Die In­sel der be­son­de­ren Kin­der

Fan­ta­sy

Blu-ray Magazin - - Editorial 3/2017 - MI­RI­AM HEINBUCH

Wenn man an­ders­ar­tig, selt­sam und un­ge­wöhn­lich se­hen woll­te, war Tim Bur­ton seit je­her ei­ne si­che­re An­lauf­stel­le. Mit Fil­men wie „Ed­ward mit den Sche­ren­hän­den“, „Beet­le­juice“, „Night­ma­re Be­fo­re Christ­mas“, „Slee­py Hol­low“und „Corp­se Bri­de“si­cher­te er sich den in­of­fi­zi­el­len Pos­ten als Groß­meis­ter der gru­se­li­gen Nied­lich­keit. Mit sei­nen de­tail­rei­chen und lie­be­voll ma­ka­ber in­sze­nier­ten Fi­gu­ren mach­te er An­ders­ar­tig­keit er­stre­bens­wert, und gab den düs­ter ver­an­lag­ten un­ter uns genau die Äs­t­he­tik, in der wir uns Zu­hau­se fühl­ten. Kurz: Bur­ton war der Fil­me­ma­cher für die Selt­sa­men und Be­son­de­ren. Seit ei­ner Wei­le füh­len sich sei­ne Fil­me aber nicht mehr ganz so schau­rig-schön an wie frü­her.

Die Ver­gan­gen­heit ist jetzt

Der Te­enager Ja­ke (Asa But­ter­field) hat Zeit sei­nes Le­bens das Ge­fühl, nicht in sei­ne Welt, das mo­der­ne Flo­ri­da, zu pas­sen. Das kann an den Ge­schich­ten lie­gen, die ihm sein Groß­va­ter frü­her er­zählt hat und an die er so lan­ge glaub­te. Es sind Ge­schich­ten von ei­nem Kin­der­heim in Wa­les, in dem ei­ne Miss Pe­re­gri­ne (Eva Gre­en) Pfei­fe rau­chend über ganz be­son­de­re Kin­der wacht. Em­ma (El­la Pur­nell) ist bei­spiels­wei­se leich­ter als Luft, muss da­her Blei­schu­he tra­gen und sieht dank ih­rer rie­si­gen Au­gen fast aus wie ei­nes der Bil­der aus „Big Eyes“(eben­falls von Bur­ton). Oli­ve (Lau­ren McCros­tie) muss Hand­schu­he tra­gen, um nicht mit ih­ren Hän­den al­les in Flam­men auf­ge­hen zu las­sen, und Mil­lard (Ca­me­ron King) ist so­gar un­sicht­bar. So setzt sich die Lis­te der be­son­de­ren Kin­der fort, mit de­nen Groß­va­ter Abe (Te­rence Stamp) bis 1943 sei­ne Ju­gend ver­brach­te. Als Abe plötz­lich auf mys­te­riö­se Art zu To­de kommt und ihm da­bei so­gar sei­ne Au­gen ge­raubt wer­den, möch­te Ja­ke die In­sel se­hen, um mit dem Tod sei­nes Groß­va­ters ab­zu­schlie­ßen. Erst ist er ent­täuscht, als sich zeigt, dass das Heim in Rui­nen liegt, weil es 1943 von ei­ner Bom­be ge­trof­fen wur­de. Al­ler­dings kommt al­les ganz an­ders: Die Ge­schich­ten des al­ten Man­nes sind wahr. In ei­ner von Miss Pe­re­gri­ne er­stell­ten Zeit­schlei­fe sind die Kin­der am Le­ben, und er­le­ben im­mer wie­der den 3. Sep­tem­ber 1943, den

Tag an dem die Bom­be fiel.

