Tritt jetzt auch noch Fran­zis­kus zu­rück?

In­ter­view Vor vier Jah­ren ver­zich­te­te Be­ne­dikt XVI. auf sein Amt. Es war ei­ne Sen­sa­ti­on. Sein Nach­fol­ger sag­te, er wer­de wohl eben­falls nur kurz Papst sein. In Rom wird des­halb wild spe­ku­liert. Was Kir­chen­his­to­ri­ker Hu­bert Wolf da­zu sagt

Donauwoerther Zeitung - - Politik -

Herr Wolf, hat sich Ku­rien­erz­bi­schof Ge­org Gäns­wein, der Pri­vat­se­kre­tär des zu­rück­ge­tre­te­nen Paps­tes Be­ne­dikt XVI., schon bei Ih­nen be­schwert? Hu­bert Wolf: Nein, von Ge­org Gäns­wein ha­be ich noch nichts ge­hört.

Sie ha­ben Be­ne­dikt da­für kri­ti­siert, dass er wei­ter­hin die wei­ßen Paps­tGe­wän­der trägt und sich als „Pa­pa Eme­ri­tus“, als eme­ri­tier­ter Papst, ver­steht. Er sei da­mit nicht klug be­ra­ten. Wolf: Vie­le Leu­te ha­ben mich ge­fragt: Wie kann es sein, dass es jetzt zwei Päps­te, zwei in weiß ge­wan­de­te Män­ner auf dem Pe­ters­platz in Rom gibt? Ist das kir­chen­ge­schicht­lich ge­se­hen nicht pro­ble­ma­tisch? Aber na­tür­lich ha­be ich ho­hen Re­spekt vor der Rück­tritts-Ent­schei­dung Be­ne­dikts XVI. Er hat sich als In­tel­lek­tu­el­ler sel­ber über die Schul­ter ge­schaut und ge­merkt, dass er das Amt nicht mehr län­ger aus­üben kann.

Aber? Wolf: Ich blei­be bei mei­ner Kri­tik: His­to­risch ge­se­hen tritt je­mand, der das Pe­tru­s­amt ab­legt, wie­der in den Sta­tus zu­rück, aus dem er kommt. So hat es Gre­gor XII. im Jahr 1415 ge­macht, er wur­de wie­der Kar­di­nal­bi­schof. Ich hal­te es theo­lo­gisch für äu­ßerst pro­ble­ma­tisch, dass man nun sagt, das Pap­st­amt ha­be zur­zeit zwei In­ha­ber, ei­nen „kon­tem­pla­ti­ven“, zu­rück­ge­zo­gen le­ben­den und ei­nen „ak­ti­ven“Papst.

Hat Be­ne­dikt das Pap­st­amt mit sei­nem Rück­tritt mensch­li­cher ge­macht? Wolf: Viel­leicht. Aber dass sein Nach­fol­ger Fran­zis­kus bald nach sei­nem Amts­an­tritt sag­te, der lie­be Gott ha­be ihm viel­leicht nur vier oder fünf Jah­re ge­ge­ben, und dass wir uns an zu­rück­ge­tre­te­ne Päps­te ge­wöh­nen müs­sen – das kann zum Pro­blem wer­den.

War­um? Wolf: Weil es die Au­to­ri­tät des Papst­tums ge­fähr­den könn­te. Wenn ge­sagt wer­den könn­te: Ach, der Papst tritt eh bald zu­rück – dann wird das Amt ge­schwächt.

Und es wür­den Ver­schwö­rungs­theo­ri­en blü­hen. Wolf: Al­ler­dings.

Schon jetzt wird in Rom wild spe­ku­liert, wann Fran­zis­kus denn nun zu­rück­tritt – ge­ra­de un­ter sei­nen Geg­nern. Wenn er es ernst mein­te mit sei­nen Äu­ße­run­gen, müss­te es in die­sem oder im nächs­ten Jahr so­weit sein. Wolf: Wenn er spü­ren soll­te, dass er sei­nem Di­enst nicht mehr so ge­wach­sen ist, wie er es sich wünscht, dann wird er zu­rück­tre­ten. In Rom kur­sie­ren noch wei­te­re Ge­rüch­te, die als Hin­wei­se auf ei­nen be­vors­te- hen­den Rück­tritt von Fran­zis­kus ge­deu­tet wer­den. Das Ers­te: Er ist im De­zem­ber 80 Jah­re alt ge­wor­den. Von Kar­di­nä­len und Bi­schö­fen ver­langt er, dass sie spä­tes­tens mit 80 ih­ren Rück­tritt ein­rei­chen. Und der Papst ist ja schließ­lich der Bi­schof von Rom.

