Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (44)

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman -

Kein Pro­blem, sag­te ich, und schon zog sie los, ein ty­pi­sches ame­ri­ka­ni­sches Mäd­chen in Pais­ley­shorts und neon­blau­en Turn­schu­hen für hun­dert­fünf­zig Dol­lar. Wäh­rend sie weg war, spra­chen Tom und ich da­von, wie an­ge­nehm es sei, ein­mal aus der Stadt her­aus zu sein, so­gar in ei­nem so düs­te­ren und schmut­zi­gen La­den wie Dot’s, in Ge­sell­schaft von Tru­ckern und Far­mern in gel­ben und ro­ten Base­ball­müt­zen mit den Lo­gos von Un­ter­neh­men, die Bau­ma­schi­nen und In­dus­trie­an­la­gen pro­du­zier­ten. Tom re­de­te im­mer noch wie ein Was­ser­fall, und ich hör­te ihm so fas­zi­niert zu, dass mir Lu­cy ganz aus dem Sinn ge­riet. Zu der Zeit konn­ten wir nicht ah­nen (die Tat­sa­chen ka­men erst spä­ter her­aus), dass un­se­re Klei­ne das Re­stau­rant durch die Hin­ter­tür ver­las­sen hat­te und hek­tisch Mün­zen und Dol­lar­schei­ne in den Co­la-Au­to­ma­ten drau­ßen schob. Sie nahm min­des­tens zwan­zig Do­sen die­ses kleb­ri­gen, zu­cker­hal­ti­gen Ge­bräus und leer­te sie ei­ne

nach der an­de­ren in den Ben­zin­tank mei­nes einst­mals ge­sun­den Olds­mo­bi­le Cut­lass. Wie konn­te sie wis­sen, dass Zu­cker für Ver­bren­nungs­mo­to­ren ein töd­li­ches Gift war? Wie konn­te die Gö­re nur so ver­dammt cle­ver sein? Es ge­lang ihr nicht nur, das jä­he und end­gül­ti­ge En­de un­se­rer Fahrt her­bei­zu­füh­ren, son­dern dies auch noch in Re­kord­zeit zu tun. Fünf Mi­nu­ten, schät­ze ich, ma­xi­mal sie­ben. Auf al­le Fäl­le war­te­ten wir noch auf un­ser Es­sen, als sie an den Tisch zu­rück­kam. Jetzt lä­chel­te sie wie­der, aber wie hät­te ich auf den Grund für ih­re plötz­li­che Zuf­rie­den­heit kom­men kön­nen? Hät­te ich über­haupt dar­über nach­ge­dacht, wä­re mir als Er­klä­rung viel­leicht ein­ge­fal­len, dass sie gut ge­schis­sen hat­te.

Als wir nach dem Es­sen wie­der ins Au­to stie­gen, gab der Mo­tor ein Ge­räusch von sich, wie es in der Ge­schich­te des Au­to­mo­bils noch nicht ver­nom­men wur­de. Seit zwan­zig Mi­nu­ten den­ke ich jetzt schon über die­ses Ge­räusch nach, ha­be aber noch im­mer nicht die rich­ti­gen Wor­te ge­fun­den, es zu be­schrei­ben, die ei­ne prä­gnan­te For­mu­lie­rung, die ihm ge­recht wür­de. Hei­se­res Gluck­sen? Schluck­auf im Piz­zi­ka­to? Ge­läch­ter der Höl­le? Ent­we­der bin ich der Auf­ga­be nicht ge­wach­sen, oder die Spra­che ist ein zu schwa­ches In­stru­ment, zu er­fas­sen, was da in mei­ne Oh­ren drang und sich an­hör­te, als kä­me es aus dem Ra­chen ei­ner er­sti­cken­den Gans oder ei­nes be­trun­ke­nen Schim­pan­sen. Schließ­lich ging das rö­cheln­de Ge­ga­cker in ei­nen ein­zel­nen lang ge­zo­ge­nen Ton über, ein lau­tes, an ei­ne Tu­ba er­in­nern­des Dröh­nen, das ei­nem Rülp­sen nicht un­ähn­lich war. Nicht di­rekt das Rülp­sen ei­nes zu­frie­de­nen Bier­trin­kers, son­dern eher das ge­dehn­te, qual­vol­le Grol­len ei­nes ver­dor­be­nen Ma­gens, ein Luft­strom, der im tiefs­ten Bass aus der Keh­le ei­nes mit un­heil­ba­rem Sod­bren­nen ge­schla­ge­nen Man­nes drang. Tom stell­te den Mo­tor aus und ver­such­te es noch ein­mal, aber nun ließ sich nur noch ein schwa­ches Stöh­nen ver­neh­men. Beim drit­ten Ver­such tat sich gar nichts mehr. Die Sym­pho­nie war aus­ge­klun­gen, und mein ver­gif­te­ter Olds hat­te ei­nen Herz­still­stand er­lit­ten.

„Ich glaub, der Tank ist leer“, sag­te Tom.

Das war ge­wiss die ein­zig ver­nünf­ti­ge Schluss­fol­ge­rung, doch als ich mich nach links beug­te und mir die Tank­an­zei­ge an­sah, stell­te ich fest, dass der Tank noch et­wa zu ei­nem Ach­tel ge­füllt war. Ich zeig­te mit dem Fin­ger auf die ro­te Na­del. „Das hier sagt was an­de­res“, sag­te ich.