Schön son­der­ba­re Be­set­zung

Be­son­ders Eva Gre­en be­stimmt den Ton des Films. Als je­mand, der so­wohl in „Der gol­de­ne Kom­pass“, „Fran­k­lyn“und „Pen­ny Dread­ful“schon auf düs­te­re Art das je­weils Fan­tas­ti­sche, Mor­bi­de und Gru­se­li­ge ver­kör­pert hat, ist sie ei­ner der Cha­rak­ter­köp­fe in „Die In­sel der be­son­de­ren Kin­der“. Auch Haupt­dar­stel­ler Asa But­ter­field und El­la Pur­nell als (nur buch­stäb­lich) leich­tes Mäd­chen Em­ma sind wirk­lich gut be­setzt. Den Bö­se­wicht Bar­ron spielt Sa­mu­el L. Jack­son. Die jün­ge­ren Kin­der sind auf manch­mal schau­ri­ge Art rich­tig süß. Viel­leicht ist es gera­de des­halb so scha­de, dass man so we­nig über sie er­fährt. Im Ori­gi­nal heißt der Film, ba­sie­rend auf dem gleich­na­mi­gen Ju­gend­ro­man von Ran­som Riggs, „Miss Pe­re­gri­ne’s Ho­me For Pe­cu­li­ar Child­ren“. Das Wort „pe­cu­li­ar“be­deu­tet nicht nur be­son­ders, son­dern auch selt­sam, auf­fäl­lig und son­der­lich. Gera­de weil sie als son­der­lich auf­ge­fasst wer­den, ver­ste­cken Frau­en wie Miss Pe­re­gri­ne sie in Zeit­schlei­fen, da­mit sie dort in Si­cher­heit vor Ver­fol­gun­gen sind. Bei­na­he je­des der Kin­der ist so ober­fläch­lich ge­zeich­net, dass man au­ßer den Be­son­der­hei­ten kaum et­was über ih­re Hin­ter­grün­de und ih­re Per­sön­lich­kei­ten er­fährt. Da­durch wer­den die Kin­der, die ei­gent­lich we­gen ih­rer Ei­gen­schaf­ten zu Au­ßen­sei­tern ge­wor­den sind, genau hier­auf re­du­ziert: Sie sind son­der­bar. Zu­dem wirkt der Film durch die kom­pak­te Hand­lung et­was voll ge­stopft.

Vi­su­ell folgt Tim Bur­ton sei­nem Er­folgs­re­zept: Er er­schafft ei­ne an­de­re, schau­rig-schö­ne Welt, die toll aus­sieht und auch mit ei­nem ge­lun­ge­nen Mu­sik-Sco­re ver­se­hen ist. Be­son­ders die Sze­nen, in de­nen Em­ma ih­re Fä­hig­kei­ten zeigt, sind op­tisch und mu­si­ka­lisch ganz zau­ber­haft. Dass zu den Ef­fek­ten ein na­he­zu fo­to­gra­fi­scher Rea­lis­mus kommt, der auch die klei­nen „Ma­kel“der Darstel­ler zeigt, sorgt da­für, dass al­les ins­ge­samt an­ge­nehm sur­re­al wirkt. Sound­tech­nisch muss der Raum­klang po­si­tiv an­ge­merkt wer­den. Wenn die Hol­lows durch die Ge­gend zie­hen, hat man wirk­lich das Ge­fühl, sie von übe­r­all zu hö­ren. Wer das al­les voll aus­kos­ten will, kann sich die 2-Disc-Edi­ti­on mit Blu-ray und 3D Blu-ray (mit be­ein­dru­ckend gu­ter 3D-Kon­ver­tie­rung) oder die UHD-Va­ri­an­te ho­len. Und wie steht es um Tim Bur­ton? Ist das freund­li­che Gru­seln wie frü­her? Nur fast. Das düs­te­re Herz schlägt noch, aber an­schei­nend nicht mehr ganz am al­ten, schwar­zen Fleck.

Scha­de, dass die be­son­de­ren Kin­der cha­rak­ter­lich nicht nä­her vor­ge­stellt wer­den. Doch vor wel­chen Ge­fah­ren ver­ste­cken sie sich ei­gent­lich in ih­rem Exil bzw. Re­fu­gi­um? Ja­ke (Asa But­ter­field) ge­langt in Pe­re­gri­nes (Eva Gre­en) Zeit­schlei­fe, und schon bald er­fährt er von der dro­hen­den Ge­fahr durch die Hol­lows, un­sicht­ba­re We­sen die die Au­gen von be­son­de­ren Kin­dern fres­sen

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