Donau Zeitung

Wird die zwei­te Wel­le schlim­mer als die ers­te?

Ei­ne Mil­li­on In­fek­tio­nen, so viel To­te wie noch nie an ei­nem Tag, Kli­ni­ken am Li­mit: Die Wucht der neu­en Aus­brei­tung des Co­ro­na­vi­rus über­rascht vie­le. Tat­säch­lich zeigt sich be­reits der Herbst be­droh­li­cher als das Früh­jahr

- VON MICHA­EL POHL New York Health · Coronavirus (COVID-19) · Berlin · Germany · Robert Koch Institute · Cottbus · FC Bayern Munich · Bavaria · Bavaria · Saxony · Bremen · Poland · Turkey · Kosovo · United States of America

Ber­lin Trotz Teil-Lock­down hat die zwei­te Co­ro­na-Wel­le Deutsch­land fest im Griff. Fast kein Tag ver­geht, oh­ne dass das Ro­bert-Koch-In­sti­tut nicht neue alar­mie­ren­de Nach­rich­ten ver­öf­fent­licht. Die Zahl der In­fek­tio­nen, To­des­fäl­le und be­leg­ten In­ten­siv­bet­ten steigt un­auf­hör­lich. Ein Über­blick zeigt, wie die zwei­te Wel­le be­reits vie­le Wer­te der ers­ten Pan­de­mie­pha­se über­trof­fen hat.

Wie ent­wi­ckelt sich die Zahl der In­fek­tio­nen?

Laut Ro­bert-Koch-In­sti­tut stieg die Ge­samt­zahl der Men­schen, die sich in Deutsch­land seit Be­ginn der Pan­de­mie nach­weis­lich mit dem Co­ro­na­vi­rus in­fi­ziert ha­ben, die­se Wo­che erst­mals über ei­ne Mil­li­on. Mehr als zwei Drit­tel da­von ha­ben sich im Herbst in der so­ge­nann­ten zwei­ten Co­ro­na-Wel­le an­ge­steckt. An­fang Ok­to­ber lag die Zahl der po­si­tiv ge­tes­te­ten Bun­des­bür­ger noch bei knapp 292000. Seit Be­ginn der Kon­takt­be­schrän­kun­gen mit dem Teil-Lock­down An­fang No­vem­ber ist die Zahl der täg­li­chen Neu­in­fek­tio­nen re­la­tiv kon­stant hoch. Am Frei­tag mel­de­ten die Ge­sund­heits­äm­ter dem Ro­bert-Koch-In­sti­tut 22806 neue Co­ro­na-In­fek­tio­nen bin­nen 24 St­un­den, vor ei­ner Wo­che wa­ren es 23648 – ein Höchst­stand. Die so­ge­nann­te 7-Ta­ge-In­zi­denz – al­so die Zahl der Neu­in­fek­tio­nen pro 100000 Ein­woh­ner und Wo­che – schwankt seit mehr als zwei Wo­chen um 140. Am Frei­tag lag sie bei 136.

Ster­ben mehr Men­schen an Co­ro­na?

Seit An­fang Ok­to­ber stieg die Zahl der To­des­fäl­le von 9500 auf über 15000. Das heißt, die zwei­te Wel­le zählt in kur­zer Zeit be­reits halb so vie­le To­te wie die ers­te in Deutsch­land. Min­des­tens ein Drit­tel der Ver­stor­be­nen leb­te zu­letzt in ei­nem Al­ten- oder Pfle­ge­heim. Über 60 Pro­zent al­ler Ver­stor­be­nen, die po­si­tiv auf Co­ro­na ge­tes­tet wur­den, wa­ren über 80 Jah­re alt, nur zehn Pro­zent wa­ren jün­ger als 60 Jah­re alt.

War­um hat sich die La­ge so dra­ma­tisch ver­schlech­tert?

Die meis­ten Vi­ro­lo­gen ha­ben be­reits

Früh­jahr ei­ne zwei­te Wel­le für den Win­ter vor­her­ge­sagt, nun kam sie schon im Herbst. Das ak­tu­el­le Co­ro­na­vi­rus ver­hält sich wie ei­ne klas­si­sche Er­käl­tungs­krank­heit. Das heißt, in ge­schlos­se­nen Räu­men ste­cken sich deut­lich mehr Men­schen an. Denn das Vi­rus wird am meis­ten über win­zig klei­ne Feuch­tig­keits­par­ti­kel, so­ge­nann­te Ae­ro­so­le, über­tra­gen, die un­ter frei­em Him­mel schnell von der Luft ver­weht wer­den, in ge­schlos­se­nen Räu­men da­ge­gen so­gar stun­den­lang in der Luft schwe­ben kön­nen. Da zur kal­ten Jah­res­zeit die Men­schen sich mehr drin­nen auf­hal­ten und die Schleim­häu­te durch die Hei­zungs­luft emp­find­li­cher sind, steigt of­fen­sicht­lich das Co­ro­na-In­fek­ti­ons­ri­si­ko. Der­zeit sind 60 Pro­zent al­ler schwer ver­lau­fen­den Er­käl­tungs­er­kran­kun­gen Co­ro­na-In­fek­tio­nen. Im Früh­jahr lag die­ser Wert halb so hoch.

Wie ist die La­ge auf den In­ten­siv­sta­tio­nen?

