Die Fra­ge der Wo­che Dem Schnee nach­trau­ern?

Donauwoerther Zeitung - - Wochenend Journal - LEA THIES MICHA­EL SCHREI­NER

Ganz klar: Schnee macht glück­lich. Weiß im Win­ter, was gibt es Schö­ne­res? Der Matsch des Herbs­tes ist ver­deckt. Un­ter den Fü­ßen quaaats­cht es nicht mehr, es knirscht. Die Licht­ex­plo­si­on, wenn dann noch die Son­ne scheint und al­les fun­kelt und glit­zert. Plötz­lich gibt es ein ganz an­de­res Frei­zeit­an­ge­bot. Schlit­ten und Ski raus, di­cke Ja­cke an – und los. In sol­chen Mo­men­ten ver­misst man den Som­mer nicht, wünscht sich, dass der Win­ter so bis April dau­ert.

Und dann ver­gan­ge­nen Di­ens­tag das: Man lässt am Mor­gen nichts ah­nend das Rol­lo hoch. Schock! Al­les weg! Der Gar­ten wie­der Grün-Braun. Zu­rück der Matsch und die Pfüt­zen. Tropf, tropf, tropf. Da will man nicht raus. Na­tür­lich trau­ert man in sol­chen Mo­men­ten dem Schnee nach, zückt so­fort die Wet­ter-App und wischt hoff­nungs­voll wild her­um, da­mit sie bloß wie­der Schnee­flo­cken­fak­si­mi­les aus­spuckt. Ein Glück, die Trau­er muss die­ses Mal nicht so lan­ge an­hal­ten, für nächs­te Wo­che ist ja in Augsburg wie­der Schnee an­ge­sagt. Neu, frisch, knir­schig – und hof­fent­lich ganz viel. Und da­mit bis da­hin den Schnee-Nach­trau­ern­den kein Wei­ßEnt­zug droht, hier ein Fleck­chen von der schöns­ten Nicht-Far­be der Welt:

Schnee, der fällt, ist schön. Schnee, der liegt, nicht. Denn er wird schnell zu Schorf, an dem al­le her­um­krat­zen. So ist das. Tau­wet­ter er­löst uns vom al­ten Schnee und gibt der Welt ih­re Far­be zu­rück. Will­kom­men, ihr Plus­gra­de!

Schnee, der ein­mal wun­der­schön auf Ze­dern und an­de­res Zeug fiel, ver­liert sei­nen Zau­ber bin­nen 24 St­un­den. Er bil­det dann ja meis­tens kei­ne ge­schlos­se­ne De­cke mehr, son­dern liegt in Fle­cken und zu­sam­men­ge­scho­be­nen Hau­fen her­um. Er ver­eist, er ver­kommt. Grau wie Blei in der Stadt, zer­tram­pelt in den Nah­er­ho­lungs­ge­bie­ten. Sol­chen Ab­nut­zungs­er­schei­nun­gen bei­zu­woh­nen, ist ei­ne Zeit lang ganz in­ter­es­sant, wird aber ir­gend­wann zur Be­las­tung. Untrüg­li­cher In­di­ka­tor, dass Schnee un­ge­taut zu lan­ge schon her­um­liegt, sind die Splittstreu­sel im Ver­hält­nis zwei Körn­chen auf fünf Flo­cken so­wie vor al­lem die urin­gel­be Fär­bung des Schnees an al­len Ecken und En­den. Dau­er­haft schön ist Schnee nur auf den Ja­nu­ar­blät­tern der Apo­the­ken­ka­len­der und im Baye­ri­schen Fern­se­hen.

In der Ver­wand­lung, die er her­bei­führt, wenn es schön still schneit, lan­ge und flo­ckig, liegt der Reiz des Schnees. Aber es ist wie bei ei­nem zu oft auf­ge­wärm­ten Es­sen oder Trump-te­le­fo­niert-Bil­dern aus dem Wei­ßen Haus – ir­gend­wann hat man die Na­se voll und will an­de­re Zu­stän­de. Schnee, der zu lan­ge liegt, lässt den Win­ter ewig und un­ver­rück­bar er­schei­nen. Wer hält das aus? Tau­wet­ter ist, als ob je­mand die Tü­re ein­tritt und wir end­lich raus kön­nen aus dem Ver­ließ. Das Le­ben ver­läuft in Zy­klen und Schnee soll­te da­von nicht aus­ge­nom­men sein. Wenn er ver­schwun­den ist, auch an den Ga­ra­gen­nord­sei­ten, dann spricht nichts da­ge­gen, dass über Nacht Neu­schnee kommt. Schnee, der fällt, ist schön. Schnee, der liegt, nicht.

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