Donau Zeitung

Wie lernt man, sich selbst aus­zu­hal­ten?

Von Be­triebs­seel­sor­ger Tho­mas Hoff­mann zur Ad­vents­zeit im Jahr 2020

- Lie­be Le­se­rin­nen und Le­ser, Ihr Tho­mas Hoff­mann, Be­triebs­seel­sor­ger, Wei­ßen­horn Fo­to: von Wei­ters­hau­sen Essen-Werden · William Welch

es ist schon so: Vie­les in mei­ner Ar­beit fin­det der­zeit am Com­pu­ter oder Te­le­fon statt. Tref­fen in Grup­pen fal­len aus. Ver­an­stal­tun­gen sa­gen wir ab. Pri­va­te Tref­fen mit Freun­den, abends mal weg­ge­hen ist der­zeit un­mög­lich. Mei­nen Hal­len­sport kann ich erst ir­gend­wann im neu­en Jahr wie­der auf­neh­men.

Die Kir­chen sind plötz­lich voll, weil we­ni­ger Gläu­bi­ge mit­fei­ern dür­fen. Je­de und je­der er­fährt es auf je ei­ge­ne Art: Ab­läu­fe, Ge­wohn­hei­ten, lieb ge­won­ne­ne wie auch läs­ti­ge, muss ich än­dern, auf­ge­ben, den ge­ge­be­nen Rah­men­be­din­gun­gen an­pas­sen.

Pa­ter An­selm Grün hat in ei­nem In­ter­view Rat­schlä­ge für die Qua­ran­tä­ne ge­ge­ben. Sein ers­ter Rat­schlag hieß: Sich selbst aus­hal­ten. Das gilt wohl nicht nur in Qua­ran­tä­ne, son­dern grund­sätz­lich in die­ser Zeit, wo so vie­les nicht mehr mög­lich oder in­fra­ge ge­stellt ist: Ich muss üben, mich selbst aus­zu­hal­ten. Da­bei geht es dar­um, so Pa­ter An­selm Grün, dass wir nicht ängst­lich dar­auf schau­en, was in uns al­les hoch­kommt an Ge­dan­ken, Ge­füh­len und Ängs­ten, son­dern viel­mehr mit Neu­gier. Und Ge­dan­ken, Fra­gen und Ängs­te mel­den sich ja zu­hauf:

Wo­zu braucht’s mich über­haupt? Wer und was ist mir wert­voll? Was trägt mich, wem ver­traue ich? Denkt je­mand auch an mich? Was soll ich noch, wenn mich die En­kel nicht mehr be­su­chen dür­fen? Wie kön­nen wir un­ser ge­zwun­ge­ner­ma­ßen in­ten­si­ve­res Zu­sam­men­le­ben in der Fa­mi­lie, mit der Part­ne­rin, dem Part­ner er- und ver­träg­lich ge­stal­ten? Wie wer­den wir Weih­nach­ten fei­ern?

Was soll ich als Be­triebs­rat noch: Be­triebs­ver­samm­lun­gen sind nicht mög­lich, die Mit­be­stim­mung ist schwie­ri­ger, be­trieb­li­che Weih­nachts­fei­ern sind ge­stri­chen.

Was ist das für ein Ar­bei­ten: Ab­stand hal­ten, Mas­ke tra­gen, in de­fi­nier­ten Schich­ten in der Kan­ti­ne es­sen und stets die Angst, mich an­zu­ste­cken. Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen se­he ich nur noch am Bild­schirm. Wie ist es um die Zu­kunft mei­ner Stel­le bei an­hal­ten­der Kurz­ar­beit be­stellt? Bin ich als Fern­fah­rer mehr als ei­ne „Vi­ren­schleu­der“, dem bei Be­trie­ben, de­nen ich Wa­re lie­fe­re, der Zu­gang zu Sa­ni­tär­räu­men ver­wehrt wird? Wer­de ich ge­braucht? Bin ich „sys­tem­re­le­vant“? Um­ge­kehrt ge­fragt, was ist an „dem Sys­tem re­le­vant“? Was ist „men­schen­re­le­vant“, „ge­sell­schafts­re­le­vant“? Wer­den wir ge­braucht als Seel­sor­ger, als Ge­mein­den, als Kir­chen? Wer­den wir noch ge­braucht als ge­wähl­te Volks­ver­tre­ter? Sie ken­nen sol­che und ähn­li­che Fra­gen.

Ei­gent­lich lädt uns je­des Jahr die Ad­vents­zeit ein, uns sol­chen Fra­gen

aus­zu­set­zen. Die­se so­ge­nann­te „sta­de Zeit“ge­rät mir und uns frei­lich re­gel­mä­ßig zu hek­tisch und zu laut. Be­sinn­lich geht an­ders. Die Ad­vents­zeit 2020, die an die­sem Sonn­tag be­ginnt, wird an­ders. Viel­leicht ge­lingt es mir und uns ja, uns selbst aus­zu­hal­ten, die Fra­gen, Ge­dan­ken, Sor­gen und Ängs­te, die ich ha­be, mit Neu­gier zu be­trach­ten.

Viel­leicht ent­de­cken wir da­bei neu und tie­fer un­se­re Sehn­sucht nach ge­lin­gen­dem Le­ben, nach Nä­he, nach ei­ner Ge­sell­schaft, die al­len Platz bie­tet, ei­ner Welt, in der Zärt­lich­keit, Re­spekt, So­li­da­ri­tät, Ge­rech­tig­keit und Frie­den zu Hau­se sind. Viel­leicht spü­ren wir, wie na­he wir mit die­ser Sehn­sucht bei Je­sus sind, des­sen Ge­burt wir an Weih­nach­ten fei­ern, wie sehr uns der Gott Je­su Lust dar­auf ma­chen möch­te, ei­nem gu­ten Le­ben für al­le nach­zu­ja­gen. Ich wün­sche Ih­nen ei­ne er­füll­te Ad­vents­zeit.

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Tho­mas Hoff­mann

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