Und im­mer wie­der Kas­sel

Donauwoerther Zeitung - - Reise-journal - Von Ste­phan Brün­jes

Das sind die Ma­ße des Stars der 14. Do­cu­men­ta: 70 mal 30 Me­ter groß ist der „Part­henon of Books“, ein aus 100000 Bü­chern be­ste­hen­der grie­chi­scher Säu­len­tem­pel – er­rich­tet als Link zur erst­ma­li­gen Do­cu­men­ta-Part­ner­stadt At­hen und Mahn­mal ge­gen welt­wei­te Zen­sur auf dem Kas­se­ler Fried­richs­platz, von je­her Zen­trum der Do­cu­men­ta. Ne­ben­an wer­den die weit­läu­fi­gen grü­nen Karl­sau­en an der Ful­da wohl wie­der her­hal­ten müs­sen für aus­la­den­de, Blick­ach­sen ver­stel­len­de Land­schafts­gärt­ne­rei­en oder ein ei­gens ge­zim­mer­tes Holz­pla­teau vol­ler Gal­gen – wie vor fünf Jah­ren. Die meis­ten sol­cher im Auf­trag re­nom­mier­ter, oft spät an­rei­sen­der Künst­ler von ört­li­chen Hand­werks­be­trie­ben er­rich­te­ten Zim­mer­manns-Ar­bei­ten wer­den nach En­de der Do­cu­men­ta rück­stands­los ent­sorgt. So ist es Vorschrift, da­mit Kas­sel nicht zur Res­ter­am­pe der in­ter­na­tio­na­len Ar­tSze­ne wird. Nur 16 Ever­greens frü­he­rer Do­cu­men­tas hat die Stadt sich ge­si­chert – die seit 1982 am Ful­daU­fer zwölf Me­ter hoch auf­ra­gen­de Spitz­ha­cke von Cla­es Ol­den­burg et­wa oder die vorm al­ten Bahn­hof ei­ne schrä­ge Stan­ge hin­auf­stre­ben­de Fi­gur „Man wal­king in the Sky“(1992), von Ein­hei­mi­schen „Him­mels­stür­mer“ge­tauft.

Ob wäh­rend ei­ner Do­cu­men­ta oder zwi­schen­durch – stets rahmt Kas­sel die In­stal­la­tio­nen und Skulp­tu­ren im Stadt­bild auf be­son­de­re Wei­se ein: mit recht­ecki­gen Fas­sa­den, vie­ler­orts auch Stra­ßen­ver­läu­fen und vor­kra­gen­den, trag­flä­chen­ar­ti­gen Flug­dä­chern. Zu­sam­men er­ge­ben sie die prä­gen­den Li­ni­en für ein Ar­chi­tek­tur-En­sem­ble der fünf­zi­ger Jah­re, das so do­mi­nant, so kom­pakt in kei­ner deut­schen Stadt er­hal­ten ist. Und bei je­der Do­cu­men­ta zu­dem ei­ne Ver­bin­dungs­ach­se bil­det zwi­schen ih­rem Zen­trum und dem Him­mels­stür­mer: Denn da­zwi­schen ver­läuft die 275 Me­ter lan­ge Trep­pen­stra­ße, schon 1953 als ers­te Fuß­gän­ger­zo­ne Deutsch­lands er­öff­net. Noch heu­te ein en­ger Bou­le­vard über meh­re­re Pla­teaus, ver­bun­den durch 104 Trep­pen­stu­fen, die gut 15 Me­ter Hö­hen­un­ter­schied über­win­den. Re­du­ziert ar­ran­giert mit Blu­men­bee­ten, Brun­nen und Son­nen­schir­men, beid­seits ge­säumt von ge­duck­ten La­den­zei­len – ein ty­pi­sches Bei­spiel der „Fünf­zi­ger-Jah­re-Be­schei­den­heits-Ar­chi­tek­tur“, die sich dann zum En­de hin am Schei­de­mann­platz noch mä­ßig auf­stre­ben­de Kon­tra­punk­te als Ab­schluss gönnt: zwei Hoch­häu­ser mit Fas­sa­den, so kas­set­ten­ar­tig gleich­mä­ßig, als sei­en sie in ei­nem Waf­fe­lei­sen pro­du­ziert wor­den.