Tom hob die Schul­tern. „Die An­zei­ge muss ka­putt sein. Zum Glück ist da drü­ben ei­ne Tank­stel­le.“

Als Tom sei­ne feh­ler­haf­te Dia­gno­se zum Be­fin­den des Au­tos ab­gab, dreh­te ich mich um und sah mir be­sag­te Tank­stel­le durchs Heck­fens­ter an - ein bau­fäl­li­ger Kas­ten mit Zapf­säu­len da­vor, und al­les sah aus, als sei es seit 1954 nicht mehr ge­stri­chen wor­den. Da­bei ge­riet ich auch in Blick­kon­takt mit Lu­cy. Sie saß di­rekt hin­ter Tom, und da ich nicht ahn­te, dass sie für die­sen Schla­mas­sel ver­ant­wort­lich war, konn­te ich mir die hei­te­re, ge­ra­de­zu über­na­tür­li­che Zuf­rie­den­heit, die ich in ih­rer Mie­ne er­blick­te, nicht recht er­klä­ren. Der Mo­tor hat­te so­eben sein ka­ko­pho­nes Pot­pour­ri er­klin­gen las­sen, und un­ter nor­ma­len Um­stän­den soll­te man an­neh­men, dass der­art gro­tes­ke Tö­ne sie zu ir­gend­ei­ner Re­ak­ti­on ver­an­lasst hät­ten: Be­un­ru­hi­gung, Be­lus­ti­gung, Auf­re­gung, was auch im­mer. Aber Lu­cy hat­te sich tief in sich selbst zu­rück­ge­zo­gen – schwe­re­los schweb­te sie auf ei­ner Wol­ke der Gleich­gül­tig­keit, ein rei­ner Geist, los­ge­löst von ih­rem Kör­per. Heu­te weiß ich, sie froh­lock­te über den Er­folg ih­rer Ak­ti­on und stat­te­te dem All­mäch­ti­gen ei­nen stum­men Dank da­für ab, dass er ihr ge­hol­fen hat­te, ein Wun­der zu voll­brin­gen. An je­nem Nach­mit­tag mit ihr im Au­to war ich je­doch nur ver­blüfft.

„Bist du noch bei uns, Lu­cy?“, frag­te ich.

Sie sah mich lan­ge an, teil­nahms­los, dann nick­te sie.

„Nicht auf­re­gen“, sag­te ich. „Wir krie­gen den Wa­gen in null Kom­ma nichts wie­der hin.“

Da­mit war ich na­tür­lich auf dem Holz­weg. Es wä­re ver­lo­ckend, die nun fol­gen­de Ko­mö­die in al­len Ein­zel­hei­ten zu schil­dern, aber ich möch­te die Ge­duld des Le­sers nicht mit der Er­ör­te­rung von Din­gen stra­pa­zie­ren, die streng ge­nom­men nicht zur Sa­che ge­hö­ren. Was das Au­to be­trifft, zählt al­lein das Re­sul­tat. Ich ver­zich­te da­her auf den Ka­nis­ter mit Su­per­ben­zin, den Tom von der Tank­stel­le her­über­hol­te (da das Zeug nichts nütz­te), und er­wäh­ne mit kei­nem Wort den Ab­schlepp­wa­gen, der den Cut­lass schließ­lich die paar Me­ter zu eben­je­ner Tank­stel­le brach­te (uns blieb ja nichts an­de­res üb­rig). Die ein­zi­ge nen­nens­wer­te Tat­sa­che ist die, dass die bei­den, die dort ar­bei­te­ten (ein Va­terSohn-Ge­spann, be­kannt als Al Se­ni­or und Al Ju­ni­or), nicht her­aus­zu­fin­den ver­moch­ten, was mit dem Au­to nicht stimm­te. Ju­ni­or und Se­ni­or wa­ren un­ge­fähr so alt wie Tom und ich, aber wäh­rend ich schlank und Tom be­leibt war, ver­hielt es sich bei den Kör­pern des jun­gen be­zie­hungs­wei­se des al­ten Al ge­ra­de um­ge­kehrt: Der Sohn war dünn, der Va­ter fett.

Nach­dem er den Mo­tor mi­nu­ten­lang un­ter­sucht und nichts ge­fun­den hat­te, schlug Al Ju­ni­or die Hau­be zu. „Ich wer­de das Ding aus­ein­an­der neh­men müs­sen“, sag­te er. „So schlimm?“, ant­wor­te­te ich. „Das will ich nicht sa­gen. Aber in Ord­nung ist es je­den­falls nicht. Nein, ganz be­stimmt nicht.“

„Wie lan­ge wer­den Sie für die Re­pa­ra­tur brau­chen?“

„Kommt drauf an. Viel­leicht ei­nen Tag, viel­leicht ei­ne Wo­che. Als Ers­tes muss ich der Sa­che auf den Grund ge­hen. Ist es was Ein­fa­ches, geht’s schnell. Aber wenn wir beim Händ­ler Er­satz­tei­le be­stel­len müs­sen, könn­te es sich ei­ne Wei­le hin­zie­hen.“

Das schien mir ei­ne fai­re und ehr­li­che Ein­schät­zung, und da ich, was Au­tos be­traf, ein ab­so­lu­ter Laie war, fiel mir kei­ne an­de­re Lö­sung ein, als ihm den Auf­trag zu er­tei­len - egal wie lan­ge es dau­ern moch­te. Tom, auch er kein Kfz-Mecha­ni­ker, un­ter­stütz­te die­se Vor­ge­hens­wei­se.

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben...

Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

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