Noch Fra­gen?

Fahr­plan An­fang März muss Kul­tus­mi­nis­ter Lud­wig Spa­en­le dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und sei­ner Par­tei end­lich ein Kon­zept für das neue G9 vor­le­gen. Er sagt, er ha­be für je­des Pro­blem ei­ne Lö­sung. Doch selbst See­ho­fer scheint dar­an zu zwei­feln

Donauwoerther Zeitung - - Bayern Extra - VON HEN­RY STERN

Mün­chen Zur Zu­kunft des baye­ri­schen Gym­na­si­ums sei noch gar nichts ent­schie­den, be­teu­ert Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer (CSU). „Denn ich wür­de da­zu kei­ne Ge­sprä­che mehr füh­ren, wenn ich mir schon klar bin“, fügt der Re­gie­rungs­chef mit erns­tem Blick an.

Was na­tür­lich bes­ten­falls die hal­be Wahr­heit ist: Denn seit See­ho­fer zu­letzt im Ja­nu­ar höchst­per­sön­lich ver­spro­chen hat­te, je­der Schü­ler wer­de die Mög­lich­keit be­kom­men, das Abitur wie­der in neun Jah­ren zu er­rei­chen, hat sich ei­ne Dy­na­mik zu­rück zum G9 in Gang ge­setzt, die für die CSU wohl nicht mehr zu stop­pen ist. Zu ein­deu­tig ist das Vo­tum, das Leh­rer, El­tern, Schul­lei­ter und Kom­mu­nen für ei­ne län­ge­re Gym­na­si­al­zeit ab­ge­ge­ben ha­ben.

Der Plan von Kul­tus­mi­nis­ter Lud­wig Spa­en­le (CSU), je­de Schu­le über G8 oder G9 selbst ent­schei­den zu las­sen, hat sich des­halb längst eben­so in Luft auf­ge­löst wie der noch im ver­gan­ge­nen Herbst von CSU-Bil­dungs­po­li­ti­kern im Land­tag be­kräf­tig­te Schwur, um je­den Preis am be­ste­hen­den G8 fest­hal­ten zu wol­len. Schließ­lich, so er­klär­te et­wa der CSU-Bil­dungs­spre­cher Ger­hard Wa­sch­ler da­mals im Land­tag, ha­be es „in­di­vi­du­el­le Lern­zeit­ver­län­ge­rung“ja im­mer schon ge­ge­ben: „Et­wa durch Sit­zen­blei­ben.“Ei­ne Hemds­är­me­lig­keit, mit der man wahl­tak­tisch kei­nen Blu­men­topf ge­win­nen kann.

Doch auch be­son­ne­nen Ge­mü­tern ist nicht klar, was ein Grund­satz­be­schluss hin zum G9 kon­kret be­deu­ten soll. „Es gibt noch sehr, sehr vie­le of­fe­ne Fra­gen“, be­klagt et­wa der Münch­ner CSU-Ab­ge­ord­ne­te Mar­kus Blu­me. Das be­gin­ne schon bei den Kos­ten: Al­lein den Um­bau­be­darf an den Schul­ge­bäu­den be­zif­fern et­wa die Kom­mu­nen auf rund 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro. Im Kul­tus­mi­nis­te­ri­um geht man zu­dem wohl von bis zu 750 zu­sätz­li­chen Leh­rern aus – ei­ne Zahl, die selbst in der CSU mas­siv an­ge­zwei­felt wird. Bis zu 1500 zu­sätz­li­che Plan­stel­len sei­en nö­tig, wenn das neue G 9 kein „Spar­mo­dell“sein soll, glau­ben Bil­dungs­ex­per­ten. Das wür­de am En­de jähr­lich ei­nen drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag kos­ten.

Na­tür­lich kön­ne man im­mer in Bil­dung in­ves­tie­ren, fin­det et­wa Hans Reich­hart, Chef der Jun­gen Uni­on in Bay­ern. Wenn man aber dau­er­haft auf neue Schul­den ver­zich­ten und die Per­so­nal­kos­ten be­gren­zen wol­le, „dann muss zu­min­dest vor­her klar sein, über wel­che Sum­men wir hier re­den“.

