­tens, wie wenn sich ei­ne chi­le­ni­sche Ha­sen­maus mit ge­ra­de­zu me­di­ta­ti­vem und zu­frie­de­nem Ge­sichts­aus­druck die Son­ne auf den Kopf schei­nen lässt, wenn uns die selt­sa­men Ge­bil­de von St­ein­wüs­ten prä­sen­tiert wer­den oder wenn wir lang­sam se­hen wie sich die Jah­res­zei­ten än­dern und Pflan­zen auf­blü­hen. Manch­mal wird es re­gel­recht wit­zig, ganz be­son­ders wenn die Grizz­ly­bä­ren Ka­na­das sich aus­gie­big, lei­den­schaft­lich und ge­nüss­lich die Rü­cken an Bäu­men krat­zen. Oder wer hät­te ge­dacht, dass in den ur­ba­nen Lau­ben­vö­geln Aus­tra­li­ens klei­ne In­nen­ar­chi­tek­ten mit Herz ste­cken?

Kna­cki­ge Bil­der, strah­len­de Far­ben

Wenn man sich über das bril­lan­te Grün im Ge­fie­der des Sch­wert­schna­bel­ko­li­bris in Ecua­dor freut, dann ist das nicht nur, weil die klei­nen Vö­gel wun­der­schön an­zu­se­hen sind, son­dern auch weil die Farb­dar­stel­lung al­les ist, was man sich von ei­ner „BBC Earth“-Pro­duk­ti­on er­hofft, und mehr. Ei­ner der Be­weg­grün­de, die „Pla­net Erde“-Rei­he fort­zu­füh­ren, war, dass nicht nur die Welt selbst und un­ser Na­tur­ver­ständ­nis sich ver­än­dert ha­ben, son­dern dass die mo­der­ne Film­tech­nik den Ka­me­ra­leu­ten bis­lang un­ge­ahn­te Mög­lich­kei­ten bie­tet. Wenn sich ein Lö­we im Re­gen das Fell schüt­telt, sieht man die Trop­fen fi­li­gran flie­gen. Man sieht Schnee­kris­tal­le fun­keln und be­wun­dert die fei­nen De­tails im Fell der ge­zeig­ten Tie­re. Da­zu kom­men be­ein­dru­cken­de Auf­nah­men, die die Per­spek­ti­ve ei­nes Ad­lers nach­ah­men. Mög­lich wird der De­tail­reich­tum durch das 4K-Ul­tra-HD-For­mat, in dem ge­filmt wur­de. Ent­spre­chend er­scheint ne­ben der DVD und der Blu-ray dann im April noch ei­ne 4K Ul­tra HD-Blu­ray-Fas­sung. Das For­mat ist na­tür­lich nicht die ein­zi­ge tech­ni­sche Neue­rung. Mitt­ler­wei­le hat die trag­ba­re Sta­bi­li­sa­ti­ons­tech­nik näm­lich ei­ni­ges an Ge­wicht ver­lo­ren, so dass sie so­wohl von den Ka­me­ra­leu­ten selbst als auch von Droh­nen um ein viel­fa­ches leich­ter trans­por­tiert wer­den kann. Die Mög­lich­keit, über­haupt Droh­nen nut­zen zu kön­nen, kommt eben­falls als tech­ni­scher Fort­schritt hin­zu und ver­än­dert den Be­reich der Luft­fo­to­gra­fie nach­hal­tig: Ei­ne Droh­ne kann so­wohl Hö­hen­la­gen er­schlie­ßen als auch ganz nah an die Tie­re her­an­kom­men und so­gar ih­rer Be­we­gung dy­na­misch aus der Ver­fol­ger­per­spek­ti­ve fol­gen. Mi­nia­tur-Auf­hän­ge­sys­te­me er­lau­ben es dem Team, mit ih­ren Ka­me­ras kleins­te Le­be­we­sen aus der Nä­he zu fil­men. Auch die Fern­aus­lö­ser-Ka­me­ras ha­ben ei­ne Ent­wick­lung durch­ge­macht, und kön­nen nun Bil­der in ho­her Auf­lö­sung bie­ten. In der letz­ten Fol­ge, „Städ­te“, kom­men auch ganz be­son­ders die Sze­nen zur Gel­tung, die mit 4K-Schwach­licht-Ka­me­ras ge­dreht wur­den, in­klu­si­ve Re­spekt ein­flö­ßen­der Leo­par­den. Der Sound ist durch­weg ge­lun­gen, al­ler­dings kom­men Fak­to­ren wie Raum­klang nur be­dingt zur Gel­tung, da meist die sehr un­ter­halt­sa­me Er­zäh­ler­stim­me von Chris­ti­an Schult (im Ori­gi­nal ist es Sir Da­vid At­ten­bo­rough höchst­selbst) und die ge­lun­ge­ne Mu­sik von Hans Zim­mer, Ja­sha Kle­be und Ja­cob Shea die Ge­räu­sche der Tie­re und Um­ge­bung et­was über­la­gern.