Wer durch Kas­sel schlen­dert, ent­deckt noch ei­ni­ge da­von, et­wa am Ge­richts­ge­bäu­de beim Stän­de­platz oder am Nord­stern­haus in der Fried­rich-Ebert-Stra­ße – al­les Zeug­nis­se der sich da­mals in Deutsch­land im­mer mehr durch­set­zen­den Stahl­be­tonske­lett­bau­wei­se. Sie er­mög­lich­te es, vor al­lem Ver­wal­tungs­ge­bäu­de zu­nächst als hoch auf­ra­gen­de, gleich­för­mi­ge Ge­rip­pe er­rich­ten, um die­se dann fer­tig aus­zu­bau­en – mit fein­glied­ri­gen Fens­ter­pro­fi­len, oft aus Mes­sing. Viel­fach rau ver­putzt sind sie heu­te noch im­mer – wie in den Fünf­zi­gern üb­lich – pa­s­tell ge­stri­chen, von Eier­schal­weiß und Va­nil­le­beige über Mint­grün bis Hell­blau.

Ein paar Au­tos um­par­ken, ak­tu­el­le Re­kla­me­schil­der von Häu­sern ab­schrau­ben – viel mehr müss­ten Film­pro­du­zen­ten heu­te wohl nicht än­dern, woll­ten sie hier ei­nen Fif­ties-Film dre­hen. Und wür­den da­mit die Zeit wie­der­be­le­ben, als Kas­sel so et­was war wie Klein-Hol­ly­wood in Deutsch­land: Bis Mit­te der fünf­zi­ger Jah­re schon so weit­ge­hend und so mo­dern wie­der­auf­ge­baut wie kaum ei­ne an­de­re Stadt, war die­se Kulisse ide­al für Au­ßen­auf­nah­men von Ki­no-Kla­mot­ten wie „Na­tür­lich die Au­to­fah­rer“und „Der letz­te Fuß­gän­ger“mit Heinz Er­hardt eben­so wie für den bis­sig-iro­ni­schen Spiel­film „Ro­sen für den Staats­an­walt“mit Mar­tin Held, In­ge Mey­sel und Ralf Wol­ter oder das Dra­mo­lett „Nacht­schwes­ter In­ge­borg“und die Co­mic-Ver­fil­mung „Nick Knat­ter­ton“mit Karl Lief­fen und Gert Frö­be.

Dreh­ort war oft die Trep­pen­stra­ße. Was die da­ma­li­ge Lo­kal­zei­tung Hes­si­sche Nach­rich­ten et­was über­mü­tig kom­men­tier­te: „Die Ate­lier­sze­nen sind zwar in Göt­tin­gen ent­stan­den, doch das Groß­stadt­flair borgt man sich in Kas­sel aus.“Pre­mie­ren-Flair al­ler­dings hat­te die Stadt wirk­lich, vor al­lem im Ho­tel Reiss, 1955 er­öff­net. Am Haupt­bahn­hof ge­gen­über ka­men da­ma­li­ge Stars wie Heinz Rüh­mann, Hil­de­gard Knef, Heinz Er­hardt, Hans Mo­ser, Theo Lin­gen, Ma­xi­mi­li­an Schell, Ali­ce und El­len Kess­ler, Joa­chim Fuchs­ber­ger, Chris­ti­ne Kauf­mann oder Jo­han­nes Hee­sters an, wur­den oft von tau­sen­den Schau­lus­ti­gen be­grüßt, um dann über den ro­zu ten Tep­pich zu ent­schwin­den in den Ho­tel-Ball­saal. Ihn schließt die Re­zep­tio­nis­tin des Ho­tels Reiss auf Nach­fra­ge ger­ne heu­ti­gen Be­su­chern mal auf, und kaum steht man drin in die­sem plü­schro­ten XXLKar­ton mit Wand­lam­pen und Stem­pel­säu­len, schon läuft sie vorm in­ne­ren Au­ge ab, so ei­ne Pre­mie­ren­fei­er mit li­vrier­tem Con­fé­ren­cier und brav die­nern­den Darstel­lern mit Frack und Dau­er­wel­le.

