Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (39)

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman -

Zur Ant­wort leck­te sie sich die Lip­pen und rieb sich den Bauch, und ich sag­te Tom, wir könn­ten uns in Roc­co’s Trat­to­ria tref­fen, wo es die bes­te Piz­za in der gan­zen Ge­gend gab. „Um sechs“, sag­te ich. „Bis da­hin ge­hen Lu­cy und ich in die Vi­deo­thek und su­chen ei­nen Film aus, den wir uns nach dem Es­sen an­schau­en kön­nen.“

Wir ent­schie­den uns für Mo­der­ne Zei­ten – ei­ne ziem­lich ver­rück­te Idee, wie ich fand. Denn nicht nur hat­te Lu­cy noch nie von Chap­lin ge­hört (ein wei­te­rer Be­weis für den Kol­laps des ame­ri­ka­ni­schen Bil­dungs­sys­tems), son­dern dies war ja auch der Film, in dem der Tramp zum ers­ten Mal sprach. Was er sag­te, moch­te dum­mes Zeug sein, aber im­mer­hin ent­ström­ten Wor­te sei­nem Mund, und ich frag­te mich, ob die­se Sze­ne bei Lu­cy wo­mög­lich et­was aus­lö­sen, sie viel­leicht da­zu an­re­gen könn­te, ein we­nig über ihr stör­ri­sches Schwei­gen nach­zu­den­ken.

In der bes­ten al­ler mög­li­chen

Wel­ten wür­de sie dann da­mit auf­hö­ren, dach­te ich.

Bis zu dem Es­sen bei Roc­co’s war an ih­rem Be­neh­men nichts aus­zu­set­zen ge­we­sen. Sie war al­lem, wo­rum ich sie bat, be­reit­wil­lig und ge­hor­sam ge­folgt, und kein ein­zi­ges Mal hat­te sich ih­re Mie­ne ver­fins­tert. Nun aber, kaum dass wir uns an den Tisch ge­setzt hat­ten, platz­te Tom in ei­nem un­ge­wöhn­li­chen An­fall von Ge­dan­ken­lo­sig­keit mit der Neu­ig­keit un­se­rer be­vor­ste­hen­den Rei­se nach Ver­mont her­aus. Kei­ne dra­ma­ti­sche Stei­ge­rung, kein Lob­ge­sang auf die Herr­lich­kei­ten Bur­ling­tons, kei­ne Er­ör­te­rung der Grün­de, war­um sie es bei Pa­me­la bes­ser ha­ben wür­de als bei ih­ren zwei On­kels in Brook­lyn. Da sah ich sie zum ers­ten Mal ein fins­te­res Ge­sicht ma­chen, dann zum ers­ten Mal wei­nen, und es dau­er­te lan­ge, bis ih­re schlech­te Lau­ne all­mäh­lich ver­flog. So hung­rig sie sein moch­te, sie rühr­te ih­re Piz­za nicht an, und nur mein un­ab­läs­si­ges Ge­re­de er­spar­te uns am En­de, was sich zu ei­nem ech­ten Ner­ven­krieg hät­te aus­wei­ten kön­nen. Als Ers­tes leg­te ich die Fun­da­men­te, die Tom ver­nach­läs­sigt hat­te: Ich rühm­te und pries, fei­er­te und glo­ri­fi­zier­te Pa­me­las le­gen­dä­re Lie­bens­wür­dig­keit mit der In­brunst ei­nes Han­dels­ver­tre­ters. Als die­ser Re­de­strom nicht zum ge­wünsch­ten Er­geb­nis führ­te, wech­sel­te ich die Tak­tik und ver­sprach ihr, dass Tom und ich so lan­ge blei­ben wür­den, bis sie sich ein­ge­lebt hät­te, und dann ging ich so­gar noch wei­ter, setz­te auf vol­les Ri­si­ko und ver­si­cher­te, die Ent­schei­dung lie­ge ganz al­lein bei ihr. Falls es ihr dort nicht ge­fal­len soll­te, wür­den wir ih­re Sa­chen ein­pa­cken und mit ihr nach New York zu­rück­fah­ren. Aber sie müs­se es we­nigs­tens aus­pro­bie­ren, sag­te ich, min­des­tens drei oder vier Ta­ge lang. Ein­ver­stan­den? Sie nick­te. Und dann, zum ers­ten Mal seit ei­ner hal­ben St­un­de, lä­chel­te sie wie­der. Ich rief den Kell­ner und frag­te, ob es zu viel Mü­he ma­chen wür­de, die Piz­za noch ein­mal auf­zu­wär­men. Zehn Mi­nu­ten spä­ter brach­te er sie wie­der an den Tisch, und Lu­cy hau­te rein.

Das Chap­lin-Ex­pe­ri­ment führ­te zu kei­nem ein­deu­ti­gen Er­geb­nis. Lu­cy lach­te – im­mer­hin die ers­ten Tö­ne, die wir über­haupt von ihr zu hö­ren be­ka­men (selbst ih­re Trä­nen beim Abend­es­sen hat­te sie schwei­gend ver­gos­sen) -, doch ei­ni­ge Mi­nu­ten vor der Sze­ne im Re­stau­rant, vor der Stel­le im Film, wo Char­lie sei­nen denk­wür­di­gen Non­sens­ge­sang an­stimmt, fie­len ihr die Au­gen zu, und dann war sie auch schon ein­ge­schla­fen.