Ir­gend­was ist im­mer

So viel Tech­nik schützt na­tür­lich vor Plei­ten, Pech und Pan­nen nicht. Als schö­ner Bo­nus folgt je­der Fol­ge ein klei­nes Ma­king-of, in dem der Zu­schau­er be­zeu­gen darf, wie vie­le der schwie­rigs­ten Auf­nah­men ge­dreht wur­den, und mit wel­chen Her­aus­for­de­run­gen die Ka­me­ra­teams zu kämp­fen hat­ten. Ob ei­ne Droh­ne im Sturm er­trinkt, oder ein Bär das drin­gen­de Be­dürf­nis ent­wi­ckelt, ei­ne Ka­me­ra zu ver­prü­geln, das al­les ist All­tag für

die Na­tur­film-Pro­fis. Und wenn der Ele­fant das Equip­ment ein­fach mal platt drückt, dann ge­hört eben auch das mit da­zu. Aber es wer­den auch The­men an­ge­spro­chen, an die man vor dem Bild­schirm gar nicht denkt, un­ter an­de­rem dass ei­ne In­sel vol­ler Pin­gui­ne ei­nen Ei­gen­ge­ruch ent­wi­ckelt. Das soll­te die Idee „Ge­ruchs­fern­se­hen“wie­der recht schnell und sehr be­rech­tigt ster­ben las­sen. Au­ßer­dem gibt das den Teams die Mög­lich­keit, ih­re schö­nen und be­rüh­ren­den Mo­men­te zu tei­len, be­son­ders im Nah­kon­takt mit Tie­ren in der Stadt. So man­ches von dem, was sie auf die Lein­wand ban­nen, wur­de so vor­her noch gar nicht ge­zeigt.

So man­che ers­te Ma­le

Wenn auf den Ga­la­pa­gos-In­seln frisch ge­schlüpf­te Meer­ech­sen von ei­ner nicht gera­de klei­nen Hor­de Schlan­knat­tern ge­jagt wer­den, ist das nicht nur der Bild ge­wor­de­ne Alb­taum ei­nes je­den Schlan­gen­pho­bi­kers, son­dern vor al­lem ei­ne Pre­mie­re: Die­se Auf­nah­men sind erst­mals ge­film­te Er­eig­nis­se. Das glei­che gilt den Kehl­streif­pin­gui­nen auf Za­vo­dov­ski Is­land. Dank des wo­chen­lan­gen Ein­sat­zes der Cr­ew gibt es auch ei­ne sel­te­ne Ge­le­gen­heit, den Ara­guia-Del­fin auf dem hei­mi­schen Bild­schirm zu be­trach­ten. Die Del­finart wur­de erst 2014 im Ama­zo­nas ent­deckt. Was man von „Pla­net Erde II“na­tür­lich nicht er­war­ten darf, sind sehr um­fang­rei­che In­for­ma­tio­nen über die ein­zel­nen Tier­ar­ten und Ge­gen­den. Da­für wird in den sechs Fol­gen ein­fach zu viel be­han­delt. Die Se­rie ist eher ein ex­trem äs­the­ti­scher, aber den­noch durch­aus in­for­ma­ti­ver Rund­um­schlag, der zeigt was un­se­re schö­ne Welt so zu bie­ten hat.

Der Zei­ge­fin­ger der von Mi­ke Gun­ton und Tom Hugh-Jo­nes pro­du­zier­ten Fort­set­zung ist da­bei nur mä­ßig er­ho­ben. Trotz­dem möch­ten sie ei­nen kri­ti­schen Blick auf un­se­ren Um­gang mit der Na­tur wer­fen. Das ist ab­so­lut ge­lun­gen. Zu den be­reits er­wähn­ten 10mi­nü­ti­gen Ma­king-ofs kommt noch ein at­trak­tiv ge­stal­te­tes Book­let. Die Blu-ray Fas­sung mit den Epi­so­den in Ori­gi­nal­län­ge er­scheint im hüb­schen Di­gi-Pack mit Papp-Schu­ber.

Oben: Far­ben und Schär­fe sind enorm. Un­ten: Auch Faul­tie­re kön­nen schwim­men

Sooo ei­ne klei­ne Maus … und dann sooo ein rie­si­ges Ob­jek­tiv …

Dank hoch­mo­der­ner Droh­nen er­hält der Zu­schau­er un­ge­ahn­te Ein­bli­cke in die Vo­gel­welt

Von der Heu­schre­cke bis zum Ele­fan­ten: Die Ka­me­ra­män­ner film­ten Er­staun­li­ches

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