Gauck war ein Glücks­fall für die Re­pu­blik

Leit­ar­ti­kel Der Pre­di­ger der Frei­heit hat als Bun­des­prä­si­dent Ori­en­tie­rung und Halt ge­bo­ten. Sein Ver­mächt­nis lau­tet: Seid wach­sam! St­ein­mei­er ist ei­ne gu­te Lö­sung

Donauwoerther Zeitung - - Meinung & Dialog - VON WAL­TER ROL­LER ro@augs­bur­ger all­ge­mei­ne.de

Wenn er ge­wollt hät­te, wä­re Joa­chim Gauck selbst­ver­ständ­lich wie­der­ge­wählt wor­den. Doch der Bun­des­prä­si­dent geht – aus frei­en Stü­cken und weil er sich nicht si­cher ist, mit sei­nen 77 Jah­ren den Her­aus­for­de­run­gen des höchs­ten Staats­am­tes für wei­te­re fünf Jah­re ge­sund­heit­lich ge­wach­sen zu sein. Das ist scha­de, weil das Land den Pas­tor auch künf­tig gut hät­te ge­brau­chen kön­nen. Aber es ist ei­ne Ent­schei­dung, die ho­hen Re­spekt ver­dient und von Gaucks Wil­len zeugt, mög­li­che per­sön­li­che In­ter­es­sen dem Wohl des Ge­mein­we­sens un­ter­zu­ord­nen.

Der ehe­ma­li­ge DDR-Bür­ger­recht­ler Gauck hat sei­ne Mis­si­on, die Au­to­ri­tät des Am­tes nach der über­stürz­ten Flucht Horst Köh­lers und dem Sturz Chris­ti­an Wul­ffs wie­der­her­zu­stel­len, pri­ma er­füllt. Man wird die­sen lei­den­schaft­li­chen Pre­di­ger der Frei­heit als ei­nen Prä­si­den­ten in Er­in­ne­rung be­hal­ten, der in stür­mi­schen Zei­ten Ori­en­tie­rung und Halt ge­bo­ten hat. Das ist es ja, was ein Prä­si­dent leis­ten kann und muss. Das Staats­ober­haupt ist Hü­ter der Ver­fas­sung. Oh­ne sei­ne Un­ter­schrift tritt kein Ge­setz in Kraft. Doch er hat kei­ne ope­ra­ti­ve Macht. Er ge­bie­tet im Grun­de nur über die Macht des Wor­tes, die im Bun­de mit ei­ner star­ken per­sön­li­chen Aus­strah­lung be­trächt­li­che Wir­kung ent­fal­ten und die po­li­ti­sche Groß­wet­ter­la­ge sehr wohl be­ein­flus­sen kann. Gauck hat die Mög­lich­kei­ten, die die­ses re­prä­sen­ta­ti­ve Amt bie­tet, mit Hil­fe sei­ner Re­de­kunst aus­ge­schöpft. Der po­pu­lä­re Mann war ein Glücks­fall für die Re­pu­blik.

Gaucks gro­ßes Le­bens­the­ma ist die Frei­heit, de­ren Wert er in vie­len Re­den be­sun­gen hat. Hier sprach und han­del­te ein Mann, der un­ter ei­ner (kom­mu­nis­ti­schen) Dik­ta­tur ge­lebt hat und die Vor­zü­ge ei­nes frei­en Le­bens um­so mehr zu schät­zen weiß. Vie­les bleibt von Gauck über den Tag hin­aus. Da ist sein Ap­pell an die Deut­schen, künf­tig mehr Ver­ant­wor­tung in der Welt zu über­neh­men und not­falls auch mi­li­tä­risch ein­zu­ste­hen für die Wer­te des Wes­tens – ein mu­ti­ger Vor­stoß, der dem Prä­si­den­ten viel Ge­gen­wind be­scher­te. Da ist sein Ver­such, das in­fol­ge der Flücht­lings­kri­se tief ge­spal­te­ne Land zu­sam­men­zu­hal­ten – mit je­nem un­sterb­li­chen Satz, wo­nach „un­ser Herz weit ist und un­se­re Mög­lich­kei­ten end­lich sind“. Doch Gaucks ei­gent­li­ches Ver­mächt­nis be­steht in der Mah­nung, dass die De­mo­kra­tie nichts Selbst­ver­ständ­li­ches ist und stets – im In­nern wie nach au­ßen – der „re­pu­bli­ka­ni­schen Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft“und des En­ga­ge­ments der Bür­ger be­darf. Die­se Mah­nung ist um­so ak­tu­el­ler und dring­li­cher, als sich die Welt in den fünf Amts­jah­ren Gaucks sehr ver­än­dert hat und ei­ne Viel­zahl un­er­hört gro­ßer Pro­ble­me auf­ge­taucht ist, die vom dro­hen­den Schei­tern Eu­ro­pas bis hin zu po­pu­lis­ti­schen Atta­cken auf die li­be­ra­le De­mo­kra­tie reicht. Die Zei­ten wer­den un­ru­hi­ger und rau­er, und wir sind gut be­ra­ten, Gaucks un­er­müd­li­che War­nung vor ei­ner Ero­si­on der Frei­heit ernst zu neh­men.

Der neue Prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er ist ein er­fah­re­ner, po­pu­lä­rer Mann, der sei­ne Sa­che gut ma­chen wird und das Ver­trau­en ei­ner gro­ßen Mehr­heit be­sitzt. Dass die CDU/CSU als stärks­te Kraft kei­nen ei­ge­nen Kan­di­da­ten fand und nun zäh­ne­knir­schend ei­nem So­zi­al­de­mo­kra­ten den Weg ins Schloss Bel­le­vue eb­nen muss, ist pein­lich für die Kanz­le­rin. Wie­der wird Mer­kel, wie im Fall Gauck, ein Prä­si­dent auf­ge­zwun­gen. Die Bür­ger in­ter­es­siert das nur am Ran­de. Sie be­kom­men den Mann, den sie sich wün­schen und der nach La­ge der Din­ge die bes­te Lö­sung ist. St­ein­mei­er hat nicht die Bril­lanz Gaucks und ist ein klas­si­sches Ge­schöpf des po­li­ti­schen Sys­tems. Aber er hat das Zeug da­zu, ein gu­ter, auf Zu­sam­men­füh­ren be­dach­ter Prä­si­dent zu wer­den.

Die Au­to­ri­tät des höchs­ten Am­tes wie­der­her­ge­stellt

Zeich­nung: Luff

„Na, auch Post von Trump?“

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