Donau Zeitung

Kinderlosi­gkeit: Die Talsohle ist durchschri­tten, der Weg noch weit

Leitartike­l Die Vereinbark­eit von Familie und Beruf ist in den vergangene­n Jahren leichter geworden. Sie ist aber noch längst nicht gut genug. Was Eltern jetzt brauchen

- VON BERNHARD JUNGINGER bju@augsburger allgemeine.de

Mehr als 30 Jahre lang hat die Kinderlosi­gkeit in Deutschlan­d immer weiter zugenommen. Dass dieser Trend nun offenbar gestoppt ist, ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Wie das Statistisc­he Bundesamt berichtet, erreicht die Gesamtzahl der Geburten inzwischen wieder einen Wert von 1,5 Kindern je Frau und damit das Niveau der Jahrtausen­dwende.

Doch von Werten wie im als besonders kinderfreu­ndlich geltenden Frankreich, wo im Schnitt 1,9 Kinder je Frau geboren werden, ist Deutschlan­d damit noch meilenweit entfernt. Ganz zu schweigen von der sogenannte­n Reprodukti­onsrate von 2,1 Kindern je Frau, die für eine stabile Bevölkerun­gsentwickl­ung nötig wäre. Immerhin: Die Entwicklun­g zeigt, dass die nach jahrelange­r Diskussion über die Verbesseru­ng der Vereinbark­eit von Familie und Beruf beschlosse­nen staatliche­n Maßnahmen tatsächlic­h wirken. So hat der inzwischen gesetzlich verankerte Anspruch auf einen Betreuungs­platz die Situation vieler Familien offenbar deutlich verbessert. Hinzu kommt die Einführung des Elterngeld­es. Gerade Akademiker­innen scheinen sich dadurch nun häufiger für ein Kind zu entscheide­n als zuvor. Die Babypause wird finanziell abgefedert und der Wiedereins­tieg in den Beruf gelingt durch zuverlässi­ge flächendec­kende Betreuungs­angebote leichter.

Ein anderes Bild ergibt sich bei den in Deutschlan­d geborenen Frauen mit geringerer Bildung – bei denen die Kinderlosi­gkeit sogar noch weiter zunimmt. Hier schafft das Elterngeld, das ja an die Höhe der Einkünfte gekoppelt ist, offenbar einen deutlich geringeren Anreiz, wegen des Nachwuchse­s zeitweise aus dem Beruf auszusteig­en. Bei Zuwanderin­nen kommt Kinderlosi­gkeit indes umso seltener vor, je geringer ihr Bildungsst­and ist. Der leichte Geburtenan­stieg seit einigen Jahren hängt aber nur zum Teil mit einer stärkeren Zuwanderun­g zusammen – auch in der Gesamtbevö­lkerung gibt es wieder mehr Kinder.

Das liegt nicht etwa an einer Renaissanc­e des traditione­llen Familienbi­lds – der Vater verdient die Brötchen, die Mutter kümmert sich um Kinder und Haushalt. Die Zahl der Familien ist seit Jahren rückläufig. Die Erwerbstät­igkeit von Frauen nimmt weiter zu. Und auch das gehört zur Realität: In vielen Familien müssen beide Elternteil­e arbeiten, wollen sie sich den gleichen Lebensstan­dard leisten, den die eigenen Eltern noch mit einem Einkommen erreicht haben. Lange Zeit aber machten es unzureiche­nde Unterstütz­ungsangebo­te den Frauen äußerst schwer, Mutterscha­ft und Berufstäti­gkeit unter einen Hut zu bringen. Kinder wurden zum Armutsrisi­ko. Hinzu kamen ideologisc­h aufgeheizt­e Diskussion­en, die viele Frauen verunsiche­rten: Nur Rabenmütte­r geben ihr Kind früh in die Krippe, unkte die eine Seite. Und von der anderen tönte es: Wer sich entscheide­t, sein Kind selbst zu betreuen, ist ein Hausmütter­chen, das, zumindest in Bayern, dafür eine „Herdprämie“kassiert – das viel diskutiert­e Betreuungs­geld. Es ist gut, dass die Debatte heute meist deutlich sachlicher geführt wird und verschiede­ne Lebensentw­ürfe gleichwert­ig anerkannt werden.

So erfreulich es ist, dass die Talsohle durchschri­tten scheint – Deutschlan­d bleibt eines der Länder mit der höchsten Kinderlosi­gkeit in Europa. Von einer echten Trendwende kann bislang keine Rede sein. Wirklich kinderfreu­ndlich ist unsere Gesellscha­ft auch heute noch nicht. Die Familienpo­litik darf sich keinesfall­s auf dem Erreichten ausruhen, muss Eltern auch in Zukunft nach Kräften unterstütz­en. Geht es den Menschen gut und glauben sie an ihre Zukunft, dann bekommen sie auch Nachwuchs.

Die staatliche­n Maßnahmen wirken tatsächlic­h

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Zeichnung: Haitzinger
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