Kas­sel hat je­de Men­ge sol­cher Tü­ren, hin­ter de­nen Fif­ties-Schät­ze schlum­mern, nicht sel­ten an Do­cu­men­ta-Spots. Das Glo­ria Ki­no et­wa – mit ge­schwun­ge­nem Schreib­schrift-Ne­on-Schrift­zug überm Ein­gang, Nie­ren­ti­schen im Foy­er und kom­plett lind­grü­nem 300-Plät­ze-Saal in­klu­si­ve stren­gem Fal­ten­rock-Vor­hang liegt an der Fried­rich-Ebert-Stra­ße, der Fei­er-Mei­le vie­ler Do­cu­men­ta-Künst­ler und -Be­su­cher. Oder das Ho­tel Hes­sen­land: Im Foy­er schraubt sich die frei­tra­gen­de Trep­pe um ei­ne Ne­on­s­te­le her­um hoch in den ers­ten Stock und er­in­nert da­bei in ih­rer Dy­na­mik an ei­nen Pet­ti­coat, der beim Tanz her­um­wir­belt. Nach­träg­lich hin­ein­in­ter­pre­tier­te As­so­zia­ti­on? Kei­nes­wegs! Ar­chi­tek­ten der Fünf­zi­ger ha­ben die Auf­bruch­stim­mung die­ser Jah­re viel­fach in spi­ral­fö­mig auf­wärts stre­ben­den Trep­pen mit ge­schwun­ge­nen Hand­läu­fen aus­ge­drückt – in Kas­sel bis heu­te zu se­hen und zu be­ge­hen auch im ehe­ma­li­gen Haus der Wirt­schaft am Stän­de­platz und im AOK-Haus am Fried­richs­platz, da, wo sich heu­te al­le Do­cu­men­ta-We­ge kreu­zen und wo die Kunst­schau vor gut 60 Jah­ren fast zu­fäl­lig be­gann.

Die Be­wer­bung zur Bun­des­haupt­stadt war 1949 ge­schei­tert, viel­leicht woll­te das zu 80 Pro­zent zer­stör­te Kas­sel auch des­halb dem Rest der Re­pu­blik zei­gen, dass es sich ganz schnell sehr mo­dern wie­der auf­baut – weg von his­to­ri­sie­ren­dem Mit­tel­al­ter-Fach­werk und mo­nu­men­ta­lem Na­zi-Protz hin zu leich­ter, zu­kunfts­wei­sen­der und vor al­lem ver­kehrs­ge­rech­ter Stadt­pla­nung, wie es da­mals mit Blick auf die auf­kom­men­de Mo­to­ri­sie­rung hieß. Ob als Trost­pflas­ter oder als Be­loh­nung für so viel Mo­der­ni­sie­rungs­fleiß – die Po­li­tik schenk­te Kas­sel ne­ben dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt und dem Bun­des­ar­beits­ge­richt (wur­de nach dem Mau­er­fall nach Er­furt ver­legt) auch die Bun­des­gar­ten­schau 1955.

Für Letz­te­re schlug der Kunster­zie­her Ar­nold Bo­de als Er­gän­zung ei­ne Kunst­schau vor, die vor al­lem Wer­ke zei­gen soll­te, die von den Na­zis als „ent­ar­tet“ver­femt wor­den wa­ren. Fei­nin­ger, Klee, Kand­ins­ky, Pi­cas­so, Miró und mehr als 140 an­de­re Künst­ler stell­ten im noch weit­ge­hend zer­stör­ten Mu­se­um „Fri­de­ri­cia­num“aus, auf nack­ten Be­ton­bö­den und vor un­ver­putz­ten Zie­gel­mau­ern – un­ter dem Ti­tel „Do­cu­men­ta 1“. Mehr als 130000 Be­su­cher ka­men – ein Über­ra­schungs­er­folg und ers­ter Schritt hin zur Do­cu­men­ta-Stadt, wie sich Kas­sel heu­te nennt.

Hes­sen Die Do­cu­men­ta ist ab dem 10. Ju­ni wie­der Deutsch­lands Kunst-Hin­gu­cker. Da­bei ist die gan­ze Stadt ein ein­ma­li­ges Frei­licht­mu­se­um vol­ler Fif­ties-Schick Wie die Kunst­schau einst fast zu­fäl­lig be­gann

Fo­to: dpa / mau­ri­ti­us (2)

Ein Tem­pel ge­macht aus Draht und Bü chern: Der Part­henon of Books wird der Hin­gu­cker der dies­jäh­ri­gen Do­cu­men­ta. Die Stadt ist voll mit ein­ma­li­ger 50er Jah­re Ar­chi­tek­tur: der Kul­tur­bahn­hof et­wa. Oder das AOK Ge­bäu­de.

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