Theo­dor Fon­ta­ne – Ef­fi Briest (35)

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman -

Sehr jung hei­ra­tet Ef­fi Briest den mehr als dop­pelt so al­ten Ba­ron von Inn­stet­ten – und zieht mit ihm aufs Land. Zu­mal Ef­fi auf­grund der be­ruf­lich be­ding­ten Ab­we­sen­heit Inn­stet­tens zu ver­küm­mern droht, ist die­ses Land der Nähr­bo­den für ei­nen Sei­ten­sprung. Die Fol­gen sind tra­gisch für drei . . . © Gu­ten­berg

Das wa­ren so die täg­li­chen klei­nen Zer­streu­un­gen, an die sich ge­le­gent­lich auch Fahr­ten in das som­mer­li­che Luch schlos­sen, meist im Jagd­wa­gen; al­lem vor­an aber stan­den für Ef­fi doch die Plau­de­rei­en, die sie bei­na­he je­den Mor­gen mit der Ma­ma hat­te. Sie sa­ßen dann oben in der luf­ti­gen gro­ßen Stu­be, Ros­wi­tha wieg­te das Kind und sang in ei­nem thü­rin­gi­schen Platt al­ler­lei Wie­gen­lie­der, die nie­mand recht ver­stand, vi­el­leicht sie sel­ber nicht; Ef­fi und Frau von Briest aber rück­ten ans of­fe­ne Fens­ter und sa­hen, wäh­rend sie spra­chen, auf den Park hin­un­ter, auf die Son­nen­uhr oder auf die Li­bel­len, die bei­na­he re­gungs­los über dem Tisch stan­den, oder auch auf den Flie­sen­gang, wo Herr von Briest ne­ben dem Trep­pen­vor­bau saß und die Zei­tun­gen las. Im­mer wenn er um­schlug, nahm er zu­vor den Kn­ei­fer ab und grüß­te zu Frau und Toch­ter hin­auf. Kam dann das letz­te Blatt an die Rei­he, das in der Re­gel der „An­zei­ger fürs Ha­vel­land“war, so ging

Ef­fi hin­un­ter, um sich ent­we­der zu ihm zu set­zen oder um mit ihm durch Gar­ten und Park zu schlen­dern. Ein­mal bei sol­cher Ge­le­gen­heit tra­ten sie, von dem Kies­weg her, an ein klei­nes, zur Sei­te ste­hen­des Denk­mal her­an, das schon Briests Groß­va­ter zur Er­in­ne­rung an die Schlacht von Wa­ter­loo hat­te auf­rich­ten las­sen, ei­ne ver­ros­te­te Py­ra­mi­de mit ei­nem ge­gos­se­nen Blü­cher in Front und ei­nem di­to Wellington auf der Rück­sei­te.

„Hast du nun sol­che Spa­zier­gän­ge auch in Kes­sin“, sag­te Briest, „und be­glei­tet dich Inn­stet­ten auch und er­zählt dir al­ler­lei?“

„Nein, Pa­pa, sol­che Spa­zier­gän­ge ha­be ich nicht. Das ist aus­ge­schlos­sen denn wir ha­ben bloß ei­nen klei­nen Gar­ten hin­ter dem Haus, der ei­gent­lich kaum ein Gar­ten ist, bloß ein paar Buchs­baum­ra­bat­ten und Ge­mü­se­bee­te mit drei, vier Obst­bäu­men drin. Inn­stet­ten hat kei­nen Sinn da­für und denkt wohl auch nicht sehr lan­ge mehr in Kes­sin zu blei­ben.“

„Aber Kind, du mußt doch Be­we­gung ha­ben und fri­sche Luft, da­ran bist du doch ge­wöhnt.“

„Hab ich auch. Un­ser Haus liegt an ei­nem Wäld­chen, das sie die Plan­ta­ge nen­nen. Und da geh ich denn viel spa­zie­ren und Rol­lo mit mir.“

„Im­mer Rol­lo“, lach­te Briest. „Wenn man’s nicht an­ders wüß­te, so soll­te man bei­nah glau­ben, Rol­lo sei dir mehr ans Herz ge­wach­sen als Mann und Kind.“

„Ach, Pa­pa, das wä­re ja schreck­lich, wenn’s auch frei­lich – so­viel muß ich zu­ge­ben – ei­ne Zeit ge­ge­ben hat, wo’s oh­ne Rol­lo gar nicht ge­gan­gen wä­re. Das war da­mals… nun, du weißt schon… Da hat er mich so gut wie ge­ret­tet, oder ich ha­be mir’s we­nigs­tens ein­ge­bil­det, und seit­dem ist er mein gu­ter Freund und mein ganz be­son­de­rer Ver­laß. Aber er ist doch bloß ein Hund. Und erst kom­men doch na­tür­lich die Men­schen.“

„Aber, Pa­pa, wenn ich das Inn­stet­ten wie­der­er­zähl­te.“„Nein, das tu lie­ber nicht, Ef­fi.“„Rol­lo wür­de mich ja na­tür­lich ret­ten, aber Inn­stet­ten wür­de mich auch ret­ten. Er ist ja ein Mann von Eh­re.“„Das ist er.“„Und liebt mich.“„Ver­steht sich, ver­steht sich. Und wo Lie­be ist, da ist auch Ge­gen­lie­be. Das ist nun mal so. Mich wun­dert nur, daß er nicht mal Ur­laub ge­nom­men hat und rü­ber­ge­flitzt ist. Wenn man ei­ne so jun­ge Frau hat.“

Ef­fi er­rö­te­te, weil sie ge­ra­de­so dach­te. Sie moch­te es aber nicht ein­räu­men.

