Tan­zen ge­gen die Pest

Ju­bi­lä­um Ei­gent­lich fin­det der Sch­äff­ler­tanz in Mün­chen nur al­le sie­ben Jah­re statt. Die­ses Jahr ma­chen die Fass­bau­er mit ih­rer Tra­di­ti­on ei­ne Aus­nah­me. Der An­lass da­für ist al­ler­dings um­strit­ten

Donauwoerther Zeitung - - Bayern - VON JA­KOB STAD­LER

Mün­chen Die Mu­si­ker set­zen ih­re In­stru­men­te an, der De­fi­lier­marsch er­klingt. Rund 20 Män­ner mit grü­ner Kap­pe, ro­ter Ja­cke und schwar­zer Ho­se über den Wadl­strümp­fen win­ken der Men­ge am Münch­ner Rin­der­markt mit wei­ßen Hand­schu­hen zu. Meh­re­re hun­dert Zu­schau­er ha­ben sich ver­sam­melt, doch nicht je­der weiß, wo er ei­gent­lich ge­lan­det ist. „Sch­äff­ler? Ich kenn ei­nen Schef­fel Mehl, aber da­mit hat es, glau­be ich, nichts zu tun“, sagt ei­ne Zu­schaue­rin. „Das sind doch so Holz ... nee, Fass­ma­cher, oder?“, fragt ei­ne an­de­re.

Tat­säch­lich sind die vor ih­nen tan­zen­den Sch­äff­ler ur­sprüng­lich Hand­wer­ker, die Holz­ge­fä­ße wie Fäs­ser her­stel­len. Auf dem Rin­der­markt füh­ren die rot-schwarz ge­klei­de­ten Her­ren den tra­di­tio­nel­len Tanz ih­rer Zunft auf. Ein sel­te­nes Schau­spiel, denn ei­gent­lich ma­chen sie das nur al­le sie­ben Jah­re. Dann be­su­chen sie in den Wo­chen vor Fa­sching gro­ße Plät­ze der Lan­des­haupt­stadt. Tur­nus­ge­mäß wä­re es

In ei­nem Tanz­jahr tre­ten die Sch­äff­ler 400 Mal auf

erst 2019 wie­der so weit, doch weil der Tanz an­geb­lich vor 500 Jah­ren zum ers­ten Mal auf­ge­führt wur­de, macht der Ver­ein ei­ne Aus­nah­me. In re­du­zier­ter Form. Statt 42 Ta­gen mit et­wa 400 Tän­zen ste­hen die­ses Jahr nur 27 Tän­ze auf dem Pro­gramm, die letz­ten vier Auf­trit­te sind am Fa­schings­diens­tag. Auch für die Vor­be­rei­tung war we­nig Zeit, al­ler­dings ist es die glei­che Trup­pe wie 2012, er­zählt Vor­tän­zer Alex­an­der Mei­er. „Das hat man schnell wie­der drin, wenn man schon 400 Tän­ze hin­ter sich hat.“

Frü­her ein­mal, da wa­ren al­le Sch­äff­ler­tän­zer ech­te Fass­bau­er. Heu­te üben das al­te Hand­werk nur noch sehr we­ni­ge Men­schen aus, da­her wei­te­ten die Sch­äff­ler ih­re Su­che nach Tän­zern auch auf an­de­re Be­rufs­grup­pen aus. Zu­min­dest die acht Mit­ar­bei­ter der letz­ten ver­blie­be­nen Holz­fass­bau-Fir­ma in Mün­chen sind aber al­le­samt Teil der Tanz­grup­pe. Kein Wun­der, ist ihr Chef Wil­helm Schmid doch zu­gleich Vor­sit­zen­der des Fach­ver­eins, der die tra­di­tio­nel­len Tän­ze or­ga­ni­siert.

Im Takt der Mu­sik mar­schie­ren Tän­zer ins In­ne­re des Krei­ses, den die Zu­schau­er bil­den. Zwi­schen sich tra­gen sie je­weils ei­nen mit grü­nen Lau­ben ver­zier­ten Bo­gen. Zwei als Kas­perl ver­klei­de­te Män­ner ren­nen her­um und ma­chen ih­re Spä­ße mit dem Pu­bli­kum. Sie ma­len je­dem, der nicht auf­passt, mit Schmin­ke ei­ne schwar­ze Na­se. Das soll Glück brin­gen – aber auch an die Pest, den Schwar­zen Tod, er­in­nern.