Doch auch in­halt­lich blei­ben vie­le Fra­ge­zei­chen: So könn­te laut Spa­en­le ein neu­es G 9 im Herbst 2018 für die fünf­ten und sechs­ten Klas­sen star­ten. Ab der sieb­ten Klas­se auf­wärts sol­len die Schü­ler da­ge­gen das al­te G 8 be­en­den. „Auch die­sen Schü­lern müs­sen wir ei­ne län­ge­re Va­ri­an­te an­bie­ten“, for­dert da­ge­gen der SPD-Bil­dungs­ex­per­te Mar­tin Güll. Und wenn mit dem G9 der Nach­mit­tags­un­ter­richt weg­fällt: Wer­den die teu­er ein­ge­rich­te­ten Men­sen wie­der still­ge­legt? Oder braucht man mehr ech­te Ganz­tags­schu­len, um be­rufs­tä­ti­gen El­tern ent­ge­gen­zu­kom­men?

Dann ist da noch das Ge­scha­cher um den Lehr­plan. Spa­en­le be­haup­tet, dass man den na­gel­neu­en Lehr­plan Plus ein­fach an neun Jah­re an­pas­sen kann. Kri­ti­ker hin­ge­gen sind si­cher, dass es oh­ne Neu­kon­zep­ti­on nicht geht. Ein wei­te­res Rät­sel ist, wie die „Über­hol­spur“für ge­schätzt 30 Pro­zent der Schü­ler aus­se­hen soll, die wei­ter ger­ne in acht Jah­ren ihr Abitur ma­chen wür­den. Der CSU-Bil­dungs­ex­per­te Karl Frel­ler ent­wi­ckel­te das Mo­dell ei­ner frei­wil­li­gen „Klas­se Zehn-Plus“. Ob es ei­ne Chan­ce hat, drang bis­her nicht nach au­ßen.

Kri­ti­ker in der CSU war­nen aber jetzt schon: Auch das G9 wer­de nicht al­le Er­war­tun­gen er­fül­len kön­nen und des­halb er­neut zu Ent­täu­schun­gen füh­ren. Auf kei­nen Fall will man dort aber den Kern­feh­ler der G 8-Ein­füh­rung von 2003 wie­der­ho­len – ei­nen Grund­satz­be­schluss zu fäl­len, oh­ne sich über die Kon­se­quen­zen klar zu sein.

„Klar ha­be ich al­le Ant­wor­ten“, ver­si­cher­te Spa­en­le zwar voll­mun­dig un­se­rer Re­dak­ti­on. Ei­ne Ein­schät­zung, die of­fen­bar aber selbst See­ho­fer be­zwei­felt: Ab 2. März will der Re­gie­rungs­chef noch ein­mal selbst mit den Schul­ver­bän­den spre­chen. Am 6. März ist dann ein „Bil­dungs­gip­fel“mit Spa­en­le und den Spit­zen der Land­tags-CSU ge­plant. Nur falls da­nach auch al­le Fol­ge­fra­gen ein­deu­tig ge­klärt sei­en, kön­ne es ei­ne for­mel­le G9-Ent­schei­dung ge­ben, be­teu­ert See­ho­fer. Und falls nicht? Dann wer­de die Ent­schei­dung eben noch ein­mal ver­scho­ben.

Par­tei ist un­eins über die Zahl der neu­en Leh­rer Ge­schätzt 30 Pro­zent wol­len wei­ter das G8

Fo­to: Fran­zis­ka Krauf­mann, dpa

Wer will das G 9 zu­rück? Die­se Fra­ge ist seit Mo­na­ten be­ant­wor­tet. Der Groß­teil der baye­ri­schen Schü­ler möch­te sich ein Jahr mehr Zeit für das Abitur las­sen.

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