Und das Zwei­te? Wolf: Im April wird er erst­mals nach Latein­ame­ri­ka flie­gen – und wird an­geb­lich gleich in sei­ner Hei­mat Ar­gen­ti­ni­en blei­ben. Ich wür­de auf sol­che Ge­rüch­te aber nicht so viel ge­ben. Fran­zis­kus macht auf mich ei­nen sehr sou­ve­rä­nen Ein­druck.

Häu­fig ist auch die Theo­rie zu hö­ren: Wenn Fran­zis­kus die ka­tho­li­sche Kir­che wirk­lich re­for­mie­ren will, muss er mög­lichst lan­ge im Amt blei­ben – und noch vie­le Kar­di­nä­le er­nen­nen, die ein­mal ei­nen Nach­fol­ger wäh­len, der in sei­nem Sin­ne wä­re. Wolf: Si­cher brau­chen Re­for­men Zeit. Wie die Re­form aber, die Fran­zis­kus vor­schwebt, am En­de ge­nau aus­sieht, wis­sen wir nicht. Ist es der neue Stil? Der ist si­cher da. Ist es ei­ne gro­ße Ku­ri­en-Re­form, al­so ei­ne Re­form des Ver­wal­tungs­ap­pa­rats des Va­ti­kans? Die se­he ich im Mo­ment nicht. Ich wünsch­te mir, dass sich Struk­tu­ren än­dern.

Zum Bei­spiel? Wolf: Wenn ich Fran­zis­kus rich­tig ver­ste­he, will er, dass nicht al­les im Va­ti­kan ent­schie­den wer­den muss. Er will den Bi­schö­fen mehr Ver­ant- wortung über­tra­gen. Die Fra­gen sind: Was muss in Rom für die Welt­kir­che ent­schie­den wer­den, auch um de­ren Ein­heit nicht zu ge­fähr­den? Und wo gibt es Frei- oder Spiel­räu­me für die Orts­kir­chen? Wie et­wa wol­len die deut­schen Bi­schö­fe künf­tig mit wie­der­ver­hei­ra­te­ten Ge­schie­de­nen um­ge­hen? Un­ter wel­chen Um­stän­den kön­nen die­se wie­der zur Kom­mu­ni­on zu­ge­las­sen wer­den? Der Papst hat sich da­zu in sei­nem Schrei­ben „Amo­ris lae­ti­tia“ge­äu­ßert, ei­ne Ant­wort der deut­schen Bi­schö­fe dar­auf stand lan­ge Zeit aus.

Sie kam am Mitt­woch. Un­ter Be­ru­fung auf Fran­zis­kus öff­nen die Bi­schö­fe wie­der­ver­hei­ra­te­ten Ge­schie­de­nen We­ge zum Kom­mu­ni­on-Emp­fang. Ist das ei­ne ech­te, tief grei­fen­de Re­form? Wolf: Ja, das ist ei­ne wirk­li­che Re­form, denn es wird in die Ge­wis­sens­ent­schei­dung der Be­trof­fe­nen ge­legt, ob sie zum Sa­kra­ment der Eucha­ris­tie hin­zu­tre­ten kön­nen oder nicht. Da­mit ha­ben die deut­schen Bi­schö­fe die Mög­lich­kei­ten, die Papst Fran­zis­kus ih­nen er­öff­net hat, ge­nutzt. Üb­ri­gens hat­te Jo­seph Ratz­in­ger, der spä­te­re Papst Be­ne­dikt XVI., 1972 be­reits den Pfar­rern die Kom­pe­tenz zu­ge­spro­chen, den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Ge­schie­de­nen nach Ein­zel­fall­prü­fung of­fi­zi­ell den Zu­tritt zur hei­li­gen Kom­mu­ni­on zu ge­wäh­ren. Als die ober­rhei­ni­schen Bi­schö­fe aber 1983 ge­nau die­sen Vor­schlag wie­der mach­ten, wur­den sie von Ratz­in­ger – jetzt als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on – zu­rück­ge­pfif­fen.