Wer konn­te ihr ei­nen Vor­wurf ma­chen? Sie war erst am Mor­gen, nach ei­ner Rei­se von Gott weiß wie vie­len hun­dert Mei­len, in New York ein­ge­trof­fen, hat­te al­so wahr­schein­lich die gan­ze Nacht im Bus ge­ses­sen. Ich trug sie ins Gäs­te­zim­mer, wäh­rend Tom das be­reits vor­be­rei­te­te Schlaf­sofa auf­klapp­te und die De­cken zu­rück­schlug. Nie­mand schläft tie­fer als jun­ge, ins­be­son­de­re er­schöpf­te jun­ge Men­schen. Nicht ein­mal, als ich sie auf die Pols­ter leg­te und zu­deck­te, mach­te sie die Au­gen auf.

Der nächs­te Tag be­gann mit ei­nem merk­wür­di­gen, ver­stö­ren­den Er­eig­nis. Um sie­ben Uhr trat ich mit ei­nem Glas Oran­gen­saft, ei­nem Tel­ler Rühr­ei und zwei ge­but­ter­ten Schei­ben To­ast in das Zim­mer, in dem Lu­cy schlief. Ich stell­te die Sa­chen auf den Bo­den und rüt­tel­te sie lei­se am Arm. „Auf­wa­chen, Lu­cy“, sag­te ich. „Früh­stück ist fer­tig.“Nach drei oder vier Se­kun­den schlug sie die Au­gen auf, sah sich erst ein­mal voll­kom­men ver­wirrt um (Wo bin ich? Wer ist die­ser frem­de Mann da über mir?), dann aber kam die Er­in­ne­rung, und sie lä­chel­te mich an. „Wie hast du ge­schla­fen?“, frag­te ich.

„Sehr gut, On­kel Nat“, ant­wor­te­te sie mit ei­nem leich­ten Süd­staa­ten­ak­zent, wie mir schien. „Wie ein di­cker St­ein am Grund ei­nes Brun­nens.“

Peng. Na bit­te. Lu­cy hat­te ge­spro­chen. Un­auf­ge­for­dert, un­ver­langt, oh­ne dar­über nach­zu­den­ken, hat­te sie ein­fach den Mund auf­ge­macht und ge­spro­chen. War die Herr­schaft des Schwei­gens of­fi­zi­ell be­en­det, frag­te ich mich, oder hat­te sie in der Be­nom­men­heit des Auf­wa­chens nur nicht mehr dar­an ge­dacht?

„Das freut mich“, sag­te ich, oh­ne wei­ter dar­auf ein­zu­ge­hen, weil ich nichts be­schrei­en woll­te.

„Müs­sen wir im­mer noch die­se blö­de Fahrt nach Ver­mont ma­chen?“, frag­te sie.

Je­des neue Wort, je­der neue Satz stei­ger­te mei­nen ver­hal­te­nen Op­ti­mis­mus.

„In ei­ner St­un­de geht’s los“, sag­te ich. „Sieh mal, Lu­cy, Saft, To­ast und Eier.“

Als ich mich bück­te und die Sa­chen auf­hob, zeig­te sie wie­der ein­mal ihr strah­len­des Lä­cheln. „Früh­stück im Bett“, er­klär­te sie. „Wie die Kö­ni­gin No­fre­te­te.“

In­zwi­schen glaub­te ich, wir hät­ten das Schlimms­te hin­ter uns. Aber was wuss­te ich schon – was wuss­te ich denn schon? Ich hielt das Glas in der rech­ten Hand, und gera­de als sie da­nach grei­fen woll­te, fiel ihr sie­dend heiß ein, was sie so­eben ge­tan hat­te. Sel­ten ha­be ich den Aus­druck ei­nes Ge­sichts so jäh­lings wech­seln se­hen wie den ih­ren in die­sem Au­gen­blick. Das strah­len­de Lä­cheln wur­de mit ei­nem Schlag zur Schmer­zens­mas­ke reins­ten Ent­set­zens. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, und dann tra­ten ihr auch schon die Trä­nen in die Au­gen.

„Kei­ne Sor­ge, Schatz“, sag­te ich. „Du hast nichts Schlim­mes ge­tan.“

Hat­te sie aber doch. Für ih­re Be­grif­fe hat­te sie et­was Schlim­mes ge­tan, und glaub­te man dem qual­vol­len Aus­druck ih­res klei­nen Ge­sichts, hat­te sie ei­ne un­ver­zeih­li­che Sün­de be­gan­gen. Vol­ler Wut auf sich selbst schlug sie sich mit dem Bal­len ih­rer lin­ken Hand an den Kopf, ei­ne wil­de Pan­to­mi­me, mit der sie wohl aus­drü­cken woll­te, für wie dumm sie sich hielt. Sie schlug sich drei­mal, vier­mal, fünf­mal, aber gera­de als ich sie am Arm fas­sen und fest­hal­ten woll­te, riss sie die lin­ke Hand hoch, reck­te ei­nen Fin­ger in die Hö­he und stieß da­mit nach mei­nem Ge­sicht. Sie ras­te vor Zorn. Ekel und Selbst­hass im Blick, schlug sie mit der Rech­ten ih­re Lin­ke, als wol­le sie die Hand für die Frech­heit stra­fen, die­sen ei­nen Fin­ger hoch­ge­reckt zu ha­ben.

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

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