„Inn­stet­ten ist so ge­wis­sen­haft und will, glaub ich, gut an­ge­schrie­ben sein und hat so sei­ne Plä­ne für die Zu­kunft; Kes­sin ist doch bloß ei­ne Sta­ti­on. Und dann am En­de, ich lauf ihm ja nicht fort. Er hat mich ja. Wenn man zu zärt­lich ist … und da­zu der Un­ter­schied der Jah­re… da lä­cheln die Leu­te bloß.“

„Ja, das tun sie, Ef­fi. Aber dar­auf muß man’s an­kom­men las­sen. Üb­ri­gens sa­ge nichts dar­über, auch nicht zu Ma­ma. Es ist so schwer, was man tun und las­sen soll. Das ist auch ein wei­tes Feld.“

Ge­sprä­che wie die­se wa­ren wäh­rend Ef­fis Be­such im el­ter­li­chen Hau­se mehr als ein­mal ge­führt wor­den, hat­ten aber glück­li­cher­wei­se nicht lan­ge nach­ge­wirkt, und eben­so war auch der et­was me­lan­cho­li­sche Ein­druck rasch ver­flo­gen, den das ers­te Wie­der­be­tre­ten ih­res Kes­si­ner Hau­ses auf Ef­fi ge­macht hat­te. Inn­stet­ten zeig­te sich voll klei­ner Auf­merk­sam­kei­ten, und als der Tee ge­nom­men und al­le Stadt- und Lie­bes­ge­schich­ten in hei­ters­ter Stim­mung durch­ge­spro­chen wa­ren, häng­te sich Ef­fi zärt­lich an sei­nen Arm, um drü­ben ih­re Plau­de­rei­en mit ihm fort­zu­set­zen und noch ei­ni­ge An­ek­do­ten von der Trip­pel­li zu hö­ren, die neu­er­dings wie­der mit Gies­hüb­ler in ei­ner leb­haf­ten Kor­re­spon­denz ge­stan­den hat­te, was im­mer gleich­be­deu­tend mit ei­ner neu­en Be­las­tung ih­res nie aus­ge­gli­che­nen Kon­tos war.

Ef­fi war bei die­sem Ge­spräch sehr aus­ge­las­sen, fühl­te sich ganz als jun­ge Frau und war froh, die nach der Ges­in­de­stu­be hin aus­quar­tier­te Ros­wi­tha auf un­be­stimm­te Zeit los zu sein.

Am an­de­ren Mor­gen sag­te sie: „Das Wet­ter ist schön und mild, und ich hof­fe, die Veran­da nach der Plan­ta­ge hin­aus ist noch in gu­tem Stan­de, und wir kön­nen uns ins Freie set­zen und da das Früh­stück neh­men. In un­se­re Zim­mer kom­men wir oh­ne­hin noch früh ge­nug, und der Kes­si­ner Winter ist wirk­lich um vier Wo­chen zu lang.“

Inn­stet­ten war sehr ein­ver­stan­den. Die Veran­da, von der Ef­fi ge­spro­chen und die vi­el­leicht rich­ti­ger ein Zelt ge­nannt wor­den wä­re, war schon im Som­mer her­ge­rich­tet wor­den, drei, vier Wo­chen vor Ef­fis Abrei­se nach Ho­hen-Crem­men, und be­stand aus ei­nem gro­ßen, ge­diel­ten Po­di­um, vorn of­fen, mit ei­ner mäch­ti­gen Mar­ki­se zu Häup­ten, wäh­rend links und rechts brei­te Lein­wand­vor­hän­ge wa­ren, die sich mit Hil­fe von Rin­gen an ei­ner Ei­sen­stan­ge hin und her schie­ben lie­ßen. Es war ein rei­zen­der Platz, den gan­zen Som­mer über von al­len Ba­de­gäs­ten, die hier vor­über muß­ten, be­wun­dert.

Ef­fi hat­te sich in ei­nen Schau­kel­stuhl ge­lehnt und sag­te, wäh­rend sie das Kaf­fee­brett von der Sei­te her ih­rem Man­ne zu­schob: „Geert, du könn­test heu­te den lie­bens­wür­di­gen Wirt ma­chen; ich für mein Teil find es so schön in die­sem Schau­kel­stuhl, daß ich nicht auf­ste­hen mag. Al­so stren­ge dich an, und wenn du dich recht freust, mich wie­der hier zu ha­ben, so werd ich mich auch zu re­van­chie­ren wis­sen.“Und da­bei zupf­te sie die wei­ße Da­mast­de­cke zu­recht und leg­te ih­re Hand dar­auf, die Inn­stet­ten nahm und küß­te.

„Wie bist du nur ei­gent­lich oh­ne mich fer­tig ge­wor­den?“„Schlecht ge­nug, Ef­fi.“„Das sagst du so hin und machst ein be­trüb­tes Ge­sicht, und ist doch ei­gent­lich al­les nicht wahr.“„Aber Ef­fi.“„Was ich dir be­wei­sen will. Denn wenn du ein biß­chen Sehn­sucht nach dei­nem Kin­de ge­habt hät­test – von mir sel­ber will ich nicht spre­chen, was ist man am En­de sol­chem ho­hen Herrn, der so lan­ge Jah­re Jung­ge­sel­le war und es nicht ei­lig hat­te.“

„Nun?“»36. Fort­set­zung folgt

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