Denn da liegt dem My­thos nach der Ur­sprung der Tra­di­ti­on. Dem­nach ging im Jahr 1517 die Pest um in Mün­chen. Ein be­trächt­li­cher Teil der Be­völ­ke­rung war ge­stor­ben, die Über­le­ben­den sa­ßen ve­rängs­tigt in ih­ren Häu­sern und trau­ten sich auf die Stra­ße. Die Sch­äff­ler woll­ten das nicht hin­neh­men und zo­gen ei­nes Ta­ges mit fröh­li­cher Mu­sik auf den Markt­platz. Mit ih­ren grü­nen Bö­gen führ­ten sie ei­nen Tanz auf und lock­ten die ver­schüch­ter­ten Münch­ner nach drau­ßen.

Die Tra­di­ti­on hat sich ge­hal­ten. Auch 2017 stel­len sich die Tän­zer im Kreis auf, die Bö­gen zwi­schen sich nach oben ge­streckt. Dann be­ginnt ihr Tanz, der aus ver­schie­de­nen Fi­gu­ren be­steht. Et­wa die „Schlan­ge“, bei der die Tän­zer in ei­ner Rei­he durch ei­nen Bo­gen nach dem an­de­ren schlüp­fen, im­mer im Hop­ser­gang zur Mu­sik. Die Schlan­ge ist ei­gent­lich ein Lind­wurm, das Un­ge­die heu­er, das die Men­schen im Mit­tel­al­ter mit der Pest ver­ban­den.

Dass der Tanz alt ist, ist un­um­strit­ten. Das Ent­ste­hungs­jahr 1517 aber sehr wohl. Denn die ers­te Er­wäh­nung in den Ar­chi­ven der Lan­des­haupt­stadt ist deut­lich jün­ger: 1702 be­an­trag­ten die Sch­äff­ler, ih­ren Tanz auf­füh­ren zu dür­fen. Be­reits da­mals hieß es, das sei ei­ne alt­her­ge­brach­te Tra­di­ti­on. Das Jahr 1517 kam im 19. Jahr­hun­dert ins Ge­spräch und be­zieht sich auf ein Pest­ge­mäl­de aus die­sem Jahr. Im Ster­be­re­gis­ter der Stadt gibt es aber kei­nen Hin­weis auf ei­ne Seu­che vor 500 Jah­ren. Un­klar ist auch, war­um der Tanz nur al­le sie­ben Jah­re statt­nicht fin­det. Es gibt Theo­ri­en, et­wa die Sie­ben als Glücks­zahl oder dass auch die Pest al­le sie­ben Jah­re die Stadt heim­such­te. Ver­brieft ist das nicht.

20 Mi­nu­ten dau­ert ein Tanz. Das Fi­na­le ist der Rei­fen­schwung. Ei­ner der Rot-Schwar­zen stellt sich auf ein Fass und wir­belt zwei Rin­ge durch die Luft, in de­nen je­weils ein Schnaps­glas steht. Durch die Ge­schwin­dig­keit ver­schüt­tet er kei­nen Trop­fen. Da­nach dankt er der Men­ge und trinkt auf die Gesundheit.

Au­ßer­halb der Tanz­sai­son sind die Sch­äff­ler am Münch­ner Rat­haus zu se­hen, wenn auch nur als Fi­gu­ren. Das Glo­cken­spiel zeigt un­ter an­de­rem den tra­di­tio­nel­len Tanz.

Foto: Klaus Haag, imago

Die Sch­äff­ler stel­len die Kro­ne dar, das Sym­bol der Wit­tels­ba­cher. Ins­ge­samt be­steht der Sch­äff­ler­tanz aus sie­ben Fi­gu­ren, die größ­ten­teils Be­zug auf die Pest neh­men. Der My­thos be­sagt, dass die Fass­bau­er die ver­ängs­tig­ten Münch­ner nach ei­ner Pest­epi­de­mie 1517 mit dem Tanz aus ih­ren Häu­sern lock­ten.

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