War­um See­ho­fer und Mer­kel jetzt Frie­den schlie­ßen

Leit­ar­ti­kel Der Rich­tungs­kon­flikt um die Flücht­lings­po­li­tik geht wei­ter. Aber die Wah­len und der ra­sant ge­star­te­te SPD-Kan­di­dat Schulz er­zwin­gen ei­ne Ei­ni­gung

Donauwoerther Zeitung - - Meinung & Dialog - VON WAL­TER ROLLER ro@augs­bur­ger all­ge­mei­ne.de

Das schie­re Macht­kal­kül zwingt CDU und CSU da­zu, den mit har­ten Ban­da­gen ge­führ­ten Streit um die Flücht­lings­po­li­tik for­mell zu be­en­den und dem Pu­bli­kum ein Bild wie­der­her­ge­stell­ter Ein­heit zu bie­ten. Kei­ner der bei­den Par­tei­en konn­te da­ran ge­le­gen sein, die Aus­ein­an­der­set­zung auf die Spit­ze zu trei­ben oder gar ei­nen Bruch der Uni­on zu ris­kie­ren. Bei­de wis­sen, dass sie Bun­des­tags­wah­len nur mit­ein­an­der ge­win­nen kön­nen. Al­so wird man sich am Mon­tag, nach dem „Frie­dens­gip­fel“von Mün­chen, ein­träch­tig prä­sen­tie­ren und An­ge­la Mer­kel zur ge­mein­sa­men Kanz­ler­kan­di­da­tin aus­ru­fen. Und der CSU-Vor­sit­zen­de Horst See­ho­fer wird die Frau, die er über vie­le Mo­na­te hin­weg scharf at­ta­ckiert hat, in den höchs­ten Tö­nen rüh­men. Er kriegt die Kur­ve, ehe es zu spät ist und sich noch mehr CSU-An­hän­ger die Fra­ge stel­len, war­um sie der eben noch schwer an­ge­fein­de­ten Re­gie­rungs­che­fin bei der Wahl im Sep­tem­ber wie­der das Ver­trau­en aus­spre­chen sol­len. Ei­ne Fort­set­zung des Kon­fron­ta­ti­ons­kur­ses hät­te nicht nur die Füh­rungs­au­to­ri­tät Mer­kels wei­ter be­schä­digt, son­dern wä­re auch im baye­ri­schen Stamm­land der CSU auf zu­neh­men­des Un­ver­ständ­nis ge­sto­ßen.

See­ho­fers Kal­kül, Mer­kel ei­nen re­strik­ti­ve­ren Kurs in der Flücht­lings­fra­ge ab­zu­rin­gen und da­mit die of­fe­ne rech­te Flan­ke der Uni­on ge­gen die AfD bes­ser ab­zu­dich­ten, ist fürs Ers­te auf­ge­gan­gen. So weit sind CDU und CSU in der Sa­che nicht mehr aus­ein­an­der, als dass sie kein ge­mein­sa­mes Wahl­pro­gramm prä­sen­tie­ren könn­ten. Der Rich­tungs­kon­flikt in der Asyl- und Zu­wan­de­rungs­po­li­tik al­ler­dings ist nicht an­nä­hernd bei­ge­legt. See­ho­fer be­harrt auf ei­ner jähr­li­chen „Ober­gren­ze“, Mer­kel sagt da­zu wei­ter ei­sern Nein. Hier blei­ben die Fron­ten ver­här­tet. Das muss der Uni­on im Wahl­kampf nicht zum Nach­teil ge­rei­chen. Denn wer, wenn nicht die tra­di­tio­nell kon­ser­va­ti­ve­re CSU, soll je­ne Stamm­wäh­ler an die Uni­on bin­den, die sich ge­gen ei­ne Po­li­tik of­fe­ner Gren­zen wen­den? Dass die Zu­wan­de­rung be­grenzt und ge­steu­ert wer­den muss und sich das Cha­os von 2015 „nicht wie­der­ho­len darf“(Mer­kel), da­rin sind sich ja an­ge­sichts der be­grenz­ten Auf­nah­me­fä­hig­kei­ten des Lan­des in­zwi­schen fast al­le Par­tei­en ei­nig. Wie dies am bes­ten zu schaf­fen ist, dar­über darf und muss in ei­nem Wahl­kampf ge­re­det wer­den – mit mög­lichst küh­lem Kopf, um die Pa­ro­len ra­di­ka­ler, aus­län­der­feind­li­cher Kräf­te nicht un­ge­wollt zu ver­stär­ken.

Der Zwang zum ra­schen Frie­dens­schluss war für CDU und CSU um­so dring­li­cher, als der ho­he Um­fra­ge­vor­sprung vor dem Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD über Nacht ge­schmol­zen ist. Un­ter Ga­b­ri­el wirk­te die SPD de­mo­ra­li­siert, ein­ge­mau­ert im 20-Pro­zent-Turm, oh­ne den Hauch ei­ner Chan­ce. Mit dem Kanz­ler­kan­di­da­ten und de­si­gnier­ten neu­en Par­tei­chef Mar­tin Schulz geht es plötz­lich ra­sant berg­auf. Es muss der Reiz des Neu­en und Un­be­kann­ten sein, der Schulz in den Rang ei­nes wo­mög­lich aus­sichts­rei­chen Her­aus­for­de­rers ka­ta­pul­tiert. Erst der lan­ge Wahl­kampf wird zei­gen, was Schulz – ein in­nen­po­li­tisch un­be­schrie­be­nes Blatt – wirk­lich zu bie­ten hat. Und wenn, wo­von aus­zu­ge­hen ist, die Uni­on stärks­te Kraft bleibt, dann kann der Mann aus Wür­se­len nur an der Spit­ze ei­nes rot-rot-grü­nen Bünd­nis­ses Kanz­ler wer­den. Das ist ei­ne Steil­vor­la­ge für die Wahl­kämp­fer der Uni­on. Span­nen­der als ver­mu­tet je­doch wird es al­le­mal.

Die Um­fra­ge­da­ten zeu­gen so­wohl von dem Ver­trau­ens­ver­lust, den Mer­kel in­fol­ge ih­rer Flücht­lings­po­li­tik er­lit­ten hat, als auch von ei­nem ge­wis­sen Über­druss an der ewi­gen Kanz­le­rin. Ih­re Chan­cen sind un­ver­än­dert gut. Doch ih­rer Sa­che si­cher sein kann sich die Kanz­le­rin nun nicht mehr.

Es wird jetzt span­nen­der als ver­mu­tet

Zeich­nung: To­micek

„…hab ich dir aus Ame­ri­ka mit­ge­bracht!“

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