Nach ei­nem Rück­tritt von Fran­zis­kus könn­te es, in den Au­gen der Öf­fent­lich­keit, drei le­ben­de Päps­te ge­ben. Wolf: Des­halb will ich mir ei­nen Papst­rück­tritt nicht als Nor­mal­fall vor­stel­len. Was wä­re, wenn die Zu­rück­ge­tre­te­nen nicht zu­rück ins Glied trä­ten?

Es bräuch­te ei­ne Re­ge­lung für ei­nen Papst­rück­tritt. Wolf: Ja, weil es noch kei­ne ge­naue Be­stim­mung für die­sen Fall gibt. Jo­han­nes Paul II. hat sein Amt bis zum En­de re­gel­recht durch­lit­ten. Er konn­te selbst­stän­dig nur noch be­dingt han­deln und war ab­hän­gig von sei­ner Um­ge­bung. Be­ne­dikt woll­te es so weit nicht kom­men las­sen. Bei­de wur­den kri­ti­siert. Es bräuch­te ei­ne Re­ge­lung, aber die wird nicht ein­fach zu fin­den sein: Denn wer soll­te ent­schei­den, dass ein Papst nicht mehr amts­fä­hig ist?

Wie im­mer Fran­zis­kus ent­schei­det – in ab­seh­ba­rer Zeit wer­den sich die Kar­di­nä­le zum Kon­kla­ve tref­fen müs­sen, um ei­nen Nach­fol­ger zu wäh­len. Hun­der­te Mil­lio­nen Men­schen in al­ler Welt war­ten dann auf den wei­ßen Rauch ... Wolf: Ei­ne Papst­wahl ist wahr­schein­lich die ein­zi­ge ge­hei­me Wahl, die es über­haupt gibt. Auch da­nach er­fährt man so gut wie nichts von ihr. In ei­ner Zeit, in der man im In­ter­net selbst die ge­heims­ten Ge­heim­dienst­be­rich­te nach­le­sen kann, ist so ei­ne Ins­ze­nie­rung ein­fach et­was, das die Men­schen fas­zi­niert.

Wie der Papst selbst. Wolf: Sein Amt ist et­was Ein­ma­li­ges, ge­wählt wird der Stell­ver­tre­ter Chris­ti auf Er­den. Er ist für vie­le ei­ne un­an­greif­ba­re mo­ra­li­sche In­stanz, über die ka­tho­li­sche Kir­che hin­aus.

Wo­her wird der nächs­te Papst stam­men? Wolf: Ich kann mir in­zwi­schen vie­les vor­stel­len. Die Kon­zen­tra­ti­on auf ei­nen Ita­lie­ner, die über Jahr­hun­der­te be­stand, gibt es nicht mehr. Die ent­schei­den­de Fra­ge für die Kar­di­nä­le, die den Papst wäh­len, wird nicht in ers­ter Li­nie des­sen Her­kunft sein. Die Fra­ge für sie wird sein: Braucht es je­man­den, der die Re­form der Kir­che vor­an­treibt, oder je­man­den, der dem Papst­tum eher wie­der ei­ne be­son­de­re Au­ra ver­leiht? In­ter­view: Da­ni­el Wir­sching

Hu­bert Wolf, Pro­fes­sor für Kir­chen ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Müns­ter, wur­de 1959 in Ba­den Würt­tem­berg ge bo­ren. Der Leib­niz Preis­trä­ger ist der zeit Fel­low am Wis­sen­schafts­kol­leg zu Ber­lin. Wolf wur­de auch als Best­sel­ler au­tor be­kannt. Sein Buch „Kon­kla­ve. Die Ge­heim­nis­se der Papst­wahl“er schien vor we­ni­gen Ta­gen im Ver­lag C.H.Beck (220 Sei ten, 19,95 Eu­ro).

Fo­tos: T. Fa­bi, afp/kna

Zwei Päps­te auf ei­nem Fo­to – ei­ne his­to­ri­sche Auf­nah­me. Denn jahr­hun­der­te­lang war kein Papst mehr zu­rück­ge­tre­ten. Seit­dem Be­ne­dikt XVI. (links) am 11. Fe­bru­ar 2013 er klär­te, ab dem 28. Fe­bru­ar 2013 auf sein Amt zu ver­zich­ten, wird er als eme­ri­tier­ter Papst an­ge­spro­chen. „Ak­ti­ver“Papst ist Nach­fol­ger Fran­zis­kus.

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