Bun­des­weit lie­gen der­zeit so vie­le Co­ro­na-Pa­ti­en­ten auf den In­ten­siv­sta­tio­nen deut­scher Kran­ken­häu­ser wie noch nie in die­sem Jahr. Auf dem Hö­he­punkt der ers­ten Wel­le wa­ren es am 18. April 2933 Co­vid-19-Fäl­le, am Frei­tag lag die Zahl mit 3854 um fast tau­send hö­her, und der Trend weist wei­ter­hin steil nach oben. Me­di­zi­ner ge­hen da­von aus, dass der An­stieg der Co­ro­na-Pa­ti­en­ten frü­hes­tens Mit­te De­zem­ber sei­nen Hö­he­punkt er­reicht. Laut In­ten­siv­re­gis­ter ster­ben der­zeit ge­nau 25 Pro­zent der be­han­del­ten In­tenim siv­pa­ti­en­ten. Das ist ein et­was schlech­te­rer Wert als der Jah­res­durch­schnitt von 23 Pro­zent. Zugleich schmilzt die Re­ser­ve frei­er ver­füg­ba­rer Bet­ten lang­sam, aber ste­tig. Al­ler­dings ist an­ders als in der ers­ten Wel­le fast ganz Deutsch­land be­trof­fen und nicht nur wie im Früh­jahr ein­zel­ne Bun­des­län­der be­son­ders. In Bay­ern war die La­ge im April mit 716 In­ten­siv­pa­ti­en­ten an­ge­spann­ter als der­zeit mit 636 Co­ro­na-In­ten­siv­pa­ti­en­ten. Al­ler­dings könn­te auch die­ser Spit­zen­wert bald über­schrit­ten wer­den. Dra­ma­tisch ist die Ent­wick­lung in Sach­sen: Hier gab es im April und Mai ma­xi­mal 70 Co­vid-In­ten­siv­pa­ti­en­ten, der­zeit sind es in säch­si­schen Klin­ken fünf­mal so vie­le. Auch Ber­lin und Bre­men ver­zeich­nen der­zeit dop­pelt so vie­le kri­ti­sche Co­ro­na-Pa­ti­en­ten wie im Früh­jahr.

Wo ste­cken sich die meis­ten Men­schen an?

Die­se Fra­ge ist schwer zu be­ant­wor­ten, denn in vier von fünf Fäl­len kön­nen die völ­lig über­las­te­ten Ge­sund­heits­äm­ter die­se Fra­ge über­haupt nicht klä­ren. Im rest­li­chen Fünf­tel der Fäl­le über­wie­gen pri­va­te Haus­hal­te so­wie Al­ten- und Pfle­ge­hei­me. Das kann al­ler­dings vor al­lem dar­an lie­gen, dass bei vie­len Be­trof­fe­nen klar ist, dass sie sich im Pri­vat­haus­halt bei ei­nem in­fi­zier­ten An­ge­hö­ri­gen an­ge­steckt ha­ben müs­sen oder ein Se­nio­ren­heim in der frag­li­chen Zeit nicht ver­las­sen ha­ben. Dritt­häu­figs­te In­fek­ti­ons­quel­le ist laut Da­ten des Ro­bert-Koch-In­sti­tuts der Ar­beits­platz, ge­folgt von Kran­ken­häu­sern. Aber auch Kin­der­gär­ten, Se­nio­ren­ta­ges­stät­ten und Flücht­lings­hei­me spie­len ei­ne grö­ße­re Rol­le. In den ver­gan­ge­nen vier Wo­chen ha­ben sich über 5000 Bür­ger mut­maß­lich bei ei­nem Aus­lands­auf­ent­halt an­ge­steckt. Am häu­figs­ten wur­den da­bei Po­len, die Tür­kei und der Ko­so­vo ge­nannt.

Wie ist die La­ge an den Schu­len?

Welt­weit zei­gen Stu­di­en, dass Kin­der im Grund­schul- oder Vor­schul­al­ter das neue Co­ro­na­vi­rus we­ni­ger stark auf an­de­re Men­schen über­tra­gen als Er­wach­se­ne. Ei­ne Theo­rie ist in­zwi­schen, dass sie we­gen ih­rer klei­ne­ren Lun­ge we­ni­ger in­fek­tiö­se Ae­ro­so­le aus­sto­ßen als Er­wach­se­ne. Die­ses Phä­no­men ist von der Über­tra­gung von Tu­ber­ku­lo­se be­kannt. Ei­ne wei­te­rer Grund könn­te laut ei­ner bri­ti­schen Stu­die sein, dass Kin­der bei ei­ner Co­ro­na-In­fek­ti­on we­ni­ger oft Er­käl­tungs­sym­pto­me zei­gen als Er­wach­se­ne und da­mit auch we­ni­ger in­fek­ti­ös sei­en. Als pro­ble­ma­tisch gilt bei Ju­gend­li­chen we­ni­ger der Un­ter­richt in Klas­sen­räu­men, so­lan­ge al­le Be­tei­lig­ten ei­nen Mund-Na­sen-Schutz tra­gen, son­dern wenn die Schü­ler da­nach en­gen Kon­takt zu ih­ren Schul­freun­den ha­ben. Ei­ne Aus­wer­tung der

Ti­mes un­ter 1900 Col­le­ges und Uni­ver­si­tä­ten in den USA zeigt in 90 Pro­zent der Bil­dungs­stät­ten In­fek­tio­nen. Es gab über 32000 In­fi­zier­ten, 80 da­von ka­men ums Le­ben.

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Fo­to: Hoch­muth, dpa Co­ro­na‰Test: Seit Wo­chen ist die Zahl der Neu­in­fek­tio­nen gleich­blei­bend hoch.

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